Ausgabe 
17.11.1903 Zweites Blatt
 
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ÄU leiten. Fast sömlliche rrnwefenden erklärten sofort ihren Beitritt. Ein Ausschuß von sechs Herren wurde zur Vor- bereitung der Genossenschaftsgründung gewählt, welch letz­tere an Hand des vom hessiscl-en Zentralverein für Erricht­ung billiger Wohnungen zur Verfügung geteilten Materials erfolgen soll.

b. Leihgestern, 16. Nov. Hier ist unter den Kim- dern Diphtherie ausgebrochen, auch sind bereits einige gestorben.

-s- Kinzenbach, 15. Nov. Es bürgert sich auf dem Lande immer mehr die schöne Sitte ein, daß man auch in den Kirchen Oefen aufstellt, um den Besuchern während der Wintermonate die Kirche zu einem angenehinen Aufenthaltsort zu machen. Nachdem in der vereinigten Kirchengemeinde Krofdorf - Gleiberg - Kinzenbach die erst ge­nannte Gemeinde damit im vorigen Jahr den Anfang ge­macht hat, ist nun auch die hiesige Gemeinde diesem Beispul gefolgt. So sanden wir am heutigen Sonntag hier zum ersten mal eine geheizte Kirche vor, und die ungeheure Wirkung des neuen Ofens kam sofort zur Geltung. Schmiedemeister E. Pfaff hier hat den prachtvollen Ofen von der Firma Henn au§ Kaiserslautern bezogen.

= Dutenhofen, 15. Nov. Wie wir erfahren, hat auch die hiesige Gemeindevertretung das Grundgehalt ihrer beiden Schulstellen auf 1200 Mark festgesetzt. Damit ist die Gleichstellung mit den übrigen Schulstellen der Bürger­meisterei Krofdorf herbeigeführt, was um so mehr hervorzu- heben ist, da unsere beiden im Dienst ergrauten Lehrer schon mehr als 40 Jahre am hiesigen Orte das Amt der Schule mit großer Treue verwalten. Ja, soviel uns bekannt ist, be­stehen hier die stärksten Schulklassen im ganzen Kreise Wetzlar, und man hat schon wiederholt von höheren Orts die Be­gründung einer dritten Schulstelle gewünscht.

b. Roßdorf bei Darmstadt, 17. Nov. Dieser Taae entgleiste der Güterzug Groß-Zimmern-Darmstadt vor der Station Gundermhausen, glück llcy erweise ohne daß jemand verletzt wurde, .nur ein kleiner Materialschaden ent­stand. Der Verkehr war einige Stunden unterbrochen uni> mußte durch Umsteigen aufrecht erhalten werden. Die Wendzüge konnten wieder Verkehren.

Der Prozeß wegen Kmvesun1er»chlebuog gegen die Krafin KwUecki.

xv.

Berlin, 16. Nov.

Bei Beginn der heutigen Sitzung beantragte der Staats­anwalt die Ladung des Warschauer Kaufmanns Cordon. Die verstorbene Hebamme Czwell hat hauptsächlich das Geschäft des Abtreibens besorgt. Zeugin Anthowiak, die zweite Amme des Knaben, bekundet, der Nabel des Knaben sei bei der Lösung des Wickelbandes hervorgetreten und sehr rot gewesen. Zeuge Hechelski bekundet, der Sohn der Hebamme Cawel habe ihm gesagt, er würde nach Berlin kommen und das Geheimnis preis geben, wenn er dafür 10 000 Rubel erhalte.

