Ausgabe 
23.11.1903 Zweites Blatt
 
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Tiefer Sitz, ist beim Lesen und Auhören einzuhalten. Der Schreibsitz» bei welchem der Körper txor geneigt wird, ist der weniger günstige und verdient deshalb die meiste Beachtung Nach dieser Einsicht sind cm eine Schulbank folgende Forderungen zu stellen: 1. Sitze und Tische müffen unverrückbar mit einander verbunden fein; 2. die Höhe des Sitzes beträgt ca. zwei Siebentel der Körperlänge; 3L die Breite des öitzos ein Fünftel der Körperlänge; 4. der Sitz ist wagrecht, oder am besten etwas nach rücklvärts geneigt; 5. als Distanz (Verhältnis der Tischplatte zum Sitz) ist die Minusdistanz zu fordern; 6. die zum Stehen erforderliche Plusdistanz wird durch die beweglichen Klapp- oder Pendelsitze hergestellt; 7. die Neigung des Tisches beträgt 3ö Zentimeter; 8. die Mckcnlehne ist gewölbt; 9. die Tischplatte umlegbar; 10 als Niaterial ist guß­eisernes Gestell zu fordern. In einem zweiten Thema be­schäftigte sich Medizinalrat Tr. Haberkorn mit demNutzen des Turnunterrichts". F-alsch ist die Ansicht der Landben-ohuer, daß ihre Kinder genug Bewegung hätten und deshalb hier der Turnunterricht überflüssig Jet Die Arbeiten des Landwirts und des Handwerkers sind langifam und setzen meistens nur einzelne Muskelpartien in Be­wegung, und die Erfahrung lehrt, daß diese Arbeiten den Körper eher steif als gewandt machen. Dagegen wird Deim Turnen die gesamte Muskulatur des Körpers in Tätigkeit gesetzt und das Kind daran gewöhnt, auf be­stimmte Befehle rasch und exakt die betreffenden Beweg­ungen auszuführen. Das Turnen uracht den Körper kräftig und geivandt, stärkt den Willen und erzieht *ur Auf­merksamkeit. Bon gesundheitlichem und erzieherischem Standpunkt ist deshalb das Turnen auf dem Lande nicht genug zu empfehlen. Welche Vortelle das Schulturnen für die Ausbildung unserer Rekruten bedeutet, kann nur der ermessen, der selbst solche ausgebildet hat. DaS iu ganz Deutschland eingefuhrte Schulturnen war ein Haupt­grund der Einführung der zweijährigen Dienstzeit. Redner schließt mll der Aufforderung, die Lehrer möchten aUe^ dem Turnunterricht die nötige Sorgfalt widmen. Ein drittes ThemaDie Krankhell des Kindes" wurde der vor­gerückten Zell wegen bis zu einer späteren Konferenz verschoben. Der Vorsitzende dankt namens der Konferenz für die anregenden Winke und interessanten Ausführ­ungen. Die nun folgenden Verhandlungen beschäftigten sich ausschließlich mit amtlichen Dälltellungen und Be­sprechungen über Schule und Unterricht. Lehrer S^agner» Großen-Buseck spricht dafür, daß möglichst einmal im Jahr die Schulboden geöll werden sollten, um die Schule gegen Staub und die Fußböden selbst gegen zu rasche Abnützung zu schützen. Der Vorsitzende stimmt dieser Anregung zu. Au die Konferenz schloß sich ein gemeinsames Mittagessen. Kreis schul infpektor Kleinschmidt gedachte nochmals in einer Ansprache unseres so schwer heimgesuchten Landesherrn und forderte die Sehr er aus, gerade in den Tagen der Trauer in Liebe und Treue zu unserem edlen Herrscher zu stehen.

