Ausgabe 
23.1.1903 Zweites Blatt
 
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Der Philantrop

im Dienste des öffentlichen Wohles.

Salomon Loeb in New-York, ein geborener Wormser, hat zum ehrenden Andenken an seine verstorbenen Eltern der israelitischen Gemeinde zu Worms 26 000 Mk. gespendet, deren Zinsen alljährlich für wohltätige und gemeinnützige Zwecke verwendet werden sollen.

rung des geheimen direkten Wahlrechts auf der TageSord- Nung, der eine lange angeregte Debatte zeitigte. Der Antrag lautet, zu beschließen: Die Staatsregierung wird ersucht, dem gegenwärtig tagenden Landtage eine Vorlage über Aende- rung deS Wahlgesetzes vom 21. Juli 1868 zu unterbreiten, dahingehend, daß 1. an Stelle des bestehenden geheimen indirekten Wahlrechts das geheime direkte Wahlrecht ein­geführt werde und 2. die Wahlkreise im Großherzogtum Oldenburg entsprechend der jetzigen Einteilung der Aemter geändert werden. In namentlicher Abstimmung wurde schließ­lich der Antrag der Mehrheit deS VerwaltungsausschuffeS, den selbständigen Antrag Ahlhorn abzulehnen, mit 20 gegen IS Stimmen abgelehnt, und der Antrag der Minderheit des AuSschuffes, den Antrag Ahlhorn unter Streichung der Ziffer 2 der StaatSregienmg zur Berücksichtigung zu überweisen, mit 20 gegen 19 Stimmen angenommen. Ein Antrag Feld- hus, der so viele Wahlbezirke forderte, als Abgeordnete dem Landtage angehören, wurde mit 22 gegen 17 Stimmen an­genommen. Die Negierung hatte im Ausschuß eine Aeußerung zu dem Antrag Ahlhorn abgelehnt und sich im Plenum ebenfalls stillschweigend verhalten. Von sozialdemokratischer Seite wurde dies gerügt.

Oldenburg ist oft der am liberalsten regierte deutsche Staat genannt worden. Hätte unsere hessische Hammer be­reits im vorigen Jahre den Jnitialiv-Antrag unserer Regierung auf Einführung des direkten Wahlrechts ver­ständnisvoller auf- und angefaßt, dann wären wir nicht von Oldenburg überflügelt worden. Jedenfalls aber zeigte die vorjährige Regierungsvorlage, daß die Regierung unseres Landes an Liberalität die des norddeutschen Großhcrzogtums um ein wesentliches übertrifft.

zur Herstellung des neu nt erbauend« GchuksaaleS soll bet Unterricht für die 8. Klasse in einem dazu gemieteten Saale erteilt werden. Mit dem Holzmacher» ist man in den hiesigen Gemeindewaldungen so ziemlich fertig. Leider ist noch in den letzt« Tagen bei dieser Arbeit ein UnglückS- sall passiert. Ein jugendlicher Holzhauer wurde von einer fallenden Fichte getroffen und erheblich verletzt. Unser seitheriger Pfarrer JakobowSki wurde von hier nach Langenhain im Dekanat Friedberg versetzt. Er wirkte ungefähr 20 Jahre an der hiesigen Pfarrstelle und hat sich in unserer Gemeinde sowie in den fünf Filialdörfern so großes Zutrauen erworben, daß fein Weggang von hi« all- gemein bedauert wird.

I- Marburg, 22. Jan. In der heutigen Sitzung deS Gartenbauvereins wurde beschlossen, die anläßlich deS 26jäh- ngen Stiftungsfestes deS Vereins stattsindende große Obst-, Gemüse- und Blumen-Aus stellung un September im Museumssaale abzuhalten.