Hierauf folgt ein eingehendes Verhör der Frau von Kol to ws ka, der To ch ter des ange k lagtenGrafen- p aar es. Diese gibt an, sie sei am 27. Januar 1897 mittags rn Berlin eiugetrofsen. Sktm Betreten der Wohnung in der Kaiserin Augustastraße hätte die Knoska chr mitgeteilt, die Mutter sei von einem Knaben entbunden. Ihr Oheim Gras Kninski habe chr gesagt, sie solle sich den Vorgang merken, er könne möglicherweise zur Aussage kommen, da Gras Hektor die Echtheit oer Geburt des Knaben an* fechten könnte. Zeugen habe auch der Mutter zu ge­redet, sich von einem Arzte untersuchen zu lassen, was diese aber abgelehnt habe. Sie habe die Mutter mehr­fach gesehen. Alle Zeichen einer Schwangerschaft seien vor­handen gewesen. Der Vorsitzende hält der Frau von Koltowska vor, es schwebe gegen sie die Untersuchung wegen Beihilfe zur Kindesunterschiebung. Aus Be­fragen des Staatsanwaltes antwortet die Zeugin, sie wisse nicht, weshalb die Mutter die Entbindung gerade in Berlin abgewartet habe. Die Entbindung auf dem Schlosse sei wegen der eigenen Kinder doch nicht schicklich gewesen. In dem folge irden Kreuzverhör sagt die Zeugrn aus, sie wisse nicht, weshalb die Hebamnre aus dem Auslande ge­nommen wurde. Ihr sei nur erinnerlich, daß die Mutter befürchtete, eine deutsche Habamme könnte durch den Grasen Hektor an gestiftet sein, den Knaben zu er­morden. Die Hebamme Czew sei durchaus sauber. Die Zeugin erklärt, sie würde eine Kindesunterschiebung nie geduldet haben. Sie betrachte eine derartige Handlung als Schändung des Familiennamens und könnte ihrer Mutter eine derartige Tat nicht zutrauen. Hierauf stellt die Ver­teidigung die Frage, wo die Hedwig Anduszewska in Berlin o-ewobnt habe. Zeugin sagt aus, sie wohne privat. Hierauf f»lgt eine lebhafte Kontroverse über die Wohnungsfrage. Schließlich wird beschlossen, die Wohnungen der verschie­denen wichtigen Zeugen feststellen zu lassen.

Gras Hektor bekundet, er wohne im Hotel Sachs, wo Hechelski und die Valentine Anoruszewska ebenfalls logieren.

Hierauf folgt die Vernehmung der F-an v. Moszewska, welche bei der angeblichen Entbindung zugegen war. Trotz des Protestes der Verteidigung beantragt der Staatsanwau den Ausschluß der Oesfentlichkeit, was auch beschlossen wird. Die Verteidigung bemerkt, sie sehe durch­aus keinen Grund zu dem Ausschluß der Oesfentlichkeit, nachdem bisher die heikelsten Dinge in voller Oesfentlichkeit behandelt wurden. Die Vernehmung der Moszewska nimmt iy2 Stunden in Anspruch. Die Oesfentlichkeit wurde dann wieder hergestellt.

Es folgt die Vernehmung des Rechtsanwaltes Cicho- wicz aus Posen, der im Pojener Zivilprozeß der Anwalt der Agnaten war. Er bekunoet, im Zivilprozeß habe die Moszewska ausgefagt, sie habe gesehen, daß die Hebamme die Nabelschnur durchschnitten und daraus verbunden habe, woraus das Kind gebadet wurde. Die Moszewska er­widert, dies sei falsch, sie sei falsch verstanden worden, sie habe niemals etwas derartiges gesagt. Ter Vorsitzende stellt fest, daß die damalige Zeugenaussage durch einen Dolmetscher vermittelt wurde. Zeuge Cichowicz stellt der Czwel ein ungünstiges Zeugnis aus. Sie habe einen Lockeren Lebenswandel geführt und ein verrufenes Haus in Marschau gehalten. Tie Verteidigung stellt fest, daß das Protokoll des Zivilprozesses die angebliche Bekundung der Moszewska nicht enthalte. Rechtsanwalt Cichowicz er­widert, er habe die Aeußerung nicht protokollieren lassen, weil er sie für unwesentliw gehalten habe.

Der Staatsanwalt konstatrert, die Zeugin Koszewska habe in der Voruntersuchung, und im Zivilprozeß anders ausgesagt als jetzt. Wie gerüchtweise verlautet, hat die Vernehmung der Moszewska nichts neues Mage gefördert.

