Nr. Ä44
Erscheint tSgltch außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Familien, blätter viermal in der Woche beigelegt.
NotationSdruck u. Verlag der Brühl 'scheu Unwers.-Buch-u.Stei«- druckerei (Pietsch Erden) Redaktton. E^pedttto« und Druckerei:
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Fernsprechanschluß Nr. 5L
Viertes Blatt.
Samstag 17. Oktober 1903
153. Jahrgang
GietzenerAnzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen
VeLugdpretd^ moncuuch75Pi., vierter jädrlich Mk. 2.20; durch Aohole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Poft DU. 2.— vierrel- jahrl. auSschl. Gestellg. Annahme von Anzeigen ür di« TageSnummer ois vormMag- 10 Uchr. , eilenvret»: lokal ILPs^ auswärts 80 Pjg.
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Gießen, 17. Oktober.
Seit ein paar Jahren haben wir eine hessische Heirnats- literatnr, eine Literatur, die ihre eigenen Menschen schildert, ihre eigenen Gefühle, ihre eigenen Gedanken, ihre eigenen Stimmungen besitzt. Diese Heimatsliteratur hat nichts gemein mit der in den großen Städten. Bei uns zu Lande denkt man anders, fühlt man anders, ist man anders gestimmt tculs in Berlin oder in München oder in Dresden. Darum mußte die von Alfred Bock und Wilh. Holz- amer geschaffene hessische Provinzkunst ihre eigene Ausdrucksweise sich suchen. Beide reizt es, die Nüancen ihrer Gegend, d .h. des hessischen Volkes und der hessischen Landschaft südlich und nördlich vom Main, aufzufassen und aus- zudrücken. Und sie zeigen, wie die Dinge und Menschen hier und da anders sind. Jü der ganzen Welt spielen' sich schließlich unter allen Menschen immer dieselben Tragödien, ewig dieselben Posen ab, aber sie haben b-otfy an jedem Orte, zu jeder Zeit eine neue Farbe, einen besonderen Don. Dasselbe Gefühl, dieselbe Liebe, derselbe Zorn redet nicht nur in den Kaiserstädten an der Spree und an der. Donau, sondern. auch an den Abhängen des Vogelsberges und im Umkreise des Odenwaldes anders, das alte, ewige, unabänderliche Schicksal der Menschen nimmt allenthalben sozusagen einen anderen, einen neuen Dialekt an.
Alfred Bock geht hinaus aus die ober-hessischen Dörfer unt) in die kleinen Städtchen und beobachtet mit scharfem Auge die Leute, die er auf seinem Wege trifft, die in ihren Gesellen tragisch verliebte „P l a st e r m e i st e r i n", den wackeren kernigen „Flurschütz", den idealgesonnenen Volksschullehrer und das kleine süße Fabrikmädel, den kleinstädtischen, unerfahrenen Krämer und Schmetterlingssammler und den modernen Warenhausmann, das im engen Neste verkümmernde musikalische Genie und den seltsam gewundene Wege wandelnden Agenten mit einer frommen und einer verbrecherischen Stimme im Herzen, kurz, die „Kinder des Volkes". Und er schildert sie mit objektivster Treue, schlecht und recht mit ihren Fehlern und Vorzügen. Selbst in dem Lumpen von Notariatsschreiber und dessen vielgeliebter Hausfrau aus den „Kindern des Volkes", und in dem dunkeln Ehrenrnanne und Laienprediger Hupfeld findet er im ungepflegten wüsten Seelenwirrwarr ein wohlriechendes Blümchen, das uns diese Person nicht gänzlich verachten läßt, das uns eine gewisse Teilnahme mit ihrem Geschicke einflößt. Hinter allen Romangestalten Bocks tritt er selber zumeist ganz zurück. Er trügr teure Moral vor, sondern überläßt diese seinen Lesern, 2tur an das Tatsächliche pflegt er sich zu halten. Das trägt er, ohne sich viel in Seelen- und Naturjchilderungen einzulassen, in knapper, gedrungener Form vor. Da ist kein
Wort zu viel, aber auch keins zu wenig. Immer sehen wir seine Gestalten vor uns in voller Leiblichkeit. Wir lernen sie alle von Grund aus kennen und nehmen warmen Anteil an ihren Erlebnissen. Es sind zumeist fertige Menschen, die wir in Bocks Romanen begegnen, abgeschlossene Charaktere, die sich selber treu bleiben von Anfang bis zu Ende. Darum ist es die Handlung des Romanes, die die Spannung schafft, darum haben seine besten Romane etwas stark Dramatisches.
