Nr. 219 Zweites Matt, ISS. Jahrgang
Freitag 18. September 1903
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Die heutige Kummer umfaßt 8 Seite».
Khamüertaius Kücktritt.
Gießen, 18. September.
Ein um Mitternacht in London ausgegebenes Privat- kelegramm, das auf unserer Redaktion um 1.30 Uhr eintraf, lautet:
Loudon, 17. Sept., 11.53 abends. Chamberlain, Ritchie und der Staatssekretär von Indien Hamilton demissionierten.
Wir haben über die letzte Sitzung des englischen Kabi- netZ, in der die nicht nur für England, sondern auch für die mit diesem in Handelsbeziehungen stehenden Länder, besonders Deutschland, außerordentlich weittragenden Pläne Chamberlains bezüglich der englischen Handelspolitik erörtert und, wie schon gemeldet, einstweilen abgetan wurden, bereits wiederholt kurz berichtet. Das Dach, unter dem man in England so lange gelebt und sich wohlbefunden hatte, war reparaturbedürftig geworden; es gewährte keinen Schutz; es stand viel zu frei, und es aus dem Wege zu schaffen, um es durch ein anderes schützendes Dach zu ersetzen, hielt man längst für ein patriotisches Werk. So erschien der Brandstifter dem größeren, liberalen Teile der englischen Nation längst als Verbrecher, während der kleinere Teil ihn als Retter der Gesellschaft und des Vaterlandes ansah. Dies zeigte sich auch bei dem Empfange, der Mr. Chamberlain auf seinem Wege ins Ministerium auf der Straße von der daselbst versammelten öffentlichen Meinung im Gehrock und Zylinder und im Arbeiterkittel und der Mütze bereitet wurde: CHeers und Zischen. Die Reporter der liberalen und radikalen Blätter hörten nur das Zischen und Buh-Schreien; die Vertreter der unionistischen Blätter hörten Beifall und „nur vereinzelte gegenteilige Kundgebungen". Das Fazit ist, daß Mr. Chamberlain einen sehr gemischten Empfang sand, was im kleinen genau die Haltung des Landes dem jüngsten Kinde seiner staatsmännischen Laune gegenüber wiederspiegelte. Der Brand war aber einmal entfeffelt; er war wunderbar schnell emporgeloht und drohte das Haus zu zerstören, in dem der Brandleger mit seinen Freunden ein wohliges Heim gefunden hatte; er hat die unionistische Partei gespalten und den Bestand des Ministerrums erschüttert; die bequemen Ministerfauteuils waren wacklig geworden. Das war der Grund, wenigstens der Hauptgrund, des zu so außergewöhnlicher Zeit inmitten der Parlamentsferien einberufenen Ministerrates. Es galt, das eigene Haus — um nicht zu sagen die eigene Haut — zu retten, und dies ist, wie man nun sieht, mißlungen. Die Herren Chamberlain, Finanzmmister Ritchie und Hamilton haben, wie nun anzunehmen ist, bald nach jener Sitzung des Ministerrates die schmerzhafte Operation, den Hals selbst abzuschneiden, an sich vollzogen, und der König hat die Demission dieses Kleeblattes angenommen. Die zunächst eingesetzte königliche Kommission, die seststellen sollte, ob die Notwendigkeit vorliege, in dem fiskalischen System des Landes eine Aenderung vorzunehmen oder nicht, scheint nicht den sonst in anderen Landen üblichen Schneckengang gewählt, sondern mit größter Geschwindigkeit gearbeitet zu haben. Chamberlain hat schneller, als man erwarten durfte, erkannt, daß er in ein Wespennest gestochen hat, das sich stärker erwies, als er dachte. Es soll nun, wie englische kurze Meldungen lauteten, im Ministerrate erwogen worden sein, ob man nicht in besonderen Fällen gegen die unfaire Mitbewerbung gewisser Länder und für gewisse Artikel temporär Kampfzölle einführen solle — eine Anregung, die offenbar gleichfalls im Kabinet nicht goutiert worden ist. Die Herren Chamberlain und Ritchie, die beiden Antipoden an demselben Ministertische, find nun beide gefallen. Ritchie hat das grausame Spiel seines Kollegen von der kolonialen Fakultät längst satt gehabt und öfter schon von dessen „schutzzöllnerischer Ketzerei" und „gewissenlosen Propaganda" geredet. Er ist mit samt dem „starken Manne" des Kabinets, mit „Jonas" Chamberlain, über Bord geflogen. Der „Standard" sagte schon vor einigen Tagen mit einem nassen und einem trockenen Auge, „es wäre jammerschade, wenn Staatsmänner, die dem Lande so treu gedient haben, in der fanatischen Jagd nach einem Ideal, das gegenwärtig nicht im Bereiche der praktischen Polittk liegt, sich der Möglichkeit berauben würden, dem Reiche weitere Dienste zu leisten".
