Ausgabe 
17.8.1903 Erstes Blatt
 
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Au > stand in Mazedonien.

Tie allgemeine Lage in Maced-onien wird immer schlim­mer. Ein Militärzug wurde zwischen Seleneko und Koprili auf der Linie Ueskiib-Galoniki durch Explodieren einer Dynamitbombe auf den Schienen leicht beschä­digt. Ein Soldat wurde getötet, mehrere wurden ver­wundet. Auf der Bardar-Ersenbahnbrücke bei Koprili wur­den zwei Sack Dynamit gefunden, die auf die S ch i e - nen gebunden worden waren.

In dem Ban den kam Pf, der am 11. August bei Guemendje im Kreise Jenidscho-Vardar, VilajetSaloniki, stattfand, sollen die Insurgenten zahlreiche Dynamit­bomben geworfen haben, deren Detonation bis zu der 15 Kilometer entfernten Bahnstation vernommen wurde. Tie Meldungen über die Einnahme von Kruschewo sind bisher amtlich nicht bestätigt. Nach Angaben von türkischer Seite haben in der Umgegend vor: Perlepe blutige Bandenkämpfe stattgefunden, in denen die Verluste der Ban­den angeblich über 100 Mann betragen. Im Kreise Flo­rina wurden von Komiteebanden 4 Mühlen und an zahl­reichen Orten die Getreideernten verbrannten. Im ganzen Sandschak wurden zahlreiche, Türken gehörige, Meierhöfe niedergebrannt und Feldwächter und Gendarmen, darunter auch christliche, ermordet, die Viehherden und Nahrungs­mittel geraubt und die Telegraphenlinien an verschiedenen Orten zerstört. Zwischen manchen Orten ist die Verbindung nur durch Bahntelegraphen möglich. Tie Bahnwachen wer­den fortwährend beschossen, türkische Zivilbeamte erhalten zahlreiche Drohbriefe. Die Lage im Sandschak Monastir und der Umgebung des Grenzgebietes hat sich in den letzten Tagen zwar nicht wesentlich verschlechtert, doch ist die baldige Herstellung der Ordnung nur durch einen selb­ständigen energischen Kommandanten, der im Besitze ent­sprechender Vollmachten ist, zu erreichen.

In Sofia verlief eine Volksversammlung zur Unterstützung des macedonischen Komitees bei nicht be­sonders starker Beteiligung ohne besonderen Zwischenfall. Tie Resolution, die zum Schlug angenommen wurde, gelobt den Kämpfern um die Freiheit Macedoniens moralische und materielle Unterstützung.

Ans Serbien.

Tie wichtigsten Tifferenzen unter den Ministern konnten im Laufe der Nacht vom Freitag auf Samstag bcigelegt werden. Tie Unabhängigen und Radikalen bleiben dem neuen Kabinett fern. Ter zweite Führer der Liberalen, Stojan Ribaraz, hat das ihm angebotene Justiz-Portefeuille abgelehnt und auch der Kriegsminister Atanazkowitsch scheidet aus dem Ministerium aus. Tie neue Regierung soll nach den bisherigen Dispositionen wie folgt gebildet werden: Präsidium ohne Portefeuille Avakumowitsch, Aeußeres Kaljewitsch, Bauten Oberst Maschin, Handel Gent- schitsch. Inneres Stojan Protitsch, alles bereits Mitglieder des bisherigen Kabinetts. Neu sind der Kriegsminister Solarowitsch, ein Artillerie-Oberst, ferner der Finanzminister Hochschul-Professor Boreslawjewitso, liberal. Kultusminister Professor Ruschitsck, radikal, und der Justizminister, bis­heriger Sektionschef im Justizministerium, Jvanowitsch, neutral. Ter Kriegsminister wird seiner Parteistellung nach als neutral bezeichnet.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 17. August 1903.