Dre nächste Zeugin ist Fräulein von Czrerska,

eine Freundrn dec Gräfin. Diese ist im Jahre 1896 eine zeitlang aus dem Schlosse Wroblewo bei der Gräfin ge- lvesen und bekundet, daß letztere in den Monaten Sep- tember und Oktober tatsächlich schwanger war. Hierauf gibt der Gerichtsarzt Dr. Stürmer (em Gutachten über )ie am Donnerstag stattgehabte Untersuchung der beiden Knaben ab. Er geht zunächst auf die Gesichts- bildung der Gräjlich Kwileckischen Familie ein und kommt dann zu dem Schluß, daß eine Aehnlichkeit in der Form der Ohrbildurig zwischen dem jungen Grasen und der angeklagten Gräjin als vorhanden sestaestetlt werden muß, daß diese Aehnlichkeit aber keine Identität sei. Zwischen den beiden Knaben stellt der Sachverständige eine Reihe von Ähnlichkeiten fest, aber auch viele wesent­liche Abweichungen, sodaß hierdurch ein defini­tives Ergebnis für die Untersuchung nicht gegeben wer­den kann. Weiter stellt der Sachverständige eine Ueberein- timmuug der Gesichtszüge zwischen den beiden Komtessen einerseits und dem jungen Grasen andererseits fest.

Gerichtsarzt Professor Straßmann schließt sich dem Entachten Dr. Stürmers an. Er habe außer in der Abnor­mität der Genitalien eine Aehnlichkeit der beiden Knaben nicht seststellen können. Erne gewisse Aehn­lichkeit des umstrittenen Knaben mit der an­geklagten Gräfin sei allerdings vorhanden.

Der Geschichts- und Porträrmaler Professor Vogel er­klärt, daß er eine F a m i l i e n ä h n l i ch k e i t der beiden Knaben nicht habe seststellen können, dagegen sei betreffs der Ohrenbildung eine große Aehnlichkeit zwi- chen dem umstrittenen Knaben und der Komtesse Marie vorhanden.

Polizeiinspektor Klatt, der an beiden Knaben Glieder­messungen vorgelwmmen hat, konnte eine Aehnlichkeit nicht herausfinden und auch eine solche mrt der ange* * klagten Gräfin nicht festgestellt werden. Hierauf wird die Sitzung aus morgen vertagt.

Vermischtes.

Berlin, 14. Nov. Ein Eisenbahnunfall hat ich heute vormittag am Bahnhof Mittenwalde zugetragen. Ter aus Rixdors um 10 Uhr abgehende Personenzug der Kleinbahn entalei'te bei der Einfahrt in Mittenwalde angeblich infolge falscher Weichenstellung. Die Lokomotive 'kürzte um, der er te Personenwagen fuhr aus die Maschine und auch der zwelle Wagen kam aus dem Geleise. Glück­licherweise kamen die Passagiere mit heiler Haut davon, da­gegen ist der Materialschaden erheblich.

* Leipzig, 14. Nov. Der Inhaber des Zeitungs-Ver­lages von Pfister u. Fabian in Leij^ig-Schileusig ist wegen Unterschlagung von Konfirmand en-Spar- geldern in Höhe von über 4000 Mk. verhaftet worden.

* Falken au, 14. Nov. Der Bahnarbeiter Richard Erchler sand gestern beim Nachhausekommen sein jüngstes erst einige Wochen altes Kind mit geöffneten Puls­adern tot vor, während em älteres Kind schwere Verletzungen am Halse aufwies. Die Mutter wurde heute morgen as Leiche aus dem Mühlgraben gezogen.

