Ausgabe 
24.2.1903 Zweites Blatt
 
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auf jenem Gelände dazwischen der Wunsch, das Drängen der Professoren, die Rücksicht auf dieselben gewann die Oberhand und alle schonen Aussichten und Hoffnungen betreffs Entwicklung der Stadt, betreffs Villenviertel, auch betreffs vorteilhafter Verwertung des dortigen Geländes, mären wie vernichtet.

Wie sehr aber wirklich das Bedürfnis der Ausdehnung der Stadt nach Süden hin vorhanden war und ist, das kann man durch einen Blick auf alles Gelände rechts der Frank­furterstraße nach dem Bahnhof hin erkennen. Kaum hatte die Stadt das Rabenaüscye Besitztum angekauft und par­zelliert und auch weiterhin dort das Gelände zur Be­bauung aufgeschlossen, so entstand uitb entsteht trotz der Nähe der Eisenbahn mit ihrem Rauch und Spektakel eine Straße nach der anderen, ein Haus nach dem anderen; erst wurden 8 und 10 Mk., dann 12 bis 13 Mk. für einen Quadratmeter bezahlt; jetzt ist unter 14 bis 15 Mk. für einen Quadratmeter kein Bauplatz mehr dort zu haben. Auch dadurch ist doch bewiesen, daß unsere Stadt bei chrer besonderen Lage nacy keiner Seite hin so schön und vorteilhaft sich ausdehnen kann, als nach Süden zu. Und nun will man ihr durcb die Klinikbauten die Entwicklung nach dem schönsten Südgelände hin, dort zwischen Wil­helm-- und Klinikstraße, ein für allemal unmöglich machen! Schon klagen unsere Bauunternehmer, daß sie für die ihnen a ufzutragenden Villenbauten kein Gelände mehr fanden, seit das schönste und einzig noch geeignete für die Kliniken solle weggenommen werden. Wahrscheinlich, wenn wirkliche jenes Gelände für die Kliniken sollte verwendet werden, würde dies eine verhängnisvolle Schädigung der Stadt in ihrer naturgemäßen Entwicklung und Aus­dehnung, in ihrer Schönheit mit sich bringen, ihre Bau­tätigkeit würde nach der begehrtesten, besten Richtung hin gewaltsam zurückgehalten werden. Aber zugleich würde dies auch eine bedeutende Schädigung der städtischen Geldver­haltnisse zur Folge haben. Denn man denke dr,ch nur, lenes ausgedehnte, herrlich gelegene Gebiet würde im Laufe der Jahre von privaten Häusern und Hofraiten besetzt, welch eine gewaltige Steigerung der Steuerkapitalien der Gemeinde, um Hunderttausende, welche Erhöhung der Steuerkraft würde das bedeuten'. Das alles ginge dem Stadtsöckel unrettbar verloren durch die Kliniken. Auch Gießen wird demnächst seine Oktroi-Einnahme verlieren, hier stünde ein beträchtlicher Ersatz in Aussicht, den man sich nun verderben will! Ob man 'es nicht doch später zu spät bereuen würde!

So spricht hiernach das öffentliche Interesse der Stadt mit seinem ganzen Gewicht gegen den geforderten Bau­platz glücklicherweise ohne jegliche Schiüngung der Uni­versität und ihrer Bedürfnisse; nur einige Wünsche blieben unerfüllt, tourt)en aber schließlich doch noch schöner erfüllt.

Aber auch im einzelnen müssen wir noch zwei Punkte hervorheben. Der Balserschen Stiftung, auch einer Augen- llinik zu wohltätigen Zwecken, soll zu gunften der aka­demischen Augenklinik ein beträchtlicher Teil ihres Ge­ländes toeggenommen werden. Tas berührt peinlich; es geht fast auf das Wprt hinaus: denn ich bin groß und du bist klein! Diese beiden Anstalten sollten do'chl nicht so nahe beieinander zu liegen kommen. Ferner soll Herr Gabriel aus seinem Besitztum hinausgezwungen werden; solches tut man doch nicht ohne zwingendste gfottoening- keit, die nicht vorliegt. Man sehe sich doich auch seinen herrlichen Garten an mit der Menge der edelsten, wohl- gepflegten Obstbüume! Sonst sind wir in Gießen so vor­sichtig, ängstlich, empfindlich, wenn es sich um das Um­hauen von Bäumen nicht einmal von Obstbäumen handelt; und hier sollen die schönsten Obstbäume massen­weise um gehauen werden! Wer es verhindern hilft, er­wirbt M ein ZßxMrst.

