Ausgabe 
16.7.1903 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

tl

Per Jahresbericht der Orohy. Kuudelskammcr Hießen.

VII.

Petroleumhaudel.

Die Standard Oil Company in Newyork hat im ver­gangenen Jahre ihre Bestrebungen, beu Artikel Petroleum vollständig zu monopolisieren, fortgesetzt und war nach wie vor im stände, die Preise an der Newyorker Börse zu diktieren.

Wenn auch, die russische Petroleunr-Jndustrie im letzten Jahre größere Anstrengungen gemacht hat, mit dem ante» titanischen Petroleum durch billigere Preise und Lieferung einer guten, brauchbaren Qualität zu konkurrieren und hierin erfolgreiche Resultate aufzuweisen hat, so bleibt für

Heer und Flotte.

Das Ritterkreuz 1. ftlajje mit der Krone des Großh. Hess. Verdienstordens Philipps des Großmütigen wurde dem Major Wa lter im Infanterieregiment Graf Kirchbach. (1. Niederschlesischen) Nr. 46, das Ritterkreuz 1. Klasse desselben Ordens dem Major B a p st im 4. Magd. Infanterieregiment Nr. 67 und dem Major v. Trotta gen. Treyden im K'ö- nigsinsanterieregiment (6. Lothr.) Nr. 45, dem Hauptmann v. Schrader, Lehrer au der Kriegsschule in Danzig, ver­liehen.

Aus Stadt uuö Saud.

Gießen, den 16. Juli 1903.

** Die Sternschnuppen im Juli und Augus Der beste Kenner der Sternschnuppenschwärnre, der englische Astronom Denning, stellt in denAstron. Ncrchr." die Meteor­schauer zusammen, die etwa in derselben Jahreszeit mit den berühmten Perseiden eintreten. Um eine Beobachtung zu erleichtern, giebt er eine Tabelle der Strahlungspunkte, von denen die einzelnen Schwärme am Himmel ausgehen. Diese Arbeit ist sehr verdienstlich, weil in den letzten 25 Jahren während der Monate Juli und August über 100 Stern­schnuppenschwärme beobachtet worden sind. Denning teil: die Erscheinungszeit in drei Abschnitte, nänrlich vom 6. bis 16. Juli, vom 20. Juli bis 16. August und vom 19. bis 25. August. Das gebotene Schauspiel ist oft sehr schwach, jedoch bleibt es für die Astronomen wichtig, weil die Meteore

sie doch noch sehr viel zu tun üb^rig, um gegen die amerr- !'an i scheu Monopolisten mit gleicher Energie und gleichen Mitteln den Konkurrenzkampf ausnchmen zu können.

Hierzu gehört in erster Linie der in Angriff genom^ menen Petroleumröhrenleitung Baku-Batum, welche leider erst bis Mitte 1904 fertig gestellt werden kann. Bis jetzt waren die Transport-Verhältnisse nach den Ausfuhrhäfen, besonders nach dem Schwarzemeerhasen Batum, vo-llständig unzureichend, indem die Eisenbahn Baku-Batum nur un- aesühr Vs von dem Petroleum-Quantum befördern tonnte, welches Baku für das Ausland zum Transport anzubieten vermochte. ... . . . .

In zweiter Linie ist unbedingt notig, daß Die russi- chen Rafsinerieen sich von den amerikanischen Verträgen, welche ihr Absatzgebiet nach Deutschland und England beschränken, vollständig frei machen und sich hiermit eine reie Konkurrenz zur Erschließung des deutschen Marktes

' koxx anderen Ländern, welche Petroleum produzieren, haben im letzten Jahre auch Oesterreich und Rumänien größere Anstrengungen gemacht, nm chr Oel in Deutschland mehr wie bisher einzuftihren. Die Raffinerien offerierten dasselbe zu billigeren Preisen, wie das amerikanische und lieferten ebenfalls ein gutes brauchbares Leuchtöl. Um aber mit den Amerikanern erfolgreich und dauernd kon­kurrieren zu können, ist dringend anzuraten, daß die Deutsche Regierung auf ihren Eisenbahnen den Produk­tionsländern Oesterreich! und Rumänien denselben Aus- ahme-Tarif für Petroleum gewährt, den sie bereits seit uns Jahren Rußland gewährt hat.

