w. Londorf, 19. Juni. Der hiesige Radfahrer- Verein Rabenau. beschloß in einer aesiern abend statt- fesnndenen Bersanunlung, sein diesjähriges Sowmer- e st, bestehend aus Rennen, Konzert und Ball, am Sonntag, den 12. Juli abzuhalten. Näheres wird aus den Inseraten in nächster Nmnmer zu ersehen sein. — Heute in früher Morgenstunde machte der ledige, in den 50 er Jahren stehende Schmied Peter Dürr im Holzstall seines Schwagers hier seinem Leben durch Erhängen ein Ende. Der Grund zur Tat ist unbekannt.
Bad-Nauheim, 19. Juni. Bis zum 18. Juni sind 9462 Kurgäste angekommen, wovon an genanntem Tage noch 5864 anwesend waren. Bäder wurden 93169 abgegeben.
i. Eberstadt, 18. Juni. Gestern bettelte im hiesigen Torf ein junger Mensch in verschiedenen Hausern. Als in einem Hause die Bewohner abwesend waren, stieg der Bettler durchs Fenster ein, am hellen Tage und an der Hauptstraße! Als er merkte, daß man ibn beobachtet hatte, entsprang er und nahm die Taschenuhr des Besitzers mit. Da er die Straße nach Butzbach eingeschlagen hatte, wurde dorthin sogleich, ^lephoniert und die Gendarmerie auf den Einbrecher aufmerksam gemacht. Als der Gauner der Gendarmen ansichtig wurde, nahm er Reißaus, wurde aber eingeholt und eüigeftecft Die Uhr sand sich bei ihm vor.
R. B. Darmstadt, 19. Juni. Der Evanaelisch- /oziale Kongreß, der Anfang des Monats hier statt- fand, hat neben seinen zahlreichen Anregungen auf sozialpolitischem Gebiet und seinen beachtenswerten Vorschlägen Ideeller Natur auch ein sehr gutes praktisches Ergebnis gezeitigt. Die Einnahmen an Eintrittsgeld und Mitgliedskarten ergaben die stattliche Summe von 1350 Mark, während sich die gesamten Ausgaben nur auf co. 500 Mark belaufen, dank des Entgegenkommens der hiesigen Geschäftswelt, die im Interesse der guten Sache meist billiger oder auch gratis Lieferten. Der Ueberschuß wird an die Berliner Zentrale abgeführt.
0 Marburg, 19. Juni. Gelegentlich des am 4., 5. und 6. Juli hier .lattsindenden Hessischen Athletenverbandswettstreites wird auch zum erstenmal die Meisterschaft für Hessen zum Austrag gebracht An dem Fest beteiligen sich vier Athletenvereine aus Cassel, zwei aus Hersseld, je einer aus Melsungen, Eschwege, Gießen, Wetzlar und vielleicht auch Friedberg.
>us dem Wahlkreis <Larrteröach-Alsfeld-§chotten
Zwiegespräch:
A.: Na, wie hast Du denn gewählt?
B>: Ei, ich hab' den Bindewald gewählt.
A.: Sooo, Du hast den Bindewald gewählt; weist Du bann auch warum?
B.: Bindewald ist mir ja noch lang net recht; ich hätt' den Kreisrat Wal lau viel lieber gewählt, — wenn er nur net Beamter wär'.
A.: Was haben uns denn die Beamten getan? Sei froh, daß die uns aufklären, die wollen gerade unser Bestes. Ich glaube, der Kreisrat Wal lau versteht mehr von unseren Verhältnissen, als 50 Bindewalde zusammen, und er wird auch 5Omal mehr für uns tun. Man brauch nur einmal seiner Rede zuzuhören — und man müßte ein... . sein, wenn man nicht merkte, daß es diesem Rianne sein völliger Ernst ist, was er verspricht.
B.: Du haft ja ganz recht, aber guck' doch e'mol, was es den Bindewald für ein Geld kostet; er muß doch Interesse an uns haben; er stammt ja auch aus dem Vogelsberg.
