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24.4.1903 Zweites Blatt
 
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Nr. 95

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Zweites Blatt.

Freitag 24. April 1903

153. Jahrgang

GletzenerAnmaerW

General-Anzeiger v x

v w den pohL unb aügem,

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen KWH

V *r » " inneniel Von« Bed.

JHe yeutige Plummer umsatzt 12 Seiten.

Krllnnnlmachniig.

Die am 11. L Mts. angeordnete Sperre der Garten, straße zwischen Südanlage und Löberstraße roirb hiermü auf. gehoben.

Gießen, den 23. April 1903.

Großherzogticbes lioiijeiamt Gießen.

Hechler.

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Krzblschos Koya.

Endliche nach langem und heißem Bemühen ist es dem Erzbischof Dr. Theodor Kohn in Olmütz gelungen, den Verfasser von Artikeln ausfindig zu mackstn, die um die Mitte des vorigen Jahres unter dem PseudonymRectus" in dem czeckstsck^-radikalenPozor" erschienen sind. Diese Angriffe eine» Geistlichen, welche dem Erzbischof fast alle menschlichen und seelsorgerischen Qualitäten absprechen, toddK dessen Berufung zu einer so hohen Kirchcnwürde rechlfertipen könnten, stehen vielleicht einzig da. Nun weiß man, wie der kühne Verfasser heißt: eS ist der Pater Hofer in Zabrecy bei Mährisch-Ostrau.

GS steht außer Ziveifel, dag der Erzbischof mit all den Mackstbefugnissen und Maßregeln, die ihm zu Gebote stehen, gegen den Pater in Zabrech vorgehen rmrb. Eine andere Frage ist es, ob der Lircl-cnsürst nicht besser daran getan hatte, die Forschungen nach demRectus" ein* zustellen, die sckstverwiegendcn Angriffe zu verschmerzen und Vergessenheit eintreten zu lassen, anstatt durch eine Skandalafsare die Ausmerksainkeit der breiten vcssentlich- beit auf sich und aus dieRectuS".Artikel zu leuTcn.

Da nun der Lrzbisck>of üt den Mittelpunkt dcS all* gemeinen Interesses gerückt ist, verlohnt es sich wohl, mit der Wiener3cU" einen Rückblick auf die nahezu 10'/» jährige erzbischöfliche Tätigkeit dieses Mannes zu wcrsen, der gegenwärtig zu den bestgehaßten Würden­trägern des KleruS zählt.

Nachdem der Kärbinal Landgraf Fürstenberg 1892 ge­storben war, konzentrierten sich alle Vermutungen bezüglich der Neuwahl aus die Domherren Graf Potulicki uno Graf Belrupt. Es steht nun fest, daß während des Interregnums innerhalb der starken adeligen Partei der Olmützer Dom­herren Differenzen entstanden waren, daß keiner von ihnen Perfonlichleit genug hatte, die Mehrheit der Stim­men auf sich zu vereinigen und daß man sich endlich auf den bürgerlichen Dr. Theodor Lohn einigte, den man seines bescheidenen, ansvruckFlosen, stets ergebenen Wesens wegen fld/iete und liebte. In der Annahme, daß der zukünftige Oberhirte bürgerlick-er Tlbstammung ein gesügi- geS Werkzeua in den Händen der Domherren sein werde, hatte man sich allerdings arg getäuscht. Auch der Rolle der Bescheidenheit wurde der neue Erzbischof bald müde.