Direktor Heinrich Wagner f. Gestern abend ist nach langem Leiden der langjährige Rechner der Gewerbebank, Heinrich Wagner, im 66. Lebensjahre verschieden. Der Dahingeschiedene, ein geborener Gießener, widmete sich nach seinem Austritt aus der Schule dem Aktuariatssach und war in der Folge bei dem Aktuar Weiß in Herbstein, dann bei Aktuar Funk in Gießen tätig. Später trat er zum damaligen Stadtgericht Gießen, sowie zunr Polizei­amt Gießen über, welche Stellen er im Jahre 1874 mit einer von der Gewerbebank Gießen vertauschte, in der er als Kontrolleur mit dem damaligen Rechner Wallenfels tätig war. Nach dem Ableben des Letztgenannten wurde ihm die Rechnerstelle übertragen, die er mit Umsicht und Sachkenntnis volle 22 Jahre versah. Ein im Jahre 1901 sich einstellendes Leiden zwang ihn, zunächst in Urlaub zu gehen, dann um seine Pensionierung einzukommen, die ihm in der außer­ordentlichen Generalversammlung im vorigen Jahre unter ehrender Anerkennung für seine aufopfernde Tätigkeit be­willigt wurde. In der Geschichte der besonders in den letzten 20 Jahren in erfreulichem Aufblühen begriffenen Gewerbe- bank wird dem ehemaligen Rechner und Direktor Wagner ein Ehrenblatt dauernd erhalten bleiben. Ehre seinem Andenken!

** Tie Feier des 18. August, des Ehrentages der hessischen Division im Kriege gegen Frankreich, wurde am gestrigen Sonntage in der seit Jahren üblichen Form begangen. Diesmal nahmen an der Feier sämtliche militärischen Vereine Gießens, nämlich der Kriegerverein, der Veteranen-Verein, die Kriegerkameradschaft, der Marine- Verein, der Artillerie-Verein und der Garde-Verein teil. Nach dem gemeinschaftlichen Kirchgänge marschierten die Vereine nach dem alten Friedhöfe, wo an den Gräbern der für das Vaterland Gefallenen oder an Verwundungen und Krankheiten gestorbenen Kameraden Pfarrer Schlosser die von allen Teilnehmern tiefempfundene Ge­dächtnisrede hielt und sowohl das Denkmal der deutschen, wie dasjenige der französischen Krieger mit Blumen und Kränzen geschmückt wurde. Darauf zogen die Vereine mit klingendem Spiel nach dem Kriegerdenkmal am Marktplatz, wo ebenfalls ein Kran^ »niedergelegt wurde, und nach dem vom Vorsitzenden auf Kaiser und Großherzog ausgebrachten Hoch die Kaiserhymne und die Wacht am Rhein erklangen. Der Nachmittag vereinigte die Veteranen zur ge­selligen und Familienfeier auf Textors Hardt. Von der Feier im Hardtwäldchen mußte des unbeständigen Wetters negen Abstand genommen werden.

** Ter Wettläufer Ort^gue zeigte gestern auf dem Sportplatz an der Hardt seine Künste einem nicht sehr zahl- -eichen Publikum. Die Straße nach Heuchelheim war über­aus belebt; aber weitaus die meisten zogen die Kirchweihe 9or. Es war indessen sehr unterhaltend und interessant, den Wettkämpfen zuzusehen, die der fremde Sportsman mit einer größeren Anzahl von Wettbewerbern veranstaltete. Diebetz, ein belgischer Läufer, oder Mitläufer des Franzosen, siegte im ersten Rennen, wobei er 6 Runden, sein Gegner, ein Radfahrer, in der gleichen Zeit 14 Runden machen sollte, hielt sich im übrigen recht wacker, mußte aber doch später seinem Herrn und Meister Ort^gue zurückstehen. Dieser trug in 10 Runden, wobei er seinem Wettbewerber Dibetz einen

