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Kirchliche Nachrichten.
Evangelische Gemeinde.
Sonntag nach Trinitatis, den 20. September.
Gottesdienst.
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kommende Dampfer „Arcadia
I« der Stadtkirche.
Vormittags 91/, Uhr: Pfarrer Scheunemann. I» der Johauneskirche.
Vormittags 97, Ubr: Pfarrer Eule r.
Vormittags 11 Uhr: Kindergottesdienst für die Lukas- gemeinde. Pfarrer Euler.
Katholische Gemeinde.
Samstag, den 19. September 1903.
Nachmittags um 5 Uhr und abends um 8 Uhr: Gelegenheü zur hl. Beichte.
Sonntag, den 20. September.
16. Sonntag nach P f i n g st e n. .
Vormittags von 6 V, Uhr an: Gelegenheit zur heil. Beicht.
» um 7 Uhr: Die erste hell. Messe, vor und in derselben Austeilung der heil. Kommunion.
* um 8 Uhr: Die zweite heil. Messe.
u um 9 7z Uhr: Hochamt mit Predigt.
Nachmittags nm 27, Uhr: Christenlehre; darauf sakramentalrschv Bruderschafts-Andacht.
Israelitische Religiousgemernde.
Gottesdienst in der Synagoge, Südaulage.
Samstag, den 19. September 1903.
Vorabend 6.15 Uhr. Morgens 8.30 Uhr.
Nachmittags 4 Uhr.
Sabbathausgang 7.20 Uhr.
Vermischtes.
* Unwettermeldungen. Aus Gastein kommen Unglücksbotschaften. Die Hotel-Filiale Gussen- harters ist spurlos vom Erdboden verschwunden. Mehrere Logierhäuser gelten als verloren. Das Hotel Gasteiner Hof, ein Prachtbau, der Millionen gekostet halt, ist ca. einen Halden Meter gesuuke n. Mehrere weitere Hotels mußten geräumt werden. Die Thermal-Quellen sind abgesperrt, eine große Anzahl .Brücken zerstört. Unausgesetzt treffen aus den Alpen die düstersten Nachrichten ein. Viele Ortschaften sind gänzlich vom! Verkehr abgeschnitten, viel Ackerboden ist weggeschwemmt. Die österreichischen Landtage beschäftigen (ich mit Notstandsange- legenheiten. Uggonwitz in Kärnten ist furchtbar mitgenommen, der Ort von Wildbächen verwüstet. Auf dem Lieserjlusse treiben Särge und L, eich en. Gmünd ist durch Brückenernsturz völlig abgeschnitten, Lebensmittel werden nr die Bewohner mit Seilen hinauf geschafft. 30 Per-
„Agnes" zusammen. Die
- Agnes" wurde in der Mitte entzweigeschnitten. Das Vorderteil sank sofort, das Hinterteil konnte ans Ufer geschleppt werden. Die Passagiere wurden gerettet. Der Schaden wird auf 400 000 Frcs. geschätzt.
Wien, 18. Sept. Die gesamte hiesige Presse widmet dem deutschen Kaiser äußerst sympathisch gehaltene Begrüßungsartikel und vertreten die Ansicht, daß gerade jetzt, wo düstere Wolken am politischen Horizonte stehen, )em Besuche Kaiser Wilhelms eine eminent große politische Bedeutung beigelegt werden müsse.
Mohacz, 18. Sept. Der Kaiser begab sich gestern abend zum letztenmal auf die Pürsche im Balyoketrevier. Ter Kaiser erlegte einen starken Sechszehnender. Nach der Jagd fuhr der Kaiser im Wagen zum Dampfer „Sophie", wo die erzherzogliche Familie ihn erwartete. Abends fand an Bord des Schiffes ein .Mschiedssouper von achtzehn Gedecken statt. Nachher begaben sich die Herrschaften in das Bedaer Jagdschloß, vor dem die Burschen und Mädchen von Talyck einen Tanz aufführten. Um neun Uhr fuhr der Dampfer „Sophie" nach Mohacz, wo die Vertreter der Behörden und eine zahlreiche Menschenmenge den Kaiser erwarteten. Um zehn Uhr erfolgte die Abreise des Kaisers nach Wien.