)( D a r m st a d t, 22. Jan. Das Natura lisations- gesucy des Hofkapellmeisters Willem de Haan ist in zu­sagendem Sinne erledigt worden. Unserer Feuerwehr wurde mit Rücksicht auf die außerordentliche und bewun­dernswerte Schnelligkeit, mit der sie dieser Tage bei dem auf dem Matildenplatz ausgedrochenen Maarsarden brand zur Stelle war und in Anerkennung der Sachkenntnis, mit der das Feuer alsbald in Angriff genommen und bewältigt worden war, von dem Hausbesitzer sowohl wie von un­beteiligter dritter Seite, die das prompte Funktionieren der Einrichtung mit Staunen beobachtete, außer namhaften Geldbeträgen sehr anerkennenswerte Dankesschreiben zuteil. In gleicher Weise hat sich ein anderer hiesiger Hausbesitzer in der Wilhelminenstraße für einen sehr rasch gelöschten Kaminbrand, der bedenkliche Folgen hätte haben können, er­kenntlich gezeigt.

ko. Aus dem Odenwald, 22. Jan. Die wegen ihrer glanzvollen inneren Einrichtung weitberühmte fürstliche Schl- kirche in Amorbach soll jetzt freigelegt werden, um sie auch äußerlich zur Geltung kommen zu lassen. Fürst Ernst zu Leiningen taufte das an die Kirche angebaute Gasthaus zumAdler* für 30000 Mk. und bestimmte eS zum Ab- bruch. Auf dem Platze sollen noch in diesem Jahre gärt­nerische Anlagen erstehen.

ko. Frankfurt a. M., 22. Jan. Die 28jährige Auguste Breu führte früher einem Herrn im Hause Oeder Weg 63 den Haushalt. Sie war arg verliebt in ihren Her«. Es mag auch wohl an Gegenliebe nicht gefehlt haben, biö eines Tags ihre jüngere Schwester auf Besuch mS Haus kam und siegte. DerHerr" entließ die Aeltere deS Schwesternpaares unter einem nichtigen Vorwande und behielt die Jüngere. Von der Stunde an nagten Eifersucht und Haß an Augustens Herz, die ihr gestern abend den Revolver tn die Hand drückten. Gegen 6 Uhr erschien sie im Hause ihres früheren Herrn und gab auf ihre Schwester 6 Schüsse ab, die mei­stens an Korsettstäben abprallten oder abgeschwächt wurden. Ein Schuß drang in die Brust, zwei in den Rücken. Die Schüsse verursachten aber nur Fletschwunden. Die Täterin wurde verhaftet. Der Zugführer Fink wurde verhaftet, weil er in Gemeinschaft mit zwei Schaffnern fortgesetzt auS den von ihm geführten Güterzügen größere Posten Zigarren und Wein gestohlen hat. Die beiden Schaffner wurden auf freiem Fuße gelaßen, jedoch vom Dienste enthoben. Hier erhängte sich der aus Sprendlingen gebürtige 62- jährige Agent Abraham Goldschmidt, nachdem er sich kurz vorher in scherzhafter Weise mit einem Nachbar über die geeignetste Art, sich das Leben zu nehmen, unterhalten hatte.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Schwalheim geriet der Knecht des Landwirts M. I. beim Mistfahren unter den Wagen und wurde überfahren. Die Verletzungen sind so schiver, daß der Verunglückte' ms HoSpital gebracht werden mußte. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung zu Worms widmete Oberbürgermeister Köhler dem Kom­merzienrat Werg er aus Anlaß seiner 26jährigen Zu­gehörigkeit zur Stadtverordneten-Versammlung warme Worte des Dankes und der Anerkennung für sein ersprießliches Wirken

Der Fall Löhning.

