Ausgabe 
20.1.1903 Erstes Blatt
 
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harter Trotz, jahraus, jahrein von neuem trotz aller Fehl schlüge zu säen und zu bauen, um schließlich nach ein paar leidlichen Sommern wieder einmal schlimm ent­täuscht zu werden. Ihr habt die Not der Zeit oft genug am eigenen Leibe gespürt und ihr habt Ausschau gehalten nach Rettung, und dies und jenes abgeändert, was euren Vätern unbekannt war. Ihr habt euch mit Euresgleichen zusammengetan, um eure Produkte durch Genossenschaften besser zu verwerten; ihr habt angefangen, mit Arbeit und Geld ersparenden Maschinen zu wirtschaften; ihr habt eure nassen Böden durch Drainierung und magere Äcker durch Mergelung gehoben; ihr habt künstliche Dünge­mittel verwendet und in euren Wirtschaften eine rano- nellere Fruchtfolge eingeführt, und manches andere noch. Gewiß, ihr habt nicht auf der Bärenhaut gelegen, und doch wenn ihr's recht betrachtet, fehlt's noch immer an allen Ecken und Enden. So fleißig ihr auch seid, ihr müßt es euch sagen lassen: Industrie und Handel sind fixer, als ihr es seid! Sie studieren früh und spät das, was man Konjunktur nennt; sie haltet: sich nicht lange aus mit solchen Erwerbszweigen, die nichts einbringen, die heute gehen und morgen nicht gehen; sie rechnen mit den neuen Bedürfnissen der neuen Zeit und schassen sich neue Absatzgebiete, wo die alten nicht mehr lohnen; sie wenden ein schweres Stück Geld aus, um mit der Zett fortzuschreiten, und haben es fertig ge­bracht, dem alten, gefürchteten Konkurrenten England den Rang streitig zu machen. Und wieviel Jahre hat das ge­dauert? Keine fünfundzwanzig! In verhältnismäßig kurzer Zeit haben fie sich zu einer ganz kolossalen Macht hochgeschwungen unb viel blankes Gold in die tiefen Taschen gefüllt. Wenn Industrie und Handel noch heute an das alte Wort glauben:Das Geld liegt auf der Straße!" warum seht ihr euch dieses Wort nicht auch einmal prüfend an? Auch für euch liegt das Geld heut­zutage noch auf der Straße, ihr müßt das nur sehen! Ihr werdet sofort das erkennen, wenn ihr einen Blia ui die Einfuhrstatistik des Deutschen Reiches tut. Greifen wir nur die kurze Periode von 1898 bis 1901, also vier Wirtschaftsjahre heraus; auch sei nur das genommen, was ihr Bauern in unferm Lande produzieren könnt, und sogar sämtliches Getreide, Mehl, Kleie und Samen- zeug> aus i>cm Spiel gelassen. Wir werden bei dieser Rechnung in Milliarden geraten und uns sagen: Wie tonnten wir nur so viel heimisches Geld in das Ausland gehen lassen? Können wir das nicht selber verdienen?