Wie wenig Einfluß die russische, östreichische und ru­mänische Konkurrenz auf den amerikanischen Markt ge­habt hat, geht daraus hervor, daß die Monopolisten es mit Leichtigkeit fertig brachten, den Preis des amerika­nischen Petroleums, welcher in den ersten neun Monaten des vorigen Jahres 7,40 bis meistenteils 7,20 Cents per Galone an der Newyorker Börse notiert wurde, vom 15. Oktober bis Ende Dezember successive auf 8,30 zu erhöhen. Das bedeutet also am Schlüsse des Jahres eine Erhöhung

zurückzukehren, und auch den Wg. dock seinen Ausspruch zurück genommen hat, erfolgt die einstimmige Wiederwahl öiebetraus zum Präsidenten, und ba auch die Staatsregier­ung keine Einweichung macht, führt Liebetrau die Etats- beratung durch, womit der Gesamtetat erledigt und im ganzen einstimmig angenommen wird.

Arbeitszeit der Frauen.

Was die Erhebungen über die Arbeitszeit der Frauen öetrisft, so hat der Staatssekretär des Innern im Reichs­tag unumwunden erklärt, es handle sich keinesfalls um eine Kulisse, wenn das Bestreben bekundet werde, eine Ver­kürzung der Arbeitszeit herbeizuführen. Dies beweist auch der Erlaß, welcher bestimmt, daß die Dauer der täglichen Arbeitszeit der in den Fabriken und den diesen gleich­gestellten Anlagen beschäftigten Arbeiter über 16 Jahre, sowie über Zweckmäßigkeit und Drirchführbarkeit einer wei- teren Herabsetzung der gegenwärtig zulässigen Dauer der täglichen Arbeitszeit der Arbeiterinnen einer zusammen­hängenden eingehenden Erörterung unterzogen werde. Die ganze Frage der Arbeitszeit für erwachsene Fabrikarbeiter­innen verdankt ihre Anregung dem 2lbg. Frhrn. Hehl zu Herrnsheim, welcher unermüdlich für die Durchführ­ung des zehnstündigen Arbeitstages für die Arbeiterinnen Mer 16 Jahre gekämpft und gesprochen und zuletzt noch in seiner eindrucksvollen Rede vom 9. Februar auf die überaus günstigen Erfolge dort, wo diese Arbeitszeit einge­führt ist, hingewiesen hat.

Peter Harun al Raschid.