Auf dem Throne, auf dem sogar ein Erzherzog ge- sessen hatte, saß jetzt ein Bauernsohn auS einem kleinen muhrisckstn Dörfchen. Man umgab seine Person mit den holdesten und lieblichsten Geschichten. Mährische Blätter erzählten, wie der Erzbisck-os in feinen Kindheitsjahren im Xörfdwn Bresnitz die Kühe seiner Eltern weiden mußte. Fast einstimmig versid-erten die czechisd-en Organe, daß Dr. Kohn von jeher ein guter Ezeche gewesen sei. Die dcutsd-en maßgebenden Zeitungen verlautbarten hingegen beinahe unisono, daß der Erzbischof dcutsd-e Gesinnung im Herzen trage obwohl er aus einem rein zcechischen Torfe stamme. Sehr erbost waren eigentlich nur die Kreuzztg." und dasDeutsche Volksblatt". Während jene die Wahl des von jüdischen Vorfahren abftammenben Erz­bischofs alsein Produkt der Mad-enschaften des inter- nationalen Großjudentums" bezeichnete, verstiea sich das genannte Wiener Blatt zu der Prognose, daß Dr. Kohn's Avancement den Beginn einer jüdisa-en Weltherrschaft dar- stelle. Diese beiden Aeußerungen repräsentieren zedoch den Gipfelpunkt des Dösen, das man damals über den Erz- bischof zu sagen hatte. Es ist nun geradezu erstaunlich, in wie kurzer Zeit es Dr. Kohn vollbringen konnte, aus einem von vornherein so verehrten kirchcnfürsten zu dem gesdjmahtesten dieses und des vorigen Jahrhunderts zu werden. Seine Freunde sind auf ein Häuflein zusammen- geschmolzen und die Opposition versteigt sich oft zu An­griffen, die in ihrer Respektlosigkeit und Roheit gegen­über einem Erzbisd)of wohl einzig dastehen.

Als Nutznießer der ausgedehnten Herrschaften des Ol- mützer Metropolitankapilels ist der Olmützer Erz- bisd/of der zweitbegütertste Großgrundbesitzer Mährens. Tas G^samtarcal von etiva 48 000 Hektar hat einen Werl von rund 40 Millionen Kronen. Zu dem Erträgnis dieses un* geheueren Besitzstandes gesellen sich noch die Einkünfte, die dem Erzbischof aus versckstcbcnen Titeln erwad>sen.

Ter verstorbene Kardinal Fürstenberg verfugte über fein Einkommen wie ein Gentleman. Er war freigebig und für die Annen stets hilfsbereit. Seine Pächter waren zufrieden und seine Venvailungsbeamlen, denen er viel Selbständigkeit einräumte, ruhmien feine Noblesse. Nach dein Amtsantritt des neuen Erzbischofs änderten sich die Verhältnisse gewaltig. Er verwaltet seine Ginlunfte mit Engherzigteit. Und das ist wohl fein größter Fehler. Den Fordern seiner Reviere machte er Dorsch.iltcn über die Anzahl der Kühe und Gröge der Weidenflachen, bie sie sich yaltcn dürfen. Don einem Diener ließ er sich auf Auszahlung einer geringen Peuiion verklagen. .Ule jene, die jetzt oer Zeremonie der ^ugwaichung beiwohnen wollen, mu|fen ein Entree von 2u Heller bezahlen Emer großen Anzayl seiner Beamten hat er die Neu^a^rsrcmune- ration entzogen. Eine jährliche fixe Armenmilerimtzung, die früher von der Erzdiözese der Gemeinde Olmutz zu-

aetvendet wurde, suspendierte er. Der Er^lnsdiof hat arme verwandte, unter anderen einen Kupferschmied, und einen Aintsdiener, der bei der Olmützer Handelskammer besck)äs- tigt ist. Beide haben sich wiederholt mit Bittgesuchen an ihn gctvendet, aber ohne Erfolg. Nickst einmal eine Audienz beim Erzbischof wurde ihnen geivährt. Es ist bekannt, daß der kirchcilsürst seinen Arbeitern elende Löhne bezahlt. In einem Gcrickstsfall wurde festgestellt, daß nickst wenige Hilfsarbeiter in erzbischöflichen Waldern einen Taglohn von 22 Hellern beziehen. Trotzdem scheut sich der Erzbischof nickst, gegen diese armen Leute ununtcr- brockstn Strafanzeigen tvegen Holzbiebsiahls einleiten zu lassen. BiS fetzt hoben die Siidjicr in den meisten Fällen, die Notlage der Aiigeklagten als Milderungsgrund ange­nommen unb bei der Verurteilung das geringste Straf­ausmaß gelten lassen. In einem Falle wurde sogar von der obersten Instanz ein erstrichlerlickstS Erkenntiiis mit der Motivierung aufgehoben, daß Leute, die mit 20 Heller Taglohn abgefertigt werden, zusolchen Mitteln" greifen müßten, um ihre kümmerliche Existenz fristen zu können. Ueber alles liebt der Erzbischof den Gcrickstssaal. Er prozessiert seil etwa ackst Jahren fast ohne Pause. Unb unglücklicheriveise verliert er die meisten dieser Prozesse, in denen es sich meistens um ZeitungSangrifse oder um strittige Summen handelt. In einem Falle, in dem der Redakteur deSPozor" der Geklagte tuar und der Erz­bischof zur Tragung der Kosten in oer Höhe von 9u Kronen 14 Heller verurteilt wurde, ließ es der Erzbischof bis zur PfändungSaiidrohung tommcn, bevor er den Betrag erlegte.