Ein Berliner Mitarbeiter schreibt uns unterm 82. Januar:

Ter gemaßregelte Provinzialsteuerdirektor Löhning wiederholt soeben in einer an die .Nationalztg.* gerichteten Zuschrift, daß ein Kommiffar des preußischen Finanzministers Frhrn. v. Rheinbaben ihm, Löhning, gesagt habe, der Minister sei über die Verlobung (mit der Tochter eines Subalternbeamten) erzürnt und wolle die Nachsuchung der Pensionierung. Der Kommiffar ist aber nicht der Minister. Der Fall ist doch auch denkbar, daß es sich um die lieber» schreitung eines Auftrags gehandelt hat. Frhr. v. Rhein­baben erklärte deutlich un preußischen Abgeordnetenhaus, daß die Verlobung Löhnings nicht in Betracht gezogen sei, sondern die politische Haltung deö Beamten, der sich zu­gegebenermaßen in Widerspruch gesetzt hat zur Polenpolitik. Es ist danach, trotz deS unentwegten Flüchtlingsaufenthalts Löhning? in der Oeffentlichkeit nicht anzunehmen, daß die preußische Regierung sich zu weiteren Erwiderungen provozieren läßt.

kusslon wurde zunächst betont, datz die freisinnige Volkspartei, wenn selbst Eugen Richter in Beurteilung der Obstruktion einen taktischen Fehler begangen hatte, darum nicht bekämpft, sondern als wichtiger Bundes­genosse anerkannt werden müsse. Vom sozialdemokra- tischen Standpunkt auS erklärte sich Redakteur Vetters mit dem Referenten bezüglich des Zolltarifs und des not- wendigen Zusammengehens aller Zollgegner in der Stiche wähl einverstanden, hob jedoch die TifferenKen in Bezug auf Heer, Flotte und Machtsragen nachdrücklich hervor. Ihm gegenüber wurden von mehreren Seiten die Vorzüge eines stehenden Heeres vor der Miliz und die Notwendigkeit einer Flotte betont, und die Ansicht des Herrn Vetters, daß alle Kriege aus dynastischen Interessen entsprängen, durch Bei­spiele der Geschichte zu widerlegen versucht. Tas Resultat der Debatte faßte der Referent am Schluß dahin zusammen, daß die schwerwiegenden Streitpunkte zwischen Sozialdemo-' kratie und Nationalsozialen nicht verschleiert werden sollten, nur zurückgestellt, angesichts der zwingenden Not des Augen­blicks, die Freiheit, das Glück und die Zukunft unseres Volkes zu verteidigen.

** Die g roße Kanarienvögel-Ausstellung im Einhorn-Hotel, welche heute vormittag eröffnet wurde, erfreute sich tagsüber eines recht regen Besuchs. Tie Preis­richter Rentier Sch w ei g h a r d t-,Frankfurt a. M. und Agent Siegel-Gießen walteten am Vormittag ihres schweren Amtes, um von den vielen zur Ausstellung ge­kommenen vorzüglichen Kon kur r cnz-»Sängern das Beste herauszusuchen. Beide Herren erklären einstimmig, daß die Mitglieder deö Gießener Vereins Kanaria, welche die Aus­stellung mit ihren Sängern beschickt buben, in der Zucht was gesangliche Leistungen anbetrifft gegen das Vor­jahr bedeutende Fortschritte gemacht haben. Tie Ausstellung ist in zwei getrennten Räumen untergebracht und fthr nett arrangiert Man hat die zur Verlosung kommenden Ge­winne besonders ausgestellt; unter anderen hübschen Dingen befindet sich als 1. Hauptgewinn ein schmiedeeiserner Ständer mit Salonkäfig, in dem ein Kanarienhahn sein Liedchen singt

** Die Gießener Ruder-Gesellschaft veranstaltet morgen im Cafe Ebel einen Herren-Abend mit Festesten, worauf auch an dieser Stelle hingewiesen sei. Die Festlich­keiten der Gesellschaft erfreuen sich ja stets eines schönen Ver­laufes; auch diesmal darf Besonderes erwartet werden. Ver­schiedene erprobte Kräfte werden Darbietungen ä la lieber- brettl zu Gehör bringen. Der Schlager des Abends dürfte die Aufführung eines berühmten Theaterstücks werden. In Deutschland wurde letzteres bis jetzt nur in München auf­geführt

