Ausgabe 
21.10.1903 Zweites Blatt
 
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deS Reichstags gesprochenen Worte zeigen, gemessen an der Kölner Versammlung, daß sie damals txi3 Wesen der Be­legung nicht genügend erkannt hatte. Dec Weg, den Graf Posadvwsky vorgeschlagen hat, kann nicht zum Ziele führen. Inzwischen wurde die Regierung d-urch bie Macht der Tat­sachen, insbesondere durch die großen Versa mmllmgskmrd- gebungcn in Hannover und Aachen, auf einen andern Standpunkt gedrängt. Bereits am 28. F-cbruar gab Graf Posadvwsky zwei Negierungsräten den Auftrag, eine Ab­ordnung der PrivatangesteUten zu empfangen, mit der sie eine eingehende Beratung über die Ziele der Bewegung pflogem Am rrächsteu Tage, am L Aiärz, trat dann der für die Bewegung gewählte große Ausschuß in Tätigkeit, nm eine allgemeine Agitation in Gang zu sehen. Heute bereits hat das Reichsamt des Innern b-ic Kommission aufgefordert, ihm die Unterlagen, vorab in Gestalt der aus- gefüllten Fragebogen, zu verschaffen, auf denen sich ein Gesetzesvorschlag Mfbauen kann. Diese siegreiche Fort- schrittskrast der B-elvegung ist der beste Beweis für die Lebensfähigkeit und Notwendigkeit des erstrebten Zieles. Allerdings haben sich auch die Forderungen und die Ziele der Bewegung grundsätzlich geärrdert unb dadurch ist sie aus dem Stadium einer gewissen Utopie in das der realen Forderungsmöglichkeit erngetreterr. Das ist auch das wesentliche Kennzeia-en der Kölner Versanrmlung, und man wird nicht umhin können, die Forderungen der Privat­angestellten lebhaft zu befürworten. Dem Reiche ist aller­dings in der derzeitigen Finanzlage ein Zuschuß, der bei einiger Wirksamkeit bie Hiche von etwa 200 Millionen Mark jährlich erreichen würde, schlechterdings unmöglich. Aus diesem Bedenken entsprang wohl auch der anfängliche Widerspruch der Reichsregierung. Die Kölner Versamm- lung stellte sich demgemäß auf den ruhigen, vernünftigen Standpunkt, diese Zuschußleistung, sv freudig sie auch zu begrüßen wäre, fallen zu lassen und sich mit dem Minimum der staatlichen Mitwirkung zu begnügen, die eine Zwangs- versicherung und Staatsaufsicht bezweckt. Diese Forderung steht in der Macht der Negierung und bei der unzweisell>aft verbesserungsbedürftigen sozialen Lage des Kernes des Mittelstandes" wird es ein dankenswertes Ziel der liberalen Parteien sein, diese Forderungen zu einer gesetzlichen Fesllegung zu führen.

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Okt. Heute hörte der Kaiser die Vor­träge des Chefs des Militärkabinetts, sowie dcS Chefs des Admiralitätsstabes und empfing den neuernanuten badischen Gesandten Grafen von Berckheim.

Kiel, 20. Okt. DieK. N. Nachr." melden die Ver­haftung eines mutmaßlichen Anarchisten, eines Aus­länders, auf dem Hauptpostamt. Seine Ausweisung ist zu erwarten.

Dresden, 20. Okt. Der sächsische Handelskam­mertag beschloß einstimmig folgende Erklärung: L In der Erwägung, daß der ersten Ständekammer rm Jndustriestaate Sachsen 27 Vertreter des flachen Landes und der Landwirtschaft angehSren, und daß der Landwirt­schaft, bezw. dem Großgrundbesitz kraft Gesetz die Befugnis verliehen ist, aus chrer Mitte Delegierte in diese Körver- schast zu entsenden, während Industrie und Handel «kein Recht auf Sitz "und Stimme in der ersten Kammer haben, häll es der sächsische Handelskammertag für ein Gebot der Gerechtigkeit, daß dem Handel und der Jrrdustrie das Recht auf eine angemessene ständische Ver­tretung in der ersten Kammer verlrehen wird. TL In der Erwägung, daß die Vertretung von Handel und Industrie insbesondere zu deren Steuerleistung nicht im 'angemessenen Verhältnis steht, häll es der sächsische Handels- kcrmmertag für dringend notwendig, daß eine Abänder­ung des Wahlrechtes für die zweite Stände- tammer nachMaßgab ederje tzigenBedeutung von Handel und Industrie erfolgt. Der Handels­kammertag behäll sich vor, zu den Vorschlägen der Staats- regierung in Betreff der Aenderung des Wahllechtes zur zweiten Kammer der Ständeversammlung Stellung zu nehmen, sobald sie in einer authentischen Form vorlregcn. Wenn, wie vielfach verlautet, die Regierung beabsichtigen sollte, durch solche Aenderungen dem Handel und der In­dustrie eine berufsständische Vertretung in der zweiten Kammer zu gewährleisten, so erklärt der Han- delskammervertrag, daß durch * eine solche Verfassungs­änderung die unter I gestellte Forderung uicht als be­friedigt erachtet werden kann.