Jetzt hat der starke Mann, der manchem bösen Sturm Stand zu halten wußte, doch endlich den Rückzug angetreten. Ob aber seine Pläne in§ Waffer gefallen sind, ist sehr fraglich. Die Gefahr, England mit Schutzzöllen gegen das Ausland verwahrt zu sehen, scheint keineswegs ganz vorüber.
Reuter erzählt, Chamberlain sei überzeugt, er werde, nachdem eine gewisse Zeit verstrichen, die Nation für seine Ideen gewinnen. Das fürchten wir allerdings auch.
Chamberlain hat in einen: Briefe an Balfour seinen Rücktritt begründet. Als Hauptgrund giebt er an, daß, während die liberale Partei ihre ganze Parteiorganisation gegen Chamberlain in Tätigkeit setzen konnte, Meinungsverschiedenheiten in der unionistischen Partei herrschten, wodurch deren Parteiorganisation gelähmt war. Gleichzeitig sei von dein eilten Geschrei wegen teuren Brotes ein etwas gewiffeulofer (Gebrauch gemacht und ein ernstes Vorurteil erweckt worden. Aus diesem Grunde sei gegenwärtig wenig
stens em VorzugStaris mit' ben Kolonien, der auch eine noch so kleine Steuer aus Nahrungsmittel mit sich bringe, unmöglich. Doch fei eine Polittk der Retorsionszölle möglich, um dadurch eine größere Reprozität zu erlangen, und da Balfour diese Ansicht teile, sei er berechtigt, diese als Polittk seiner Regierung anzunehmen, obwohl dies einige Aenderungen in der Zusammensetzung derselben nötig machen werde. Chamberlain schreibt ferner, er würde mit Recht getadelt werden, wenn er nach Ausschließung eines so wichttgen Teiles von seinem politischen Programm im Amte bleibe. Er glaube, er werde der Regierung absolut treu bleiben und ihr in keiner Weise Verlegenheiten bereiten. Er könne die Sache, die ihm am Herzen liege, besser von außen, in rein unabhängiger Stellung fördern. Folglich möge sich Balfour darauf beschränken, Englands Freiheit in allen kommerziellen Beziehungen mit den auswärtigen Ländern zu betonen. Chamberlain werde sich der Ausgabe widmen, die Grundsätze des Reichszollvereins zu erklären und popularisieren.
MMsche Tagesschau.
Graf Bülow über Südamerika.
D. B. Hd. meldet mrs aus Berlin: Gegenüber Meldungen amerikanischer Blätter erklärte der Reichskanzler Graf Bülow dem Vertreter eines brasilianischen Blattes, daß die auswärtige Politik Deutschlands wie im allgemeinen so auch gegen Südamerika friedlich und loyal sei, da Deutschland reinepolitischenAspira- tionen in der neuen Welt hätte.
Graf Bülow hat es also für erforderlich gehalten, den irn aus gesetzter: Verdächtigungen der Newyorker gelben Presse, Deutschland hege in Bezug auf Südamerika Aneignungsgelüste, entgegenzutreten. Für jeden, der sich nicht gegen Ueberzeugung verschließt, sind diese Worte klar und aufrichtig, sJhir läßt sich die gelbe Presse schwerlich eines Besseren belehren, denn, wie einmal der vorige amerikanische Botschafter in Berlin, White, von diesen Preßorganen gesagt hat: es x]t ihr Geschäft, die Hetze gegen Deutschland in Gang zu halten.
Ein Armeebefehl des Kaisers Franz Joseph.
Der Kaiser Franz Joses hat einen Armeebefehl erlassen, in dem es heißt:
„Je sicherer begründet mein günstiges Urteil über den militärischen Wert, die hingebungsvolle Tienstfteudig- kett und das einmütige Zusammenwirken aller Teile meiner gesamten Wehrmacht ist, desto mehr muß und will ich an d er en b estehend en und b ew ährten Einrichtungen fest halten. Mein Heer insbesondere — dessen gediegenes Gefüge einseitige Bestrebungen in Verkennung der hohen Aufgabe, welche dasselbe zum Wohle beider Staatsgebiete der Monarchie zu erfüllen hat, zu lockern geeignet mären — möge wissen, daß ich nie der Rechte und Befugnisse mich begeben werde, welche dem obersten Kriegsherrn verbürgt sind. Gemeinsam und einheitlich, wie es ist, soll mein Heer bleiben; eine starke Macht zur Verteidigung der östreichisch-ungarischen Monarchie gegen jeden Feind. Getreu ihrem Eide'ist meine gesamte Wehrmacht, fortschreitend aus dem Wege der emiten Pflichterfüllung, durchdrungen von jenem Geist der Einigung und Harmonie, welcher jede nationale Eigenart achtet, alle Gegensätze löst und die besonderen Vorzüge eines jeden AÄlksstammes zum Wohle des Großen und Ganzen verwertet."