A.: Bist Du denn noch so dumm, daß Du nicht merkst, oo das Geld herkömmt? Bin bewald ist ja von den o st elbischen Junkern und Rittergutsbesitzern aufgestellt worden. Warum? Doch nur zu ihrem Vorteil und zu unserem Nachteil. Wenn ich mir die Mndetvaldzettelträger anguck', da möcht' ich mit dem Prügel dazwischen fahren. Das sind fast lauter Leute, die das ganze Jahr ihr Brot kaufen müssen. Und die laufen für Bindewald herum, der im Reichstag für so hohe Zölle gestimmt hat, daß der Laib Brot auf 6 0 — 70 Pfennige gekommen, wenn es ihm nach- gegangen wäre. Ist das eine Vertretung für den Vogelsberg, wo fast alle Bauern überhaupt keine F-rucht verkaufen, wo die große Mehrzahl noch dazukaufen muß? Wenn man die Wählerei in S. u. W. betrachtet, da weiß man nicht, was man sagen soll; dort haben jsich die Bäu,erchenundTaglöhnerihreneigenenBrot-
ve rteuerer gewählt. Mnbewald stammt aus dem Vogelsberg; es stammt noch mancher andere aus dem Vogelsberg und rennt die Stätte seiner Jugend nicht mehr. Bindewald hat an uns nur so lange Interesse, bis wir ihn gewählt haben. Das wollen wir aber diesmal bleiben lassen. Im Versprechen leistet er ja Großartiges. Wie ist's über mit dem Halten ferner Versprechungen? Die Antwort geben uns die Abstimmungen im Reichstag. Wie kann es auch anders sein,' Bindewald wohnt ja in Berlin, er kann ja gar nicht wissen, was uns not tut!
B.: Du hast doch recht; gut, daß wir Stichwahl kriegen, ich tat mich sonst kaput ärgern, daß ich den Bindewald gewählt hab'. Bei der Stichwahl wähl ich den Kreisrait Wallau und bring noch e’ paar Bindewaldianer für Kreisrat Wallau herum Antisemiten giebt's ja nicht mehr,diesindzumBundderostelbischenGroß- grundbesrtzer, zu denen auch e* paar dicke Bauern aus dem Vogelsberg gern gehören wollen, üb ergegan gen. Bindewald mag nach Ostelbten gehen — wohin er gehört. —
Derartige Zwiegespräche,*so schreibt man uns, werden hier und da unter den Bauern gehalten und man kann daraus entnehmen, daß der Bauer irn Vogelsberg nicht so dumm ist, wie ihn sich Herr Bindewald vor stellen mag. Die Bindewald'schen Hetzereien gegen die Beamten haben an manchen Orten entgegengesetzte Wirkung. Die Aufklärung der Bevölkerung schreitet stetig fort, sie läßt sich keinen Dunst mehr vormachen. Die Bevölkerung erkennt aber auch ferner, daß gerade die Beamten das wenigste Interesse daran haben, wer in den Reichstag gewühlt wird; daß alles, was von den Beamten gearbeitet wird, in der Bevölkerung Interesse geschieht. Die Beamten sind bestrebt, darauf hinzuwirken, daß es der Bevölkerung, mit der sie leben müssen, gut geht!
Vermischtes.
* Berlin, 19. Juni. Nach dem Beschluß der heutigen Pest-Konferenz werden der Postbeamte Leytin, bei dem der verstorbene Dr. Sachs wohnte, und sein Neffe, der in der kritischen Zeit mit seinen Kindern spielte, morgen entlassen. Frau Leytin und ihre beiden Kinder bleiben bis Montag in der Baracke. Die Wärter Aiarggraf, Botzen und der Jnstitutsdiener Mai bleiben noch weitere 10 Tage in Beobachtung, ebenso die Aerzte Otto, Pflugmacher und Horn. Das Befinden Marggrafs ist noch immer sehr gut. Die Polizeiwache wird morgen aufgelöst.
* Berlin, 20. Juni. Gestern abend verwundete im Tiergarten der Matrose der Handelsmarine Glaubitz seine Geliebte aus Eifersucht durch Revolver- jchüsse, schoß dann erfolglos aus den sie begleitenden Mann und verletzte sich dann durch weitere Schüsse. Beide Verwundete wurden ins Krankenhaus gebracht.
* P o t s d a m, 19. Juni. Landgerichtsrat Nickse erschoß sich in einem Anfall von Geistesstörung. Er war 47 Jahre alt.
♦ Dresden-Plauen, 19. Juni. Der seit Samstag, den 13. d. M. vermißte Lehrling Fritz Schubert, der von seinem Lehrherrn mit 833 Mk. Arbeitslöhnen nach einem Neubau in Koschütz geschickt worden war, ist heute vormittag in Weißeritz tot aufgefunden wurden. Es liegt wahrscheinlich ein Raubmord vor. Der Tat verdächtig erscheint ein Ziegelkutscher, der fiüher bei dem Lehrherrn Schuberts bedienstet war.