Kirche und Schule.

Auf eine Immediateingabe an den Prinz-Regenten Luitpold, in welcher der pfälzische protestantische Pfarrverein über die Ablehnung der in einer früheren Eingabe vorgetragenen Wünsche auf Besserung der materiellen Lage der evangelischen Geistlichkeit Beschwerde führte, ist jetzt wiederum ein ablehnender Bescheid ergangen, der noch zu weiteren Erörterungen An­laß geben dürste. Die von dem Kultusminister Dr. v. Wehner gezeichnete Antwort schließt nämlich mit folgenden Sätzen: Ein näheres Eingehen auf die einzelnen in der Immediat­eingabe am 24. August 1903 aufgestellten tatsächlich zu­meist unrichtigen Behauptungen erscheint schon mit Rück­sicht auf den ungeziemenden Ton und die Tendenz der Eingabe nicht angezeigt. Ausdrücklich aber muß der in der Eingabe gemachte Ausfall gegen den derzeitigen Referenten für die protestantischen kirchlichen Angelegenheiten als un­gerechtfertigt und die darin geübte Kritik der in allerhöchstem Auftrage erlassenen Ministerialentschließung vom 13. Juli 1903 Nr. 12 938 als nach Form und Jnhall ungehörig ^zurückgewiesen werdend

Kolonialpost.

In Deusch-Südwestafrika soll eine deutsche Familie ermordet worden (ent. Ein aus dem Distrikt Grootfontein am 16. September in Windhuk eingetroffener Pater der katholischen Mission hat, wie aus Windhuk ge­schrieben wird, dorthin die bestimmt lautende Nachricht mit­gebracht, daß eine deutsche Familie Paasch sowie zwei fernere Weiße durch Ovambos ertnordet worden seien. In derNationalztg." wird das feindliche Vorgehen der Ovam­bos in Verbindung gebracht mit der beabsichtigten Gründung einer Mrssionsniederlasjung am Okavango, der sich die Ein­geborenen widersetzten. DecNationalztg." wird ferner berichtet, daß drei Leute eines im Distrikt Karibib hausenden Räubers Valprerd alias Blanberg gefangen genommen wurden.

Anstand.

C h r i st i a n i a, 20. Okt. Der Rücktritt des Mini­steriums Bl e h r wird wahrscheinlich Mittwoch erfolgen. In das neue Ministerium Hagerup wird nur Ibsen (ein Solxn des Dichters) als Staatsmiuister in Stockholm über­treten.

London, 20. Okt. John Morley unterzog gestern abend in einer großen Versammlung zu Manchester die Zollreform Pläne Chamberlains und die Ver- geltungspolitik Balfours einer überaus scharfen Krllik und sprach sich enlschieoen für die Beibehaltung des Freihandels aus. Er gab weiter zu, daß hinsichtlich der industriellen Stellung Englairds Besorgnisse gehegt werden. Mit der Verhinderung der freien Einfuhr wird aber die nationale Wohlfahrt unterbunden.

Newcastle, 20. Oll. Als Chamberlain heute abend hier eintras, um vor einer Versammlung von 5000 Personen zu sprechen, wurde er von einer großen Menschen­menge begeistert begrüßt, es wurde aber auch Zischen gehört. Cl)amberlain stellte in Abrede, daß das bedeutende An- loachsen der Wohlfahrt Großbritanniens dem Freihan­del zu verdanken sei. Dec Freihandel möge vielleicht ge­rade dazu beigetragen haben, daß Großbritannien nicht mehr der wichtigste Mittelpunkt der Industrie sei. Jeden Tag versende England mehr nnb mehr Rohmaterial, tote z. B. Kohle, und führe ftemde Fabrikate ein. Er behauptete iuieber, daß die vorgeschlagenen Zölle keine Ver­teuerung der Lebe ns mittel im Gefolge haben wer­den. Fortsetzung des Systems und Ablehnung der Vorschläge der Kolonien, erklärte dec Redner, würde eventuell zur Auslösung des Reiches führen.