In den genannten vier Jahren sind von dem deut­schen Nationalvermögen in das Ausland geflossen: für gereinigte und zugei mMe Bett federn 1'1,01 Millionen Mark, hauptsächlich nach Oesterreich-Ungarn; für rohe Bett- sedern 37,36 Millionen Mark nach Oeperreich, Rußland rc.; jur Borsten 65,0a Millionen Mark nach Rußland, Oester­reich, rc.; für Butter 89,46 Millionen Mart nach Oester­reich, Holland, Rußland, Dänemark; für Därme, Blasen, Magen 144,43 Millionen Mark nach Amerika, Rußland, Dänemark, Holland, Oesterreick) rc.; für Eier von Ge­flügel 389,48 Millionen Marl nach Oesterreich, Rußland, Italien, Holland rc.; für Gänse 73,48 Millionen Mark nach 9iußland und Oesterreich; für g e s ch l a ch t e t e S F e d e r - Vieh 26,13 Millionen Mark nach Oesterreich, Rußland, Frankreich; für Fleisch von Vieh 232,68 Mlitionen nach Amerika, Holland, Oesterreich, Dänemark; für Haare von Pferden 2u,81 Millionen Mark nach tituylcuiD rc.; für Felle und Häute von Kaninchen, Kälbern, Rindern, Pferden, Schafen und Ziegen 645,05 Milllvneu Mark nach allen Teilen der Erde; für trockene Bohnen, Erbsen u n d L i u s e n 70,80 Millionen Mark nach Rußland, Oester­reich rc.; für Käse 79,8a Millionen Mark nach Holland, der Schweiz, Frankreich; für K a r t o f s e l n, Kartoffel­stärke und Kartoffelmehl 34,14 Millionen Mark nach Holland, Oesterreich, Rußland rc- für Aepfel rund 53 Millionen Mark nach Oesterreich, Italien, Holland, der Schweiz; für Birnen ruild la Millionen Mark nach Oesterreich, Belgien; für Steinobst außer Kirschen rund 28 Millionen Mark; für getrocknetes und eingekochtes ObÜ 89,43 Millionen Mark nach Amerika, Oesterreich, Serbien, Frankreich; für Schmalz, und schmalzarlige Fette 353,4« Millionen Mark vornehmlich nach Amerika; für T a l g 50,25 Millionen Mark nach Amerika, Australien, England, Frankreich; für lebendes Vieh, und zwar für Jungvieh 50,31 Millionen Mark nach Oesterreich, Däne­mark, der Schweiz; für K ühe 82,11 Millionen Mark nach denselben Ländern; für Ochsen 94,18 Millionen Mark nach Oesterreich, Dänemark; für Pferde 336,90 Millionen Mark nach Belgien, Dänemark, Rußland, Oesterreich, Frankreich, Holland; für Schweine 23,78 Millionen Mark vornehmlich nach Rußland.

Unter diese Millivnenzisfern setzen wir nun einen dicken Strich und zählen sie zusammen. WaS wird sich ergeben? Nun, daß unser deutsches Vaterland im Lause der Jahre 18981901 für die auf geführten landwirtschaft­

lichen Produkte ohne Getreide und ähnliches die unge­heure Summe von 3194 Millionen Mark an das Ausland gezahlt hat. Rechnet man 194 Millionen Mark auf die­jenigen Produkte ab, die aus klimatischen oder anderen Gründen bei uns nicht recht gedeihen können (Malta­kartoffeln, einige Obstsorten, verschiedene Käse, diverse Ziegenfelle, mehrere Hühnersorten, chinesische Daunen), so ergievt sich für unsere deutsche Landwirtschaft ein nn- aerechtfertigter Verlust von 3 Milliarden Mark, während des knappen Zeitraumes von vier Jahren. Der deutsche Bauernstand ist allein im stände, dieses Defizit zu decken. Rechnet man zu den bäuerlichen Gütern alle landwirt­schaftlichen Betriebe bis zu einem Umfange von 50 Hektar, so kann man als bäuerlich rund 22 Millionen Hektar bezeichnen. Demnach hätte jeder bäuerliche Hektar ca. 137 Mk. in den genannten vier Jahren an das Ausland verloren. Jeder Landwirt kann darnach den eigenen Ver­lust berechnen.

In welcher Weise dieser ungeheure und ständig wieder­kehrende Verlust an unserem Nationalvermögen zu ver­hüten ist, das läßt sich mit zwei Worten nicht sagen. In ihren 23ereincu werden die Landwirte Gelegenheit haben, sich darüber, soweit ihre Umsetzung in die Praxis in Frage kommt, mit Erfolg auszusprechen.

Heer und Flotte.