Nun muß man nicht glauben, daß der Kirchenfürst von sckstedsten Beratern umgeben ist. Er selbst widmet den größten Teil des Tages rem administrativen Gcsck)äften. Er leitete diese bereits mit großer Umsickst vor feiner Inthronisation. Jedermann, der früher mit ihm in wirt­schaftlichen oder geschäftlichen Atigelegeiiheiten zu tun hatte, rühmt seine Erfahrungen unb ferne Umsicht. Ern Olniützer Advokat rief oft mit Bewunderung aus:Au dem Nlanne ist ein ausgezeichneter Fabrik- ober Güter­direktor, jedenfalls ein hervorragender Industrieller ver­loren gegangen." Er selbst hat eine für ihn vor­treffliche Dienstorganisation ausgearbeitet. Auf des Erz- bischofs eigene Initiative ist es zurückzuführen, daß die meisten Güter der Erzdiözese in eigene Bewirtschaftung ü^cr gingen. Bon Leuten, die dem Kirchen fürsten nahe- stehen, wird versichert, daß er alle wichtigen Schriftstücke visiert, unb daß er mit seinem Advokaten, der ihn in Ieinen Prozessen vertritt, selbst und eingehend konferiert.

Aeußerst verhaßt hat sich der Erzb.su-of durch seine ZeitungSblättck-en gemacht, die in seiner eigenen Druckerei m Oluiutz heigestellt werden und in einer großen Anzahl von GratiSexcutplaren ihre verbreituiig filiden. Der rüde Ton dieser erzb.sd-öfckck-en Preßorgane wird kaum von deut der Revoloerblattchen sck-limni,ter Sorte übertroffen. In der letzten Zeit ist in einem Tagblatt wiederholt die Be­hauptung aufgestellt worden, bog der Erzbischof für sein Leiborgan, dieDlm. Zlg.", selbst Artikel versaßt. Die dcutsck-e Landgeistlichkeit ist verdros,en über die su-ars zu- gespitzten und geivaltjam pointierten Artikel und 910115011; und die Ezechen fdienten dem Brättck-en keine Beachtung. Selbst Antiseuiiken verdammen die Judenfeindlichkeit des Organs. Den Haß der Altlatholiken uno Evangelischen erntete bieDlm. Ztg." durch dre verösfentlid/ung eined ausführlichen Denunzmntensystems gegenlutherische Ab- joliverjQnunlungen" undPastoren, die östreichfeindliche Jleben führen oder zum Abfall bewegen." So eine Kampfesweise ist jedenfalls bei einem rein christlichen Blatt oertverflich.

lieber die nationale Gesinnung des Olmützer Erzbischoss wurde sck-on viel gehadert. Ter läck-erlick-e Standpunkt, daß er derrtscbfreunblich fei, wurde allerdings schon Lange aujgcgcbcn. über auch die Ezeck^en wollen ihn entweder nia>t ober werfen ihm vor, daß er fein Herz für feine Nation habe, obwohl er von czea-ischen Eltern flamme unb bi» in fein dreizehntes Lebenswahr lern Dort deutsch sprechen konnte.

