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Nr. 64
Erstes Blatt.
153. Jahrgang
Dienstag 17.März1v03
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SietzeimAnzeiger
General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Bekanntmachung.
Montag den 23. L Mts., vormittag» 10 Uhr, wird zu «rünberg im »Gasthaus zum Hirschen' eine
Generalversammlung
btl laadwirtlchaltllchko BezirkSverews Gietzeu ftattfinden, zu welchem bie Herren Müglieder des Vereins eingeladen werden.
Lin gemetnschastlicheS Mittagessen zum Preise von 2 Mk. da« Gedeck (einschl. 1 Schoppen Wem) wird sich uni 1 Uhr anschlteben.
Ter Generalversammlung geht um 91/« Uhr eine Uudschuhfitzung voraus. Die Herren Mitglieder des AuS- schusses werden ersucht, zu dieser möglichst pünktlich zu er- scheinen. *
Gießen, den 16. März 1903.
Der Direktor deS Bezirksvereins.
Tr. Sreibert
L Tagesordnung der Generalversammlung:
1. Vortrag deS Herrn KreiSveterinärarztcS Schmidt zu Gießen über die Auszucht der Schweine.
2. Nachweis landwirtschaftlicher Arbeitskräfte durch die Stadt Gießen.
3. Wahlen zum Ausschuß des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhessen.
4. Mitteilungen und Anträge, insbesondere Schaffung einer berufsständischen Vertretung für die Land- wirtschaft.
II. Tagesordnung für die Ausschußsitzung wie zu I, 8.____________________________________________________________
Krlianntmachung.
Betreffend: Die Zulassung von Hofen auswärtiger Lotterien zum Vertrieb im Grobherzogtum.
Mit Allerhöchster Ermächtigung hat Großh. Minist. deS Innern dem Rennverein für Mitteldeutschland zu Gotha die Erlaubnis erteilt, die Lose einer von demselben unter- nommenen Geldlotterie für die nächsten fünf Ausspielungen, von denen jährlich eine, die erste im Jahre 1903, stattfinden soll, innerhalb deS GroßherzogtumS zu vertreiben. Zugleich wird bemerkt, daß die genannte Lotterie nach Maßgabe der Bestimmungen eines zwischen der Direktion der Hessisch- Thüringischen StaatSlottene und dem Rennverein für Mitteldeutschland zu Gotha abgeschloffenen und vom Großherzoglichen Ministerium der Finanzen genehmigten Vertrags und zwar von den Organen der genannten Staatslotterie für die nächsten fünf Ausspielungen durchgeführt werden soll. Ter Lotterie wird zunächst der Plan von 17 500 Losen zu je 80 Alt. in Zehntel», Fünftel-, Halb- und Ganz-Losen mit Ziehung in einer Klasse zu Grunde gelegt.
Gießen, den 14. März 1903.
GroßherzogliL)i>' ihe^amt Gießen-
I. D.: Dr. Wagner.
Krlianntmachung.
Die am 10. November 1902 angeordnete Sperre der Wetzsteingaffe wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 17. März 1903.
Großherzoglicves pviizeiamt Gießen.
Hechler.
Bekanntmachung.
Nachdem von berechtigter Seile die Rückgabe der von dem verstorbenen Dienstmann Wilhelm Loh dahier gestellten Dienstkaution verlangt worden ist, fordern wir diejenigen auf, welche Ansprüche an diese Kaution auS der Eigenschaft des rc. Loh als Dienstmann erheben zu können glauben, solche bei Meldung des Ausschlusses binnen acht Tagen bei uns oorzubringen.
Gießen, den 16. März 1903.
e Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler. _________
Doch einmal die höheren Mädchenschule« im Freußischcu Abgeorduetenüause.