Dieser Armeebefehl wird von den Wiener Blättern als eine Kundgebung des obersten Kriegsherrn bezeichnet, die mit größter Feierlichkeit und Entschiedenhett die Ambitionen der ungarischen Armeesprenger zurückweist. Gleichzeitig wird der Ansicht Ausdruck gegeben, daß diese sensationelle Willensäußerung des Dionarchen einen gewaltigen Sturm in Ungarn entfesseln, aber schließlich doch zur Entwirrung der Krisis viel beitragen werde. Gr ist die erste Kundgebung an die Armee, in welcher der Kaiser persönlich fragen der inneren Politik erörtert Man nimmt an, der Armeebefehl sei erst im Hauptquartier bei den griechischen Manövern beschlossen und im Generalrat ausgearbeiter worden. Das österreichische wie das ungarische Kabinett scheinen daran nicht beteiligt gewesen zu jein. Man erwartet in allen Garnisonen und Regimentern Kundgebungen der Offizierskorps im Sinne des Armeebefehls. „Magyar Orszag" erklärt, der Armeebefehl werde die größten Kon; 1 rkte herbeiführen; er könne nur mit Steuerverweigerung beantwortet werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Sept. Kaiser Wilhelm ist, wie aus Mohacs in Ungarn gemeldet wird, heute abenb nach herzlicher Verabschiedung von der Familie des Erzherzogs Friedrich unter Ovationen des sehr zahlreich auf dem Bahnhof versammelten Publikums nach Wien ab gereift
— Prinz Eitel Fritz, König von Ungarn — so wird es kommen, wenn man sonst der „Daily Mail" glauben will, die mit ihrem angeborenen Ernst versichert, daß Kaiser FranA Joses abdizieren,die ungarische Nation den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand nicht anerkennen und in diesem Fall von ihrem konstitutionellen Rechte Gebrauch machen und den zweiten Sohn des Deutschen Kaisers zum König erwählen wird. (Ta zu gleicher Zeit in den Spalten desselben Blattes die Seeschiauge glüalich wieder aufgetaucht ist, so wird man die obige Meldung oes mehr
durch Erfindungsgabe als Zuverläsfibkeit ausgezeichneten Mattes nach Gebühr zu würdigen Hussen.)
— Auf die Petition der deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten an den Reichskanzler erging dem Vernehmen nach eine Antwort, nach welcher der Reichskanzler mitteilt, daß er aus der Petition gern Veranlassung genommen habe, den Staatssekretär des Innern um Erwägungen über die Bekämpfung der Kurpfuscherei, jedoch nicht für ein, sondern für alle Gebiete der Heilkunde zu ersuchen.
— Die in Magdeburg erscheinende „Sa chs en schau", ein antisemitisches Blatt, schreibt:
„Unsere Freunde möchten wir erneut bitten, auch im intimsten Kreise jedes Wort über den Hof zu vermeiden und das fernere Verbleiben in einer Gesellschaft nur von der Unterdrückung aller Unterhaltung über den Fürsten abhängig zu machen. Wie oft hat das Schicksal es nichst schon gefügt, daß nachträglich die harmlosesten Bemerkungen der Staatsanwaltschaft denunziert wurden und Männer gegen ihre intimsten Freunde als Zeugen auftreten mußten. Also hütet die Zungen und schickt euch! in die Zeit, denn es ist böse Zeit!"
Aom KaMaimurm.