**ZumTvde d er Prinzes si n Elisab eth wird «ns von einem praktischen Arzte noch folgendes geschrieben: Ter Typhus abdominalis (Unterleibstyphus) ist eine akute Infektionskrankheit, bei welcher sich ore haupt­sächlich charalleristischen krankhaften Veränderungen im Dünndarm finden. Hier bilden sich in der ersten der vier Krankheitswochen entzündliche Erhabenhellen, welche rn der -wellen oberflächlich verschorfen. In der drllten Woche stoßen sich die Schorfe ab, sodaß sich Geschwüre bll- den, welche bei günstigen Fällen aushellen, bei ungünsti­gem Verlaus aber durch Eröffnung von Blutgefäßen Darm­blutungen oder infolge Durchbruchs in bte Bauchhöhle Bauchfellentzündung Hervorrufen. Süm kommt es erfahr­ungsgemäß nicht jo sellen vor, daß ein Typhus krau ter, also ein Individuum, welches diese pathologischen Ver­änderungen in seinem Darme zeigt, eine kürzere oder längere Zell dieser vierwöchigen Krankhell ohne Beschwer­den, ohne Symptome, also scheinbar gesund bleibt. Man bezeichnet solche Formen, frei welchen die Patienten, ebne sich krank zu fühlen, herumlausen, als Typyus >cunbulalorius. Daraus, daß die Diagnose ärztlicher- sells zuerst auf Cholera gestellt war, kann man erstens ersehen, daß es infolge der mannigfachen Arten des Auf­tretens von Typhus, der vielerlei Symptome, (unter denen der Durchfall keineswegs so häufig ist, wie man gewöhn­lich glaubt), und der verschiedenen Zeitpunkte, zu welchen die Ertrantung jeweils Symptome macht und in Behand­lung kommt, kaum möglich ist, die Krankhell aus den ersten Blick richtig zu erkennen. Hierzu gebärt vielmehr meist mehrtägige Beobachtung des Fieberverlaufs und bie Untersuchung von Stuhl, Darm und Blut, welche bie Krank­heitserreger resp. bestimmte chemische Reaktionen auf- weisen. Zweitens folgt aus der fehlenden Ueberellistimm- ung zwischen ben Krankheitserscheinungen, welche als schwerer Brechdurchfall bei Typhus nur sehr selten in die Erscheinung treten, und dem Ergebnis der Sektion, wie wichtig es ist, in zweifelhaften Fällen bie Leichen­öffnung vornehmen zu lassen. Nützt sie freilich auch dem Toten nicht mehr, so nützt sie doch ben Lebenden in­sofern, als der Arzt an dem durch bie Sektion gewonnenen Ergebnis erkennen fann, inwieweit bie Krankheitsjymplome mit dem Krankhellspvozeß üb er einftimmten Erfahrungen, bie bann notwenbig ben UebeHebenben zu gute kommen müssen. Leider Haven die meisten Äienjchen aber eine geraoezu abergläubische Furcht vor demSeziertwerben" und vermögen sich nur schwer auf biesen höheren Stand- punll zu erheben."

** Aus dem Bureau des StadttheaterS. Als /jever de rideau in der morgigen DienstagabonnementL- vorftellung kommt vor Paul Jacobys drastischerPension Schöller* em einaktiger SchwankFlitterwochen" von Hermann Steingoetler zur Aufführung. Der harmlose Einakter macht feinen Anspruch auf literarischen Wert, hat aber bei zahlreichen Aufführungen an größeren Bühnen bis­her überall angesprochen, da ihm liebenswürdiger Humor nachgerühmt wurde. Am Mittwoch findet außer Abonnement eine Wiederholung der jüngsten Theaterverems-Vorslellung ,Maria von Magdala" statt.

