Ausgabe 
17.10.1903 Viertes Blatt
 
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Vorüber geht an ihm der Ruhm, dem wir mit ihm vergeblich gefolgt sind. Er hat ihn gesugst und nicht gefunden. Und ihr liegt nichts ferner, als ihn zu trösten, seine Pein zu lin­dern, seine Dränen zu stillen. Sie ist empört über ihren unberühmten Monn. Sie sieht auf seinem Lebenswege nichts als eine leere Furche, und sie macht ihm in dürren Worten klar, daß er vergeblich lebt. Sie öffnet ihm das Tor zum Finsteren, an dem der Tod ohne Fackel steht. Und als er merkt, daß er ihre Liebe, ihre Achtung verloren hat, da hat er nichts mehr, was ihn lockt und führt. Er ver­zweifelt an sich. Und er stößt das Gitter, das zum Parke -des Todes fuhrt, auf und eilt zu denen, die nicht mehr sind. ;Sie aber schmiegt sich noch vor dem tragischen Ende ihres sie allezeit anbetenden Gatten an einen Anderen.

Ter Roman schließt mit der Bemerkung, daß Inge nun ihren Egoismus begraben" habe. Wir aber glauben nicht daran, können nicht daran glauben. Dieses von starrem Ehrgeiz besessene herzensarme Weib, dessen Tüchtigkeit und Seelengröße wir nicht erkennen, wird ihren Egoismus uie begraben. Denn Inge kennt nur einePflicht gegen sich selbst"', d. h. die Eigenliebe. Sie denkt an nichts Anderes, als daß ihre eigenen Lebensinstinkte vielleicht ersticken" könnten in dieser Ehe; daß sie dabei mit größ­tem Gleichmut die ihres Nächsten erstickt, empfindet sie gar nicht. Holzamer bemühte sich, seine Inge möglichst sym­pathisch zu machen, diePflicht gegen sich selbst" durch eine Fülle Auger Bemerkungen, von denen viele epigramma­tische Schärfe und Knappheit besitzen, darzutun. Nur zu diesem Zwecke wohl hat er so außerordentlich weit ausge­holt und uns mit Hansens Werden und Wachsen so gründ­lich! bekannt gemacht, ihn uns seelisch so nahe gebracht, daß wir sein tragisches Ende im Interesse dertiefer" veranlagten Inge als notwendig betrachten sollen. Indem er aber allzuviel Beweismaterial herbeibrachte, erreichte er das Gegenteil. Hans bleibt bis zum Schlüsse der ungleich sympathischere. Mit ihm empfinden wir Mitleid, und Inge, die wir so spät erst kennen lernen, flößt uns schließ­lich nicht Achtung, sondern Abscheu ein. Denn die Ä>e mit Hans rst ihrerseits von Anbeginn unwahr. Der Dichter pcht nicht, wie Ibsen, für gewisse Mysterien weiblichen Gefühls- und Empfindungslebens, er tritt für ein ver­meintliches Menschheitsrecht ein, das kein Recht ist, kein Recht war, sein oder werden darf, weil es dem Besten Trotz bietet, was die Menschenseele besitzt, edelmütiges Mit­leid. Indem er Unschönes beschönigt, will er Unedles edel machen. Willensenergie und Tatkraft sind Tugenden bei Mann und Weib, aber sie allein machen wahrlich noch Leinen Menschen, an dem wir ein volles Wohlgefallen haben tonnen. Dieser Sieg einer starken Frau über ihren schwächeren Gatten ist ein unmoralischer Sieg, denn der Unterliegende ist der bei weitem edlerere. Inges rücksichts­

lose Entschlossenheit mag Kaltherzigen imponieren, und des Dichters gutes Recht ist es, auch solcher Psyche nachgu- spüren, Unrecht aber, es mit allen erdenklichen Mitteln zu rechtfertigen. Nicht gab er objektive Seelenanalyse, son­dern er unternahm ein subjektives Weißwaschen des bru­talen Egoismus. Wen innerlich nichts mehr mit dem Gatten verbindet, für den gilt nach Ibsen das moralische Recht, ihn zu verlassen; aber wahrlich ein Anderes ist es, den innerlich Entfremdeten zum Tode zu führen.