Nach Mitteilungen der Pforte an die russische und öfter# reichisch-ungarische Botschaft beabsichtigen die in Batak und Burgas versammelten Komitadschis, die Ortschaften Fissibar, Karabulak, Dermacibola und andere anzugreisen und sie in Brand zu stecken. Am 7. und 8. September fanden in den Wilajets Monasttr und Salonik einige Zusammenstöße statt, bei welchen die Bandenchefs Petschow und Kocorow getötet wurden. Bei Zelinkowa zwischen Uesküb und Koprülu wurden Bomben gefunden, welche für Anschläge gegen Eisenbahnzüge mit Truppentransporten bestimmt waren. Eine stärkere Bande Aufständischer zog sich ins Perimgebirge in die Nähe von Melnik zurück. Dort wurde sie von türkischen Truppen am Montag angegriffen, aber erst von Dienstag ab nach längerem Geplänkel aus ihren Stellungen vertrieben. Die Aufständischen ließen 45 Tote, darunter drei Führer, nnd viel Munition auf dem Kampfplätze zurück. Die Truppen hatten sieben Tote und sieben Verwundete. Die Aufständischen nahmen auf der Flucht ihre Verwundeten mit.
Tie Zuspitzung des türkisch-bulgarischen Konflikts läßt die BerlinerBörse verhältnismäßig kühl. Im Hinblickl auf diese Entwicklung erfuhren hauptsächlich östreichische Merke uni) Bankaktien einen Rückgang. Türtische Fonds konnten dagegen im Kurse etwas anziehen auf die feste Stimmung hin, die an der Paris er Börse für diese Papiere besteht. Tie bulgarischen Pfandbriefe wiederum erlitten in Berlin eine Ettllmße, die aber nicht ernst zu nehmen ist, da in diesen Werten nur geringer Umsatz statt- findet und schon ein unbeträchtliches Singebx>t auf den' Nurs drückt. Sollte es in der Tat zur Kriegserklärung kommen, dann wird vermutlich Frankreich, der Hauptgläubiger Bulgariens das Dcögliche tun, um eine Entwertung der bulgarischen Fonds zu verhüten, und Rußland, das gleichfalls an den Finanzen des Fürstentums interessiert ist, dürfte ihm darin beistehen. Tie Börseukreise schließen übrigens aus der Festigkeit des Pariser Platzes, daß die Lage auf dem Balkan noch nicht das Aeußerste befürchten lasse. Derselben Hoffnung auf „Beruhigung der Gemüter" giebt die „Nordd. Allg. Ztg." Ausdruck.
Gegenüber Meldungen, daß in Macedonien die Ernte vollständig zerstört sei, und Hungersnot drohe, stellt die „Neue Hamb. Börsenhalle" auf Grund „einer ihr aus Saloniki am 12. September zugegangenen Meldung fest, daß am genannten Datum die Getreidemagazine in Saloniti überfüllt waren und täglich weitere 40 bis 50 Waggons gleich etwa 400 bis 500 Tons Getreide aus dem Innern eintreffen, und sich die zur Verladung bereitliegende Ladung damals auf rund 12 000 Tons belief.
Das serbische „Amtsblatt" veröffentlicht einen Ukas, wonach der erste Adjutant des Königs drei Jahre, die übrigen Adjutanten und Ordonnanzoffiziere nur ein Jahr auf ihrem Posten verbleiben dürfen. Der bisherige Vorstand der Militärstation des Kriegsministeriums, Oberstleutnant Peter Mischiz, gegen den die letzten Angriffe der unzufriedenen Offiziere yauptsächllch gerichtet sind, wurde zum Professor der Militärakademien und zu seinem Nach- folger Generalstabsoberst Bojovic ernannt._______________
Juden- und Armeniererzeffe in Kußsand.
Schlimme Exzesse kamen jüngst in Homel (Gouvernement Mohilew) vor. Nach dem Petersburger „Regierungsboten" entwickelte sich in dem genannten Ort am 11. d. M. in dem dortigen Bazar aus einem Strett zwischen einem Bauern und einem jüdischen Händler eine erbitterte Sch läge r ei zwischen Juden und Russen. Als die Polizei die Ordnung wiederherstellen wollte, warfen die Juden mit Steinen auf diese, auch wurde aus ihrer Mitte ein Revolverschuß abgefeuert, auf den die Polizisten mit Schüssen in die Lust antworteten. Bei der Prügelei wurde ein Russe von einem Juden durch einen Messerstich in den Leib tödlich verletzt, ein Jude sowie sieben andere Personen trugen leichte Verletzungen davon. Am 14. wiederholten sich die Unruhen. Russische Arbeiter fingen aus Rache für eine ihnen am 11. September zugefügte Kränkung an, im Juden viertel Buden zu zerstören. Bei dem Zusammenstoß mit ben Juden wurden auf beiden Seiten etwa 20 oder mehr Personen verwundet. Als Truppen erschienen, wurden sie von den Juden mit Schüssen empfangen. Infolgedessen mußte von den Feuerwaffen öe* brauch gemacht werden. Gegen Abend war die Ruhe wieder