Vorsprung oon einer halben Runde ließ, mit eleganter Leichtigkeit den Sieg davon. Ein Motor-Radfahrer blieb mit seinen 22 Runden weit zurück. Von Interesse war auch das Rennen von mehreren Schnellfahrern auf, dem Rad, die am Schluffe dem Läufer verhältnismäßig nicht viel nachgaben. Des kühlen Wetters wegen war eine Anzahl der Besucher etwas vorzeitig weggegangen. Als man oben in Textors Saal saß und sich's wohlschmeckcn ließ, ging plötzlich die Türe auf, und nun hieß es, sich mit einem Vortrage des den Schnelläufer begleitenden Sekretärs abzufinden. Damit war zuletzt der größte Sprung in den Wettläufen des Tages gemacht, denn der Sekretär teilte den Verblüfften mit, daß erwolle halten einen Vor­trag über seine 15jährigen Kriegserlebnisse in Afrika und China". Obgleich diese Inanspruchnahme der Besucher der Rennbahn und zwar der ahnungslosen Unbeteiligten, die die große Mehrheit unter den vereinzelt Dasitzenden bildeten, etwas sehr familiärer Natur war, störte den Redner an seinem Vorhaben niemand. Da nach einer reichlichen Stunde erst die Hälfte des Vortrages erledigt war und eine Pause ein­trat, so darf man wohl annehmen, daß die Ausführungen des Redners bis in die späte Nacht hinein dauerten.

s. Vom Dünsberg, 16. Aug. Ein wolkenbruch- artiger Regen ging gestern nachmittag über die hiesige Gegend. Zum Glück ging er, ohne merklichen Schaden zu nehmen, vorüber. Da man hier noch mitten in der Fruch-t- ernte steht, so wäre eine bessere Witterung erwünscht, zumal es uns während des Sommerv an Regen nie gemangelt hat.

r. Rod heim a. d. Bieber, 16. Aug. Ein recht schönes Missionsfest wurde am heutigen Sonntag hier gefeiert. Schoir beim Hauptgottesdiensie erwies sich unsere alte Kirche viel zu klein, und die Zahl der Festteilnehmer wär^ gewiß noch weit größer gewesen, wenn nicht die unbeständige Witterung geherrscht hätte. Als Festprediger waren er­schienen Pfarrer Nies-Melbach und Pfarrer Brüner-Erda, der letztere an Stelle des angekündeten Missionars Zehme. Der Nachmittagsgottesdienst wurde am herrlichen Wald­abhange gegenüber dem Torfe abgehalten. Zur Verherr­lichung des Festes wirkte ein gemischter Chor sowie unser Posaunenckwr tüchtig mit. Am späten Nachmittag wurde noch eine schöne Nachversammlung vor der Kirche gehalten, wobei mehrere Geistliche aus der Nachbarschaft Ansprachen hielten.

b. Langsdorf, 16. Aug. Einen frischen Zug in die heute begonnene L a n g s d o r f e r K i r ch w e i h brachte Herr Bürgermeister Köhlers indem er dieselbe zum ersten- male durch einen Zug der Jugend und, wie immer, durch eine passende Ansprache einleitete. Auf dem Platze hinter demDeutschen Hans" unter kühlen Zeltdächern entfaltete sich dann ein ungetrübt fröhliches Beisammensein, wobei besonders die starke Beteiligung aus der Umgegend und die Stimmung angenehm berührte, die, wenn man sie ver­allgemeinern könnte, den Weltfrieden sichern müßte. Es ist prächtiges Wetter, und es gedenkt niemandem, daß bie Lcrngsdorfer Kirchweih verregnet worden wäre. Tie Tanz­musik ist unausgesetzt tätig, sind es doch sieben begeisterte Jünger der schönen Harmonie. Tic Geschäfte blühen aus­gezeichnet lMetzelsuppe Sauce Würstchen, der Meter ein paar Pfennige ohne Konkurrenz) und die Herzen eben­falls (am Knopfloch Veilchenschteife mit MottoLiebe mich, wie ich Tich liebe", oderIch suche eine ganz kleine Frau"V Alte Bekannte finden sich wieder und neue auch. Es ist doch noch schön auf der Welt!