* Hannover, 14. Nov. Gestern verunglückte bei einer Parforce-Jagd der Leutnant von der Lippe vom 13. Husarenregiment. Er stürzte während der Jagd und das Pferd eines hinter ihm reitenden Jägers siel auf ihn, sodaß der Leutnant einen Rippenbruch und starke Quetschungen erlitt

*Berden a d. Aller, 14. Nov. Der Mörder Klind* worth aus Rotenburg wurde heute morgen hinge* richte t

Stettin, 14. Nov. Im Stadttelle Unter>Bredow brachte der Schneider Bobbermin feiner Hauswirtin, einer Witwe, heute auf offener Straße mit einem dolch- artigen Messer 5 Stiche in den Unt erleid bei. Die Frau st ar b kurz daraus. Der Täter stellte sich selbst der Polizeu

* Brüssel, 16. Nov. Vor einigen Tagen sind zwei Mädchen im Aller von 11 und 13 Jähren in der Nähe von Tongres verschwunden. Man befürchtet, daß die Kinder von Zigeunern mitgenommen worden sind.

* Paris, 15. Nov. Hier sind 13 Frauen ver­haftet worden, welche Aussagen gemacht haben, wodurch es der Polizei gelingen wird, die Nlltglieder einer organi­sierten Bande zu verhaften^ welche sich vorwiegend mit Mädchenhandel besaßt

* Paris, 14. Nov. Vor einigen Monaten wurde ein Diebstahl von mehreren Millionen Francs zum Nachtell mehrerer Finanz-Institute verübt Das Vorkomm­nis wurde zunächst geheim geh allen, um die Untersuchung nicht zu beeinträchtigen. Gestern wurde nun einer der an­geblichen Diebe aus dem Boulevard verhaftet Mehrere andere Verhaftungen sollen noch bevorsteüen.

* Par is, 16. Nov. Bei einem Degenduell mit dem Toulouser Advokaten Ebelot wurde der Juwelier Lautier durch einen Sticy in die Achselhöhle getötet

* Aix les Bains, 14. Nov. Die des Mordes an der Madame Fougere beschuldigte Frau Giriard wurde gestern im Beisein des Untersuchungsrichters an Ort und Stelle vernommen. Beim Rücktransport der Giriard fanden Kundgebungen gegen sie statt Die Fenster des Koupees wurden eingeworfen und Todesdrohungen gegen die Giriard ausgestoßen.

* Montreux, 16. Nov. Die amtliche Feststellung ergab, daß der verunglückte Rudolf Weill aus Kassel sich den Tod durch einen Revolverschuß in die rechte Schläfe gegeben hat, zweifellos, weil er sich ver­loren sah. Der Tod ist also nicht infolge Absturzes, sondern infolge des Schusses eingetreten, aber keineswegs augen­blicklich. Der Revolver wurde bisher noch nicht gefunden, wohl aber Patronen in der Tasche Wells.

* Lemberg, 15. Nov. Der Hörer des 2. Jahrganges des Polytechnikums Heinrich Sadowski hat Selbst­mord begangen, weil ihn der Examinator Kempinski un­gewöhnlich streng prüfte. Er verließ den Prüsungs- jaal, begab sich in den Korridor des 2. Stockwerks und stürzte sich in den Hosraum hinab, wo er sofort toi liegen blieb. In Hallcz bei Lemberg sank ein bei den Tniesterregulierung verwendetes Baggerbvot mit acht Arbeitern, von denen nur zwei gerettet wurden.

*Newyork, 14. Nov. Aussehen erregt die gestern er­folgte Ermordung des Mr. Andrew H. Green, einer der einflußreichsten Leute von Newyork. Green wurde in seiner Wohnung in der Park-Avenue durch einen Neger aus bisher unbekannten Gründen ermordet.

* Das Radfahren als Heilmittel. Mit über­raschendem Erfolge sit das Radfahren bei dem Prinzen Waldemar, dem ältesten Sohn des Prinzen Hein­rich von Preußen, angewendet worden. Der Prinz, der bekanntlich an Lähmungserscheinungen (Kinder­lähmung ) litt, die chn am Gebrauch der Glieder hinderte, wird alliahrlich in einem bekannten Sanatorrum bei Dresden

längere Zeit behandelt. In diesem Jahre nun erhiell er zu seinem großen Vergnügen zunächst ein Dreirad, mit dem er stundenlang in den weitläufigen Parkanlagen der Anstalt spazieren fuhr. Das neue Mittel bewährte sich so ausge­zeichnet, daß Prinz Heinrich nunmehr ein Zweirad für seinen ältesten Sprößling bestellt hat. Jedenfalls ein angenehmeres Heilmittel als die früher üblichen Streckbetten, Schwebe- und Hünge-Apparate und ähnliche Marterinstrumente.

