Ausgabe 
21.12.1903 Zweites Blatt
 
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pfanminigcn über Sonntag 5 r u f) e itnb 9tnd^tdrbcit nur aus Dampfmühlen, nicht aber auf Mühlen, die durch un­regelmäßige Wasserkraft betrieben werden und drei oder veniger Arbeiter beschäftigen, zur Anwendung kommen.

Abg. Weidner fragt an, warum: 1. die Kosten für tierärztliche Ueberwachung der Viehmärkte, die lediglich, oder doch vornehmlich im Interesse einer Viehzucht treibenden Gegend Hessens abgehalten werden, entgegen den Beschlüssen der beiden Ständekammern, nach wie vor zum größten Teil von den resp. Gemeinden getragen werden müssen; 2. diese Kosten den Rahmen der den überwachenden Tierärzten für Staatsgeschäfte zugesicherten Diätensätze über- ischreiten.

Politische Tagesschau.

Ein parlamentarischer Abend in München.

Beim bayerischen Ministerpräsidenten Frhrn. v. P o d e- w>'ils hat dieser Tage ein parlamentarischer Abend statt- Hefunden, der erste, den man in München erlebt hat. Zn den parlamentarischen Abenden beim Reichskanzler sind bekanntlich bloß die Reichstagsmitglieder geladen, die vorher ihre Karten abgegeben hatten. Dementsprechend hat niemals >ein Sozialdemokrat an den parlamentarischen Abende:: in Berlin teilgenommen. Anders, wie männiglich bekannt, in Da rmstadt und anders auch in München. Da die baye- Lischen Abgeordneten, Ausnahmen abgerechnet, ihre Karten in München nicht beim Ministerprä)identen abgaben, ist die Absicht, das Berliner Vorbild nachFuahmen, fiüher nie- Müs zur Ausführung gelangt. Herr v. Podewils scheint sich über diese Formfrage hinweg gesetzt zu haben, und das be- immckenswerte Bild, daß Angehörige aller Parteien, Einschließlich der Sozialdemokraten, die ele­ganten Räume des in seinem Aeußern nicht gerade hervor­ragenden Ministerialgebäudes am Promenadenplatz zu «München füllten, hat ihm recht gegeben Gin derartig an­regender und ungezwungener persönlicher Verkehr kann, Ä> gibt jetzt auch bte ,Löln. Ztg." zu, nicht verfehlen, den Menschen dem Menschen, gleichviel, ob er Liberaler, Sozialdemokrat oder Zentrums- lmann sei, näher zu bringen, und auf das Ver­hältnis der Parteien zu einander einen gün­stigen Einfluß auszuüben Obwohl, so fährt das genannte Blatt fort, bekanntlich in Darmstadt ein So­zialdemokrat sogar einmal zu Hose gegangen ist und mit dem Großherzvg ein sehr interessantes Gespräch geführt hat, (Tas stimmt nicht. Diesessehr interessante sGespräch" waren in Wahrheit Plaudereien von wenigen Minuten gelegentlich der beiden letzten vom Präsidenten der 2, Hess. Kammer Geheimrat Haas veranstalteten ,^parla­mentarischen Abende". D. Red. des Gieß. Anz.) haben sich die Sozialdemokraten im allgemeineu nirgendwo in Deutsch­land an parlamentarischen Wenden beteiligt. Bekannt ist nur, daß eine zeitlang in Dresden eine Alls nähme gemacht wurde .Tatsächlich waren außer dem wegen Krankheit an der Riviera weilenden Herrn v. Bo Ilmar und außer dem durch dringende Arbeiten jern gehalt en en Herrn Segitz alle Mitglieder der Fraktion anwesend. Die Herren dürsten den -Eindruck mit nach Hause genommen Haden, daß, wenn in solche liebenswürdiger Weise die Honneurs gemacht werden, wie dies seitens des Ministerpräsidenten und seiner Ge­mahlin geschah, Frack und Orden durchaus kein Hindernis der Behaglichkeit sind. Auch die übrigen Mitglieder beider Kammern waren, den schwer er tranken Präsidenten des Reichsrats Grasen v. Lerchenfeld abgerechnet, nahezu voll­zählig erschienen. Von sraktionsmäßiger Gruppierung konnte 'keine Rede sein, und die während der letzten Wochen aus- Vefochtenen parlamentarischen Kämpfe schienen für einige Stunden eitel Eintracht und harmonischen GedankenauS- ^tausch hinter lassen zu haben.