Budapest, 18. Sept. Der Armeebefehl Kaiser Franz Josefs hat rn politischen Kreisen eine förmliche Konsternatron erregt. Tie oppositionellen Blätter sehen darin eine Kriegserklärung und besprechen ihn in ernstem Tone. Magyar Szo sagt, wenn diese Absage ernst gemeint ist, stehen König und> Nation einander serndlrch gegenüber. Das Organ der Hoch- Agrarier erklärt die Folgen dieses Armeebefehls für un übersehbar und warnt gleichzeitig vor Straßendemonstra- twnen, Werl dies der B e g i n n d e r R e v o l u t i o n wäre. Magyar Orszag sagt, kern Patriotischer Ungar könne unter einem solchen Regrme em Minister-Portefeuille über nehmen.
Aus Stadt und Kand.
Gießen, 18. Sept. 1903.
** Hessisch-Thüringische Staatslotterie. Bei der heute fortgesetzten Ziehung der 6. Klaffe fiel ein Gewinn von 30 000 Mk. auf Nr. 92752 (nach Worms), em Gewinn von 10 000 Mk. auf Nr. 89234 (nach Mainz), ein Gewinn von 5000 Mk. auf Nr. 39202 (nach Eisenach)', Gewinne von 3000 Mk. auf Nr. 8778 12480 32609 50120 58030 61905 (nach Friedberg) 63099 67343 85539 85738 96279, Gewinne von 2000 Mk. auf Nr. 2102 (nach Butzbach) 9456 9488 14120 14483 14838 18735 18928 20370 24657 36095 38839 50350 52182 53996 54239 55708 56889 65420 66534 68362 69137 69446 70761 72051 79124 80284 95875 97118. (Ohne Gewähr.)
** Konzert-Verein. In der gestrigen Generalversammlung ergab der zum Vortrag kommende Rechenschaftsbericht eine gleichmäßige Verteilung der Gmund Ausgaben, jo daß der Verein in diesem Jahre glatt abschließen konnte. Die Vorstandswahl wurde durch Zuruf vollzogen und der langjährige Vorstand dadurch von, neuem gewählt. Tie Verschmelzung des Akad. Gesi-Ver. mit dem Konzertverein wurde prinzipiell angenommen, eine kleine Kommission wurde gewählt, die einen Entwurf auszuarbeiten hat, der nach Fertigstellung den Vorständen beider Vereine zur Prüfung vorgelegt werden soll.
** Bei den Kanalarb eiten am Seltersweg, in der Nähe der Straße, die nach dem Volksbad abführt, ist man auf merdvürdige Reste alter Befestigungen, große, estgesügte Steinplatten gestoßen.
** Blumenpslege durch Schulkinder. Auch in diesem Jahre haben die Schülerinnen der zwei oberen Klassen der Stadt-Mädchenschulen wieder Pflanzen zur Vflege erhalten, welche, wie aus dem Inseratenteile er- ichtlich, nächsten Sonntag, den 20. d. M, in der Turnhalle der Stadt-Mädchenschule zur Ausstellung gelangen sollen. Tabei wird, wie im vorigen Jahre, auch wieder eine kleine Preisverteilung stattfinden, indem diejenigen Kinder, welche die bestgepflegten Pflanzen aufzuweisen haben, einen für dre Blumenpflege geeigneten Gegenstand als Belohnung erhalten werden. T'er Eintritt zu dieser Ausstellung ist unentgeltlich; alle Blumenfreunde werden auch an dieser Stelle nochmals darauf aufmerksam gemacht.