Frankreich in Gießen. Von hochgeschätzter Seite wird uns ein Schreiben eines hiesigen neubegründeten Ge­schäftes übersandt, das im höchsten Grade unsere Ver- wunderung erregt. Tie Firma macht in diesem höflichen und korrekten Schreiben auf ihre Waren aufmerksam, und es wäre nicht das geringste dagegen einzuwenden, wenn es nicht man möchte es kaum glauben statt in deutscher, in fran­zösischer Sprache abgefaßt wäre! Also die Herren Be­sitzer scheinen sonderbarerweise vorauSzusetzen, daß man ihre Waren hier am Orte höher schützen werde, wenn eine fremde Zunge für sie redet! TaS begreife, wer kann! Sollte eS der Firma nicht bekannt fern, daß wir die einst in deutschen Landen so grenzenlose Hochachtung vor allem Fremden und fteoelhafte Mißachtung alles Heimatlichen Gott sei Dank längst so gründlich überwunden haben, daß em Rückschlag heute nicht mehr zu befürchten ist? Sollte es ihr noch nie aus­gefallen sein, daß man allenthalben in deutschen Landen heute sogar ein besonderes Mißtrauen gerade allem unter aus­ländischer Flagge Segelnden entgegenbringt, weil man recht gut weiß, daß das Fremde zumeist nicht sowohl bester, als viel­mehr erheblich schlechter zu fern pflegt als das Einheimische? Jedenfalls wird die Firma, deren Warnen wir nicht nennen wollen, da ihre Waren nach unseren Erkundigungen that- sächlich gut und preiswert fein sollen, recht bald erfahren, daß mit dieser offen zur Schau getragenen Auöländerei hier kein gutes Geschäft zu machen ist. Davon legt ja schon die uns zugegangene Eikiseudung Zeugnis ab. Tas Schreiben scheint uns, wenn wir uns auf Handschriften recht verstehen, von einem Franzosen, ober, wahrscheinlicher noch, von einer Fran­zösin geschrieben zu fein. DaS würde die Sprache des Schreibens in gewisser Weise entschuldigen, denn gegen die Anstellung ausländischen Personals in unseren Comptoirs ist wahrhaftig ebenso wenig einzuwenden, rote gegen den Trieb unserer jungen Kaufleute, im AuSlande Stellung zu finden zur Er­weiterung ihres geschäftlichen und geistigen Horizontes. Trotz­dem aber hätte der Chef der Firma, die einen gut deutsch klingenden Namen trägt, im eigenen Interesse der günstigen Einführung seines Geschäfts am hiesigen Orte wahrlich nicht nur vaterländischer, sondern auch klüger getan, für seine Offertenbriefe die schöne Sprache unseres Landes zu wählen.

** Eine Reform im Speisewagenbetriebe wird am 1. Mai d. Js. in Wirksamkeit treten. Bekanntlich war es bisher den Eisenbahnreisenden dritter Klaffe im allge­meinen nur gegen Nachzahlung deS Betrages für ein Billet vierter Klaffe für die von ihm im Speisewagen zurückgelegte Strecke gestattet, den Speisewagen zu benutzen, so daß sie dies in Verbindung mit den ohnehin schon recht hohen Speisepreisen in den Restaurationswagen abhalten mußte, sich dort zu beföftigen. Dies soll nun vom 1. Mai ab insofern anders werden, als von diesem Zeitpunkte ab die Reisenden dritter Klaffe an den gemeinsamen Mahlzeiten im Speise­wagen ohne Nachzahlung des Preisunterschiedes teilnehmen dürfen. Nur in den Fällen, wo der Reisende über eine be­stimmte Zeit hinaus im Wagen verbleibt, sollen die Zug­führer Nachzahlung verlangen, und bann allerdings für die ganze im Speisewagen zurückgelegte Strecke. Die Neuerung wird vor allem von denjenigen Reisenden begrüßt werden, die sich der nach dem Osten, dem Westen und dem Süb- roeften laufenden D-Züge mit dritter Klaffe und Speise- roagenbetrieb bedienen und vom frühen bis späten Abend im Zuge zu sitzen gezwungen sind. Falls sich die Reform be­währt und sich keine Unzuträglichkeiten daraus für den Ge­samtbetrieb ergeben, sollen späterhin die Speisewagen allen - Reisenden ohne Unterschied freigegeben werden, und bann erst , wird sich voraussichtlich der Speisewagenbetrieb verbilligen ' und trotzdem zu einem für die Unternehmer lohnenden ge- ! statten. <