T i e n st j u b i l ä e u 19u3. In der preußischen Armee werden das fünfzigjährige Tien stjubiläum be­gehen: Generaloberst und tommanbierciwcr General des 16. Armeekorps Grafv. Haefeler am 26. April, General der Kavallerie, Generatadjutanl uni) Eh es des General-' stabes der Armee Gras v. Schliessen am 1. April. In her Bayerischen Armee begeht das ftinszigjähttge Dienst- jubiläum u. a.: General der Kavallerie Herzog Karl Theodor in Bayern, Inhaber des 3. Ehevaullgers- regiments am 11. Oktober.

Aus AM luiii Land.

Gießen, den 20. Januar 1903.

* * Gedenktage. Bor 90 Jahren, am 20. Januar 1813, starb Vater Wieland im Alter von 80 Jahren zu Weimar. Durch seine heilere Weltanschauung, seine an­ziehenden, in leichte, liebliche Sprache gekleideten, oft sinn­lichen und schlüpferigen Schilderungen der Liebe legte er in seinen Schriften seine Lebensansichten nieder. Die Frommen verdammten seine Schriften, der Götlinger Dichterbund ver­brannte sie. Wieland tonnte sich aber aus seine reinen Ab­sichten, aus fein Streben nach Wahrheit und aus seinen muster­haften Lebenswandel berufen.

* * Bestätigung. Der bisherige Geoßh. hessische Re- gierilngsaffeffor Heinrich Schlosser aus Gießen i|t von der Kgl. preußischen Regierurig als besoldeter Beigeordneter der Stadt Meiderich auf zwölf Jahre bestätigt worden.

** Für die Mitglwoer Der uetiMi husigen Sektionen des D e u t s ch - O e st e r r e i ch i s ch e n A l p e n v e r e i n 3 ist ein merkwürdiges Vorkommnis in Bozen interessant. Bekaniitlich besitzt diese auch von manchem Gießener be­suchte Stadt Sndlivols noch kein evangelisches Got- reshauö. Tie dortige evangelische Geuieillde suchte des­halb um käufliche Ueberlasiuilg eines KitthbanplatzeS bei der Stadt nach. In der GemeinderiitSsitzung üoin 8. Ium wies der G.-Ää Weger u. a. auch daraus l)in, daß infolge des Fehlens einer evangellfcheii Kirche sich viele znwan- beruhe protestantische Familien lieber in Dem Von Krankerr erfüllten Meran nieder ließen. Ter GeNieiirderat fußte denn auch mit allen gegen eine Stimme den Beschluß, der Bitte der evangelischen Gemeinde zu rvillfahren. Diese einzige gegnerische Stimme war die des Tr. Kraul- Schneide r. Dieser Herr aber ist---Vorstand der

Lektion Bozen des Teulfch-Oesterreichischen Alpenvereins." Wir sind der Meinung, daß irinerhalb des Teutsch-Olester- reichischen Alpenvereins tonfessioiiellen Meinungsverschie- denheiten keinerlei Ausdruck gegeben werden sollte. Heute wird uns noch aus Bozen gemeldet, daß um 18. d. M. in allen Kirchen der Ephorie Bozen gegen die Errichtung einer evangelischen Kirche gepredigt uub alle Katholiken zum Protest ausgefordert wurden!

** Kriegs Minister und Submission. Bonder Vergebung von Arbeiten an die Mindestfordernden will das preußische Kriegsministerium künftig in einzelnen Fällen absehen. Bestimmend für diesen Entschluß sind verschiedene .Vorgänge gewesen, die sich in der Militär- efseklenbranche zugeiragen haben. In dieser sind von den Arbeitern schon leit geraumer Zett Klagen über Lohn- drückerei erhoben worden. Tatsache ist, daß zum Beispiel verschiedene Fabrikanten in Berlin Arbeiten, wie die An­fertigung von Helmen, Tornistern, Patronentaschen ufro. erheblich billiger übernehmen als bie Artillerretverkslatt

in Spandau selbst an ihre Arbeiter (Sattler) dafür zahlt. Ob die übrigen Staatsminister ihrem Kollegen folgen werden? Es wäre zu wünschen!