Parlamentarisches.

Im preuß. Landtage steht die Einbringung einer Novelle ßum Vereinsgesetz vom 11. März 1850 in Aussicht, durch welche die zurzeit bestehenden Beschränkungen der Frauen in der Teilnahme an politischen Vereinen und an den von solchen veranstalleten Versaminlungen in der Hauptsache beseitigt werden sollen.

Kirche und Schule.

Rom,19.Dez. Die Millionen-Affäre des Vati­kan gewinnt an Kuriosität. Die ernsten katholischen Blätter ^LAvenire undLa Difesa bestätigen, daß Kar­dinal Göttin dem Papst 3 4, nicht wie dieTribuna" sagte, 40 Millionen übergab.Giornale dltalia* er­klärt, autorisiert zu sein, alles zu dementieren, dieTribuna" hingegen hält die Meldungen aufrecht, höchstens modifiziert sie die Höhe der Summe, die Gotti brachte, und die in der Privat-Bibliothek gefunden wurde. Außerdem erzählt sie ebenso wieItalie allerlei Anekdoten über Leos Miß­trauen und Manie, Wertsachen in Geheimfächern zu verstecken. Was die wirkliche Wahrheit ist, läßt sich nicht heraussinden, da die offiziösen Blätter des Vatikans schweigen. Nur der Papst und sein Staatssekretär wißen vielleicht, über welche Reichtümer der Vatikan verfügt, aber sie werden wohl niemanden ins Vertrauen ziehen.

Aus SIM und KaM

Gießen, den 21. Dezember 1903.

** Falsches Gerücht. Ende der vorigen Woche ging bas Gerücht durch die Stadt, in der höheren und erweiterten Mädchenschule sei eine beträchtliche Anzahl von Schüle­rinnen an Scharlach erkrankt. Wirerfahren von zuständiger Seite, daß die Zahl der scharlachkranken Mädchen keineswegs größer ist als in früheren Jahren zu derselben Zeit. Scharlach gehört ja leider auch zu den Krankheiten, die in jedem Jahre auftreten; glücklicherweise aber sind seit langer Zeit, und auch in diesem Winter, an der oben genannten Schule die Erkrankungen aus wenige Fälle beschränkt geblieben.

** Vo r Weihnachten! Tas herrliche Ehristfest, v-ou welchem uns nur noch, wenige Tage trennen, wirst seinen Glanz bereits in die Herzen von jung und alt, groß unb klein. Kein Fest berührt das Denken und Fühlen der Menschen in dem Maße wie das Weihnachtssest. Kein Fest ist so geeignet, den Geist für inniges Familienleben und wahre Menschenfreundlichkeit so zu beleben, zu erstischen Und zu fräftigen, wie dieses, den Geist zu bilden, der die Grundlage gibt zur festgekitteten Organlsation des mensch^ sichen Zusammenlebens, sowie zum Wohlbefinden und zur Zufriedenheit des einzelnen, der Lum Weihnachjtsfeste von