sd. Darmstadt, 18. Sept. (Original-Telegramm des „Gieß. Anz.") Die Landtags wähl für den Bezirk Darmstadt ist entgegen anderen Meldungen durch die Behörde auf den 19. Oktober festgesetzt worden. An diesem Tage werden die Wahlmänner gewählt, während die Hauptwahl voraussichtlich einige Tage später stattfindet. 1— Mit dem heutigen Tage ist das Großherzogliche Hoflager von Jagdschloß Wolfsgarten nach dem Neuen Palais verlegt worden, wo S. K. H. der Großherzog von ;er Rückreise aus Kiel Wohnung nehmen wird. Ärtgegen den Mitteilungen der „Franks. Ztg." wird auch das russische Zarenpaar bei seiner Hierherdunft im 9ieuen Palais wohnen und sich nicht nach Jagdschloß Wolfsgarten be- begeben.
ins Haus geliefert. Reiche
Seiden-Fabrik
j o ttcn werden vermißt. In ein Bauerngehöft in) Jllerwea schlug der Blitz ein, sieben Personen) find verbrannt. Im Feistritztal verließen die Bewohner ihre Häuser und irren umher. L eb b en im Katach- tal ist völlig vernichtet, alle 32 Häuser wurden von den Fluten fortgerissen, Särge und Leichen sind vom Friedhof fortgeschwemmt. Ferner ist im M a l t a t a l das Forsthaus mit den neun Insassen fortgetrieben. — Nach einer Londoner Depesche der „Voss. Ztg." kenterte während eines Sturmes in Hongkong der Dampfer Quling auf der Höhe von Kwangtschauwan. Hundert Personen sind ertrunken. — Der Orkan in New- Aork, der von wolkenbruchartigem Regen begleitet war, legte den Verkehr in der Stadt für längere Zeit lahm. Telegraphen- und Telephon-Leitungen sind zerrissen, zahlreiche Fensterscheiben zertrümmert. Ein Kirchturm wurde beschädigt und droht einzustürzen. Tas Dach, eines Wolkenkratzers ist vom Sturme in die Tiefe geschleudert worden, glücklicherweise ohne Menschen zu verletzen. Tie in Staten Island ankernde Flotte eines Jachtklubs wurde vernichtet. Längs der Küste strandeten zahlreiche Schisse. Tie Gebäude des Badeortes Atlantic C.ity sind zum Teil zerstört worden. 30 Fischer ertranken.
Aus Grund des Beweisergebnifles beantragt Staats^ anwalt Hoos, den Angeklagten wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von 500 Mark sowie in die Kosten des Verfahrens zu verurteilen, außerdem dem Beleidigten die Publikationsbefugnis gemäß § 200 St.-G.-B. zuzusprechen.
Der neben klagerische Vertreter hält eine Geldstrafe nicht für eine mi gemessene Sühne und beantragt Freiheitsstrafe.
Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Stulz, beantragt Freisprechung urw begründet seinen Antrag damit, daß die von dem Angeklagten in den Flugblättern behaupteten Tatsachen — die Abstriche au den Kostenrechjnungen und die Vertretung beider Parteien in derselben Sache — objektiv genommen, Wohl geeignet seien, bei einem Laien den Glauben hervorzurufen, daß der Anwalt vorsätzlich das Maß der ihm zustehenden Gebühren überschritten und bewußt die widerstreitenden Interessen beider Parteien vertreten habe.