* * Delkenheim. 18. Jan. Hier ereignete sich heute ein militärisches Schauspiel, das in der Geschichte der deutschen Armee wohl einzig in seiner Att gewesen sein mag. Das ganze Infantene-Regiment Nr. 87 aus Mainz fühtte in unserer Ortsstraße zu Ehren unseres ältesten Mitbürgers, des 100jährigen Landwirts Johann Georg Bccht, einen Parademarsch auf nach allen Regeln der Kunst. Herr Becht diente ,zu Nassaus Zeiten", in den Jahren 1823 bis 1828, in genanntem Regiment, das damals m Diez lag, als Unteroffizier und ist ohne Zweifel der älteste Angehörige dieses Regiments. Sämtliche Offiziere traten nach der Parade, die Herr Becht in kerzengerader Haltung entblößten Hauptes abnahm, zur persönlichen Be­grüßung an ihn heran, und Herr Oberst Strauß gab die Versicherung, daß das Regiment alljährlich vor seinem ältesten Mitgliede in Parade aufmarschieren werde. Möge dies noch oft geschehen! Die Aussichten dazu sind vorhanden. Herr Becht i|t noch vollkommen gesund und würde heute vielleicht noch selbst einen Parademarsch mitmachen können.

Vermischtes.

* Die sächsische Kronprinzessin und bit Hhpuos e. Es kann, wie es scheint, unter der Sonne luchts mehr passieren, ohne baß nicht, gleich den Hyänen des Schlachtfeldes, gvldhungrige Seelen, jicij darüber her­machen. Daß sich auch der osscnbare Humbug der Affäre oer sächsischen Kvonprinzessiu und Girous oemächtigen könnte, bas hätte man wohl am wenigjien geglaubt, uiib doch liegen Belege vor, die kaum einen Zweifel daran lassen, oaß nut oer unerquicklichen Dresdener yof- geschichle eine eigenartige e-orte Spekulation getrieven wird, die noch dazu unter einer srommelnden Maske aujiriit. In einem Lepziger Blatte erschien kürzlich ein Inserat folgenden Jnhi.^s: Kronpruizesjm -tuqe ist

hypnotisiert durch den Buben Gifon. Wer bringt ein pekuniäres Opfer zur Rettung deutscher Fr a ue n c h r e? Eine Leserin desB. wollte scheu, was hinter der geheimnisvollen Geschichte stecke, und >o schrieb sie an die angegebene Chiftreadrefte. hieraus erhielt sie von einem oriiuieiii Georges, Leipzig-Eonnewitz, einen Brief folgenden Inhalts:Soeben erst in den Besitz Ihrer Zeiten gelangt, teile ich Ihnen ui nur wenigen Loorten Mit, daß, wie ^ie selbst fühlen werden, ouiaj das entsetzliche Vorkommnis am sachlichen Hofe sämt­liche oruuen Deutschlands in schmau-vollster Loeise ge­schändet worden sind. Daß keine ehrenhaste Frau, viel weniger eine Fürstin, der baldigst eine Krane winkt, sich |o wegwerfen iviro, wenn nicht andere Mittel georaucht ivorden mären durch diesen durchtriebenen Hallunken Girvii, bedarf keiner weiteren Erörterung». Uni die deutsch Frauen eh re zu retten, wird ßeijunöett lueimen, iuie bleibt nach dein Gelingen Geheuniits, aber ehrlich uni) wahr ist es! Es gehören aber große Mittel dazu! Wären diese vorhanden, war bereits gehandelt! Sind Sie nun in der Lage, ein entsprechendes Opfer zu bringen, so bttte, dies ungesännit zu tun, ehe dort oer veryaiigiiisvotte (!) Schrttt geschehen ist; in jedem Falle können Sie vertrauen, das schwöre ich Jhucti, aber höchste Ette ist geboten. Es sind leibet nur 15 Briefe, aber noch nicht viel Geld eingega»igen, ohne dieses tonnen zwei Personen solche Reise (?) nicht unter- neljuieu. Ich sende Ihnen das Inserat, welches uuch 6 Mark gekostet Hal, uitt, vielleicht, intetenieien Ste noch einige reiche Damen und veraiilassen sie zu großen Beiträgen. Das Unternehmen ist erlist uni) heilig. Gott kann und wird es nicht dulden, daß .... eine Mutter einfach davonlauft nut fo lugendlichent Buhlen. Sie wird weder Gatten noch viel weniger Kinoer uno eben,oweiiig ihr Land verlassen, wenn sie nicht hypnotisiert wäre! Ich habe mich in keiner Beanttvortung der Briefe fo weit ausgelassen und hoffe, Sie werden dies berucksich- sichtigen. Bitte um sofortige Antlvort, eventuell telegra- pytsche Postanlveisung. In höchster Eile empfiehlt sich Ihnen. Folgt ltttterschrift."