In der Debatte über den Xitel „Höhere Mädchenschulen" tritt Abg. Dr. Müller-Sagan (fr. Vp.) für Mäochen- ay mnasien und das Frauenstudium ein. — Abg. Worflet (frt) ist anderer Ansicht. — Minister Dr. S t u b t erklärt nochmals, daß nicht die Absicht bestehe, volle Mädchengymnasren einzurichten, sondern es handle sich nur um Gymnasialkurs e im Anschlüsse an die höheren Töchterschulen. — Abg. Dr. Friedberg (natl.) kann den Ausführungen des Abg. Vorsler nicht beistimmen. Es lasse sich bei den heutigen sozialen Verhältnissen vielfach gar nicht vermeiden, daß die Frau mitarbettel ober sich ganz selbständig ernähren müsse. Die hygienischen Bedenken gegen das Frauenstudium träfen schon jeftt bei unzähligen jungen Mädchen zu, die in len Jahren der Entwicklung hinter der Nähmaschine ober in der Fabrik säßen. — Abg. Ernst (ftst Bg.> tritt ebenfalls für die höhere Bildung der Frauen ein. Besonders weibliche Aerzte seien eine sittliche und sanitäre OiotiDenbigEcit — Abg. Schmitz (Ztr.) meint, um tüchtige Hausfrauen zu erziehen, seien keine Gymnasien nötig. Tas cigentlicix Gebiet der Frau sei und bleibe die Familie. — Abg. Ärmer (Eonf.)
verteidigt seinen ablehnenden Standpunkt gegenüber dem Frauenstudium. Wenn einmal ein Versuch mit dem Mäd- chenaymnasium gemacht werde, werde es voraussichtlich kein Zurück mehr geben. — Minister Dr. ©tu b t bezeichnet diesen Versuch als eine gute Tat; er habe den Mut zu einem solchen Versuch immer, wenn eb sich darum handele, an die Stelle des Bestehenden etwas Besseres zu setzen. — Abg. Dr. Arendt (fit) plaidiert dafür, der höheren Töchterschule größere Aufmerksamkeit zuzuwenden.
In maßgebenden Kreisen des Abgeordnetenhauses wird bestimmt daraus gerechnet, daß die zwette Lesung des Etats am nächsten Freitag zu Ende geführt wird. Am Samstag soll dann bie dritte Lesung beginnen und Anfang nächster Woche geschlossen werden.
politische Tagesschau.
Eine Mioisterkrifis in Preußen.
Nach der „Koiügsv. .yau. Ztg' nnu inan in gut unterrichteten Kreisen wissen, daß der Kriegs minist er von Goßler amtsmüde sei und nicht mehr lange auf seinem Posten verbleiben wolle.
v. Goßler und der Reichstag haben sich nie so recht verstanden. Dem Ariegsminifter fehlt es keineswegs an rednerischen Gaben, nur ein wenig an der Wärme und lieber» zeugungskraft, die unter Umständen auch eine populäre rzorderung durchzubrmgen vermögen. Tie ,^Voss. Ztg." bemerkt zu den Rucktrit..sgerüchten:
„Bei den jüngsten Erörterungen über bie Kruppschen Preise fiel eS auf, daß Herr v. Goßler die Angrisfe Uhr erregt zurückwieS. Man hatte schon ,ruher wissen woÜen, daß der Kaiser diese und andere Dinge nicht ganz so beurteile, wie der Kriegsminister."
Gleicher Meinung gibt das „Berl. Tagebl." in folgendem Ausdruck:
„Man hatt die Empfindung, daß dec Minister in der Verteidigung der Firma Krupp gegen die Vorwürfe, die ihr um ihrer Preispolitik gemacht wurden, etwas über das Ziel hinausgeschossen hat. Sollte sich Herausstellen, daß, wie auch nach der.Verteidigungsrede des Ministers noch behauptet wurde, die Preispolitik der Firma Krupp zu Beanstandungen vom inuionaieii Standpunkt aus.Veranlassung gibt, so wäre es zu verstehen, wenn der Minister ans dieser Situation die. Konsequenz seines Rücktritts zöge."
Es bleibt abzuwarten, wie sich die offiziösen Stimmen über diese Muttnaßungen äußern. Bis jetzt nimmt die „Nordd. Allg. Ztg." von der Krisenmeldung keine 9totiz. Wir möchten unscrerseits annebnuii, oaß Herr v. Goßler, falls er demissioniert, dies nicht deshalb tut, weil er an der maßgebenden Stelle an Rückhalt verloren — Angriffe pflegen eher die Stellung eines Ministers zu festigen, als zu erschüttern—, sondern, weil es trotz aller Bemühungen nicht gelingen will, die Reichstagsmi.hihett entgegenkommender für die Pläne der Militärverwaltung zu stimmen Diesen parlamentarischen Kleinkrieg hat schon so mancher satt bekommen. Zm neuen Reichstag sind große Militärvorlagen zu erwarten, für die ein neuer Herr im Kriegsministerium vielleicht eine günstigere Situaiion schafft. So gelang es seinerzell dem Staatssekretär v. Tir^itz, die sZlottenvorlage durchzusetzen, die unter seinem Vorgänger, Admiral Hollmann, aussichtslos gewesen wäre. Bleibt ein Ressortchef ein paar Jahre im Amt, so geschieht es ost, daß der Reichstag immer kritischerer um> tnaufigerer ihm gegenüber wird. Man kennt sich zu lange schon; im politischen Leben wäch»st dadurch nicht etwa die Vertrautheit, sondern die Gereiztheit. Auch das Parlament verbraucht viel Minister.