Das Urteil des Gerichts lautet:
Der Angeklagte wird wegen Beleidigung zu 300 Mark Geldstrafe, ev. 30 Tagen Gefängnis sowie in die Kosten des Verfahrens verurteilt. Ter Beleidigte erhält die Befugnis, den entscheidendsten Teil des Urteils auf Kosten des Angeklagten einmal bekannt machen zu lassen. Begründung: Die Publikationen des Angeklagten enthalten zwei schwere Vorwürfe gegen den Rechtsanwalt Reh:
1) denjenigen der Geldmacherei, d. h. der Erhebung von Gebühren über das gesetzliche Maß; 2) denjenigen der Präverikation, d. h. der pflichtwidrigen Vertretung kollidierender Interessen. Straffreiheit kann nicht eintreten: 1) weil der Wahrheitsbeweis nicht erbracht ist: Abstriche an Anwaltsrechnungen kommen öfters vor, über den Ansatz einzelner Poften errtscheidet manchmal nur das subjektive Ermessen des Richters, — bezüglich des Vorwurfs der Präverikation fehlt die Feststellung, daß der Rechtsanwalt Reh bewußt beide Parteien zugleich vertreten habe; vielmehr ist das Gegenteil als erwiesen anzusehen; 2) weil der Angeklagte, auch wenn er berechtigte Interessen in Ansehung der Landtagswahl durch seine Veröffentlichungen hätte wahren wollen, doch über die Wahrung 'solcher Interessen hinausgegangen ist; Kritik zu üben an einer Persönlichkeit, die sich um ein öffentliches Ehrenamt bewirbt, steht wohl jedem zu, indessen haben die von dem Angeklagten verbreiteten Dinge nur sehr wenig mit der Landtagswahl zu tun, auch erfolgte chre Verbreitung noch nach derselben. DieAuffassung des Gerichts insgesamt geht dahin, daß der Angeklagte die Gelegenheit der Landtagswahl nur benutzte, um die zwischen ihrn und dem Beleidigten seit längerer Zeit bestehende Feindschaft zu betätigen.
Neueste Meldungen.
Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.
Hd. Kiel, 18. Sept. Das heute vormittag ll1/, Uhr auf der Krupp'schen Germania-Werft vom Stapel gelaufene Linienschiff ,L" wurde vom Großherzog vonHessen auf den Namen „Hessen" getauft.
Kiel, 18. Sept. Die Rückreis e des Groß Herzogs von Hessen nach Darmstadt erfolgt am Sonntag. Gestern abend fand im Schloß Familientafel statt.
London, 18. Sept. Zum Rücktritt des Kolo» n i a l m i n i st e r s wird gemeldet: Die große Mehrheit des Minister ko llegiums habe sich mit den in der Balfour'schen Broschüre dargelegten Ansichten einverstanden erklärt und billigte den darin in Aussicht geiwmmenen Kurswechsel in der Zollpolitik. Chamberlain hielt an seiner Forderung von Vorzugsstrafen für die Kolonien fest.
London, 18. Sept. Alle Morgenblütter beschäftigen ich mit der sensationellen Entwickelung der Minister- krisis und sagen, es handle sich um einen Theater- Coup. Bis jetzt sprechen sich die Blätter über die Zukunft nicht aus. Verschiedene Blätter sind der Meinung, daß Balfour d as Ergebnis der Enquete über den südaftikani- schen Krieg benutzen werde, um neue Angriffe gegen die Kriegsverwaltung behufs Umänderung der- elben zu verhindern. Man erwartet die bevorstehende Demission des Herzogs von Devonshire. Amt- icherseits ist bisher nichts über bevorstehende Neuwahlen mitgeteilt worden. Doch glaubt man, daß solche infolge der Kabinettskrise nötig geworden sind.
Hd. Antwerpen, 18. Septbr. Der aus Braila
Beleidigung durch Alugblätter gelegentlich der letzten Landtagswahl.
(Aus der Gießener Strafkammer.)
