eines Volkes, nach den allgemeinen Lebensgewohnheiten und nach den klimatischen Verhältnissen des Landes wesentlich verschieden sein müssen. Tie Freude an körperlicher Hebung in frischer, freier Lust und die Verbessernng der Wohnungsverhältnisse der ärmeren Volksklaffen würden aber allerwärts ein geeignetes Mittel sein, um den Feind zu bekämpfen. Die Gesetzgebung würde nur äußerlich, gewissermaßen mechanisch, eine gewisse Hilfsaktion leisten können, die innere Heilung des Hebels müffe ohne Beschränkung jeglichen LebenSgenuffes aus einer veredelten Volkssitte hervorgchen. Unb hier erwachse namentlich den höher gebildeten Gesellschaftsklassen die ernste Pflicht, Führer der Miffion zu sein. Jugendkrasl schöpfe ein Volt nur auS der Verfolgung idealer Ziele, deshalb sei es mit Freude zu begrüßen, wenn sich warniherzige Vertreter der Wiffenschast und Praxis zusammenftnden, um solche Ziele zu ihrer Lebensaufgabe zu machen. Alle gebildeten Völker stehen in diesem Kampfe für die geistige nnd körperliche Gesundheit der Menschheit Schulter an Schulter. Möchte deshalb, so schloß der Staatssekretär, der Kongreß ein neuer Merkstein sein auf dem Wege des Fortschritts menschlicher Gesittung. Hierauf bot Bürgermeister Dr. Pauli, gleichfalls Ehrenpräsident des Kongresses, der Versammlung den Willkommen der Stadt Bremen. Es folgten eine Reihe von Begrüßttngsansprachen auswärtiger Vertreter.
31. Hessische Konferenz
des Deutschen Evangelischen Schutvereins.
fc-Frankfurta. M., 15. April.
An der Konferenz, die heute nachmittag im Hotel „Taunus" hier staltfand, nahmen einige 60 Personen teil: Professoren, Geistliche, Lehrer und Lehrerinnen. Den Vorsitz führte Lehrer Diehl-Frankfurt <l M. Nachdem dieser einen kurzen Geschäftsbericht gegeben hatte, sprach Prof. Dr. W. Stamm aus Gießen über die „Pflege des Ehrgefühls in der Schule". Der Referent bekennt sich zu folgenden Leitsätzen: 1. Wer sich seines sittlichen Wertes bewußt ist, und darauf hält, daß dieser auch von anderen anerkannt wird, der besitzt Ehrgefühl. 2. Wo solches Ehrgefühl vorhanden ist, da ist auch Bürgschaft gegeben, daß der betreffende Mensch sich vor dem Schlechten hütet und seine Pflicht tut. 3. Das Ehrgefühl bildet einen wesentlichen Bestandteil des christlichen Eha- rakters. 4. So gewiß die Schule den Beruf hat, christliche Charaktere auszubilden, und praktisch brauchbare Menschen äu erziehen, so gewiß ist sie verpflichtet, aus die Ausbildung des Ehrgefühls alle Sorgfalt zu verwenden. 5. Diesem Erziehungsgeschäst stellen sich überaus starke Zeitrichtungen entgegen, die auf Ertötung des Ehrgefühls oder auf Verfälschung desselben hmwirken. 6. In der Regel wirkt bei einem Schüler die Umaefcung, in der er auf wächst, auf die Entwickelung des Ehrgefühls stärker ein als die Schule. 7. Die Schule gelangt am sichersten zu einem erwünschten Ziel, wenn es ihr gelingt, einen guten religiösen Einfluß auf ihre Zöglinge auszuüben. 8. Die Schule ist verpflichtet, bei all ihren Einrichtungen und bei der ganzen Behandlung der Schüler es darauf abzusehen, daß daS Ehrgefühl geschont und geweckt wird. 9. Auch das irrende Ehrgefühl der Schüler verdient eine zarte Rücksicht. In seinen Erläuterungen zu diesen Sätzen beschäftigte sich Pros. Stamm besonders mit dem 5. Als Zeitrichtungen, die das Ehrgefühl ertöten, nennt er dle herrschende Geld gi er, Genu ß sucht und Parieisucht. Er wies insbesondere auf die vielen Prozesse hin, die in den letzten Zähren gegen Bankdirektoren usw. wegen