* Schneeberger Schnupftabak. Ein beliebtes Volksmtttel ist feit allen Zetten der bei Schneeberg und in Schneeberg selbst fabritinäßig hergestellle sogenannte Schnupftabak. Derselbe stellt ein gelbliches oder grünliches feines Pittver bar unb dient dazu, einen intensiven Reiz auf die Nasenfchleimhaut auszuuben, lvelcher zu heftigem ytiefeu führt. Der Schneeberger wird in erster Linie als SchnupsMittel, dann aber auch sehr oft ats Scherzartttel vertan s t, um Mesen zu erzeugen. Die Bestandteile sind iin lvejenttichen fein gepulverte Blüten und Wurzeln aro­matischer Kräuter, Angelica Archangelica, Eonvalleria majatiÄ und zuwellen auch rhizoma veratri, Nieslvurz.

als ein toter Professor" u. dgl., sind auch nicht gerade zu rühmen.

In mangelhafterer Darstellung hätte das schließlich doch allzu breit ausgemalte Sittenbild vielleicht hier und da ein wenig gelangweilt, so litterarisch wertvoll, so künstlerisch echt es auch ist. Aber die Schlierseer spielten fast allesamt das Stückchen mit sichtlicher Wonne. Auf bäuerlicher Seite ent- fesselten die Herren Terofal, Dirnberger, Schmidt- ^onz, 9)ieicr, Kopp, Schuller, Gailing und Frau Dirnberger mehrfach verständnisvolle Lachstürme. Viele kamen während der ganzen ergötzlichen Festtafel mit allem ihrem Nuancenreichtum vom ersten höchst kuriosen Schnäuzen Terosals an bis zu dem, durch den renitenten Vorhang etwas zn lang ausgedehnten Schluß-Raufbilde nicht aus einem be­haglichen Lachen heraus. Die Herren Niedermeier und 9)1 etb und Frau Dengg fügten sich ergebungsvoll in das harte Schicksal, hochdeutsch zu reden, städtische Kleidung 311 tragen und sich gründlich lächerlich machen zu lasten. Sie alle aber zeigten hier, daß sie längst echte Künstler geworden sind und eS nicht nötig haben, es sich gefallen zu lasten, Bauernkomödianten genannt zu werden. -tt-

Der Kaiser und der Frankfurter Gesangs- w et t st reit Bei dem Konzert, das der Hannoversche Männergesangvercin iin Nesidenzschlosse zu Hannover vor dem Kaiser gab, unterhielt der Kaiser sich längere Zett mit dem Senator Fink und dem Dirigenten Zerlett. Das Ge­spräch luurbe vom Kaiser auf beit Gesangswettstreit in Frankfurt gebracht unb der Monarch erklärte) baß es feine Absicht sei, den Sängertagen in Frankfurt beizuwohnen. Als