Butzbach, 15. Aug. Hier gefällt sich zur Zeit ein gewisser Unbekannter darin, das verabscheuungswerte Wesen eines anonymen Briefschreibers zu treiben. Eine ganze Anzahl hiesiger Einwohner haben anonyme Briefe, teils be­leidigenden Inhalts, erhalten; teils wurde in den Briesen über dritte, bem Empfänger nahestehende Personen in der gemeinsten Weise hergezogen und mit öffentlichen Unwahr­heiten umgegangen. Bis jetzt ist, so viel man erfahren konnte, den Briefen kein besonderer Wert beigelegt worden. Vielleicht gelingt es, den Missetäter zu fassen und ihn einer exemplarischen Strafe zuzuführen.

§ Butzbach, 16. Aug. Nach fast vierteljähriger Pause darf am 20. l. Mts. wieder ein Sch weine markt hier ab­gehalten werden. Die Händler müssen die üblichen amtlichen Gesundheitsatteste bezüglich der zu Markt kommenden Tiere, die Schweinezüchter die Ursprungszeugnisse, mitbringen.

§ Op pers Hofen, 17. Aug. Die gestrige Kirchweih e erfreute sich eines guten Besuchs uud verlief in schöner Weise. Verstossene Woche beging Pfarrer Kohl in dem Nachbar­orte Nieder-Mörlen das silberne Priesterjubiläum.

(:) Rendel, 15. Ang. Auf dem Speicher erhängt aufgefunden wurde dieser Tage der 70 jährige Landwirt Kötter; Lebensüberdruß soll die Ursache des Selbstmordes sein.

t Nidda, 16. Aug. Heute fand imGambrinus" die Generalversammlung des Veteranenverbandes von Nidda und Umgegend statt. Von den 109 Mitgliedern waren gegen 70 erschienen. Man gedachte der heißen Tage der hessischen Division vor 33 Jahren und mancher herzliche Händedruck wurde gewechselt. An Se. K. H. den Großherzog wurde ein Huldigungstetegramm gesandt. Ter Jahresbericht er­wähnt außer den genannten aktiven 51 passive Mitglieder, deren Vertreter Oberpfarrer Werner zu Nidda ist. Tas Ver­mögen des Vereins beträgt 1168,65 Mk. Tie Jahreseinnahmc betrug 653,05 Mk., die Ausgabe 515,83 Mk. (meist Sterbe­gelder, welche an Witwen verstorbener Kameraden gezahlt wurden. Ter Vorstand wurde wiedergewählt; an Stelle eines verstorbenen Mitgliedes trat Mühlenbesitzer Ruppel- Unter-Schmitten. Der Vorsitzende mahnte noch zum Fest­halten an treuer Kameradschaft, die in der Schlacht besiegelt worden sei, und brachte hierauf ein .Hoch aus. Ter Verband begab sich hierauf in Krafts Saalbau, wo zur Feier der Schlacht bei Gravelotte die Dauersche Kapelle von Gießen konzertierte. In Geiß-Nidda verunglückte der be­tagte Landwirt Strauch dadurch, daß er, während fein Sohn die Wagenbremse anzog, von dem beladenen Erntewagen fiel und einen Beinbruch davontrug. Er wurde nach Gießen zur Klinik gebracht.

(?) Klein-Karben, 16. Aug. Heute beging einer der ältesten Gesangvereine der Metterau,Germania"- Klein-Karben, sein üOjähriges Stiftungsfest unter allgemeiner Teilnahme der Gemeinde. Tie am Ufer der Nidda gelegene schattige Kastanienaltee war zum Festplatz ausgewählt worden. Dirigent Lehrer Kost hielt die Be- grüßungS- und Festrede und gedachte der Gründer des Vereine. Von ihnen leben noch der erste Dirigent, Letzrer >-,P. Walter, jetzt in Rendel wohnhaft, und zwölf hiesige Einwohner, die sämtlich am Feie teilnahmen und denen zur Ehrung durch Fräulein Marie Kost Chrenschleifcn über­reicht und von den Festdamen angeheftet wurden. Der

fast 80 Jahre alte Lehrer Walter schilderte in humorvoller Weise die Gründung und Entwicklung des Vereins. Die Fahne des Vereins ist 40 Jahre alt. Die hiesigen Vereine, GesangvereinKonkordia", Krieacrvercin und die beiden Turnvereine, überreichten derGermania" Ehrengeschenke. Leider brach um| 4 Ahr ein Gewitter los, welches die Fest- gäste vom Festplatz verscheuchte.