EigentumSvergchen gespielt haben. Die Gesetze, mit denen der Staat dem skrupellosen Gelderwerb entgegenzuwirken versuche, würden als einen Eingriff in die persönliche Freiheit und die Freiheit des Geschäfts erklärrt, so das Gesetz über die Verfälschung der Nahrungsmittel, das über den unlauteren Wettbewerb und das über die Aussicht der Börse. Gar zu viele hätten den sittlichen Maßstab verloren. Was man früher die Emanzipation des Fleisches genannt habe, nenne inan jetzt das Recht des Individuums, sich ouszuteben. Man denke nur an die skandalösen Erscheinungen bei dem Roman der sächsischen Kronprinzessin. Lüge und Verleumdung galten für erlaubt. Einen Gegner zu verderben, scheue man vor keinem Mittel zurück. (Hofprediger Stöcker.) Vor dem Parteiwesen ekle einem. Andere Zettricht- ungen wiederum verfälschen das Ehrgefühl. So das Strebertum, der Duellunfug, die Geldheiraten usw. Charakterlosigkeit sei die Signatur des Strebers. Er besitze wohl Ehrgeiz, aber kein Ehrgefühl. Zur These 8 bemerkte der Vortragende, die Schule solle vor allen Dingen das Ehrgefühl nicht verletzen durch brutale Behandlung. Tie Schüler feien keine Soldaten, auch keine Sträflinge. Man solle sie auch nicht als ein bloßes Gefäß betrachten, das man mtt Wissensstoff anfülle, wie der Fleischer den Tarnt mit Füllsel. Bestrafen solle man weniger die kleinen Schulvergehen, als die Denunzianten und Lügner. Der Erzieher habe ein anderes Amt als der Unter suchungs- richter. Die Leitsätze wurden, nachdem zu jedem einzelnen eine Spczialdebatte stattgefunden, einstimmig angenommen.
Tie Debatte war sehr lebhaft, bewies aber, daß man trotz der Einstimmigkeit bei der Annahme der Thesen doch über das Meiste nicht einer Meinung ist. Warnte der eine vor der Prüaelpädagogik alS daS Ehrgefühl verletzend, so sprach der andere, z. B. Herr Martell, für „gut Holz". Professor Marx von der Wühlerschule beklagte sich darüber, daß an dieser Anstatt der Unterricht nicht mit Gebet anfinge. Lehrer Peter Diehl von hier ritt eine heftige Attacke gegen die hiesigen Simultanschulen, in denen das Beten überhaupt verboten sei. Er wurde von einigen anwesenden Lehrern dieser Schulen sofort eines anderen belehrt. Nachdem noch gar vieles besprochen worden war, wurde die Versammlung wegen der vorgerückten Tageszeit geschlossen und der.Vortrag deS Lehrers Diehl über ,^u- gcubtiteratur" auf nächstes Jahr vertagt.
Aus Hladl unö £und.
Gießen, am 16. April 1903.
**Perfonalien. S. K. H. der Grohherzoa empfingen u. a. am 15. April den Professor Dr. Weimar vom Realgymnasium zu Gießen nnd den Realschuldirektor Karg von Butzbach S. $L H. der Großherzog haben dem »kcchner der evan^lisck)en Rirdjc zu Gro^-Zimmern, Oberlehrer i. P. Stet q eil er die Krone zum Silbernen Kreuz beß Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen. — Dem Stationsassistenten in der Hessisch-Preußischen Eisen- bahngemeinschaft Schaar mann zu Frankfurt a. Äl. wurde aus Anlaß seiner Versetzung in den Ruhestand daS Silberne Kreuz de§ Verdienstordens Philipps des Großmütigen ver- Nchen. — In den Ruhestand wurde versetzt der Weichen
steller ht der Hessisch-Preußischen Eisenbahngemein schäft Wolf L zu Darmstadt.
** Oberhessischer Ob stb anverein. Dir erinnern die Leser daran, bat» Samstag abend 8 Uhr Prof. Reichelt aus Friedberg in der Restauration Feidcl den schon angekündigten Vortrag über „Kultur und Verwertung des Beerenobstes" sowie „Tie Beschickung der landwirtschaftlichen Ausstellung mit Obst" sprechen wird.