k- Fr eien-S tei nau, 22. Januar. Die zweiklassige ; Schule hier soll wegen Uebersüllung mit Beginn deS neuen Schuljahres in eint dreiklafsige umgewandett werbe«, öil

Aum Keraer AerzteüreiL.

Ter Vorstand der Texttl-EctrttbS K'rank.nkasse in Gera, Fabrikant Arno Luboldt, sendet uns folgende Zujchrtft: Von Mai 1902 bis November vereinbarte eine Kom­mission einen Vertragsentwurf zivischen itajfe und Aerzttn. AuS dem alten Vertrag wurde eine Bestimmung entfernt, die den Aerzten einen Einfluß auf die Neuaufteilung von Aerzten eingeräumt hatte. Am 10. Dcz. 1902 wurde der neue Vertrag unter schrieb en. Ter § 7 dieses Vertrags lautet: 2er Vorstand der Texttl-Vetriebs-Ärank ntasse behält fiu) ausdrücklich daS Recht der freien Aerztcwahl und die An­stellung neuer Kassenärzte zum Cuartateoiguut vor."

Am 5. April 1902 hatte die Generalversammlung bereit- den Vorstand beauftragt, den praktischen Arzt iuio Hndro- therapeuten Tr. mcb. Engelmann, Assistenzarzt der Reserve, der dem Geraer Aerztcvcrein nich^ angehört, bei Abschluß eines neuen Vertrages anzustellen. Am 10. Tezcmber wurde der Vertrag mit den jetzt streikenden Aerzen und am 22. Tezember der mit Tr. Engelmann abgejchlosjen. Tie sämtlichen bei her Kasse angestellten Aerzte hatten rund 34 600 Mk. für rund 9000 Mitglieder unter sich zu teilen. Tie Aerztekommisswn protestierte sofort gegen die Beteili­gung des Tr. Engelmann an diesem Pauschale, der Vor­land bestand auf Grund der klaren Bestimmungen des! ; 7 auf seinem Vertragsrecht. Hierauf pellten -war die Aer-te einen Teil ihres Pauschale? yur Bezahlung des Tr. Engelmann dem Vorstand zur Verfügung, knüpften aber daran ebne Bedingung, die eine Abänderung deS § < deS Vertrags bedeutete, laut der hie Achsenärzte für j ^ch daS Recht beanspruchten, darüber zu bestimmen, ob ein surftafie zugelassener Arzt wissenschaftlich und standeSbegrifslich aua- lifiziert sei, mit ihnen aus dem Pauschale bezahtt zu werden. Sie beantragten damit einen völlig neuen Vertrag und wur> den deshalb auf das ihnen zustehende Kündigungsrecht ver­wiesen. Statt aber >u kündigen, erklärten sie am 3, Januar abend- 10 Uhr:

Aus Stadl uni) feaiiü.

G ießen, 23. Januar 1903.