Neuem auflebt im Jubel seiner Kinderschar! Wenn auch der ernste Familienvater nicht mit so leicht entzündbarem Kindesherzen in den Weihnachlsjubel ein zu stimm en ver­mag, so sind es doch gerade die F-amiliensteuden und Vorau die Weihnachtsfreuden mit ihrer halb kirchlichen halb familiären Stimmung^ die ihm die Schwere des oft rauhen Eidenlebens leichter und erträglicher machen, ihn wenigstens für vieles Trübe durch wahres Wohlggesühl entschädigen, und ihn geschickt machen, die Liebe, welche dieses Fest predigt, auch auf die außerfamiliären Verhält­nisse zu übertragen. Weihnachten ist das Fest der Lichter. Nach Licht strebt der Dtensch von Jugend auf. Viel muß in der jetzigen Zeit gelernt werden, damit es hell werde in Haus und Staat. Allein was bemerkt man? Tre Tunke 1- hett des Hasses und Streites beherrscht sehr ost die häus­lichen, ganz allgemein aber unsere wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Streit verdunkett! Tas konsequente voreingenommene Bestehen auf einem Standpunkte macht engherzig und kurzsichtig. 9tur das Streben nach Licht und Wahrheit führt zur wahren Erkenntnis. Nicht jeder kann ein lichthelles Weihnachten feiern. Das sind die Schattenseiten dieses Lichtersestes. Es bringt auch dre krassen Gegensätze vom Ueberfluß und Mangel zur An­schauung. Darum ist es aber gerade ein christliches Fest, daß es den lehren soll, dem der Güte Menge beschert ist, seine Hand aufzuten für die Armen, damit das Himmels- licht ihr Herz erleuchte mit der Erkenrttnis, daß Geben seliger ist als Nehmen!

§ Schotten, 19. Dez. In der letzten Nummer des Kreisblattes steht folgende komische Anzeige aus Kaulstos: Meine Frau ist mir verloren gegangen. Der redliche Finder wird gebeten, dieselbe zu be­halten."

H.S. Darmstadt, 15. Dez. Ter Vorstand des Hessi­schen Hauptvereins des Evangelischen Vmtdes hielt am 14. d. M. imBasler Hof" zu Frankfurt a. M. seine diesjährige Sitzung mit den Abgeordneten der Zweigvereine. Erschienen waren die Vertreter der Zweigvereine Alsfeld, Bensheim, Tarmstadt, Eichloch, Flonheim, Friedberg> Groß-Gerau, Groß-Umstadt, Grünberg, Heppenheim, Mainz, Michelstadt, 9hi>t)a, Offenbach, Ruppertsburg Selters, Ueberau, Wald- Michelbach, Winipfen uiid Worms. Ter Vorsitzende des Zweigvereins G.eßen, Herr Landgerichts rat Schmeckenbecher, war leider verhindert. Ter Hauptverem zählt zurzett in Starkenburg 4276, in Rheinhessen 2179, in Ob er Hessen 941 zahlende Mitglieder, wozu noch drei angeschlossene Ver­eine mit 577 Mitgliedern kommen. Nach eingehender Be­sprechung wurde d:e Grütidung eines offiziellen Organs des hessischen Hauptvereins beschlossen, das unter dem Titel hessische Dundesblätter" vom L Januar an monatlich ein- inal erscheinen soll. Es wird sich an das von Pfarrer Dr. Weitbrech-t geleitete Organ des Württembergischen Haupt­vereins anlehnen und von Herrn Pfarrer Berck in Wald- Michelbach redigiert werden. Aus Anlaß des erfolgten Zu­sammenschlusses der deutschen evangelischen Landeskirchen und der ersten Veröffentlichung des Teutjch-evangeliichen Kirchenausschusses wurde eine Tankeskundgebung an Groß- herzogliches^ O berko ns istorium beschlossen uiid die tatkräftige Förderung, deren sich die Bestrebungen des Hllfsausschusses zur Unterstützung der evangelischen Bewegung in Oester­reich bei unserer obersten KrrchenbeHörde stets zu erfreuen haben, ebenfalls mit gebührendem Tanke hervorgeyoben. Schließlich fand auf Antrag von Herrn Pfarrer Frusch von Ruppertsburg folgende Replution Annahme:Aus Anlaß des Falles Heckenroth erklären wir, um Mißverständnisse zu beseitigen, daß der Evangelische Bund politisch neutral Ist, also weder die liberalen, noch die konservativen Parteien als solche uitterstützt oder bekämpft. Er will- vielmehr alle wirklichen Freunde der evangellschen Kirche einen, damit sie gemeinsam ihre Feinde bekämpfen und die evangelische Kirche fördern."