* Mannheim, 19. Juni. Auf einer Chaussee in der Nähe von Ludwigshafen fuhren zwei Radfahrer in schnellem Tempo aufeinander, wurden von den Maschinen geschleudert und blieben schwer verletzt liegen. Einer derselben ist gestorben, der andere schwebt in Lebensgefahr.
* Prinzessin Luise. Die „Chemnitzer Allg. Ztg." ist in der Lage, mitzuteilen, daß der derzeitige offizielle Titel der früheren Kronprinzessin von Sachsen lautet: Prinzessin Luise von Habsburg-Lothringen und Toscana. — Aus der Begrüßung der Prinzessin durch den österreichischen Boffchafisattacheee bei der Durchfahrt in Lyon dürfte auch auf einen der Prinzessin günstigen Umschwung im Verhältnis des östreichischen Hofes zur Prinzessin zu schließen sein.
* Ein Redakteur Ehrendoktor. Die philosophische Fakultät der Universität Groningen hat einen der Redakteure des „Meuwe Rotterdamsche Courant", Caston, für feine wissenschaftlichen Arbeiten über die Milchstraße zum Ehrendoktor ernannt. Easton hat an keiner Universität
studiert, aber seit langen Jahren sich mit astronomischen Studien beschäftigt. Professor Kapiteyn, der die Ehrenpromotion vorn ahm, bezeugte laut, daß alle weiteren Forschungen über das Problem der Milchstraße die Easton- schen Studien in erster Linie zu berücksichtigen hatten. Die Universität Groningen besitzt zwar keine eigene Sternwarte, sie hat aber ein trefflich ausgestattetes astronomisches Laboratorium, dessen sich nur sehr wenige Hochschulen rühmen können.
Gerichtssaat.
BR. Darmstadt, 19. Ium. Unter Ausschluß der Ceffent- lichkeit wurde heute vor dem Schwurgericht gegen den 19jährigen Weißbinder Adam Haas aus Pfungstadt verhandelt. Er war beschuldigt, am 15. Mai vor dem hiesigen Amtsgericht in einer Alimentationssache einen salschen Eid geleistet au haben. Er hatte beschworen, daß er mit einem Mädchen aus Pfungstadt, das einen anderen aus Zahlung von Alimenten verklagte, keinen Umgang gehabt habe, während chm nachgewiesen wurde, daß er zu dem Mädchen doch in nähere Beziehungen getreten war. Die Anklage führte Staatsanwalt Müller, die Verteidigung Rechtsanwalt HaU- wachs. Das Urteil lautet auf 1 Jahr Gefängnis.
Berlin, 19. Juni. Vor der 3. Strafkammer des Landgerichts I begann heute der Prozeß gegen den Rechtsanwalt Liebling und ben rumänischen Agenten Covo wegen eines Erpressungsversuchs gegen die DiSkonto-Bank und wegen Betrugs gegen diese und Bleichröder, begangen anläßlich der Aufdeckung der Betrügereien bei der Ziehung der rumänischen Rente. Der Erpresiungsversuch wird in einem Briese Lieblings an die Diskontobant gefunden, der Betrug darin, daß die Angeklagten verschwiegen, daß ihr Gewährsmann bei den Betrügereien anläßlich der Rentenziehung beteiligt war. Die Angeklagten bestreiten ihre Schuld.
Kiel, 19. Juni. Die Berusungs-Vechandlung gegen den Fähnrich Hüfsener vor dem Lberkriegsgericht der Ostsee-Station findet anfang Juli statt.
Leipzig, 19. Juni. Das Reichsgericht verwarf die Revision des Grasen Pückler-Klein-Tschirne, der am 24. Dezember 1902 vom Landgericht 1 Berlin wegen Beleidigung der Richter zu 600 Mark Geldstrafe verurteilt worden war
Sandel und Verkehr. Volkswirtschaft.