*EinereicheErbschaftist der Stadt Tilsit zuge- alTen, indem sie von dem verstorbenen Fräulein Cäcilie Bein aus Warrischken zur alleinigen Erbin der genannten Besitzung nebst Vorwerken eingesetzt ist. Der Wert des Nach,* lasses beträgt 200 000 Mk. Tie zu dem Nachlaß gehörige Begüterung soll auf ein Grundbuchblatt geschrieben uich auch fernerhin als ein Ganzes bewirtschaftet werden. Die Stadt Tilsit soll nicht berechtigt sein, die Begüterung oder Teile derjelben zu veräußern. Ferner hat Fräulein Bein eine Reihe von Legaten für ihre Verwandten, Bekannten, Kümmerer, Schirrarbeiter usw, für den Unterstützungsfonds der beiden Gymnasien, den Gartenverschönerungsverein, die Armen in Plaschken, Kroczewischken und Gumischken aus­gesetzt. Der TiersckMtzverein zu Tilsit erhält jährlich 300 Mk. Sobald sich in Tilsit ein Homöopathiscyer Arzt niederläßt, soll er aus dem Nachlasse eine jährliche Beihclfe von 1000 Mark erhalten, vorausgesetzt, daß dieser Arzt fein medizini- ches Staatsexamen gemacht hat. Jährlich sollen ferner 1000 Mk. an das homöopathische Krankenhaus zu Leipzig zur Errichtung von Freistellen für hllssbedürftige Kranke der Stadt und des Landkreises Tilsit, und außerdem 300 Mark jährlich als Reiseunterstützung gezahlt werden. Tie Villa des Fräulein Bein im Badeorte Schwarzort soll mit dem in derselben befindlichen Mobiliar für hilfsbedürftige Lehrerinnen während der Sommermonate als Aufenthall unentgeltlich gewährt werden.

* Tie Lütticher Weltausstellung im Jah-re 1905 schreibt einen Preis für Luftschiffer in Höhe von 100000 Frs. aus. Die Bewerber sollen in Lüttich aufsteigen, den Krrchturm von Spa umfahren und auf den Ausgangspunkt zurückkehren. Den Preis gewinnt, wer in der kürzesten Zeit den in der Luftlinie 14 Kilometer Weg zurücklegt.

* Folgendes Mißverständnis erzählt das Maiser Wochenbl." in Obermais bei Meran. Eilig läuft ein Bauer aus der Kirche ins nahe Wirtshaus, das zur Feier desNeuen" einen grünen Buschen mit farbigen Bändern aufgesteckt hatte.Zwei Liter Neuen" denll der Bauer,ha, das ist nit a soe schlechte Buaß, und zwei Liter Neuen Hot er gfogt" Bald saß der Hiasl in der Ecke des alten Wirtshauses, den Doppelliter vor ficfy, als fein Weib polternd her ein trat und chn auf feinen sträflichen Wandel aufmerksam machen wollle.A Ruah^ will i hobn", rief ihr Hiasl im frommen Büßerton zu,streit die mit dem Pfarrer. Zwei Liter Neuen hat er mir zur Buaß aufgöbn!" Diese eigenartige Buße schieU der allen Rosl doch, nicht recht einzuleuchten, und sie fragte beim Pfarrer nach. Der fromme Herr aber konnte sich selbst des Lachens nicht enthalten, als er schließlich sagte:Zw eiLitaneien hob i chrn aufgöbn!"

Aas RavattmarLenrvejeu.