Rom, 20. Okt. WieMessagero" schreibt, habe man in gut unterrichteten Kreisen Grund zu glauben, daß Kaiser Nikolaus im Frühjahr kurze Zeit vor oder nach deut Besuche Loubets hierher kommen werde.

Belgrad, 20. Okt. Im Amtsblatt wird offiziell- n i g i n Natalie zur Erbin des Nachlasses des Königs Alexander erklärt. Die gesamte Schuldenlast bc» trägt 2100 000 Franks.

Aus Stadt uni) Land.

Gießen, den 21. Oktober 1903.

** Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Am 19. Oktober sand die diesjährige ordenlliche Haupt­versammlung imHotel Großherzog von Hessen" stall. Der Vorsitzende Prof. Dr. W Sievers berichtete über das Winter- prograinm. In Aussicht genommen sind Vorträge der Herren: Dr. Fritz Sacasin-Basel, überCelebes und den Malayischen Archipel". (Mll Lichtbildern.) Dr. Grothe- München, überMakedonien und Albanien". Dc. Pas- sarge-Berlin, überseine Reise am Orinoco in Guayana". Prof, von Drygalski, überdie deutsche Südpolarexpedi- tton". Pros. Dr. Heim-Zürich, überseine Reise in Neu- Seeland". Pros. Dr. E Sappec-Tübingen, überseine Untersuchungen an den Vulkanen der Antillen". Prof. Dr. A Philippson-Bonn, überDie griechische Inselwelt". Außerdem sind Heine Fachsitzungen vorgesehen, in denen geographische Themata verhandelt und Diskussionen dar­über eröffnet werden sollen, lieber Zeit und Ort der Vor­träge wird durch bie Tageszeitungen noch näheres mit- geteilt werden. Die Rechnung für das Jahr 1902/03 wurde geprüft und dem Rechner Kommerzienrat A. Heichelheim Entlastung erteilt Die Gesellschaft hatte insgesamt 337 Mllglieder, sie vereinnahmte Mark 1250 und verausgabte rund Mark 1000. Ein Heiner lleberschuß von etwa 400 Mark hat sich in den letzten Jahren angesammelt Die Gesellschaft wird noch in diesem Herbst mit einem weiteren Band ihrer zwanglosen Publikationen, den Mitteilungen, an die Oesfentlicykeit treten. Der Vorstand wurde durch Zuruf wiedergewählt; Dr. Günther neu in denselben be­rufen und Pros. Dr. Diermann zum Weiten Vorsitzenden, als Ersatz für den Hingeschiedenen verdienstvollen Inhaber dieser Stelle Generaldirektor Bansa, ernannt. Eine Revi­sion der Satzungen ist in Vorbereitung. Anmeldungen zum Einllitt in die Gesellschaft, die nun schon eine lange Reihe von Jahren überaus reiche Anregungen auf dem weiten Gebiet der Erd- und Völkerkunbe bietet, sind zu richten an die Schriftführer O. Kindt unb A Toepelmann.

** Die Kammermusikaben de der Herren Redner, Heg ar und Trautmann, die sich seit einigen Jahren mit stets steigendem Erfolge als wichtiger Faktor unseres Musillebens bewährt haben, werden auch in diesem Jahre zur Ausführung gelangen. Dem Beispiele des all­gemein gesck)ätzten Konzertvereins folgend und damit gleich vielen Wünschen nachkommend, werden die Darbietungen des Sonntags von 5 bis 7 Uhr stattsinden. Wie früher sind auch diesmal wieder drei Abende vorgesehen unb der 8. November 1903, der 17. Januar und 14. Februar 1904 dazu fest bestimmt. Zu den ausführenden drei Herren wird sich jedesmal eine hervorragende Solo kraft aus den Ge- sangskünstlern oder -Künstlerinnen gesellen, da auch dieses Gebiet mit gepflegt werden soll. Der Hauplleil wird selbst­redend der Vereinigung zufallen, die, was wir hier noch­mals betonen wollen, die Absicht hat, neben den hervor- rageitdsten Werken klassischer Richtung auch die jungen Meister zu Wort kommen zu lassen und deren Schöpfungen durch mustergiltige Wiedergabe vorteilhaft bekannt zu machen. Der erste Wend gehört dem Altmeister Beethoven mit seinem G-dur Trio Nr. 2 und Brahms mit seinem H-dur Trio. Für die weiteren Wende stehen Saint-Saöns E-moll Trio, Richard Sllauß' Sonate in F^-dur, Schumann, G-moll Trio, Sinding, Es-dur Trio, Beethooens C-dnr Trio in Wssicht, ohne daß. damit gesagt werden soll, daß all diese herrlichen Tonschöpfungen zu Gehör gebracht werden können. Ws Konzertlokal ist die Aula der Universität tote in früheren Jahren in Aussicht genommen; die Abon­nementspreise, genau wie sonst, 4 Mk. für den Sperrsitz, 3,75 Mk. für einen nicht reservierten Platz. Im Jnseraten- teil ist alles weitere Wisfenswerte enthalten. E. CH.