— Die Tragikomödie vom Ziegenbock. Heute ging uns folgender wörtliche Bericht aus Mücke zu:
Am 12. d. Mts. befand sich das benachbarte Flensungen in begreiflicher Aufregung; denn es sollte in der Nacht em Diebstahl bei Georg H. begangen worden sein. Ihm sei, so berichtet die Fama, em Ziegenbock gestohlen worden. Es wurden darum alle Hebel des Gesetzes in Bewegung gesetzt, um das gestohlene Ziegenböcklein wieder zu erhalten, oezw. den Dieb desselben zu ermitteln. Lärmschlagend ging es zur Bürgermeisterei, um Haussuchung tun zu lassen, um den vermeintlichen Bösewicht herauszukriegen, der solches zu tun wagte.
Wir sind auf der Höhe der dramatischen Spannung der Ziegenbocktragödie angelangt, dem von der Tertia seligen Angedenkens her im tiefsten Gehirnkämmerlein weilenden Hexameter zur Anleitung der Chrie-Behandlung dieses erschütternden Themas ist zur Hälfte Genüge getan. Wir befinden uns mit ganz Flensungen und Umgebung in ,begreiflicher" Aufregung, wir sind allesamt aufs äußerste empört über den argen Bösewicht, ,der solches zu tun wagte", der weniger einen Ziegenbock als den Lesern unserer Zeckung die Geduld stehlen wollte, und höchst gespannt auf das gewiß im tiefsten ergreifende Ende. Sei gefaßt, lieber Leser, auf das Entsetzlichste und höre, während sich Dir die Haare sträuben und die Stimme in der Kehle stecken bleibt:
»Ein Bericht sollte sofort an die Großh. Staatsanwaltschaft gemacht werden, um den Missetäler nach Strenge des Gesetzes zu bestrafen, der es gewagt Halle, in die Behausung einzubrechen, während der Besitzer desselben dahier als Rachtwächler seiner Pflicht Genüge leistete. Eme solche Freveltat wäre auch unerhört gewesen und verlangte Sühne. Aber es sollte ganz anders kommen 1 Annes Ziegenböckchen I Verkrochen im Stroh, kalt und tot, lag es im Stalle. Mußte es so sein junges Leben enden und dadurch seinen Besitzer und das Torf in Hannsch bringen? Es war gut, daß sich das Ziegenböcklein wiedefiand, sonst wären eventuell noch Menschen in Gefahr gekommen, verfolgt zu werden."
Unser Sacktüchlein ist tränendurchnäßt, als sei die Ur- großtante der Frau unseres angeheirateten Vetters m S Treuenbrietzen selig dahingeschieden. Sie werden, verehr- tefter Herr Korrespondent, doch wohl dem in aller Stille erfolgten Begräbnis des Gaisböckleins beigewohnt haben und uns einen ausführlichen Bericht darüber gleichfalls nicht vorenthalten? Ach ja, wie doch ein Ziegenbock, der tot ist und nicht mehr laufen kann, noch so unsagbar viel Staub aufwirbeln kann! — Nach einer anderen Variation, die uns von anderer geschätzter Seite übermittelt wird, eilte der Besitzer des Böcklems, trostlos über den Verlust seines Lieblings, durch den Ort, in die jämmerliche Klage ausbrechend: hälft alles naut, ’r eas fort 1 * Der Bürgermeister aber, der der Sache nicht traute, empfahl energische Suche und ging selbst mit Der Stall, in dem der Geißbock gestanden, war allerdings leer, aber endlich fand man den Zottelbock im Stroh versteckt. „Dem war d'S Oj’terroearrer nitt recht", tröstete sich der Besitzer. — Also der Ziegenbock lebt. Juchhe!
(!) Bad Nauheim, 15. April. Die Schutzhütte auf dem Gipsel des Winter st eins ist demoliert worden. Die Tat fällt mit der Anwesenheit mehrerer Zöglinge der Getverbealademie Friedberg zusammen, sodaß man unter diesen die Täter vermutet. — Die neue Grube bei Oberrosbach liefert ähnlich wie das Braunsteinbergwerk bei Gießen besten Mang an eisen stein. — Bei Ziegenberg ist gegenwärtig ein neues B l eie r zb e r g w e r k im Entstehen begriffen. Man hat bereits einen Stollen von 150 Meter Länge in den Berg getrieben und dabei ein reichhaltiges Erzlager gefunden. — Die neu eröffnete Militär-Kuranstalt ist vorläufig in einem gemieteten Gebäude an der Frankfurterstraße untergebracht.