Ter neue König von Serbien scheint, einem Belgrader Briese desDaily Expreß" zufolge, den Drang zu em­pfinden, die Verhältnisse in seiner Hauptstadt mit eigenen Augen zu betrachten und die Ansichten seiner Serben mit eigenen Ohren zu hören. Vor einigen Tagen trat er eines Abends in ZivÜ allein in eine Heine Wein kneipe, wo Arbeiter und Heine Leute beim Kartenspiel zusammen- saßen Er setzte sich zu seinem Schoppen, hörte eine Weile dem Gespräche zu, zahlte und erhob sich, um hinauszu­gehen. Dabei wurde er indessen erkannt und von den Gästen jubelnd begrüßt. An einem andern Tage schlüpfte er morgens sehr zeitig aus dem Konak, ging auf den Markt, wo die bäuerliche Bevölkerung der Nachbarschaft in ganz früher Stunde zusammenströmt, und kaufte Obst. An einer Bude sand er den Käse teuer und gab der Verkäuferin offenherzig seine Ansicht zu erkennen. Die Frau aber blieb ihm die Antwort nicht schuldig, sondern rückte mit einer ganzen Reihe von Klagen heraus, die in der Erklärung gipfelten, die Steuern seien viel zu hoch Der neue König hörte ihr eine Weile schweigend zu und reitete sich dann durch den Rückzug vor dem Strom der Beredsamtell, die bei den Hökerinnen auf dem Markte zu Belgrad noch über­wältigender ist als bei ihren Schwestern im westlichen und nördlichen Europa. Am folgenden Tage machte der König wiederum unerkannt seinen Ausgang, setzte sich in eine Droschke und fuhr zum Militärkrankenhause. Er wandle sich mit der höflichen Bitte an den Pförtner um die Erlaubnis, die Krankensäle zu besuchen, bi,e auch dem gut- geHeideten und Vertrauen einflößenden alberen Herrn nicht versagt wurde, und so ging denn der König durch die ver­schiedenen Räume und plauderte mit den Patienten. Dabei {teilte sich aus Nachfragen heraus, daß feiner von den Aerzt en zurStelle war und daß derjenige, der Dienst hatte, drüben, dem Krankenhause gegenüber, im Cafe beim Kartenspiel saß. König Peter vernahm das, ohne eine Miene zu verziehen, und bat einen Krankenwärter, hinüber zu gehen und den Herrn Doktor zu bitten, sich ins Haus zu bemühen, weil ein ftemder Herr chn zu sprechen wünsche. Der gefällige Wärter eilte hinüber, kam oder alsbald mit einer unsäglich groben Antwort und dem Bedeuten zurück, der Doktor könne sich nicht in seiner Partie stören lassen. Der ftemde Besucher vernahm das, ohne ein Wort zu sagen, schrieb sich den Namen des groben Heilkünftlers m3) Kartenspielers in sein 'Notizbuch und ließ sich dann das Besucherbuch vorlegen, worin er seinen vollständigen Namen und Titel eintrug. Vom Kranken hause ging der König zu einer nahe gelegenen höheren schule. Er sand einen beträchtlichen Teil der Schüler auf dem Spielplätze, erkundigte sich, wo der Klassenlehrer sei, und vernahm, der Gospodin habe sagen lassen, er könne erst später am Nachmittag kommen. Der König beschloß, sich, die Sache näher anzuseheu. Er setzte sich der Schule gegenüber in ein Kaffeehaus und wartete eine gute halbe Stunde bis zu der Zeit, wo der Klassenlehrer längst hätte eingetroffen sein müssen. Dann ging er in das Klassenzimmer, nahm die Kreide, schrieb an die Tafel:König Peter ist hier gewesen" und ging, ohne weitere Worte zu verlieren, ruhig seiner Wege. Die vorstehenden Anekdoten tragen für den, der Belgrad und Serbien kennt, den Stempel der Wahrheit. Ob die Leute für diese ruhig-ernste Auffassung empfänglich sind, muß sich bald zeigen.

führt nicht zur Untreue gegen das Konjirmativnsgelübbe. Könnte diese schöne Sitte der Siebenbürger Sachsen unter irgend einer Form auf altdeutschen Boden verpflanzt wer­den, so würden die Klagen über Verwahrlosung des Heran­wachsenden Geschlechts nicht ganz verstummen, aber gewiß bedeutend geringer werden!

** Ueber ein s ozialdemokratisches Parteifest im benachbarten Trohe wird dem sozialdemokratischenOffenb. Abendbl." aus Gießen geschrieben:

Schade, daß Ihr nicht am vorlgen Sonntag unserem Kreis» wahlveremsfest in Trohe beiwohnen konntet. Es war ein herr­licher Genuß, die Tausenden Proletarier mit Frau und Kinder wie eine große Familie beisammen zu sehen. Wein Mißton stört unsere Feste; Masjenbewußtsein und Solidarität sind die sesten Träger wahrer, wirklicher Nächstenliebe, und sie sind uns auch die tröst­liche Bürgschaft iür rüstiges Norwärtsschreiten und endlichen Sieg unserer großen, heiligen Sache; wir können auf unseren Vormarsch hier und da vorübergehend aufgehalten, der endliche Sieg ver­zögert, aber mis nicht entrissen werden."

() Wetzlar, 14. Juli. Nachdem durch Verfügung der

von rund 15 Prozent.