Nun hat man freilich den Besitzern aller jener Grund­stücke nachgesagt, es gälte ihnen gar nicht um Fernhallung der Kliniken von ihrem Gebiet, sie wollten vielm.hr nur eine recht hohe Geloentschädigung für ihr Gelände heraus­pressen. Das ist doch im Grunde nicht richtig; denn wenn jenes Gebiet frei bleibt für privaten Häuserbau, dann steigt in wenigen Jahren der Wert jenes Geländes mit seiner frischen, gesunden Luft noch viel mehr in die Höhe, als drüben zwischen der Franksurterstraße und dem Bahnhof. Ja selbst bann, wenn der Provinzialausschuß den zu Ent­eignenden eine zu weit über das Angebot gehende Em-, schädigung bewilligt, so würde das immerhin noch einen großen Verlust bedeuten gegenüber dem Erlös, der ohne Klinikbauten dort sicherlich zu erhoffen ist. Wie und wo will besonders Herr Gabriel auch bei günstigster Entschädi­gung ohne große Verluste eine seiner jetzigen ähnliche Be­sitzung erwerben? Zudem sind die Besitzer doch auch Gießener Bürger, die nebst ihren Rechtsanwällen gleichfalls für das Wohl und Gedeihen der Stadt ein Herz zu haben bean­spruchen.

Zum Abschluß wollen wir noch einige in Betracht kom­mende Gesichtspunkte hervorheben Die Baubehörde meint, die Uebertragung des Baupioj^lls aus etii-jt aaberjii P.aa nehme zuviel Zeit in Anspruch, die Sache sei eilig. Dem muß widersprochen werden. Seither, seit Jah.en hat es den Be­hörden gerade nicht geeilt. Auch die Lokulkommission har in Verletzung des Gesetzes dieses sagt: sie sendet, nicht sie soll senden, sämtliche Verhandlungen binnen Monatsfrist an den Provinzialausschuß zur Ent­scheidung sich sieben Monate Zeit genommen zur Abgabe ihres Gutachtens. Nun haben wir aber sicher er­fahren, daß jenes ganze Gelände, das rechts der Klinik­straße für die Kliniken empfohlen wird, mit Ausnahme von zwei kleinen auch leicht zu erwerbenden Streifen, im Eigentum der Stadt sich befindet. Es ist also mit einem Beschluß leicht, schnell und billig zu haben. Und hier würde alles Nötige jedenfalls noch schneller sich er­ledigen lassen, als bei den .Verhandlungen über das ge­forderte Gelände, die noch Wochen lang ohne Zweifel bis zur letzten Instanz verfolgt werden würden.

dLochmals kommen wir auch auf die Durchführung der Straße neben der Psychiatrischen Klinik zu reden. Es wurde uns nachträglich von sack)verständiger Seite versichert, diese Weiterführung sei ohne Schädigung dieser Klinik leicht zu be­werkstelligen, und auf neu hinzugefügtem Gebiet könnten die schönsten Grotten und alles sonst Gewünschte hergerichtet werden. Man spreche bei so wichtigen öffentlichen Anliegen nur nicht zu schnell von Unmöglichkeiten. Wenn aber doch von aller Aenderung an dieser Stelle durchaus abgesehen werden soll, so machen wir einen anderen Vorschlag, gegen dessen leichte und zweckmäßige Ausführung niemand etwas einwenden wird, nämlich: man verlängere die Klinikftraße nicht nur nach oben zum Eingang nach der künftigen Augen­klinik, sondern auch am Ende der Medizinischen Klinik rechts im rechten Winkel dieser Klinik so weit, als es nötig ist, und dann wende man sie links um hinauf zum Eingang nach der lüuf Jg.n Chirurgischen Klinik. Diese Straße bietet eine noch kürzere, bequemere Zufahrt zu der letztgenannten Klinik; sie wird, zumal wenn mit einer Baurn alle e versehen, weder die Augenklinik noch die Medizinische Klinik auch nur im geringsten stören; ebenso wenig die Psychiatrische. Und bei dieser doppelten Zufahrt zu den zwei neuen Kliniken kann die Baubehörde ihr Bauprojekt ohne jede Aenderung und ohne jede Schädigung für irgend eine bau­technische Einrichtung, auf diesen Platz übertragen. Vielleicht könnte man, wie schon gesagt, die Tirektorwohnung der Augenklinik noch auf die liufe Seite der Klinikstraße stellen, auch als Villa zu den Villen. So wäre denn mit solchen Vorschlägen und Empfehlungen für die Universität und ihre Zwecke .aufs beste ge[ocgt, und eja toärgn die MntMe.n