Uermischles.

Berlin, 19. Dez. Wie demL. A." gemeldet wird, and heute Niorgen ein Pistolen du eil in der Jungfern­haide in der Nähe des Artillerie-Schießplatzes statt. Die Duellanten waren Dr. phil. B. und Dr. med. 9t Der erstere erhielt einen leichten Streifschuß an der linken Schulter, während Dr. R. einen Schlüjselbein-Arterien- Riß daoontrug.

* Hannover, 20. Dez. Der Geh. Kommerzienrat Georg Jänecke, Seniorchef der Firma Gebrüder Jänecke und Gebrüder Jänecke und Fr. Schneemann, Verleger des Hannoverschen Courier", ist heute Nacht nach längerem Leiden gestorben.

* Göttingen, 20. Dez. In Dahlenrode ist die Typhus-Epidemie von neuem ausgebrochen. Es sind bereits mehrere Personen der Krankheit zum Opfer gefallen.

* Breslau, 19. Dez. Vergangene Nacht wurde an der Prostituierten Anna Bartz ein Mordversuch verübt unter ähnlichen Umständen, unter denen kürzlich das Mädchen Weinland ermordet wurde. Der Täter wurde durch ein anderes heimkehrendes Mädchen gestört, welches seine Ver­haftung veranlaßte. Der Mörder ist ein 30 jähriger Mann namens Fehse, verheiratet und Vater eines Kindes. Er ver­suchte die Bartz zu erwürgen, diese konnte durch einen Arzt ms Leben zurückgerufen werden.

* Crimmitschau, 19. Dez. Gestern abend brach im Saale des deutschen Hauses, wo die inzwischen verbotenen Weihnachtsseierlichkeiten stattfinden sollten, das für die Gaben aufgebaute Gerüst zusammen, wodurch die im Saale arbei­tenden Personen zum Teil sehr schwer verletzt wurden.

* Chemnitz, 19. Dez. Nach dem Genüsse ge­wiegten Rindfleisches sind in den letzten Tagen hier etwa 50 Personen teilweise ernstlich erkrankt. An­scheinend war das Fleisch, das einem größeren Geschäfte ent­stammte, mit Arsenik vergiftet. Behördliche Unter­suchung ist eingeleitet.

Metz, 19. Dez. Heute mittag erschien ein gewisser Xaver Probst in der Wohnung der sich zur Zeit hier auf­haltenden 29jähcigen verheirateten Sängerin Viletil aus Wien und stellte an sie unsittliche Anträge. Die Sängerin floh, Probst eilte ihr nach und feuerte auf der Treppe zwei Revolverschüsse auf sie ab, durch die sie am Kopf schwer verletzt wurde. Hierauf tötete er sich selbst durch einen Schuß in den Mund.

* Paris, 20. Dez. Der bekannte Schriftsteller und Führer der Zionistenpartei Dr. Max Nord au, wohnte gestern einer Abendunterhaltung, welche die Zionisten ver­anstaltet hatten, bei, ftlö plötzlich einer der Anwesenden fün ,Revolverschüsse auf ihn abgab. Dr. Nordau wurde

von der einen Kugel nur leicht gestreift, wahrend die andere einen der Gäste namens Ossoweckski verletzte. Nach der Fest­nahme sagte der Täter, der sich Chaim Selig Luban nennt, aus, er sei russischer Revolutionär und durchs Los bestimmt worden, Nordau zu erschießen. Er habe Dr. Nordau deshalb täten wollen, weil er im Widerspruch zu dem ursprünglichen Programm der Zionijten auf dem Basler Kongreß für das Anerbieten Chamberlains betreffend die Gründung einer autonomen Judenkolonie in Englisch- Ostafrika eingetreten sei.