Trotz alledem fangen die Monopolisten an, mit ihrer Konkurrenz zu rechnen, und die Furcht, daß ihnen ein Teil ihres Absatzes entrissen werden möchte, läßt sie zu olchen verwerflichen Mitteln greifen, die man von einer o groß dastehenden Gesellschaft nicht erwarten sollte.

Wie schon bekannt sein dürfte, hat sich die Standard Oil Company im letzten Jahre die Aufgabe gestellt, wie olches bereits feit mehreren Jahren durch sie in ver­miedenen Städten geschehen ist, den Zwischenhandel der Grossisten zu befeitigen, und in ganz Deutschland den direkten Straßentankwagen-Betrieb an die Detaillisten usw. ür ihre Rechnung in die Hand zu nehmen. Zu diesem , wecke macht sie die größten Anstrengungen, an allen größeren und Heineren Eisenbahnstationen Tanks zu er­richten, um sich dadurch ein örtliches Monopol zu er­werben. Ist dieses erreicht, so fällt es nicht schwer, die ihren Abnehmern bewilligten, billigen Preise, welche nur als Lockspeise und zur Erlangung der Kundschaft gedient haben, nach ihrem Belieben zu erhöhen. Die Beweise hierfür sind an den Plätzen, wo die Gesellschaft seit einigen Zähren ihr Verkausssystem eingeführt hat, tatsächlich vor­handen. Es ist deshalb eine irrige Meinung von manchen Kaufleuten und Konsumenten, wenn sie glauben, es wäre der amerikanischen Gesellschaft nur darum zu tun, durch Ausschaltung des Zwischenhandels, den sie ja selbst über­nimmt, den Verbrauchern durch billigere Preise Vorteile zu gewähren.

Speziell hier im Gießener Bezirk und namentlich aus dem Lande hat die Deutsch-Amerikanische Petroleum-Gesell- chast bereits einen großen Teil Abnehmer gefunden, welche etzt die Erfahrung machen müjsen, daß der ursprünglich offerierte billige Preis von 15 Psg. für das Liter, welcher unter Einkaufswert war, nicht lange stand gehalten hat, indem der Preis hier am Platze auf 15i/a Pfg. und auf dem Lande auf 1616y3 Psg. erhöht worden ist.

Möge deshalb jeder jeinen Teil dazu beitragen, den Auswüchsen dieses Monopols entgegenzuarbeiten und zwar zum Schutze der Allgemeinheit. Insbesondere ist anzu­erkennen, daß die Eisenbahnen und städtischen Behörden nicht Wlllens sind, Gebäude und Gleis-Anschlüsse zu Tank­anlagen abzugeben; denn hierdurch würde die Monopol- Gesellschaft nur unterstützt in ihrem Bestreben, hier und überall in Deutschland dauernd festen Fuß zu fassen.

Baugewerbe.

Das Berichtsjahr brachte jur das Baugewerbe in Gießen ungünstige Verhältnisse. Privatbauten wurden nur in ge­ringer Zahl ausgeführt; die meisten neuerbauten Wohn­häuser sind sogenannte Spekulationsbauten. Auch für das laufende Jahr ist eine Besserung nicht zu erwarten, da in den Vorjahren weit über die vorhandenen Bedürfnisse hinaus gebaut worden ist und dementsprechend die Mieten stark gesunken sind. Ein Mißstand, über den häufig Klage geführt wird, hat sich im Baugewerbe daraus ergeben, daß manche Unternehmer nur am die gefällige, äußere Aus­stattung der Neubauten Wert legen, Dagegen im Innern oft minderwertiges Material, wie schlechte Fußböden, mangel­hafte Türen und Türbeschläge oder schlechte Anstriche ver­wenden. Hierdurch wird nicht nur der spätere Käufer des Gebäudes getäuscht und geschädigt, sondern auch dem soliden Bauunternehmer eine unlautere Konkurrenz bereitet, sodaß er für seine Häuser kaum die Selbstkostenpreise erzielen kann. Die Handwerker leiden andererseits dadurch, daß manche Bauunternehmer chre eigenen Schlosser-, Glaser­und Schreinergesellen haben, die zwar billig arbeiten, aber oft feine soliden und gediegenen Arbeiten liefern. Andere Bauunternehmer lassen solche Arbeiten von Dorfhandwer- i fern ausführen, die bei chren geringeren Unkosten auch billiger arbeiten tonnen; als die Handwerker in der Stadt.