Mit der Bevölkerung in Llmütz hat er sich'S dadurch gründlich verdorben, daß er einen hervorragenden Musiker seiner Stelle an der £eljrcrbilbung5anftalt enthob, weil der SJtann das ^erbredjen begangen hatte bei der Grund­steinlegung der evangel. Kirche einen Ehor zu dirigieren. Auch bei der strengsten Kälte müssen b.e Sd^ulkinder der Diözese an drei Wod-entagen ben obligatorisd^en Schul- gouesdienst besuck-en. T^e heftigsten Proteste vieler Eltern blieben dieser strengen Maßregel gegenüber erfolglos.

Aber am schlimmsten für den s^-of ist rouljl seine Unbeliebtheit bei der Geistlichkeit |dojL Als Kardinal Skrbensiy vor längerer Zeit nach Krcm>ier kam, um den Prinzen Hohenlohe zu besuck-en, kehrte er sofort um, nach­dem er erfahren hatte, baß der Erzbischof in Kremsier anwesend sei.

Das ist bie Persönlichkeit des Olmützer Erzbischofs. Seine gediegene wissenschaftliche Bildung unb eine reUje Erfahrung vermögen es nicht zu oerhiiioern, daß er sich stetig bloßstellt. Seine einstige bauerlid-e Schlichtheit ist in bäuerliche Derbheit auögeari.eL Er vermag es in keiner Hinsicht, äußer lick) seine Stellung zu repräsentieren. Kurz­um, der L.mützer Erzbischof i|t geroig ein bedeutender Ncensch, der leiver nur allzu men,gliche Fehler Hot. Für einen Bürger oder Bauer wären diese Fehler sichetEch sogar Existenzvorzüge. An einem Erzbi,chos finb ste jedoch oj|«:ntunü»tje Gebrechen.

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Wie aus Olmütz gemeldet wird, hat Pater Hofer Olmütz veclafitn unb ist zum A t t t a t h 0 l i z i s m u s übergetreten. Er soll sich nach preuß. Schlesien begeben haben. Da in Olmütz das Gerück-t verbreitet ivar, vofer

sei im Körrektionshause interniert, sammelte fith dort die Bevölkerung an, verlangte feine Freilassung unb drohte, ihn mit Gewalt zu befreien, biS bie Geineiiidevertreter er­schienen unb erklärten, Hofer fei nickst in Host.

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Ter erste r^)ahla«jrus.

Man schreibt unS auS Berlin, 23. April:

Zuerst auf bem Platze erscheint heute bie Freisinnige Vereinigung mit ihrem Wahlaufruf. Der Aufruf ist ge­schickt rbgefagt, gemeinverständlich unb, vor allem, frei von den tönenden Phrasen, die mit der bemerklichen Absicht, .packende^ Wirkung zu üben, manche derartige Partcikunb- gebung ungenießbar machen. Wahlaufrufe bilden an sich schon keine lockende Lektüre. In der Ausdehnung roirb auch viel gesündigt; oft roirb der Wühler, am Schluß angelangt, vergessen, roaS ihm am Anfang bereits alles versprochen worden ist. ES roäre vielleicht zum Vorteil auch dieses Auf­rufs gewesen, roäre die Kritik der politischen Vergangenheü unterblieben. Die Ereignisse bei der Beratung deS Zolltarifs sind ja in frischem Gedächtnis. Tann konnte von dem Aus­fall gegen bie Nationalliberallen Abstand genommen werden, daß bie notionaUiberale Fraktionunter Verleugnung libe­raler Grundsätze" die konservativ-klerikale Koalition unterstützt habe. Ta der Aufruf selbst als das ,Ziel der ganzen Wahl- beroegung^ bezeichnet: den Einfluß des GesamlliberaliSmuS zu stärken, so wird der Angriff oerrounöcm. Solche Reminis­zenzen sind nicht eben geeignet, den GesamtliberaliSmuS zu Härten. ES ist zudem zur Genüge betannt, daß innerhalb der nationalliberalen Partei sich em scharfer Widerspruch geltend gemacht hat gegen die Förderung der mit dem Zoll- konipronilß Rarborff verknüpften Bestrebungen. Der Svzial- bemokratle gegenüber nimmt der Aufruf kein Blatt vor den Aiund: den reaktionären Plänen arbeite die Sozialdemokratie m die Hände durch die unablässige Verketzerung aller der­jenigen Bestrebungen zur Besserung der Lage der arbeitenden Klassen, welche von nichtsozialistischer, insbesondere auch von liberaler, Seite auSgegangen und nicht ohne Erfolg ge­blieben sind.