Maria von Magdala* von Paul Heyse soll an diesem Mittwoch den 25. November noch einmal zur Aufführung gelangen. Die Vorstellung ist außer Abonne­ment; es haben weder die Theatervereinskarten, noch die Passepartouts des Stadttheaters Gütigkeit Die Eintritts­preise sind trotz der enormen Kosten der Dekorationen uud Kostümen und trotz des hohen Aufsührungshonorars auf nur Mk. 3,50 3,00 2,50 1,50 im Vorverkauf (für Theateroereinsmitglieder mit 50 Pfg. Ermäßigung) festgesetzt; an der Abendkasse ist jedes Billet 50 Pfg. teurer; die Gallene kostet 60 Pfg. Durch diese Prelsabüufung giebt also der Theaterverem jedermann Gelegenheit, das interessante Drama

zu sehen und bie Pracht der Dekorationen und Kostüme zu bewundern.

Der Sanitäts-Kolonne, die vom Deutschen Verein vom Roten Kreuz hier ins Leben gerufen wurde, sind 52 Mitglieder aller Berufs- und Altersklassen beigetreten. Die erste Unterrichtsstunde fand am Sonntag nachmittag in der Turnhalle der Stadtmädchenschule an der Westanlage statt. Der Unterricht wird erteilt von Stabsarzt Dr. Ehrlich.

* Musikinstrument. Im Eafö-Restaurant Royal hier ist seit einigen Tagen ein italienisches Instrument zu hören, bas selbst große Tonwerke hübsch und exakt roieber* giebt. Die Besucher des Lokals, aber auch die Passanten des SelterSwegS profitieren etwas davon.

L. Lich, 22. Rov. Heute nachmittag sand hier im Heiland'schen Saale eine von den Ziegenzuchtvereinen Gießen, Lich, Wieseck und Langsdorf beschickte Versammlung statt zur Gründung eines Ziegenzuchtvereins für den Kreis Gießen. Den Vorsitz in der Versammlung führten die sDlitglieber des einberujenben Vereins Gießen, Kaufmann Jean Weisel und Lokomotivführer a. D. Röding. An der Diskussion beteiligten sich Bürgermeister He Iler-Lich, Land- tagsabgeordneter Bürgermeister K ö h l e r-LangSdors, Schäfer- Gießen, Weller-Wieseck, Lehrer Hardt-Langsdorf u. a. Besonderes Erstaunen riefen bie Ausführungen der Gießener Vertreter hervor, bie ausführten, baß die Stadt Gießen für Unterhaltung und Wartung der drei (!) Zuchtböcke des Ver- eins, der der Stadt die Bockhaltung im Auftrag der Gemeinde besorgt, im Ganzen nur 120 Mk. jährlich aufwende, wahrend die kleine Gemeinde Langsdorf nicht allein für Wartung der Gememde-GaiSböcke fast dieselbe Summe ausgebe, son­dern auch noch die hohen Anschafiungskosten bcS wertvollen Schweizer Zuchtmaterials aus eigenem Säckel bestreite. Man war der allgemeinen Ansicht, daß die über zwanzigfach größere und um hundertfach reichere Gemeinde Gießen doch wirklich einen größeren und nicht einen niederen Beitrag für Bock- Haltung aufwenden sollte, als bas kleine Langsdorf. Die wetteren Verhandlungen der Versammlung führten zu einem recht erfreulichen Ergebnis, indem endgiltig bie Gründung eines Ziegenzuchtvereins für den Kreis Gießen beschlossen und auf Antrag deS Abg. Köhler-Langsdorf die folgenden Herren in ben GrünbungSausschuß gewählt würben: Kaufmann Jean Weisel als Vorsitzender und Loko­motivführer a. D. Röding, beide von Gießen, August Weller von Wieseck, Karl Schwenck von Lich und Lehrer Hardt von LangSdorf. Zu den Beratungen dieses Aus­schußes sollen eingeladen werden bie Präsidenten des land­wirtschaftlichen ProomzialvereinS und deS landwirtschaftlichen BezirkSvereinS, Defonomierat Schiente und Provinzialdirektor Dr. Breidert.