ange Zeit hindurch immer genau von denselben Strahlungs­punkten kommen. Der bedeutendste dieser schwärme, der Perseiden, besonders bekannt unter dem von Wilhelm Jordan in einem schönen Gedichte (Strophen und Stäbe") ange­wandten poetischen Namen derTränen de8 heiligen Laurentius" wechselt gleichfalls sehr an Stärke. In einigen Jahren haben sie zeitweise 150 bis 200 Stern- chnuppen stündlich geliefert, in anderen wieder nur 20 bis 30. Nach einer sorgfältigen Bearbeitung sämtlicher Aufzeichnungen ist Denning zu dem Schlüsse gekommen, daß der Perseiden- chwarm eine Priodizität von 104 bis 123 Jahren besitzt. Die größte Entwickelung erreicht er in diesem Jahre in den Morgenstunden des 12. oder des 13. August.

** Bekämpfung der Tuberkulose. In die der Jnvalidenversichermigsanstalt Gr. Hessen gehörige Ernst Ludwig-Heilstätte bei Sandbach i. O. wurden im Juni 53 ( eit 1. Januar 1903 252) lungenkranke Männer neu aus­genommen und 37 (feit 1. Januar 1903 216) int gleichen Zeitraum wieder entlassen. Ende Juni befanden sich noch 111 Personen in Pflege. Bei dieser starken Inanspruchnahme der Heilstätte wurde die Männerstation in Sberbad) bei Reichelsheim i. O. im März wieder eröffnet und in diese bisher 18 lungenkranke Männer eingewiesen. Die Jn- validenversicherungsanstall läßt ihre weiblichen Lungen­kranken in Reichelsheim i. O. (Pension Göttmann) ver- iflegen, und wurden in der Zeit vom 1. Januar 1903 bis 30. Juni 1903 dort 73 weibliche Lungenkranke in Pflege genommen und 57 wieder entlassen. Ende Juni befanden ich noch 37 J-rauen und Mädchen dort in Behandlung. Wir weisen wiederholt daraus hin, daß in diesen Anstalten auch minderbemittelte Personen, die der reichsgesetzlichen Für- orge nicht unterliegen, gegen mäßige Pensionssätze Auf­nahme finden können.

** Lektüre und Verbrechen. Es ist eine Erfahr» ung der Kriminalisten aller Kulturvölker, daß für sehr viele Verbrechen namentlich jugendlicher Personen ungesunde Lektüre verantwortlich gemacht werden muß. Welch' einen ittlichen und sozialen Schaden verursacht z. B. der sogen, realistische Roman, indem er in unreifen Köpfen und Ge­mütern die schlimmsten Gelüste erweckt und alle Achtung vor göttlicher und gesetzlicher Ordnung, besonders in Bezug auf einen sittsamen Lebenswandel, mit frivoler Gewissen- osigkeit erstickt. Die Geständnisse jugendlicher Verbrecher prechen in dieser Hinsicyt eine deutliche Sprache; Gefäng- lisdirektoren, Strasanstaltsgeistliche und Behörden können aus ihrer Berufstätigkeit Beispiele dafür in Menge an- jühren. Einer der hervorragendsten Kriminalisten Frank­reichs schreibt:Die Auswahl der Bücher und Schauspiele ist für die Gesundheit des Geistes ebenso wichtig, wie die Auswahl der Speisen für die Gesundheit des Körpers. Wie die Eltern, so haben die Romanschriftsteller einen Teil der Verantwortlichkeit für die Häufigkeit der Selbstmorde und der aus Leidenschaft begangenen Verbrechen zu tragen, aber viele sind sich dessen nicht bewußt, denn die Menschen kennen im allgemeinen nicht ihre ganze Verantwortlichkeit. Tie Literatur/ die durch die Verbreitung gesunder Ideen so viel Gutes hervorbringen könnte, stiftet unermeßlichen Schaden, indem sie das moralische Gefühl der Leser ver­nichtet und das Laster, den Ehebruch, den Selbstmord und die leidenschaftliche Rache poetisch verherrlicht." Besonders groß ist die Gefahr der ungesunden Lektüre naturgemäß ür die Jugend. Sie ist noch nicht reif genug, die richtige Kritik zu üben, wird vielmehr durch Bücher, in denen zügel­lose Begierden und Leidenschaften geschildert werden, ver­wirrt und auf Irrwege getrieben, besonders wenn diese Schilderungen in hinreißender Sprache geschrieben sind, die ruhige, naturgemäße Entwicklung des jugendlichen Em- psindens und Seelenlebens wird gestört durch die vor­zeitige Anfachung von Leidenschaften und die cynische Ver­höhnung alles dessen, was ehrenhaft und was unantastbar sein sollte. Darum Ihr alle, deren Obhut die Jugend an­vertraut ist, habt ein wachsames Auge auf das, was die Jugend lieft, und bewahrt sie um ihretwillen vor un­gesunder und oberflächlicher Lektüre.