— Kraftfuttermittel. Tie Stimmung im Futtermittelmarkte ist dieselbe geblieben wie in der Vorwoche; die Umsätze beschränken sich auf eilt geringes Quantum. — In den Preisverhältnisien haben wesentliche Aendertingen nicht stattgefunden, ausgenommen für deutsche Rappskuchen, die Mk. 3—4 pro 100 Kg. höher zu notieren sind. — In Baumwollsaatmehl neuer Eriite liegen Angebote von drüben noch nicht vor, auch besteht wenig Neigung, sich zu engagieren, da die Qualität des amerikanischen Baumwollsaatmehls speziell der Texasware, nach den Ersahrungen der letzten Saison kaum die bisherige Garantie von 58 pCt. zulasfen wird ; beim nicht nur ber Boden ergibt nach dem vieljährigen Anbau der Baumwollpflanze ein geringeres Produkt, vielmehr versuchen auch die Mühlen durch Verbesserung ber Pressen mehr Cel bezw. Fett zu gewinnen. — Demgegenüber zeigen Erdnußkuchen einen höheren Gehalt als in früheren Jahren teils bis 58 pCt. und darüber, so daß dieser Artikel, welcher nicht nur im Preise, sondern auch dem Gehalte nach sich billiger stellt als Baumwollsaatmehl, berufen erscheint, letzteres vielfach zu ersetzen.
— Biehmartt. Die Freguenz an den einschlägigen Märkten war keine große, die Zutriebe bewegten sich in mittleren Grenzen, aber auch der Verkauf entwickelte sich nur sehr In. öl'am. Prima Großvieh, nicht zu stark angeboten, war verhältnismäßig flott abgesetzt, mittlere Qualitäten waren dagegen weniger beachtet. Kälber, wie seither nur in begrenzter Zahl zugeführt, erhielten sich auf bisherigen Preisen; es wurde auch nur das Notwendigste gekauft, sodaß etwas Ueberftmb verblieb. Fette Schweine gut angeboten, ber Berkaus konnte sich jedoch nur langsam abwickeln, es blieb nicht geringer Ueberftonb.
Tabak.
Wir sind nicht in der Lage über eine Besserung im Geschäfte sowohl in Mannheim als auch nach auswärts zu berichten, es ist sehr still. Von größeren Abschlüssen konnten wir nichts erfahren, kleinere Posten 1901er entrippter Einlage wurden zu AU. 80—82 und Einlagetabake zu Mk. 40 - 42 verkauft. Die neuen (1902er) Tabake, bie jetzt auseinander kommen, entwickeln sich etwas sehr kräftig und beanspruchen viel Arbeit, um sie in trockenen und pack- reifen Zustand zu bringen. Die 1902er Herbsttabake lassen im Sortiment viel zu wünschen übrig und stellen sich deshalb im Preise sehr hoch. Nach unserer Ansicht wird infolge des teueren Einkaufs wenig, ober garnichts hieran oerbient werben. In losen psälzer Rippen geschäftslos, lose feine Mk. 10,50—11, gebünbelte seine Mk. 12.
Krieskasten der Redaktion.
(Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.)
A. in Fulda. Der Zentrumsfraktion bes vorigen Reichstags haben 5 lutherische Welsen als Hospitanten angehört, unb zwar bie Herren v. Arnswalbt-Harbenbostel, v. Arns- walbt-Böhme, Götz v. Olenhusen, v. Schell unb Wangenheim.
An die Wähler
des Herrn Bürgermeister Köhler - Langrdorf.
Wir sind in in der Hauptwahl geschlagen um 235 Stimmen. Der Wahlkreis ist bei gegebener Gelegenheit zurückzugewinnen. lieber die Ursachen der Niederlage soll man sich nur in vertrauten Kreisen äußern.
Die Stichwahl steht vor der Tür, was soll geschehen? Ich habe mich in der Hauptwahl gegen die Kandidatur des Herrn Heyligenstaedt ansgesprochen und fühle die Verpflichtung, mich nun auch bef der Stichwahl zu äußern.
Mit offenem Visir habe ich für unsere Sache gestritten und in feiger niedriger.Weise hat ein Teil meiner Gegner ohne Namensnennung mich persönlich anzugreifen gesucht. Ich bin wohl in diesem Wahlkampf der am schwersten Gekränkte.
Aber das kann mich keinen Augenblick irre machen an dem, was ich bei der Stichwahl zu tun für Pflicht halte. Ich trage am 25. einen Wahlzettel für Herrn Heyligenstaedt zur Wahlurne und bitte alle, die mit mir für Herrn Bürgermeister Köhler bei der Hanptwahl eintraten, dasselbe zu tun.
Ich würde mich freuen, wenn alle diese schwere Selbstüberwindung übten. Es ist — ich bitte mir zu vertrauen — das einzig Nichtige, was uns bei der Stichwahl zu tun übrig bleibt.
Gießen (Hardthof), 19. Juni 1903.
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Schlenke


