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19.3.1903 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

153. Jahrgang

Donnerstag 19. März 1903

SiehenerAnzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

nenuiltdj 76'^1, Vieri« lädrlich DU UO. du.ch .Ibbole- u Hrveigltellett monatlich 6o PI., durch bteVoft DU L. viertel* fährt aucldil Seltellg, Annahme oon BnjetgeS fui die tagetnummex bii pormuiogi 10 Uhr.

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Kraf Aülow uimmt Stellung.

worum es

Amtliche Nuchrichtcn über Virhscuchcn.

Unter dem Schweinebestand des Schmiedemeisters Jeß- eerg in Niederwetter, Kreiß Marburg, ist ein Schwein an Rotlaufseuche emgegangen.

LS wurde Gehüstsspcrre angeordnet und der gemein­schaftliche Weidegang für die Schweineherde in Niederwetter bis auf weiteres verboten.

Heer und Flotte.

Der im Ruhestand zu Biebrich lebende Generalleut­nant v. Wurmb feiert am 21. März den Tag, an dem er vor 50 Jahren in daß Heer emgetrclen ist. Er hat sich als junger Offizier im Feldzug 1866 bei Hühnerwasfer, München- gratj und ttöniggrätz ausgezeichnet; im französifchen Kriege als Hauptmann und Kompagmechef hat er sich vor Sedan sowie bei der Belagerung von Toul und PanS hervorgetan und sich daü Eiserne ftreuj erworben. Ende 1888 wurde er Kommandeur beS LelbregimentS Grobherzogin (3. Großh. Hesiisches) Nr. 117 und im Oktober 1891 Kommandant von Ehrenbreitstem; als solcher trat er killte 1895 in den Ruhestand.

Kelianntmachung.

In BellerSheim ist der Ausbruch deS ansteckenden Scheidekatarrhs unter dem Rindvieh verschiedener Gehöfte fest­gestellt worden.

Gießen, den 17. März 1903.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. D.: Dr. Kranzbühler.

Bekanntmachung. ___

Bett.: Die Generalversammlung de« landwirtschaftlichen BezirkSvereinS in Grünberg am 23. l. MtS.

Die Herren Bürgermeister der Landgemeinden bc» Streife»

erhalten morgen Anmeldekarten zu dem gemeinschaftlichen Essen am 23. l. MtS., und werden ersucht, dieselben sofort auSzufüllen und bis zum EamStag an Herrn Gasthofbesitzer Duchard in Grünberg zu senden.

Gießen, den 19. März 1903.

Der Direktor des landw. Bezirksvereins Gießen.

Spontane der Bewegung, die auf der Bevölkerung hervor- gina, diese Annahme hinfällig erscheinen läßt. Mit solcher Kraft und in solchem Umfange ist die Bewegung gegen den >reußl scheu Schulgeseßentwurf ausgetreten, die >em Reichskanzler v. Caprivi auch als künstliche Mache galt bis der Erfolg der Zurückziehung der Borlage eines anderen belehrte.

Man kann ben Ausführungen in derNordd. Allg. Ztg." darin Recht geben: Die Angriffe aus die Gesamtpolilik des Grafen Bülow bei dieser Gelegenheit sind zum Teck unangemessen. Wenn wirklich in einer Zwickauer Versamm­lung der Reichskanzler als ,Hausmeier des Ultramontanismus" bezeichnet worden ist, [o oer- dient das entschiedene Zurücttveisung. Doch welche Beweg­ung wäre frei von Uebertreibungen? Es kommt daraus an, ob sie im großen und ganzen ihre Berechtigung hat Deshalb, so fragt der Gegenartikel des Reaterungsorgans, die Kreise, welche die Aushebung des § 2 als eine so große Gefahr erachten, bis jetzt sieben Jahre lang ne- schwiegen hatten? Toch wohl einfach aus dem Grunde, weil nicht zu erwarten war, daß eine große Bundes­regierung die Initiative ergreifen werde zur Aenderung des Zesuitenacsetzes. Vor allem die politische Situation und die konsessionellen Verhältnisse der Gegenwart lassen eine solche Maßregel unzweckmäßig erscheinen. Es fuib doch keineswegs nur diekleinen deutschen Staaten", deren Anrufung der Artikel erwähnt, Gegner des preußischen Antrags, sondern Bundesstaaten, deren Urteil ins Gewicht fällt, wie Württemberg, Sachsen, Baden und, wie cs heißt, auch Hessen. Als das Ziel des Grafen Bülow wird ferner bezeichnet,die unser Volk innerlich trennenden Momente tunlichst auszuschalten, wobei eine zuverlässige nationale Mttarbett des Zentrums nur erwünscht fein kann." Mitarbeit gewiß. Aber es herrscht in wetten Kreisen die Ueberzeugung, daß das Zentrum weit mehr repräsentiert, als einemitarbeitende" Partei, daß es eine Macht dar stellt, die das Zünglein der Wage lenkt. Tie jetzige Bewegung richtet sich in erster Linie gegen die Machterweiterung der ausschlaggebenden Bartei, sie richtet sich gegen neue Zugeständnisse ober Wunscherfüllunaen, wie man nun die Sache nennen will die geplante Aushebung des § 2 des Iesuttengesetzes ist nur der Anlaß gewesen, diesen Einspruch hervorzurufen.Im Interesse des kon­fessionellen Friedens" spricht der G-genartikel die Mahn­ung zum Einhalten, zur Umkehr aus. EBen im Interesse die,es Friedens ist zu hoffen, daß die Bewegung ihren Eindruck nicht verfehlt, und von einer Maßregel Abstand nehmen läßt, die Widerspruch sowohl von Regierenden wie von Regierten hervorruft.