** Parlamentarisches. Unser Darmstüdter Nedaktionsbureau meldet: Der Finanzausschuß der 2. Kammer, der feit Mittwoch zur Beratung des Haushalts- etatS versammelt ist, Hütt beute seine letzte Ätzung ab, in Iber u. a. auch mehrere kostspielige Neubauten #ui Sprache kommen werden. Mitte nächster Woche versammelt sich sodann in Darmstadt der Finanzausschuß der 1. Kammer zur Prüfung des Etats, und am Freitag, den 30. d. M., ftndet eine gemeinsame Sitzung der Finanzausschüsse der beiden Kammer statt zur endgilttgen Genehmigung des Etats. Ter Land tag tritt in der ersten Woche des Februar zur Etatsberatung Zusammen.

LU. Die LandeSuniversität wird den 100. Ge­burtstag von JustuS v. Liebig am 12. Mai festlich be­gehen. Die Art der geplanten Feier unterliegt noch der weiteren Beschlußfaffung.

** Zur Wiederbesetzung werben ausgeschrieben: die vierte evangelische Pfarrstelle an der unierten Gemeinbe Offenbach unb bie evangel. Pfarrstelle zu Romrob.

** Vom Vorstande des Theatervereins wirb unS mitgeteilt, ,baß bteLokalbahn- nicht allein vom Münchener Hoftheater, sondern auch von den Hofbühnen in Stuttgart, wo Herr Krause bie Rolle deS Bürgermeisters kreirte, unb Karlsruhe, sowie von einer Anzahl sübbeulscher Stabttheater, rote Straßburg, zur Aufführung gebracht würbe, unb baß sie, rote Herr Krause erzählte, sich kürzlich auch eine Anzahl norbbeutscher Bühnen eroberte.- Durch diese Zu­schrift wirb also bie von uns ausgesprochene Vermutung, daß Gießen nächst München der erste Ort war, der eine zweifellos binnen Kurzem im ganzen Reiche als Kassenstück sich er­weisende Bühnenneuheit zur Aufführung gebracht hat, zu Nichte gemacht.

** In einer Versammlung der hiesigen Ortsgruppe des Nativ nalf ozialen Vereins sprach am 21. d. M. Tr. Vv gt über die gegenwärtige poli^ ttsche Lage. Tas CharaLeriftikum der Situation fei, so führte der Redner nach dem uns vorliegenden Referat ans, oaß das Zentrum, ein ft in Opposition stehend, völlig zur Regierungspartei geworben. Tie Nationalliberalen leisteten, ihre Dergangenhett vergessend, den allen Feinden Vorspann-, dienste. Tie so zu stände gekommene reaftionäre Mehrheit habe durch Gewaltstreiche den Zolltarif der wirklichen Mehrheit des Volkes gegenüber durchgefetzt. 5M)ere Lebens- tnittegreife ständen drohend bevor; das besage nach Aus­weis der Statistik: mehr Krankheit, mehr Verbrechen, wach­sendes Elend und Not der Massen. Und um diesen Dreis werde doch der Landwirtschaft nicht gedient ihr könne, soweit sie notleidend sei, durcy Zölle dauernd nicht geholfen werden, sondern es werde nur den augenblicklichen Be­sitzern ländlichen Grund und Bodenö bis zum nächsten Besitz- Wechsel ein Geschenk gemacht, ausgebracht durch eine Kopf­steuer, die die Armen und Kinderreichen am härtesten trejfe. Insonderheit die höheren Getreidezölle kämen nicht der Masse der kleinen Bauern^ sondern nur den etwa 800 000 Inhabern ländlicher Betriebe zu gut, die Getreide über den eigenen Bedarf hinaus verkaufen. Im Kampf für den Zoll habe die Reoktton bewiesen, daß ihr jedes Mittel zur Erreichung ihrer Ziele recht sei. Tas neuerliche Verhallen des Ne ich stagspr äs identen lasse erkennen, welche Gefahren dem Recht und der Freiheit des Volks und feiner Vertretung drohen. Es feiPflicht aller Parteien der Linken, sich im Sinne des Mommsen'schen Ausrufs huf amm enzufinden im Kamps wider die übermäch­tige und übermütige agrarische Reaktion". In der Tis-