)( Groß-Karben, 16. Aug. Die 21 jährige Dienst- rnagd Anna Dröller wurde gestern als Leiche in der Nidda aufgefmtben. Sie hatte sich gegen einen Arbeiter, der sie neckte, gewehrt, wobei diesem die- Zigarre in den Kornhaufen flog, der dadurch verbrannte. Aus Furcht vor Strafe suchte das geängstigte Mädchexr den Tod in der Nidda. So mußte ein Menschenleben wegen eines Mert- objckts von etwa 45 Mark zu Grunde gehen.

w. Wetzlar, 16. August. Die hiesige Handels- kamrner hat in ihrer letzten Sitzung bezüglich des schon so ost angeregten Vahnbaues durch den südlichen Teil des Kreises Wetzlar folgende Resolution gefaßt: Die Kammer ist der Ansicht, daß eine Weiterführung der geplanten Bahn MetzlarBrandoberndorf uacn Grävenwiesbach für den Kreis vorteilhafter ist, als die Linienführung nach Butzbach, weil dadurch eine direkte Verbindung mit UsingenHomburg Frankfurt a. M. geschaffen wird, was den jetzt schon be­stehenden lebhaften Handelsbeziehungen nur günstig sein könnte. Dabei hält die Kammer es aber für dringend wünschenswert, daß die Linienführung, wenn möglich, so gewählt wird, daß sie den Kreis in der Mitte durchschneidet und daß im Interesse des Handelsstandes der Altstadt der Stadt Metzlar im Südende eine Personenhaltcstelle errichtet wird.

() Ma rb u r g, 16. Aug. Ein unliebsame Reise­unterbrechung erfuhren gestern drei russische Damen, die von Moskau kamen und nach Bad-Nauheim wollten, auf der hiesigen Station. Auf Veranlassung einer Reise­gefährtin, die mit ihnen von Berlin aus in einem Abteil gefahren war, und plötzlich unterwegs ihre goldene Uhr vermißte, die, wie sie bestimmt wußte, bei oer Abfahrt ans Kassel noch in ihrem Besitz gewesen war, wurden sie hier ausgesetzt und dem Stationsvorsteher vorgeführt. Der sofort telephonisch herbeigerufene Polizeikommissar konnte jedoch rasch, ohne daß es zu einer Untersuchung der Ver­dächtigen zu kommen brauchte, die Angelegenheit als einen bedauerlichen Irrtum aufklären, da auf sein Ersuchen hin die angebiich Bestohlene zunächst noch einmal ihre eigene Kleidung genauer untersuchte, wobei sich bie Uhr, die sich wahrscheinlich bei einem Hinauslehnen aus dem Fenster von der Kette losgelöst hatte, auch richtig vor­fand. Man kann sich die peinliche Verlegenheit der jungen Dame vorstellen, die sich in Entschuldigungen erschöpfte und fußfällig um Verzeihung für ihre ungerechtfertigte Verdächtigung bat, was auch schließlich auf die fremden Damen, die anfangs erklärt hatten, sich an maßgebender Stelle beschweren zu wollen, Eindruck zu machen schien. So konnten sie, nach zweistündigem unfreiwilligen Auf­enthalt ruhiger geworden, ihre Reise nach dem nun nicht mehr fernen Endziele fortsetzen. Der Zuschlag auf die Zr/y prozentige Marburger Stabtanleihe von 3i/2 Millionen Mark zu 98,63 Prozent ist ber Vereinigung Dres- berter Bank-Berlin, Mauer u. Plaut-Kassel, H. Bartels-Han­nover, Menke, Eichelberg unb Sohn-Marburg erteilt wor­ben. Im hessischen Geschichtsverein sprach heute abend ber Bezirkskonservator Prof. v. Drach über bett als Landschaftszeichner und Maler bekannten Major Johann Heinrich Müntz, ber in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunberts in Kassel lebte, und wies nach, daß dieser der Erfinder der neuen Art von Radierungen ist, die durch den jüngeren Tischbein allgemeiner bekannt geworden ist.