Klare amtliche Berichte.
Die Schreibweise in amtlichen Berichten ans unseren Kolonien soll, nach dem schon in unserer heutigen Morgenausgabe kurz erwähnten Erlaß der ^eolonialoerwalt- una an das Gouvernement von Teutsch^Dstafrika, kurz und klar fein. Der Kaiser hat anläßlich eines besonderen Falles diesen Befehl erteilt. Eine ähnliche Anweisung empfiehlt sich für noch ntanche andere Verwaltung im deutschen Vaterlande. Auf die Verminderung des Schreibwerks ist ja von mehreren großen Verwaltungen, z. B. Eisenbahn und Post, mit Erfolg hingearbeitet worden. Aber die Ersparung von Arbeitskräften sollte dabei nicht so sehr in Betracht kommen, wie die Verständlichkeit der Ausorucks- weise, zumal in den Bescheiden, die dem Publikum erteilt werden. In dieser Hinsicht kann immer noch mehr geschehen» durch Vermeidung zu tätiger Sätze, von Fremoworlen usw. In verhältnismäßig kurzer Zell hat ui Deutschland der kaufmännische Briefstil, ein ft verrufen ober lächerlich wegen seiner grotesken Formen, eine entschiedene Verbesserung erfahren. Der anllliche Stil hält leider viel zäher an dem llebcrlieferten fest. Auch die Gerichtsurteile find noch nicht frei von dem schrecklichen „Juristendeutsch" oder von Ausdrücken, die selbst ein gebildeter Laie sich erst von einem Rechtskundigen erklären lassen muß
Deutsches Keich.
Berlin, 16. März. 2er Kaiser begab sich heute in das Gebäude der Arr.llerieprüfungskommission und ließ sich daselbst Vorträge halten. Später besuchte der Kaiser den Reichskanzler und empfing hierauf im Beisein des Staatssekreiärs v. Dirpitz den Marinemaler Heus Bohrdt. Im Laufe des Vormittags hörte der Kaiser den Vortrag des stellvertretenden Eh.fs des Zivilkabimtts.
— Einem .'ivpen^genner ^uLgranun zufolge wird Kaiser Wilhetm an dem Fest des dortigen königlichen Jachtklubs teilnehmen.
— Nach dem heute früh über das Befinden deS Frhrn. v. Heeremann auögegebenen Krankheitöbericht war die letzte Rächt unruhig mit Erregungszuständen; die Herztätigkeit ist wieder normal.
— Die gestrige Soiree bei der Gräfin Bülow, die letzte der Saison, ist glanzvoll verlausen. Anwesend waren der russisck)e, österreichische, italienische und türkische Botschafter, das diplomatische Korps, mehrere Minister, Staatssekretär Frhr. v. Richihofen und llnterstaatssekretär Mühlberg.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt offiziös: Der .^Vorwärts" verbreitet nach dem „Basler BolksblaLt", der verstorbene Professor Kraus habe -für die in der „Allg. Ztg." verössentlichten Spektatorbrieke vom Reichskanzleram tc die Summe von 12 000 Mark erhalten und nach dem Tode des Professors sei die Rückzahlung gefordert worden. Politiker des Reichskanzleramtes hätten dann die Rüc^ahlung nachgelassen, um verräterische Spuren im Hande zu verwischen. Diese Erzählung ist auf folgende unpolitische Tatsache zurückzuführen: Im Jahre 1901 wurden Kraus 12000 Mk. nicht für publizistische Privatarbeiten, sondern für eine Studienreise nach Italien und Egypten aus dem offenen DispositionS- ondö des Reichskanzlers verlichcn. Die Nachweisung findet ich in der Ucbersicht der Reichsausgaben und Einnahmen ür 1901 Seite 597 Nr. 5. Als Kraus sckZon (Ausgang deS- Ieiben Jahres) in Italien starb, stellte das Reichsschatzamt ordnungsgemäß Erkundigungen an, inwieweit die Summe im Sinne des erteilten Auftrages bereits verwendet und ob etwa ein dem Reich zurückzuerstattender Betrag verblieben sei. Nach Prüfung des Ergebnisses wurde mll Genehmigung des ReichSkanAers von einer Rückforderung Abstand genommen.