* I u g en d g en o s s e n s ch a f t e n. Einen bedeut» samen Beitrag zur Fräße der Besserung der unleugbaren Schäden des gegenwärtigen S Pi n n st u b e n w e s en s auf dem Lande bringt nachfolgende Mitteilung: Eine eigen­artige Sitte zu Nutzen und Segen der Heranwachsenden Jugend herrscht beiden Siebenbürger Sachsen. Hier wird der Knabe oder das Mädchen, die die Schule beendigt und die Konfirmation empfangen haben, Mitglied derBruder­oder Schwesterschafll". Sämtliche konfirmierte Burschen ober Mädchen des Torfes sind zu einer Genossenschaft vereinigt. Dieselbe wählt sich ihre Vorsteher, die Altknechte und Alt­mägde selbst, aber auch der Kirchenvorstand, Presbyterium genannt, setzt Hus seinen Mitgliedern der Bruder- und ^chwesterschaft die Knecht- und Magdväter. Die Bruder- nnd Schwesterschast verpflichtet ihre Mitglieder zum Besuch der Fortbilliungsschule und der Christenlehre, sorgt für ge­ordneten Kirchenbesuch und Abendmahlsfeier der Jugend; in derselben Genossenschaft aber findet auch die Jugend ihre Geselligkeit, Spiel und Tanz und geistige Anregung. Die Tanzbelustigungen finden unter den Dorflinden oder in einer luftigen Scheune statt. Der Pfarrer genehmigt sie, das Dorf schaut zu, der Abend endigt sie. Niemals wird im Wirtshaus getanzt, im Winter geht man ins Eltern­haus der Altkiiechte und Altmägde. Für Ordnung und Aufrechterhaltung der Sitte, für Vermeidung von Zank und Streit ist gesorgt durch die Bestimmungen, die von der feierlichen Gesaintversammlung der Bruderschaft, demZu­gang" getroffen sind. So wacht die Jugend selbst üvev ihrer Ehre, halt den Verführer, den Unmäßigen und Ziohen : aus ihrer Mitte fern, und bindet sich aus eigener Freiheit an Zucht, Keuschheit, Ehrenhaftigkeit und Gottesfurcht. Kein Bursch, tein Mädchen bleibt sich selbst überlassen, jeder findet Anschluß und Führung, und der jugendliche Frohsinn

8rolouialpost.

London, 15. Juli. Engnju.)e amtliche Nachrichten aus China besagen, die deutsche Regierung habe bis auf weitere Untersuchungen durch die Ingenieure die Hafenarbei­ten in Kiautschouein stellen lassen, da die Brauch­barkeit desselben als Kriegshafen ebenso zweifelhaft sei als der Töeihaiweis.