** Generalleutnant Mootz, dec, wie wir mitteilten, am 17. d. Mts. zu Darmstadt beerdigt wurde, war am 25. Januar 1808 zu Gießen geboren.

** Landschaftliche Verschönerungen von Straßen und Plätzen in dec Stadt wird gewiß jeder Bürger unserer Stadt mit Freude begrüßen, besonders wenn dies auf nicht sehr kostspielige Art mit einfachen VUtteln geschehen kann. Längs des Schisfenbergerweges zwischen Licher- und Berg­straße hatte man geplant, die Böschung, dec Friedhofsmauer entlang, durch Mauenverk nach der Fahrbahn hin zu be­festigen. Dieser Abschluß wird jetzt mittels pitorcesker Basalt- blöcfe aus der Gegend von Beuern weit billiger als durch Rtauerwerk hergestellt, wobei besonders vermieden wird, die Straßenstrecke durch eine immer monoton wirtende Mauer zu verunzieren. Um aber der ganzen Anlage auf der doch I langen Sllaßenstrecke Abwechslung zu geben, ist am Treff­

punkt der Gutenbergstraße au§ Basaltsteinen eine kunstvolle Grotte errichtet, ähnlich wie jene auf dem neuen Friedhof. An den Wänden der Grotte rieseln spärliche Wasserstrahlen Hemieder, während in der Mitte ein kräftiger Sprudel etwa 3/4 Meter hoch aus dem Gestein hervorschießt. Diese Grotten­anlage, in welcher gestern probeweise die angebrachten Waffec- künste spielten, verdiente auch an anderen Stellen in der Stadt, z. B. an dec Anlage, wiederholt zu werden.

* Jugendlicher Uebermut. Als heute früh Ar­beiter, Schulkinder und andere Leute den Wetzlarerweg beim Winnschen Lagerplatz passieren wollten, machten sie die Wahr­nehmung, daß nächtliche Kobolde an dieser Stelle nachts eine seltsame und schlvere Arbeit vollbracht hatten. Ein schwerer Rollwagen war nämlich quer über bie Straße gestellt, sodaß die Passage vollständig gesperrt war, und die meisten Passanten umkehren mußten. Viele Schulkinder wateten durch den Schlamm, um auf der anderen Seite nach dem Bahnübergang zu gelangen. Auch im Seltersweg, in der Nähe des Ne>tau- rauts Royal, war die Passage eines Trottoirs durch die Deichsel eines Wagens gesperrt, sodaß mancher zur Bahn eilende Reisende, um nicht Zeit zu verlieren, den Sprung über die Stange machen mußte. Wir haben hier wahrlich Verkehrshindernisse genug, als daß sie noch durch solche schlechten Scherze vermehrt zu werden brauchten!

** Der hiesige Kriegerverein hat unter seinen Mitgliedern eine Sammlung zum Besten der notleidenden Kameraden in den Überschwemmungsgebieten veranstaltet. Das Ergebnis ist ein sehr erfreuliches, denn es gingen 101 Mk. ein, die an das Präsidium der Kriegerkameradschaft Hassia abgeschickt wurden. Von sämtlichen hessischen Kriegervereinen, soweit sie zum Landesverband gehören, wurden bisjetzt weit über 2000 Mk. für den gleichen Zweck aufgebracht.

* * Ein Experimental-Vortragsabend des Gedankenlesers Stuart W Cumberland toiro hier am Don­nerstag, den 22. Oktober, im Neuen Saalbau stattfinden. In seiner Begleitung befindet sich Miß Emmy Fey, welche als Spiritistenentlarveriu die Irrlehren des Spirillsmus erklären will. Das Interessanteste des Wends bilden die Enthüllungen und Vorführungen der spiritistischen Experi­mente des Blumenmediums und anderer, worin bei Fessel­ung des Mediums Geister zitiert, Klopfgeister, Blumen­apporte, das Schreibmedium, der Spuk von Resau u. a. oorgeführt werden, alles unter Kontrolle des Publikums, dem auch erklärt wird, wie alles gemacht wird. Diese Vor­träge sind ebenso fesselnd wie lehrreich. Einen Besuch kann man nur empfehlen.