21. Deutscher Weinbaukongreß.

r. Mainz, 15. August.

Nachdem gestern abend eine feierliche Begrüßung ber Kongreßteilnehmer in Gutenbergs Kasino ftattgefunben hatte, wurde heute vormittag ber Kongreß eröffnet. Oberbürger­meister Dr. Gaßner hieß bie Kongreßteilnehmer namens der Stabt herzlich willkommen. Durch ihren ausgedehnten Weinhanbel habe bie Stabt für den Weinbau eine große Bedeutung. Den Verhandlungen wünsche er den besten Er­folg; möchten sie, so sagte er, fortschrittlich wirken im In­teresse des Weinbaues und des Weinhandels.

Auf Vorschlag des Oberbürgermeisters Dr. Gaßner wurde Geheimer Kommerzienrat Wegeler als Vorsitzender unb die Herren Blankenhorn unb Deinharbt als Beisitzer gewählt. Geh. Kommerzienrat Wegeler bankte für ben herzlichen Em­pfang unb bie Begrüßungsworte des Oberbürgermeisters. Staatsminister Rothe bedauerte in einem Telegramm, dem Kongreß nicht beiwohnen zu können, ebenso ber Ober* Präsident der Nheinprovinz, Regierungsrat Nasse. Der Vor­sitzende bemerkte, daß der Hauptdank dem Großherzog ge­bühre, da er dem Kongreß bie hohe Ehre erwiesen habe, bie Ausstellung in eigner Person zu eröffnen. Zum Zeichen des Dankes erheben sich bie Kongreßteilnehmer von ihren Sitzen. Nachdem, bie Vertreter der höheren Behörden und Kor­porationen, bie dem Kongreß als Delegierte beiwohnten, verlesen waren, berief ber Vorsitzenbe bie Herren Ober­regierungsrat Hölzinger, Geheimen Rat Michel, Oberbürger­meister Dr. Gaßner, Regierungsrat Steeg unb Lanbesökonomie- rat Dr. Müller zu Ehrenbeisitzern.

Oberregierungsrat Hölzinger begrüßte namens des Ministeriums des Innern die Kongreßteilnehmer. Die Gr. Staatsregierung bringe den Bestrebungen des deutschen Weinbauvereins großes Interesse entgegen, das sich in den letzten Jahren durch die erworbenen Weinberge der Domäne noch erhöht habe. Damit sei der Staat in 'die Lage ge­kommen, am eignen Leibe die Freuden und Leiden des Winzerstandes kennen zu lernen. Beigeordneter Kom­merzienrat Haffner begrüßte den Kongreß namens des Vorstandes Rheinhessischer Weinhändler. Tas Bestreben müsse dahin gehen, daß Weinbau und Weinhandel stets im besten Einvernehmen wirkten. Händler und Produzenten hätten ihre Sorgen; es sei deshalb sehr zu bedauern, wenn von gewissen Stellen eine Verhetzung beider Stände statt­finde. Tie Weinhändler seien als Pioniere der Produktion anzusehen und nicht als Feinde des Weinbaues. In diesem Sinne heiße er den Kongreß willkommen.

In die Beratungen eintretend, sprach zunächst Prof. Tr. Nell, Vorstand des botanischen Instituts der kgl. landw. Akademie in Poppelsdorf über die ^Bedeutung früh- blühender Wein stücke bewährter Rebsorten für den Weinbau". In den letzten Maiwochen träten oft Temperaturen von 45 Grad auf, die letzten Juniwochen seien oft nur wenig verschieden. Wenn man die Blüte in die letzte Maiwoche verlegen könne, so sei dies für den Weinstock günstiger. Nur in Geisenheim und in Dürkheim