In den Kreisen der Gießener Detaillisten ist man feit mehreren Wochen erregt über das Vorgehen eines Beamtenkonsumvereins. Während man in allen möglichen Körperschaften sich mit der Frage beschäftigt, wie dem Mittelstände, dem kleinen Geschäftsmann und Handwerker zu helfen sei gegenüber dem Ansturm des Großkapitals und der Großindustrie, mehren sich fort­während, unter reichDministerieller Beihilfe und Förderung, die Rabattmarkenvereine und schädigen die kleine und mitt­lere Geschäftswelt, insbesondere das Detailgeschäft. Von dem Reichs- oder preußischen Regierungsbehörben unter­stützte Vereine animieren ihre Mllglieder, nur bei diesen und jenen Geschäften einzukaufen, Geschäfte, welche sich ver­pflichten, entweder dem Verein vver den Mllglieoern direll Prozente ost in bedenklicher Höhe von den KleineinkäufM abzugebeu. Man weiß ja aus Erfahrung, wie die Geschäfts­leute bewogen werden, sich als Lieferanten zu erklären, wie sie oft nicht ausweicheu können, wenn Herr oder Frau Soundso persönlich, sie darum ansprecheu oder anderer Druck auf sie aus geübt wird. Dazu kommt noch daß manche Geschäftsleute glauben, sich dadurch dauernd einen größeren Kunoenkreis zu erwerben, oder gar einen größeren Geschäfts- Verdienst zu erzielen. In törichter Weise übersehen diese aber dabei, daß derartige Vereine die ganze Geschäftswelt, also auch die ganze Konkurrenz in gleicher Weise mobil machen und dadurch für den einzelnen kaum etwas nam­haftes übrig bleiben kann. Ist die Rabattbewilligung ein­mal eingeführt, ist das nächste, daß einer den andern noch zu überbieten sucht und wer dann die höchsten P zmte an Rabatt bewilligt, ist oben. Weiter überlegen derartige kurz­sichtige Geschäftsleute nicht, daß sie sich einseitig verpflicht ten, Prozente zu geben, während die Vereine ihrerseits keinerlei Verpfllch,tungen übernehmen und auch, nicht über­nehmen können, denn jeder kaust schließlich^ doch^ da, wo es ihm am besten paßt. Es ist also dem einzelnen keinerlei Garantie für einen größeren Umsatz gegeben, wohl aber entwickelt sich allmählich aus diesem Geschästsgebühren ge­waltiger Nachtell. Derjenige Teil der Kundschaft, welcher keine Prozente erhall, wird, so führte jüngst dasMainzer Joum."ganz richtig aus,mißttauisch,wenn er dahinter kommt, daß ein anderer Teil besondere Vorteile erhäll. Abgesehen davon, daß es Leute, welche dem Geschäftsmann seinen ehr­lichen Verdienst gönnen, unangenehm berühren muß, daß sie für ihre wohlwollende Gesinnung auch noch teuerer behandelt werden, wie die Mllglieder irgend eines Vereins, der womöglich heute besteht und morgen vergeht, haben diese angestammten treuen Kunden volles Recht, auch Aiiß- trauen zu hegen gegen die Qualität der Waren sowie die reelle Behandlung un Maß ober Gewicht. DerEisenbahn­verein für Mainz und Umgegend" schrieb an feine Mit­glieder klipp und El ar:

Tie Mitglieder werden ersucht, die mit den Lieferan­ten getroffenen Vereinbarungen geheim zu hallen und bei den Einkäufen erst bei der Zahlung fcch durch Vor­zeigung der Mitgliedskarte in unauffälliger Weise und ohne Erwähnung des Rabattes den Geschäften als Mitglieder de§ Eisenbahnvereins kennllich zu machen, damit die Muser vor Heb er 00r teilung bewahrt bleiben und damit anderen etwa anwesendLN Käufern die Rabattbewilligurrg nicht bekannt wird."

Ob der Gießener Eifenbah-nverein, beffen Liefe­rantenliste uns vorgelegt worden ist, ein ähnliches Rund­schreiben an feine M-llglleder erlassen hat, toqfen wir nicht, und wir möchten gern annehmen, er yabe eS nicht getan. Tenn darin läge eine ostentative Verdächtigung des gesamten Tetaillistenstandes. Der Mainzer Verein aber charakterisiert in diesem Schreiben obendrein aufs eklatan­teste den durch das Rabattunwesen dort offenbar bereits

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