(!) Ettingshausen, 22. Rov. Unter großer Betei­ligung der Gemeinde und auswärtiger Freunde fand gestern nachmittag bie Beerbigung des Landwirtes KaSpar Keil IV. statt. Der Verstorbene hatte den Feldzug 1870/71 als Unteroffizier im 1. Hessischen Dragoner-Regiment Nr. 23 mitgemacht, hals den Rriegerverein gründen und war lange Jahre dessen Vorsitzender. Den Dienst emeS Polizeidieners versah er etwa 20 Jahre. Keil, der in der ganzen Um­gegend bekannt und beliebt war, erreichte ein Atter von 58 Jahren. Der Kriegerverein gab am Grabe drei Ehren­salven ab.

)( Grünberg, 22. Rov. Der Vogelsberger Geflügel - und Vogelzuchtoerein hiett heute hier imWilden Mann" seine Generaloersammluug ab, wozu be­sonders zahlreich die auswärtigen Mitglieder erschienen waren. Herr S ö d l e r - ^lieber - Gemünden erläuterte in längeren Ausführungen bie Ziele und den Stand der Geflügelzucht im Verein, wobei er wiederholt darauf hinwieS, daß bte Be­strebungen ber einzelnen Sektionen, ben Bedarf an Zuchtge­flügel auf dem Lande aus den Vereinszuchtstationen zu be­ziehen, noch immer zu wenig beachtet würden. Die nächst- jähnge allgemeine Ausstellung findet in Ulrichstein statt. Zum Schluß der Versammlung gedachte Herr Seid- Belters­hain des schweren Verlustes, der unfern Großherzog betroffen, und die Anwesenden gaben ihrem Beileid in üblicher Weise Ausdruck.

H. Reichelsheim t. b. TV., 21. Rov. Bei ber am 21. bs. stattgehabten Beigeorbnetenwahl würbe ber seitherige Beigeordnete Hermann August Vogt mit 85 gegen 68 Stimmen wiedergewähtt.

w. Rob heim a. b. Bieber, 21. Rov. In ber von hiesigen Handwerkern vom Baufach für den vergangenen Sonntag bei Gastwirt K. Schlierbach einberufenen Hand - werkeroersammlung wurde in erster Linie die Gründung eines Handwerkervereins beschlosien. Trotz der ungünftigen Witterung hatten sich aus den Gemeinden des Biebertales und vom Dünsberg zahlreiche Freunde vom Baufach ein­gefunden. Es war auf besondere Einladung ein technisch vor­gebildeter Fachmann aus Gießen erschienen, welcher in be- reitroiUiger Weise bie erforderlichen Anleitungen zur Gründung einer gewerblichen Zeichenschule gab. Aus ber Mitte ber Versammlung erklärten sofort 22 der Anwesenden ihren Bei­tritt. Der Zeichenunterricht wird allsonntäglich von einem geübten Fachmann erteilt und der jährliche Beitrag für bie Söhne von Mttgliebern des Handwerkervereins ist auf 15 Mark und für alle anderen Besucher der Zeichenschule auf jährlich 18 Mark festgesetzt.

Worms, 21. Roo. Gegen eine 16 Jahre alte Lad­nerin von hier wurde Untersuchung eingeleitet, weil sie seit längerer Zeit aus dem Geschäfte, in welchem sie tätig ist, fortgesetzt Warenentwendet hat. Eine größere Partie solcher Waren für etwa 60 Mark wurde im Besitze eines Tünchergesellen, bei welchem bie Täterin wohnt, vor­gefunden. Tiefem wird zur Last gelegt, das Mädchen zum Stehlen verleitet zu haben. Gestern abend gegen 9 Uhr wurde im hiesigen Bahnhof der im Stadteil Worms - Neu­hausen wohnende verheiratete 30 Jahre alte Rangierer Wilhelm Diehm aus Bensheim überfahren und sofort ge­lötet: Diehm hatte den Zug auf dem Trittbrett des Ten­ders stehend begleitet Beim Passieren einer Weiche ent­gleiste die Maschine, sowie Wagen und stürzte Diehm wahr­lich infolge beS badurch entstandenen heftigen Ruckes ab auf bas Gelelfe, worauf bte Maschine über ihn hinwegfuhr.