Die letzte Sitzung der Ferienstrafkammer bringt uns eine cause celefcre, welche nicht nur wegen der dabei in Betracht kommenden PersönliclMiten, sondern auch wegen des zu Grunde liegenden Tatbestandes geeignet ist, über die Kreise der zunächst Beteiligten hinaus Aussehen zu erregen. — Ten Vorsitz führt Landgerichtsdirektor Bücking, als beisitzende Richter sind die Landgerichtsräte Müller, Hellwig, Dornseiff und Amtsrichter Neuenhagen erschienen. Tie Anklage wird vom Staatsanwalt Hoos vertreten. Als Gerichtsschreiber fungiert Gerichtsassessor Seibert. Angeklagt wegen Beleidigung ist der am 5. März 1842 geborene Fabrikant Theodor Bücking II. von Alsfeld. Die Verteidigung liegt in den Händen des bekannten Frankfurter Rechtsanwalts Dr. Stulz. Der Beleidigte, Rechtsanwalt urrd, Notar Reh in Alsfelds hat sich als Nebenkläger dem Verfahren an geschlossen und wird durch, Rechts anwalt Grünewald in Gießen vertreten.
Ter Beschluß vom 15. August über die Eröffnung des Hauptverfahrens legt dem Angeklagten zur Last, daß er zu Alsfeld, Gießen, Mainz, Darmstadt und anderen nicht näher ermittelten Orten des Großherzogtums Hessen Ende des Jahres 1902 und im Anfang des Jahres 1903 fortgesetzt den Staatsanwalt und Notar Reh zu Alsfeld öffentlich durch den Inhalt von vier Flugblättern beleidigt habe, und zwar insbesondere dadurch, daß er in Beziehung auf Reh nicht erweislich wahre Tatsachen behauptet und verbreitet habe, welche Eignet waren, denselben verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen
Ter Tatbestand ist der folgende: Rechtsanwalt Reh war im Herbste 1902 als Kandidat für die Landtagswahl in Alsfeld ausgestellt. Ties veranlaßte den Angeklagten, vier Flugblätter abzufassen und verbreiten zu lassen. Diese Flugblätter sind betitelt: 1. Ein Beitrag zur Landtagswahl, 2. Es giebt Siege, die schlimmer sind als die schwersten Meder lagen, 3. Freisinniges Allerlei, 4. Advokaten und 'Freisinn.
Durch den Inhalt dieser Flugblätter bezweckte der Angeklagte, die Wahl seines früheren Parteigenossen Reh zu vereiteln, weil — nach seinen Worten — Reh der allerungeeignetste Mann für eine freisinnige Vertretung des 'Wahlbezirkes sei; denn Reh habe die zurzeit seiner Etccklier- ung in Alsfeld hochgehenden Wogen der freisinnigen Bewegung nur dazu benutzt, um hoch zu kommen.
Was den Inhalt der Flugblätter anbelangt, so wird hr den ersten drei dem Rechtsanwalt Reh der Vorwurf gemacht, daß er seine Praxis in unlauterer Weise betreibe und Geld erhalte, das ihm nicht zustehe. Es sind verschiedene Fälle angeführt, in denen Rechtsanwalt Reh Gebühren stber das ihm zustehende gesetzliche Maß erhoben haben soll. Die ziemlich umfangreiche Beweisaufnahme ergiebt, daß an Kostenrechnungen Reh's durch das Gericht verschiedentlich Abstriche erfolgt sind; einmal ist eine solche Rechnung von 103.47 Mk. auf 54.35 Mk. herabgesetzt worden.
In dem vierten Flugblatt bezichtigt der Angeklagte den Rechtsanwalt Reh der sog. Präverikation, d. h. er behauptet, daß Reh in derselben Rechtsangelegenheit beiden Parteien gleichzeitig als Anwalt pflichtwidrig gedient habe. Ter Angeklagte führt drei Fälle an, bezüglich deren die Beweisaufnahme ergibt, daß zwei ministeriell bestellte Vertreter während der Mwesenheit des Rechtsanwalts Reh von der einen Partei um Rat gefragt worden sind, und daß Rechtsanwalt Reh dann taffächlich die Gegenpartei im Pro^sse vertreten hat. Indessen wird bewiesen, daß zwischen dem Tage der Konsultation imh demjenigen der Vertretung der Gegenpartei eine Zwischenzeit von Wochen gelegen hat und daß Rechtsanwalt Reh sofort die Vertretung niedergelegt hat ,sobald ihm mitgeteilt worden ist, daß sein Bureau schon in der gleichen Sache schon Berater der Gegenseite war. Nur in einem Fall hat er die zuerst vertretene Partei um Erlaubnis zur Weiterführung des Prozesses für den Gegner gebeten, welche ihm aber nicht erteilt wurde.