Aus §hiM und Land.

Gießen, 19. März 1903.

Postanweisung en und Briefsendungen mit Nachnahme nach FeS unb Marrakesch (Marokko) können wieder aufgeliefert werden.

Der SanitätSoerein wird, wie uns mitgeteill wird, am nächsten Sonntag die Siech en Häuser besichtigen. Das Nähere ivird noch durch Inserat bekannt gegeben.

* Turnerisches. Tie BezirkSturn stunde findet am nächsten Sonntag nachmittag in der hiesigen Turnhalle statt. Am 26. April vorm. wird die zweite diesjährige Gau Vorturner stunde abgeholten. Die das deutsche Lurnsest in Nürnberg besuchende Ga u rie gc hat ihre nächste Turnstunde in obiger Turnhalle am 5. April nachmittags. Tas Feldbergturnsest findet Mttte Juni statt. Am 28. Juni ist in der Turnhalle zu Frank- furt a. M. eine Turnstunde für die Turner des Mittel­rheinkreises, welck-e am Wettturnen auf dem deut­schen Turnfest zu Nürnberg teilnchmen wollen. Die Gauturnfahrt findet am 7, Juni in Lollar, dos Gau- t u r n f e ft am 4., 5. und 6. Juli in Wetzlar statt. Der Turnverein Wetzlar hat bereits die Vorarbeiten begonnen und die Kommission unb die Festkomitees gebildet. AIS Festplatz ist die große Wiese an der Manhäuserbach, wo voriges Jahr das Bundessest des Lahtitolsangerbundes ab­gehalten wurde, ausersel-en. -- Der Männerturn- u e r ei n zuRodheim a. d. Bieber beabsichtigt Ende Juli oder Anfang August sein Fobnenweihfeft zu begehen. Der Turnverein zu Oaershausen bei Marburg, der sich bereits im Januar angemeldet hatte, wurde in den Gau Hessen ausgenommen.

(:) Gedern, 18. 'März. Gestern brach im Gasthaus Zur Traube", tvahrscheinlich infolge Ausbrennens des Kamins Feuer aus. Glücklicherweise wurde es rechtzettig bemerkt, und konnte gelöscht werden. Bor einigen Tagen wollte der sozialdemokratische W a h l la n d ida t Kr u m m in hiesiger Gemeinde eine Wahlrede holten; sein Plan wurde jedoch dadurch zu Nichte, daß ihm sämtliche Säle verweigert wurden.

vn. D a r m st a d t, 19. März. RegierungSrat Dr. Wagner ist, wie wir schon meldeten, zu»n zweiten Reichskommissar für die Wella stellung in St. LoniS ernannt worden. Regierungsrat Wagner war bts zum vorigen Jahre Hreiß- amlniann an dem MrciSamte in Friedberg und kam von da nach Darmstadt als iKcfercnt für Gewerbeangelegenheiten in der Munsterialabteilung für Landwirtschaft, Handel unb Gewerbe, m welcher Stellung er sich auch jegl noch befindet. Dieser Tage ist er bereite nach Berlin berufen worden, um die Funktionen eines zweiten ReichStommissarS für die Welt­ausstellung zu übernehmen. Wagner ist geborener Amerikaner, und dieser Umstand mag vielleicht von Einfluß auf feine Be­rufung gewesen sein.