Holzamers neuester Roman enthalt Ansätze zu einer Tragödie jener Sorte moderner Männer vom schlechten Wüchse Thorwald Helmers, die dem Weibe intellektuell sich nicht gewachsen zeigen, denen esüber die Kraft" geht, über das moderne Weib hinauszuwachsen, intellektuell wie moralisch aber eben nur Ansätze, denn es ist ein bewußter Lendenzroman nach der entgegengesetzten Seite. Inges Egoismus als Triebkraft für eine geistige Durcharbeitung il^er Persönlichkeit, ihr Urteil, ihr Wissen, ihre Verstandes­eigenschaften, die sie mit unermüdlichem Ehrgeiz pflegt und entwickelt, haben Anspruch aus volle Achtung so lange, als sie sie auf sich felber beschränkte; sobald sie ihren Gatten preisgiebt, von ihm unmögliches verlangt, mehr als er nach, seinen geistigen Mitteln zu geben vermag, sobald sie ihm dann endlich gar, nachdem sie sein armes Hirn wie eine für ihren Geschmack ungenießbar gewordene Zi­trone ausgepreßt hat, systematisch zu zerbrechen sich ent­schließt, tritt an die Stelle der Achtung Verachtung. Nach einer unklaren Größe geht ihr Sinn, er treibt sie unaufhalt­sam von der Seite ihres geistig nicht mehr ebenbürtigen,trotz­dem aber geliebten (!) Mannes hinaus, zunächst als Aerztin in Spitäler und Krankenstuben, dann aber hinüber zu einem anderen Manne, von dessen Seite sie mit einer ganz wunder­baren Spielart von vermeintlichem Hochsinne ein liebendes Weib jagt, eine kleine,unbedeutende" Frau, die in ihrer Selbstlosigkeit unendlich viel größer ist als sie, dasbedeu­tende",moderne" Weib. Ihres Gatten freiwilliger Tod weckt in ihr keine tiefere Empfindung, ihr oberstes geistiges und seelisches Eigentum bleibt diePflicht" auf sich selbst, obwohl Hansens tragisches Ende das Pflichtgefühl gegen den Nächsten in jedem ein wenig Ber innerlichteren wohl erzeugt hätte. Dieses Weib, von dem es l^ißt, daß es mitten in der gesellschaftlichen Krise sich bewegt, die die Frauen von einer Reihe sie bisher beengender Vorurteile befreit, hätte der Dichter, der diese Krise doch, aufs wärmste befürworten wollte, nie und nimmer von allem sozialen Verantwortungsge,ühl so völlig entlasten dürfen. Dieses Manko giebt dem Roman die Tendenz einer kraß anti­sozialen, iraß indiv.o. ali]..auenemanzipaiTn, die wegen ihrer Inhumanität abpich. ..no weltenfern ist von jener anderen, sördernswerten, die bie Frau aus den Schran­ken einer so "unberechtigten als unvernünftigen Gebunden­

heit hinausgeleiten will nicht nur zur Helferin, zur Weg- weiserin, zur Kameradin des Mannes, sodann auch! zur selbständigen Arbeiterin auf allen ihr physisch und Psychisch entsprechenden Feldern der Lebensbetätigung. Inge und Hans haben die Gemeinsamkeit der Lebensanschauung ver­loren, die die einzige Grundlage einer möglichen inneren Verständigung und eines gegenseitigen Tragens und Er­tragens ist. Die Konsequenz davon wäre friedlich-schiedllches Voneinandergehen. Inge erweist sich aber auch außer stände, mit dem, was in Hansens Charakter liebenswert ist, und dem anderen, was sein Talent wertvoll macht, sich dankbar zu bescheiden. So steht ihrer geistigen Energie keine stttuche zur Seite, die ihren Ehrgeiz beschämen könnte, darum eilt sie in der Todesstunde ihres Gatten stracks zu einem andern, dem sie ihre egoistische Seele längst zu eigen gegeben zu haben vermeint, dem sie fortan als Kamerad zur Seite stehen will und den sie über ein Kleines wolp ebenso wie Hans zur Seite schieben wird, sobald sie glauben wird, daß auch er ihr an Geistigem nichts mehr z ubieten vermag.

Trotz alledem hat man unbedingten Respeli vor der künstlerischen Gesamtleistung, die dieser größte Roman Holz­amers präsentiert. So sehr ihm auch durch den getrennten Aufbau der beiden Hauptcharaktere die Einheitlichkeit mangelt, so umständlich sich auch die Handlung entwickelt, so langsam sie fortschreitet, - so meisterlich ist von Anfang bis zum Ende die Anschaulichkeit, so groß die reut epische, man möchte fast sagen die homerische Kunst. Holzamer liebt es, zur Erhöhung des Stimmungsreizes von Zeit zu Zeit ganze Sätze zu wiederholen, wie es der alte Vater Homer, wie es her den Rundreim liebende Lyriker tut. Maß­voller angewendet gäbe das dem Buche einen bestechenden eigenen Reiz, Holzamer aber gerat hiermit bisweilen in eine nicht ganz leicht erträgliche Manier. Das weitaus Beste des Buches ist, wie gesagt, seine erste Hälfte, der Hans-Romane, oder treffender gesagt, das zarte und ferne Gedicht vom Knaben Hans. Dieser Teil Oes Buches ist saft ganz eine Stimmung, die auf einer unendlichen Melodie fortgetragen wird, eine betörende, einschmeichelnde Weise von süßem Duft und scheuer, stiller Weltentrücktheit ein echter alter Holzamer, der vordem in seinem ländlichen Stillleben zu den sagen wir einmal ruhig: Troglo- dyteu des Odenwaldes zu wandern und uns mit schlichter, naiver, herziger Kunst zu erzählen pflegte von ihrem un­verdorbenen Treusinn, ihrer Versonnenheit, ihrer Ehrfurcht gebietenden Einfalt und ihrer natür wuchst gen Gedanken­tiefe. Der Pariser Holzamer ist ein ganz anderer geworden.

Heute aber wollen wir uns in Hessen immer noch freuen, daß wir zwei Romanschriftsteller beschen von Be­deutung und Eigenart Bock und Holzamer.

P. W.