* * Vier Iahr eszeiten. Morgen, Donnerstag, den 22. d. M., findet in den Vier Jahreszeiten große Künstler- Vorstellung statt. Aus dem reichhaltigen Programm sind ganz besonders hervorzuheben die Leistungen der Parterre- AkrobatenLos Original Maravilla". Diese einzig da­stehende Produktion aus dem G-ebiete der eleganten höheren Gymnastik übertrifft alles bisher Gesehene, und blldete überall eine Anziehungskraft ersten Ranges. Ferner Auf­treten des sächsischen Charakter-, Tanz- und Gesangshumo­risten 9iichard Serdel-Lehmann und der beliebten Gesang- und Walzer-Soubretten Frl. Marga Roika und Anny Strauß. Die Leitungen der jungen Damen ernteten überall stür­mischen Beifall. Wies düchere ist durch Inserat bekannt ge­geben.

Früher Winter! Nun ist das Thermometer schon die zweite Nacht unter Null gesunken, und zwar nicht nur bei uns in Gießen, sondern, uns vorliegenden Berichten zu­folge, wohl in ganz Oberhessen. In der Stadt sieht man morgens alles bereift, und draußen auf den Feldern tragen die Wassergräben dickes Eis. In den Gärten sind Gemüse vielfach erfroren. Kranichscharen sieht man nach dem Süden ziehen.

W. Krofdorf, 18. Okt. Unser seit einem Fahr erst be­stehender Schützenverein beging am Sonntag sein dies­jähriges A b f ch i e ß e n, welches sehr animiert verlief. Buch­drucker Leib erzielte in 10 Schüssen als bester Schütze 108 Ringe. Am Sonntag, den 1. 9iovember, begeht der Verein sein erstes Stiftungsfest mit einer Wendunterhaltung, dem sich ein Ball anschtießen wird.

B. Darmstadt, 20. Okt. Fürst DoIg orucki, General­adjutant des Kaisers von Rußland, ist heute mittag aus Italien hier roieoer eingetroffen und im HotelZur Traube" abgestiegen. Eines plötzlichen Todes, infolge Schlag­anfalles auf der Straße, starb heute vormittag Dc. Zipperec, Chemiker in dem hiesigen Welthause Dierk. Der Verblichene erfreute sich allgemein der größten Hochachtung.

Roxheim, 18. Okt. Ein schweres Verbrechen ist ver­gangene Nacht in unserem Orte verübt worden. Anläßlich eines Streites, den sie mit dem vermutlich in später Abend­stunde betrunken nach Hause zurückgekehrten Ehemann und Vater, dem Taglöhner Graber, führten, haben die Ehefrau und der etwa 18 Jahre alte Sohn den Gatten und Vater überwältigt und totgeschlagen. Dem Graber, einem etwa 50 Jahre alten, dem Trünke ergebenen Manne, der seiner Familie vielfach zur Last gefallen ist und ihr häufig schweren Kummer bereitet hat, sollen von Frau und eol)n furchtbare Hielwecletzungen am Kopfe beigebracht worden sein. Der Untersuchungsrichter des Frankenthaler Landgerichts war mit dem Gerichtsarzt heute nachmittag zur Besichtigung des Leichnams hier anwesend. (Worms. Ztg.)

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Erhängt hat sich^ well er nicht zurrt Militär einrüden wollte, der Büsfetier des ,Lwtels Metro­pole in Wiesbaden. Er hatte bereits einen Koffer nach der Kaserne bringen lassen, soll aber durch die letzten Ge­richtsverhandlungen über Soldatenmißhaudlungen derart eingeschüchtert gewesen sein, daß er statt in die Kaferne- auf ftm^immer^ging^^h, sich brhch^^^

tzm urreytticher Reicher.

d. Mainz, 20. Oktober.

Gesterrr und heute spielte sich vor der Strafkammer ein Prozeß gegen einen Fabrikanten ab, der über ein Vermögen von mehreren Hunderttausen­den Mark verfügt, aber aus reiner Habgier sich lA Jahre lang Unters ch l a g u n g e n nub Diebstähle kleiner Be­träge hat zu schulden kommen lassen. Der Ängeschuldigte ist der 56 Jahre alte frühere Bäckermeister Wilheun Fendt aus Hungen, ftüher hier, jetzt in Wiesbaden wohnhaft. Ter Angejchukdigte, der in &eäbabeuxeine Konditorei be­treibt und in Koblenz an einem Fabrikunternehrnen be­teiligt ist, hatte jahrelang hier eine renommierte Bäckerei und Konditorei. 1901 verkaufte er Haus mit Geschäft für 152 000 Mk. an einen Bäa er meister. Dem Käufer wollte er nun auspurer Gefälligkeit", bis die Kunden au ben