R.B. Darmstadt, 18. Mär-. Der Dro vinzial- landtag der Provinz Starkenburg trat ycute mittag im Ratboussaal zu einer Sitzung zusammen. Nachdem der Borsitzeiide, Provinzialdirektor v. Gr auch dem verstor­benen langjährigen Mitglied Bürgermeister Müller-Leng- seid einen ehceiiden Narnruf gewiomet, beschloß die Ver- sammlung, der Anstalt für epileptische Kruder und Jugend­liche in Niederramstadt einen einmaligen Beitrag von 1000 Mark zu bewilligen. Nach Genehmigung des Verwaltungs­berichts für 1901/02 wurde der Voranschlag für das Jahr 1903/04, der in Einnahme und Ausgabe mit 949 432 Mk.

Es ist offenbar entweder Graf Bülow selbst ober eine tn seinen Intentionen eingeweihte Persönlichkeit, die in der Nordd. Attg. Ztg." die bereits in unserer heutigen Morgen­ausgabe mitgeteilte Protestbewegung geg.n die Aushebung des tz 2 des Jesuitenaesetzes erörtert Tie Versammlungen und Eingaben, die Ausführungen in Zeitungen und Zeit­schriften sind so zahlreich geworden, bafe man im Lanzler- palats ein längeres Schweigen nickt für rätlich hält Biel Raum beansprucht die Darlegung derNordd. Allg. Ztg.", _______ __ ich bei der Aufhebung des § 2 handelt, und wie das Gc ctz seinerzeit zu stände gekommen ist.Alle diese Tinge cheinen der großen Mehrheit der Protestredner, sowie der Zeitungen, die sich gleich jenen über eine Auf­hebung des § 2 erregen, völlig unbefannt zu sein." Diese Behauptung ist zuer]t von derKreuzztg." ausgestellt wor- den, auf die sich denn auch der Arttkel beruft Aber sie wird durch die Autorität oes konservativen Blattes nicht richtiger. Es mag fein, daß hier und da in Versammlungen die Fassung der Resolutionen nicht ganz korrekt gewesen ist und nicht das zum Ausdruck brachte, ivorauf es ankommt. Im allgemeinen jedoch trifft der Borwurf der Unkenntnis nicht zu. Will man ihn etwa auch von der Presse ganz abgesehen auf die bcrvorragenbeit in der Wissenschaft- IUiicn und in der politischen Welt bekannten Männer in Anwendung bringen, die sich an die Spitze der Protestbeweg­ung gestellt haben? Haben die Bundesregierungen, die gegen die Abänderung des HefuitengefetzeS zu stimmen er­klärten, etwa keinen genügens klaren Begriff von der Sache? Der Artikel spricht von einemeigentümlich künstlichen Cha­rakter" der AgttationSbewegung. Wir meinen, daß das

Gießener Stadtthcaler.

Die Waise von Lowood, Schauspiel in 4 Akten von Charlotte Birch-Pfeiffer.

.Die Waise au3 Lowood" ist emS jener Stücke, die sich immer noch auf den deutschen Bühnen halten, obwohl die überspannten Leute, die darinhandeln*, von niemandem ernst genommen werden können. Es ist bekannt, daß die vormalige Beherrscherin der deutschen Bühnen, die selige Charlotte, ihr Gruselstück nach dem alten Gouvernanten- Roman r3anc Ehre* von Currer Bell (eigentlich Charlotte Bronte) geschrieben hat, der sich schon durch eine wunderliche Trivialromantik und dürftige LebenLanschauung auLzeichnete. Frau Charlotte Birch-Pfeiffer mischte eine Menge uralter wirksamer Bühneneffelte den Eigenschaften ihrespoetischen' Vorbildes hinzu und das Stück war fertig. Was diesem die Volkstümlichkeit bewahrt hat, das mag der Umstand sein, daß es dem geheimen Streben marlchcr gedrückten Existenzen entspricht: die romantische, aus der Fülle ihrer Moral Leben spendende Gouvernante cntwickett sich durch ihre außerordent- lichen Geistes- und Gemütsanlagen unter dem Trucke un­günstiger Verhältniffe zu einer Heldin, die zuletzt, und das ist gar vielen die Hauptsache, auch das eheliche Glück er­reicht. Man sieht darin so etwas wie eine gesunde Tendenz, wenn auch tatsächlich durch die Art deS dra-.natischen Auf­baues die augenblickliche Spannung der Lebenswahrheit und der überzeugenden Wirkung meilenweit vorangehl.

Noch ist lange nicht die Zeit gekommen, da das Publlkum jo weit hercmgeblldet ist, daß es in der Äunii »die große Sprecherin fernes Innenlebens^ erkennt, daß es, schon Klop stock tat, nicht mehr die Kunst als einen Luxus, a;s eine Würze des Lebens ansieht, sondern in i.)t die Bildnerin un. Weiterin unseres Empsuldungs- und Phanta]n Gebens v 7 Dann aber wenn die Mehrzahl misercs Publikums dn>en

hohen Standpunkt erreicht hat, dann wird auch die deutsche Bühne gesäubert sein von solchen Afterkunststücken nach An vonDiuttersegen" und der .Waise aus Lowood-.