Nicht unwidersprochen wirb bleiben, daß in bem Aufruf neben bem ,Geist des Ultramontanifluiuß' ,in enger Ver- birtbung* protestantisch-orthoboxe Unbulbsamkeit als ,ernste Gefahren charakterisiert werben. Die AufsührungSoerbote von Theaterstücken bucch die Zensur, Heyse'S ,'Diana von Magdala* und DreyecS ,Ial des Lebens», können doch wohl nicht ,protestantisch-orthodoxer Unduldsamkeit* angerechnet werden. Zentrum und Konservative haben sich allerdmgS sehr genähert, besonders in Preußen. Aber die Annäherung gilt in der Hauptsache den wirtschaftlichen Jnteresien, den agrarischen Bestrebungen u. s. w. Erne etroaige konservativ- klerikale Niehrheit roirb im Reichstage gefährlich bei den Handelsverträgen. Dagegen roird bem Zentrum nicht zu­zutrauen sein, baß es, wie ber Wahlaufruf sagt, ,zur Sicher­ung der Herrschaft der reaktionären Parteien*, mithilft, daS allgemeine gleiche geheime und direkte Wahlrecht anztitasten. Der Hauptaccent der Tätigkeit deS neuen Reichstags liegt auf den Handelsverträgen, auf ber Wirtschaftspolitik über­haupt. Unb auf diesem Boden können sich alle Liberalen zusammensinden.

yjlitildje Lujjcüschau.

Parlamentarisches goyer.espräch.

Unser parlamentarischer SDlitarbeiter schreibt unferm 23. April:

DaS Hauptthema ber parlamentarischen Foyergespräche bilden z. Z. naturgemäß bie Neuwahlen. Im Reichstag intereffiert vor allem bie Frage, ob in ber Schlußsitzung bie Regierung durch den Nlund deS Reichskanzlers eine Wa hlparole verkünden roirb. Der dieser Tage in der ,Nvrdd. Allg. Ztg.* erfolgte Hinweis, baß bie Wahlparole burch bie politischen Verhältnisse gegeben sei im Sinne einer schärferen Betonung des nationalen Gedankens, roirb nicht als enbgiltig betrachtet. Rian hofft, daß Graf Bülow in einer feierlichen Ansprache ans Parlament biesen Hinweis be­kräftigen wird. Andererseits memt man, die Regierung werde nicht umhin können, ber Bebeutung ber neuen Han- belS oerträge für bie nationale Wohlfahrt Erwähnung zu tun, ba ber Wahlkampf sich mehr um bicfe Frage, als um bie neue Militär- unb Marinevorlage drehen werde. WaS die Fraktionen betrifft, so erwartet jebe einzelne, ihren Mit- glieberbeitanb zu vermehren. Ausgeprägte Sanguiniker in dieser Beziehung sind bie Sozialbemolraten; sie rechnen nach ber Bemerkung eines ihrer bekanntesten Führer auf einen Wohlgewinn an Manbolen von 25 pEt.

Wesentlich ruhiger sieht man in den Kreisen ber preußi­schen Volksvertreter ben Neuwahlen zum Lanbtag entgegen, obwohl die Sozialdemokratie in diesem Jahre zum ersten Dlale ben Versuch machen will, über baS Bollwerk beS Trei- klassenroahlsysiems hinweg ben Einzug inS preußische Abge- ordnctenhaus zu erzwingen. Em hervorragender konserva­tiver Parlamentarier meinte, es sei allerdings nicht unmög­lich, baß ein Sozialdemokrat gewählt werde; boch dieser würde zur absoluten Bebeutungtzwsigkeit sich verurteilt sehen. Bezeichnend ist, baß in ben auf die Neuwahlen bezüglichen Gciprächen auf Seiten der preußischen Konservativen von der Kanaloorlage überhaupt nicht mehr bie Rebe ist. Die