Dresden, 16. März. Der Prinz und die Prinzessin Georg traten eine mehrwöchige Reise nach München bezw. Stuttgart an.
Straßburg, 16. März. Ter kaiserliche Rat verwarf den Rekurs, welchen das sozialdenwkrattsche Ausschußmitglied Emmel gegen die seitens des Kvlmarer Bezirksgerichts verfügte UngiltigfcltberKörung feines LandeSausschug-Man- öates eingelegt hatte. Der Entscheid erlangt sofort Rechtskraft. Das Mandat Emmels, das einzige sozialdemokratische des LandesausschusseS, ist damit definitiv kassiert.
Heer und Flotte.
— Generalmajor von Salzmann, Kommandeur der 14. Feldartillerie-Bngade in Wefel, hat fein AbfchiedS- g e s u ch eingereicht. __
Wahlbcwegung.
Kassel, 16. März. Die Nationalliberalen stellen für die ReichStagSwahl in Kaffel-Melfungen den Landtags- abg. Gutsbesitzer Beinhauer auf.
— Ein gegen bie Sozialdemokratie sich richtendes Wahlkartell aller bürgerlichen Parteien mit Ausnahme der freisinnigen Volkspartei ist in Halle a. S. zur Tatsache geworden. Die 9iationalliberalen, deren Kandidat bei der letzten Wahl in Stichwahl kam, die Konservativen, Frei- konferoatioen und Bündler verzichteten in Würdigung deS ausgesprochen liberalen Eharaklers des Wahlkreises und im Interesse eines erfolgreichen Kampfes gegen die Sozialdemokraten auf eigene Parteikandidaten und proklamierten heute zu allgemeiner Ueberraschung den der freif. Vereinigung zuneigenden Amtsgerichtsrat Lind feil als chren Kandidaten un Gegensatz zu dem Kandidaten deS liberalen Vereins, Schmidt.
Austanü.
Kopenhagen, lu. Jcd^ 2er Herzog und die Herzogin von Cumberland sind mit ihren Töchtern Alexandra und Olga heute mittag über Gjebser-Warnemünbe nach Gmunben a b g e r e i st.
Lonbon, 16. März. Chamberlain wurde vom König Eduard und der Königin in Privataubienz iw Buckinghampalaft empfangen.
— Unterhaus. Balb nach Begiim bet Sitzung erschien Chamberlain im Hause. Bei Eintritt wurde Chamberlain von andauerndem Beifall der Ministeriellen begrüßt John Ellis (liberal- beglückwünschte ben Minister zu seiner RücKehr unb stellte eine Anfrage betreffenb Veröffentlichung von Chaniberlains Reben in Sübafrika. In Beantwortung einer anberen Anfrage verliest Chamberlain ein Telegramm bes Gouverneurs von Natal, welches bie Begnadigung der noch in Haft befindlichen Aufständischen und Erlaß einer Amnestie an kündigt Finanzsekretär der Admiralität Arnold Zorfter begründet tue MarinevoransHl äge und sagt, als Staatsbürger bedauere er, daß bie große bittere Rivalität unter ben Nationen anbauent solle, welche biefe gewaltigenunprobuktivenAus- gaben nötig mache. Die Admiralität setze ihren Stolz in ie Höhe ber Anschläge, bie unter ben heftefjenben Verhältnissen notroenbig seien. Vier Schlachtschiffe seien tn ben Flottenverbanb ausgenommen, bie schneller seien als irgend ein zurzeit auf dem Wasser befindliches Schiff. Nach dem neuen Bauprogramm sollen drei neue Schlachtschiffe gebaut werden, welche ähnlichen Schiffen fremder Marinen in ,eder Weise überlegen sind, unb noch viel mächtigere Geschütze sollten auf jebem Si>fse ausgestellt werben. Schließllch lehnre bas £nu 5 m-.i _ 0 geg.n j7 Stimmen bie gegen ben neuen Plan ber •.xßmicaliuit für bie Ausbildung ber Offiziere gerichtete Resolution ab unb genehmigte bie