** Frankfun a. M., 21. Nov. In einem Hotel am Haupt bahn Hof schoß s i ch nach bemFrkf. Gen.-Anz." ber Reisende Hugo Reiß aus Gießen mit einem Revolver

eine Kugel in die rechte Schläfe. Die Kugel drang inS Ge­hirn und der Verletzte starb eine halbe Stunde nach seiner Einlieferung in das städtische Krankenhaus. Reiß wohnte seit sechs Tagen in dem betreffenden Hotel. Das Motiv der Tat ist unbekannt.

Wiesbaden, 21. Nov. Im Beisein der Prin­zessin Friedrich Karl von Hessen als Chef des Füsilierregiments von Gersdorff (kurhessisches Nr. 80) fand heute, am Geburtstage des früheren Chefs des Regi­ments, der Kaiserin Friedrich, die feierliche Vereidigung der Rekruten ber hiesigen Garnison statt. Gegen 11 Uhr fuhr die Prinzessin über Frankfurt nach Homburg, um dort der Vereidigung der Rekruten des 3. Bataillons ebenfalls beizuwohnen.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der frühere Bürgermeister von Fauer­bach, Helfrich, wurde am Samstag 90 Jahre alt. In Bad Ems wurden bei Neufassungen der früheren König- Wilhelm-Felsenquelle durch einen Bergrutsch zwei Arbeiter verschüttet. Die Rettungsarbeiten mußten wegen ber Gefahr weiterer Abstürze vorläufig unterbleiben. In Fulda wurde das mit Staatshilfe errichtete Kornhaus, das sechste in Kurhessen, eingeweiht.____________________________________

Unwetter.

** Gießen, 23. Nov.

Ter Mnter hat sich, bei uns angemeldet. In der Nachr vom Samstag herrschte hier ein Sturmwind mit Regen­schauern, der an Obstbäumen und Dächern und auf dem Bahnhof an den elektrischen Lampen Schaden anrichtete. Die Höhen des VogelsbergcS, Westerwalds und der Lahn­berge -eigen schon seit einigen Tagen ein weißes Kleid. Von mehreren hessischen Städten, Mainz, Offenbach, Darmstadt il a. wird der erste Schnee gemeldet, der indessen nidft liegen blieb. Im oberen Vogelsberg herrschte, wie man uns schreibt, ein ganz greuliches Wetter; graue, schiwere Regenwolken wechselten säst beständig mit kaltem, nassem Regen ab, wodurch das Fortkommen auf den Wegen furchibar erschwert wurde. Dcwei blies ein sturmartiger Wind, der verschiedene Dächer abdeckte, in Ulrichstein die Jahrhunderte alte Buche unter dem Friedhöfe entwur- zette und acht der stattlichsten Rottannen an der Ohmstraße, wie schwache Stäbe brach In der Umgegend von Mrichstein soll der Sturm ähnlich gehaust haben. In Frank­furt a. M. tobte am Samstag abend ein furchibares Un­wetter. Unter Blitz und Donner heulte ein wahrer Orkan, der in der Stadt an Dächern und Fenstern, Telephon und Telegraph große Verwüstungen anrichtete. So wurde eine mächtige Platane entwurzelt, am Roßmarkt im HauseGol­dene Kette" wurde eine fünf Döeter breite Erker scheibe ein­gedrückt. Im Hintergarten des Hauses Hermannstraße 18 fiel eine neue, 16 Meter lange und 1,80 Meter hohe Garten­mauer unter der Wuchst des Sturmes glatt um. Eine ge­räumige Halle auf der Eckenheimer Landstraße, dem Stein­metz Wagner gehörig, wurde umgeb la) en wie ein Karten­haus.