städtischen Interessen aufs erfreul'chste gewahrt. Möchten fn diesem Sinne alle Beteiligten und Berufenen nochmals die ganze Angelegenheit in ernste Erwägung zieh.'n, möge auch die Bürgerschaft, deren Interesse es gilt, sich regen! Möchte auch der hochgeschätzte Ehrenbürger der Stadt Gießen, der frühere Oberbürgermeister, jetzige Herr Finanzminister Tr. Gnauth, der in der Sache wohl auch noch ein Wort mit* Zureden haben wird, seiner Stadt Gießen die Wglichk.it ihrer besten Entwicklung und naturgemäßesten Verschöne­rung erhalten helfen.' Er würde sich .dadurch den etoigen Tank der Bürgerschaft und schließlich auch der Universität selbst erwerben.

Als Nachtrag geben wir auf Wunsch einige Mittei­lungen über den Wert des Geländes, wie er sich in der Entwicklung der Stadt nach Süden hm während der letzten Jahre ergeben hat.

Als die Stoor vor Jahren das v. Ravenausche Anwesen ankaufte, bezahlle sie, wie uns als Tatsache versichert wird, für je einen Quadratmeter des Geländes 90 P f g. Vor etwa 4 Jahren bezahlte Herr Professor Vossius den Bau­platz zu seinem Haus an der Frankfurterstraße mit 12 M k. für einen Quadratmeter. In der Hofmannstraße verkaufte Herr Bauunternehmer Winn einige Bauplätze für 12 bis 14 Mk. für einen Quadratmeter. Heute giebt er dort die wenigen noch übrigen Bauplätze nicht unter 15 Mk. für einen Quadratmeter ab. Herr Winn bezahlle an die Stadt für Gelände an der Erednerstraße 10 ML; und sogar am Wetzlarer Weg, ganz nahe an der Eisenbahn, bez-h.te derselbe an die Stadt 8 Mk. für einen Quadratmeter. Herr Bau­unternehmer Pfaff kaufte vor rurzem an der Hillebrand- straße Gelände für 12.50 Mk. für einen Quadratmeter und daran anschließend sogar 25 ML

Auf der anderen Seite der Frankfurterstraße, an der Wilhelmftraße kauften die Herren Bauunternehmer Birken­stock und Schneider die Bauplätze für ihre Häuser mit rund 15 Mk. für einen Quadratmeter. Gegenüber an derselben Straße bezahlte Herr Architekt Kockerbeck für die zu er­bauenden Billen das Gelände mit 18 Mk. für einen Quadrat- meter. In derselben Wilhelmstraße verkauften Gails Et.ben an Herrn Spanier Gelände int Jahre 1898 für 15 Mk. Und an der Ecke der Wilhelm- und Ludwigstraße kaufte Herr Fabrikant Ernntelius im vorigen Jahre einen Bauvlatz von Wilsons Erben mit 21 Mk. für je einen Quadratmeter.

Man überblicke nochmals alle diese tatsächlich be­zahlten Preise für Gelände, das auf zwei Seiten in der Nähe des für die Kliniken geforderten Platzes liegt; und dann vergleiche man hiermit, was den Besitzern dieses günstig und herrlich gelegenen Geländes zwischen Wil­helm- und Klinikstraße, das zu Villenoauten aufs beste ae eignet ist, und das doch auch zur Bebauung mit Kliniken und Direktorswohnungen verwendet werden soll, für je einen Quadratmeter geboten wird! Während Herrn Professor Boström für fein Gelände, das nur zu einer Zufahrtstraßc benutzt werden soll, 19 Mk. für einen Quadratmeter bezahlt wurden, bietet die staatliche Baubehörde allen Besitzern, mit einer einzigen Ausnahme, nur 5, sage fünf Mark für einen Quadratmeter an; uiid der Staatsvertreter setzt noch hinzu, dieser Preisansatz sei zwar zweifellos zu hoch, aber der Staat wolle gleichwohl dabei bleiben,um seine loyale Auffassung zu betätigen"!! Die Lokal-Kommission ge­willigt auch nur 5 Mk. sämtlichen Besitzern, mit Ausnahme des Herrn Gabriel, der für seinen prachtvollen Garten 5 M k. 5 0 Pfg. für je einen Quadratmeter, und des Herrn Wilh. Plank, der für sein Gelände, grade neben dem mit 19 Mk. bezahlten Boströmschen Gebiet, 8 Mk. für einen Quadratmeter erhalten soll.

Im Auftrage verschied euer Bürger.