* Mailand, 20. Dez. Andauernde Regengüsse in den letztvergangenen Tagen haben in der Provinz Brescia starke Anschwellungen der Flüsse und Bäche zur Folge gehabt. Im Antrangi (?) Tale riß ein Bergsturz 65 000 cbm. Gesteinmasse fort, die den Malla-Fluß flaute. Man erwartet militärische Hilfe, um größerem Unglück vorzubeugen.

* Zürich, 19. Dez. Die Oberschwester Antonia Cruse von Braunschweig und der Assistenzart Dr. Mahler am hiesigen Kantonspital haben sich vergiftet.

* Verbrannt. Im Brüsseler Vororte Hal sind bei einer Feuersbrunst zwei Kinder einer Arbeiterfamilie erstickt. Aus Nashville (Nordamerika) wird gemeldet: Eine Feuersbrunst zerstörte das staatliche Zentralkollegium, worin Neger studierten. 4 Personen sind in den Flammen umgekommen, 30 wurden verletzt, davon 5 schwer. Außer einem Professor der Anstalt, sind sämtliche Verunglückte Neger. Die Feuersbrunst brach des Nachts aus, während die Schüler schliefen.

* Ein zweiter großer Kwilecki-Prozeß!? Der bekannte polnische Schlachtschitzenprozeß wegen Kindesunter, schiebung wird tief in den Schatten gestellt durch einen andern Fall in Ostpreußen, eine Kindesunterschiebung in großartigstem Stil. Angeklagt und verhaftet ist eine allenthalben in höchster Achtung stehende Dame von uraltem Adel und entzückender Schönheit. Man höre und staune: sie hat schon 200 fremde Kinder ärmster Eltern im Alter von 2 bis 18 Jahren unter­schoben, gibt sie für ihre eigenen aus und pflegt sie mit zärt­lichster Liebe! Die Dame heißtCaritas, auchBarm­herzigkeit" oderbarmherzige Liebe"; ihr Gatte, em Herr vonJammer" sieht sehr häßlich aus und vagabundiert zerlumpt durch die ganze Welt. Die ungeheuerliche Kinder­unterschiebung hat zu Angerburg in Ostpreußen stattgefunden. Frau von Caritas ist nämlich in die elendesten Kinder, die verkrüppelten, verkrümmten, gelähmten, mit eiternden Geschwüren bedeckten, idiotischen, blinden und tauben Kleinen geradezu vernarrt, hat sich diese Wesen nicht etwa mit Hilfe von polnischen schon verstorbenen Hebammen, sondern von noch lebenden Geistlichen und andern mitleidigen Menschen aus allen Teilen Deutschlands verschafft, mehrere große Häuser gebaut, die sieKinderkrüppelheim" nennt, baut jetzt noch im Winter, um für ihre weitere Kinderunterschiebung Platz zu haben und behauptet dreist, alle diese Kinder unter Schmer­zen selbst geboren zu haben. Den Herren Staatsanwälten dürste es aber doch schwer fallen, den Beweis der Kinder­unterschiebung zu führen, weil alle diese Kinder eine aus­fallende Familienähnlichkeit haben. Dem VaterJammer" sind sie in allem bis auf die Ohrläppchen, Nasenspitzen und sogar die Fußzehen gleich. Der Mutter sind sie auch wie aus den Augen geschnitten; es sind dieselben glückstrahlenden Augen, dasselbe stille, sanfte Wesen, dieselbe Geschästigkett, eins dem andern zu helfen. Es treten einem die Tränen in die Augen, wenn man sieht, wie ein rutschendes Kind einem andern noch schwächern beizustehen sucht. Eine zweite Anklage gegen Frau von Caritas lautet wegen sträflichen Leichtsinns, daß sie sich als angebliche Mutter ohne Vermögensnachweis und ohne Entgelt von Pflegegeld eine so große Kinderjchar zuge­eignet hat und dadurch, wie schon vielfach geklagt, den Ruin des kleinen ostpreußischen Städtchens herbeiführen wolle. 2lngeklagte liegt verhaftet im Kerker der Not. Verteidiger der Angeklagten ist der Superintendent Braun in Angerburg, der Vorsteher und Urheber dieses merkwürdigen Kinderkrüppel­heims. Er sucht und bittet flehentlich für die edle Angeklagte um Entlastungsmaterial in Form von freiwilligen Liebes­gaben, um den Beweis zu liefern, daß die 200 verkrüppelten nicht fremde, untergeschobene, son^rn leibhaftige Kinder der Barmherzigkeit" sind, und diese keine leichtfertige Person, sondern als die unschuldigste und beste Mutter freizusprechen sei und zwar recht bald, zum heiligen Weihnachtsfest, am Fest der großen weltrettenden Liebe. Wer für die Freisprech­ung der Angeklagten ist, hoffentlich auch die Herren Staatsanwälte und alle Geschworenen wird herzlichst um Entlastungsmaterial d. i. Weihnachtsgaben gebeten und erhält als Antwort mit tausendfachem Dank eine Schrift mit Ab­bildungen solcheruntergeschobenen" Kinder. Angerburg Ostp. Kinderkrüppelheim. Braun, Superintendent.