Als Beleg für die Schreibweise des Angeklagten sei folgender Passus mitgetE:
Zur Landtagswahl in Alsfeld.
. Wir enmehmen dem Programm der Freisinnigen Volksvartei bte Worte:
-Volkstümliche Rechtspflege, erleichterte Rechtsverfolqunq durch Herabsetzung der Prozeßkosten, freie Advokatur."
rHl? dies Programm verwirklichen zu Helsen, schlagen wir vor, Nur solche Wahlmcmner zu wählen, welche Her-rn Rechtsanwalt und Notar R e h chre Stimme geben. Diesem Mann der Freisinnigen ^Voltsparter verdauten wir WasserleUung und elektrische Beleuchtung Er wwd, das ist sicher, ähnlich wie Köhler-Langsdorf bei Erhöhung derLebensmittelzölle, einen Antrag einbringen — daran zwerfeln nur nicht — in welchem er fordert, Gronh Regrerung zu ersuchen, ihre Bundesratsmitglieder zu instruieren alleAdvokatenzölleaufzuheben. '
Unter Advokatenzöllen verstehen wir die Vermeidung dreimaliger Prozeß- und Verhandlungsgebühr, d r e i m a l i a e r Gerichtsgebühr, wie dies in einer Eingabe an Großh. Ministerium des Innern und der Justiz in Darmstadt vom 22. November 1894 näl)er dargetau wurde. Ter Rechtsanwalt, welcher in dieser Eingabe vorgeführt wurde, heißt — Hase und soll em Liebhaber vom Duell |em. Mögen alle Landtagsabgeordnete darum vorsichtia bleiben, daß ihnen wegen Totschießens keine Streichungen im ■ Prozeßwege passieren. ä
Mehrere Freisinnige.
hergestellt. Nach den Berichten des inzwischen in Homel einoetroffenen Gouverneurs wurden während der Unruhen fünf verwundete Christen intb neun Juden in die Stadt- Hospitäler eingeliefert. Getötet sirrd vier Christen und zwei Juden.
Wegen Uebergabe des armenischen Kirchenver- ruögens an die Krone haben in Baku Unruhen begonnen, zu deren Unterdrückung Militär requiriert wurde, welches auf Armenier, die sich mit Revolvern und Steinen bewaffnet im Kirchhof bei der armenischen Kathedrale und in der anliegenden Straße zusammen gerottet Hutten, schoß. 20 Personen, die sich an der Kundgebung beteiligt hatten, wurden verwundet, davon sind drei gestorben. Ein Matrose ttmrde getötet. Auch in Kars hat sich ähnliches zuge- treigen. Nach der Zeitung „Kawkas" eilte unter dem Geläute der Glocken eine große Menge Armenier am 15. d. M. Jjerfcei und lagerten sich um die Kirche, als die Beamten, zur Uebernahme der armenischen Llirchengüter schritten. Die Aufforderung der Polizei, auseinander zu gehen, beantwortete die Menge mit einem Hagel von Stein>en und mit Schüssen und drängte die Polizei zurück. Zum Schutze derselben eilten 200 Kosaken herbei. Die stetig an- wachsende Menge empfing auch> diese mit Steinwürsen und Schüssen. Da der Aufforderung, auseinander zu gehen, nicht Folge geleistet wurde, waren die Kosaken gezlvungen, einzelne Schüsse abzugeben, worauf der Platz geräumt wurde. Mehrere So Daten wurden verletzt; von Ker Menge einer getötet unt) zwei verwundet. Verhaftet wurden 77 Personen, unter ihnen zwei Geistliche.