Ist Dock, der Oberhesse, ein klug und scharf beobachtender Realist, jo ist Holz am er, der Rheinhesse, ein lyrischer Träumer. Auch seine besten Schriften atmen, wie die Bocks, die Luft seiner Gegend. Liber die odenwaldisch--rheinische Lust ist eine andere als die Oberhessens. Den Boclschen Gestalten haftet viel von der oberhessischen Erdschwere an, es weht in ihnen etwas von der reinen, klaren schleierlosen Luft des Vogelsberges, die giebt ihnen eine kernige Robustheit, etwas Gesundes, Festes, Knorriges, denen zarte seelische Subtilitäten fremd sind. Anders Holzamer. Um j'eine Gestalten schwebt ein zarter Dunst, ein seiner Schein. Jene Menschen dort unten von der Bergstraße haben gar viel Stilles und Geheimes in sich. Und was dü alles an den Bäumen hängt, was da über die Wiesen streicht, was da wispert und flüstert im Odenwalde und in den Herzen der einsamen Menschen darinnen, das läßt er uns in seinen besten Erzählungen spüren. Und er ist der kontemplativere. Während Bock seine Menschen, wie er sie sieht, fest und gerade, ohne Schwanken hinstellt, Meirschen aus einem Guß, und ein buntes Bild von einer Reihe lebendiger Gestalten von bestimmter Wesensverschiedenheit um uns zu gruppieren pflegt, liebt es Holzamer, in seinen Erzählungen immer nur einen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, diesen aber bis ins einzelne zu zerlegen, ihn bis in seine geheimsten, innerlichsten An -und Absichten zu verfolgen. Und je komplizierter eine Menschenseele ist, desto lieber ist sie ihm für die dichterische Ausgestaltung.
So zeigen Bock und Holzamer eine ersreulichLsArbeits- teiluna auf dem Gebiete der hessischen HeimaLsliteratur.
Dre letzten Romane der beiden hessischen Erzähler sind die besten Beispiele dafür. Bock wie Holzamer haben kürzlich zwei Musiker-Romane veröffentlicht, beide Romane aber sind, trotz äußerlich ähnlichien Milieus, trotz einiger oberflächlicher Ähnlichkeiten tzi den von ihnen gestalteten Persönlichkeiten, von Grund aus verschieden. Der Bocksche Rvinan „Kantor S ch i l d k ö t e r s Haus" (Verlag von Egon Fleischet u. Co. in Berlin), ist an dieser (Äelle bereits besprochen und als die so tüchtige als erfteuliche künstlerische Leistung eines ehrlich strebenden Schriftstellers von gesunder Lebensanschauung und reicher Menschentenntnis anerkannt worden, dessen oberste Vorzüge gründliches Stu-^ dium der Volksseele, musterhafte Einfachheit im ungemein klar gegliederten Ausbau der abwechselungsreichen und viel
gestaltigen, sich dramatisch auftürmenden Handlung, schlichte, lebendige und absolut phrasenlofe Darstellung sind.
Holzamer hat seiner kleinen, hübsch und flott erzählten, aber nach seinem entzückend melodiösen „Armen Lukas" künstlerisch weit eher einen Ab- als einen LÜrstieg bedeutenden Seennovelle „D i e S t u r m f r a u" einen großen Roman folgen lassen, der seine umfangreichste bisherige dichterische Leistung darstellt. Er ist betitelt „Inge, ein Frauen- leben" und wie die meisten seiner Schriften bei Herrn. Seemann Nachf. in Leipzig erschienen. Zunächst nimmt man an diesem Titel Anstoß. Denn das Buch besteht in Wahrheit aus zwei ganz verschiedenen Erzählungen, von denen nicht die eine kunstgerecht in die andere verwoben ist — was z. B. Bock, der auch als Schilderer köstlicher Episoden nicht leicht seines Gleichen findet, meisterhaft versteht —, sondern die eine folgt, umständlich vermittels der anderen. Die wohlgezählte ganze erste Hälfte des sehr stattlichen Buches ist die Geschichte eines musikalisch reich veranlagten Knaben. Diese Geschichte ist mit der ganzen zartem lyrischen Kunst Holzamers erzählt. Hier ist Holzamer ganz bei sich zu Hause, da ist seine Kunst von wundersamer Frische und Reinheit. Da wandelt er im stillen Garten auf alten vertrauten Wegen, da pflückt er die holdesten Rosen, da ruht sein Poetenherz in den reinen Händen der Heimat, da findet er Töne in den tiefsten Tiefen seines Herzens, da klingt es und singt es in Busch und Baum. Doch es erblühen neue, unbekannte Blumen, es duften die Gerüche der Sehnsucht nach der großen Welt auf. Für dje kreuzbrave Art seiner Eltern hat Hans, der junge Geiger, der Einlaß in das Haus des Reichen findet, bald keinen Sinn mehr. Und es kommt die Liebe über ihn zu Inge, der Enkelin des Reichen, die da wähnt, er werde ein großer Künstler werden. Aber ihre Wege trennen, sich früh und wir durchleben zwei von einander gänzlich getrennte Parallelhand- lungen. Beide lassen sich aus Abwege locken vom glänzend Verführerischen, erkennen aber darin bald Wahn und Betrug. Sie suchen und hoffen, drängen und streben dann weiter auf getrennten Pfaden, und endlich finden sie sich wieder. Inge, die wir in ihren Kleinmadchenjahren so gut wie gar nicht kennen lernten, ist inzwischen durch zwei Erlebnisse, von denen das eine im Grunde recht harmlos und das zweite recht romanhaft ist, zu einem herben Gigenmenschen heran- gereist, während Haus, den wir anfangs, ccks eifrig strebenden stnafccn und Jüngling, so ganz in unser Herz geschlossen hatten, und der dann nach raschem künstlerischem Aufstreg unseren Blicken vollends entglitten war, in seiner Entwicklung plötzlich stehen geblieben ist, trotz all der weisen Lehren seines greisen Gönners, trotz der überaus harten ^onservatoriumsjahre, die ihn wvhl istitten fürs Leben stählen können. Nun er der Gatte von Inge geworden ist, ist es künstlerisch auf einmal mit ihm vorbei. So viel sie auch von ihm verlangt und begehrt, alles ist vergeblich.