* Eine Doppel Hinrichtung. Ju Winchester^ wurde ein Soldat vom schottischen Füftlrer-Regiment gleich­zeitig mit einem Arbeiter durch den Strang hingerichtet. Tie beiden Gerichteteil waren verurteilt wegen Ermordung eines Mädchens. Beide hatten bis zum letzten Moment ihre Unschuld beteuert, als sie jedoch auf dem Schafott standen und dem Soldaten der Strick um den Hals gelegt wurde, riefer mit vor Erregung zitternder Stimme:Ehe ich, aus dieser Welt scheide, gestehe ich, Beihilfe geleistet zu haben." Merkwürdigerweise gab dieses Geständnis dem heftig zitteriiden Arbeiter Hoffnung, daß man ihn aus Grund des Schuldbekenntnisses seines Genossen beguabigeir werde. Selbst als der Henker, ohne aus seine Bitten, daß man ihn fünf Minuten anhören möge, zu achten, ihm die weiße Hülle über den Kopf zog, beteuerte er nach wie vor seine Unschuld. Im nächsten Atoment öffneten sich die Falltüren, und der irdischen Gerechtigkeit war Genüge geschehen. Für das schot tische Füsilier-Regiment kam das Geständnis des .Hingerichteten wie eine Erlösung. Kein Mann des Regiments glaubte an seine Schuld, und es herrschte eine große Erregung darüber, daß der Home- fekretary ein Gnadengesucti für den verurteilten Kante- raden unberücksichtigt gelassen hatte. Tie Soldaten des Re­giments hatten während der Gerichtsverhandlungen sich zum Teil den Genuß von Tabak und Bier versagt, um einen geeigneten Verteidiger bezahlen zu Eönnen. Wenn nun auch das Geständnis den furchtbaren Verdacht, daß ein Un­schuldiger hingerichtet worden sei, beseitigte, so empfinden die Leute in geradezu erstaunlicher Weise Scham darüber, daß ein schottischer Füsilier ein Mörder gewesen sei. Unter­offiziere und Mannschaften Weigern sich, wenn sie in Ur­laub ehen, die Uniform zu tragen, weil sie fürchten, aus diese- ..'iordfall hin verächtlich angjesehen zu werd em