man ihm sagte, daß 34 Vereine mit ca. 6200 Sängern bisher zu bem Sängerkriege angemeldet seien, bemertte der Kaiser, daß die Zahl der Lerettie immer noch sehr gering sei. Er bedauere besonders, daß die Vereine aus Süd eutsck- l a n d der Sache so interesselos gegenübcrständen. Ge­rade in Süddeulschland feien vorzüglich geschulte Männer­aesangvereine mit ausgezeichnetem Stimmenmaterial vor­handen; er hoffe, daß in Zukunft die süddeutschen Sänger mehr als bisher an den GcsangSwettstretten teilnehmen würden. Die Lage Frankfurts sei doch sehr günstig für die Süddeutschen. Als der Kaiser die Sänger entließ, sagte er:Auf Wiedersehen in Frankfurt, da wird wohl kräftig gesungen, aber Osuch kräftig getrunken werden!"

In ihrer BroschüreEine Mutt er pflicht (Leip­zig, Herrn. Seemann Nachf., Preis 50 Pfg.) bringt E. Stiehl eine Menge wertvoller Betträge zur sexuellen Erziehung speziell der weiblichen Jugend. Man hat mit Reck)t das neue Jahrhundert als dasJahrhundert des Kindes" getauft, und man kann wohl sagen, daß die Er­ziehung unserer Kinder zusehends in ein neues Stadium zu treten beginnt TuS wichtigste Gebiet dieser Erziehung bildet die sexuelle Pädagogik, und es bricht sich in immer weiteren Kreisen die lleberzeugung Bahn: Wir dürfen in Bezug auf die Bolehrung unserer Kinder über gefchlechtliche Dinge nicht stehen bleiben bei der ererbten und anerzoaenen Gewohnheit ablehnender Prüderie. Wir müssen dein Kinde auf seine Fragen nach den natürlichen Dingen andere Ant­worten geben, als bisher. D'>se helligste Mutterpflicht behandelt die als Lehrerin tätige Berfasserui in ihrerSä-rifl, sie beweist, baß es bie ernsteste Aufgabe jeder gewissen- haflen Uliuttcr ist, bie Leitung unb Belehrung ihres Kindes

auf dem zartesten und schwierigsten Gebiete der Erziehung selbständig vorzunehmen. Kein Buch enthält eine l^rEerc Ermahnung an Mütter und Erzieher, als wie sie von U. Stiehl gegeben wird. Möge sie auch beherzigt werden.

Ein noch aktuelleres Thema behandelt bie in gleichem Verlag erschienene Broschüre von Hugo E. I u n g ,tD i e Furcht vor dem Kinde". (50 Pfennige.) «ter Ber- sasser schrieb unter dem Eindruck der sura-ioaren imune- ruügen die in einer ganzen Reihe von torzlich er olglen und teilweise noch lausenoen Prozesicn wegen Verbrechen gegen Strafgesetzbuch § 218 zu tage kamen, in einer Dres­dener Tageszeitung einen Mittel, in dem er den Ver.um unternahm, die zur Verhandlung stehenden Verbrechen ans ihre sozialen Ursachen zurückzusühren. Der Erfolg schon dieses Artikels war überrafck-end: Der Verfaiser erhielt eine so große Anzahl beachtenswerter Zuschriften aus allen Kreisen des Publikums, daß seine Stellung zur Frage so­wohl wie ein Tett der Mttteilungen aus Den Kreisen des Publikums als eine zett gemäße Enquete über das schwer­wiegende Problem betrachtet werden können. Der Verfasser geht alleroingS mit manchen erstarrten Moralgrundjätzen mitunter scharf ins Gericht, erweist sich aber als ein von so tiefem sozialen Mitleid erfüllter Bekenner, daß man sich kaum seinen mildeii und hilfeheischenden 'Worten wird ent- riehen tonnen. Die beiden eben erwähnten Broschüren eignen sich selbstverständlich nur als Lektüre für reife Männer unb Frauen unb werden ohne Zweifel nicht allein auffläreub wirken, sondern auch viel praktischen Nutzen stiften.