Bei den heute verbreiteten Anschauungen über Kunst, deren Erhabenheck abgrundtief herabgewürdigt wird durch die Meinung, daß sie nur zu , erfreuen * ober zuunterhalten* habe, mußte es kommen, daß der größere Teck des gelingen Theaterpublikums die sentimentalen Geschichten mit achtungs­voller Freundlichkeit anhörte, um dann wohl mit der falschen Ueberzeugung nach .Hause zu gehen, weder an Herz noch an Geist Schaden gelitten zu haben. Und dennoch sind die Herzen durch jene greuliche Unnatur verrenkt und der Geist vieler ist verwirrt worden und hat für Kunst genommen, was übelste Unkunst ist Anderen freilich war es schwer, in einzelnen ursprünglich auf Rührsamkeit berechneten Szenen ernst zu bleiben, angesichts der grotesken Charakteroerzerrung und winselnden Breitspurigkeit. Mck den Darslellenr könnte man solchen Aufgaben gegenüber Mitleid empfinden, wenn sie selber an ihren Ehrenabenden ben »Genuß* solchen Rührbreis nicht unterstützten und den größten Teck des künstlerisch fühlenden Publikums dadurch feit Monaten vom Theater fern hielten. Immerhin wird die gestrigen schauspielenschen Leist­ungen nach Gebühr einschätzen, wer da weiß, wie schwer es ist, den Tiraden der Bwch'schen Sprache selbst den leisest vorüberhuichenden Schein von Natürlichkeit zu verleihen.

Vor einem halben Jahrhundert feierten Schauspiel- großen wie Marie Ceebach, Marie Goßmann rc., die größten Triumphe in dieser Rolle und die Sorina verschmäht cs heute noch nicht, mit diesem abgetakelten Gouvernantenstück ihr Repertoire zu belasten. Gestern wollte bet uns Fraulem Brücher zu ihrem Benefiz sich in dieser Paradcrolle zeigen, war aver leider durch Ettältung daran verhindert, und Kick. Wärtern berg gab sich an ihrer statt alle Diühe um die Jane Eqre. Aber aus dem ,eölen, d. h. ganz unmöglichen

Mädchen von Lowood em echtes Menschenkind zu machen, ist jeglichen Schweißes und Fleißes unwert, denn baS Kunst­stück ist schlechterdings nicht zustande zu bringen. Frl. W. war bestrebt, ihr em Bruchstücklem von einem wahren Men- schenherzen in die Brust zu legen, aber die brave unb ehrenwerte Madame Bwch legt ihr leider einen solchen Schwall von elegischen und thränenseligen Buch­reden in den wiund, die fein vernünftiger Mensch je auf die Zunge nimmt und keinem Erdenwesen je im Herzen liegen, daß alles Mühen hier umsonst ist. Frl. W. zeigte nicht ganz die Leidenschaft unb Empfindsamkeck, bie bie weiland Frau Verfasserin fordert, d. h. eine unsinnliche Leidenschaft­lichkeit, sondern ein Atom von Natürlichkeit und Slaioität in ihrer Sprache. Tas stand ihr selber zwar ganz gut, aber paßte nicht recht zu diesem seltsamen Buhnenmädchen, ba5 fich eigentlich nicht genug tun dürfte an schauerlichem hohlem Pathos und scheinbarer seelischer Ueberlegenheck. Die Gegensätze zwischen wirklichen Menschen und Gestatten der Birch-Pfeiffer'schen Muse so zu überbrücken, daß wir sie nicht mehr wahrnehmen, vermag m. E. nicht die größte Bühneickunst.

Aus dem übermenschlich gemeinten stolzen Tugendbold Rochester, einst dem Entzücken aller Backsijchherzen, einen Menschen von Fleisch und Blut zu machen, gab sich Herr Gertach erst gar nicht die Mühe. Wozu auch? Ter BühnenpraktikuS weiß recht gut, daß dieser Fndienfahrer nur oon Unvernünftigen ernst genommen werden kann. Immer­hin hätte eine etwas abgerissene, abfichtttch nachlässige, realistischere Sprechweise der Figur jenen Zug von INenschen- oerachtung gegeben, der einen der Schule des Lebens teil­haftig gewordenen Menschen charatterisiett.

2 er bösen Tante, die in ihrer falten, elenden Grausam- [eit gleich hinter Schneewittchens Sliefmama kommt, gartet natürlich ebenso sehr die Birch-Pfeifferei an, sodaß chr Frau