Im ganzen Reiche hat der Sturm geherrscht, besonders in Norddeutschand und Westdeutschland. Der Lelegraphen- oerkehr wurde größtentetts unterbrochen. Insbesondere konnten die Verbindungen von Berlin nach England, Hol­land, Belgien, Frankreich der Schwei- und Italien nur auf Umwegen hergestellt werden. Infolge des bei Emden herrschenden heftigen Sturmes ist bei Oldersum der Schlepp­dampferSophie Wessel" gekentert. Der Heizer Pillnay ist ertrunken. Die übrige Besatzung wurde gerettet Gestern abend kenterten auf der Ems mehrere Leichter. Ob ein Verlust an Menschenleben zu beklagen ist, ist noch im­bekannt Infolge des Orkans ist der englische Dampfer Twizell" bei Cuxhaven gestrandet .Die Mannschaft konnte sich retten, doch ist der Dampfer verloren. In Chemnitz wurde das vierstöckige Baugerüst eines Neu­baues von einem orkanartigen Sturm umgerissen. Eine im selben Augenblick jene Stelle passierende Frau wurde durch herabfallende Balken schwer verletzt In Kassel schlug der Blitz in die Kontrollstation der Feuerwehr und zerstörte die Isolatoren. Ein anderer Blitzstrahl schilug in die Leitung der Straßenbahn und zertrümmerte einen Wagen. Ein dritter zündete ein Haus an. In Köln sind neun Schornsteine der städtischen Gasanstatt umgestürzt Die Feuer mußt em gelöscht werden. Ein Mann wurde verletzt

Vermischtes.

* Dortmund, 22. Nov. Durch den Einsturz einer Decke im Neubau eines Varißt^thectterS wurde ein Arbeiter getötet, ein anderer verletzt

P a l ö z i e u x, 21. Nov. Der Expreßzug Bern- Genf ist heute abend um 6 Uhr zwischen Freiburg und Lausanne bei der Station Palözieux auf eine aus unbekannter Ursache auf dem Gleis stehende Lokomotive gestoßen. Zwei Wagen wurden zertrümmert, eine Lokomotive ist ent­gleist Sechs Personen wurden getötet, zahlreiche verwundet. Umgekommen sind zwei Kinder einer russischen Familie mit ihrer Gouvernante, drei aus der Schweiz ge­bürtige Personen. Unter den Verletzten befinden sich der Großvater der umgekommenen Kinder, ferner 2 schweizerische Offiziere und ein Lic. jur. du Eommun aus Freiburg (Schweiz). Ein Heizer erlitt Quetschungen. Ein deutscher Reisender, sowie ein schweizerischer Offizier, die sich in dem zertrümmerten Wagen befanden, retteten sich durchs Fenster.

Wien, 21. Nov. Auf den hiesigen Militärschieß­ständen wurde heute der Jnfanterieleutnant Koermandy beim Prüfen der Gewehre durch eine in einem Gewehr zurückge­bliebene Patrone, welche losging, am rechten Handgelenk schwer verletzt.

* New-Pork, 21. Nov. Letzte Nacht kamen bei einem Brande eines großen Arbeiterschuppens der Pennsyl­vaniabahn in Lilly 3 5 bei den Gleisbauten beschäftigte italienischeArbeiterumsLeben. Der Schuppen, in dem 125 Arbeiter Unterkunft hatten, besaß nur einen einzigen Ausgang. Er war in wenig Minuten ein Raub der Flammen. 32 Arbeiter erlitten mehr ober minder schwere Brandwunden. In der Steinkohlengrube in Connelwille (Pennsylvania) ereignete sich eine Explosion, wobei es 15 Tote und 4 Verletzte gab.

* Der 17jährige Scklas der Ges in e Meyet in Grambke bei Bremen hat, wie jetzt aufs neue kon­statiert wird, der Schläferin nicht die mindesten Nachteile gebracht. Gesine Meyer ist, seitdem sie bei dem Feuer- lärrn und dem Geläute der Glocken erwachte, bei völlig klarem Bewußtsein, als ob sie wie andere Menschen am