Langsdorf, im April. Herr Kreisoeterinärarzt Schmidt au§ Gießen berichtet in der »Hess, landw. Zeitschr." über die Schmierkur eines hiesigen Kurpfuschers, wobei es sich um Scheidekatarrh bei Kühen handelte. Der Zweck dieses Attikels war, wie Herr Schmidt darin sagte, die Landwirte vor Zuziehung von Pfuschern, die die Wirksamkeit von Giften, ganz besonders die Anwendung von Quecksilberpräparaten bei erkranktem Vieh, nicht kennen, zu warnen.
□ Weitershain, 15. April. Welche gefährlichen Feinde den jungen Gänschen, deren Zucht zurzeit im Schwünge steht, die Ratten sind, erfuhr über die Oftcrfeiertage ein hiesiger Landwirt. Er hatte 15 Stück junge Gänschen nachts über im Viehstall gelaßen; am anderen Morgen waren alle von den Ratten aufgefreffen worden.
:: Münster bei Laubach^ 14. April. Die Gemeinde plant den Bau einer Wasserleitung. Vermessungen haben bereits stattgefunden. Die Quellen liegen in der Nähe des ehemaligen Braunkohlenbergwerks.
§§ Aus dem Kreise Alsfeld, 15. April. Bei der Neuformation der Gendarmeriebezirke sind einige zu groß gefaßt worden. Das gilt insonderheit vom Bezirk Ruppertenrod. ES liegen hier Orte 20 Kilometer auseinander. Ist einmal daS Begehen solcher weitere Orte mit großen Strapazen für die diensttuenden Gendarmen verbunden, so erschwert anders die große Entfernung den geregelten Polizeidienst. Da auch andere Otte von benachbarten Bezirken den ftihrenden Stationen zu weit entfernt liegen, wäre eine Aufteilung des Bezirks Ruppertenrod in einen solchen von Nieder-Ohmen und Groß-Felda sowohl im Jn- tereffe der betreffenden Gendarmen als auch der Polizeiaufsicht sicher gelegen. Dazu käme noch, daß Nieder-Ohmen durch seine Lage und als Bahnstation überhaupt sich in vielen Beziehungen bester als Ruppertenrod als Gendarmeriestation eignete.
L Grebenau, 15. April. Zn den verschiedenen Revieren der hiesigen Oberförsterei werden zurzeit eifrig die Auerhähne abgehört, um ihre Standorte zu erforschen, aber bei dem rauhen Wetter zeigen die Hähne noch wenig Lust zum Balzen. — Hier sieht es eben recht winterlich au5; jeden Morgen ist über Feld unb Flur eine weiße Winter decke gebreitet, die erst gegen mittag verschwindet, um in der Nacht wicderzukommcn. Heute schneit es fast den ganzen Tag ununterbrochen, jedoch ohne daß der Schnee liegen bleibt Dabei geht ein schneidend kalter Wind, der einem den Aufenthatt un Freien fast verleidet und jede Arbeit draußen unmöglich macht, wenn man nicht gerade mit Winteryandschuhen hantieren will. Die Frühjahrs- bestellungen des Feldes, die infolge des schönen 25ettei5
Ende März bereits im Gange waren, find durch Die jetzige Witterung vollständig unterbrochen. Hoffentlich schadet die Kälte den bereits hervor quellenden Blüten der Obstbäume nicht.
Frankfurt a. M., 15. April. Der 19 Jahre alte Schremergeselle Toni DetroiS auS Sablon bei Metz, der in der Nacht zum 2. April in Sponsheim bei Bingen seine Tante ermordet und beraubt hat, ist gestern hier in der Kronprinzenstraße durch Kriminalschutzleute verhaftet worden. Der Mörder hatte sich einige Tage bei einem Frauenzimmer in Mainz aufgehalten: von dort wurde seine Spur, die schon verloren war, wieder aufgefunden und verfolgt. Sie wies nach Frankfurt. Hier wohnte Detrois in einem Hotel am Hauptbahnhof, ebenfalls mit einem Frauenzimmer zusammen, führte ein verschwenderisches Leben und machte sich durch sein Benehmen auffällig. Detrois, der ich anfangs einen falschen Atomen oettegte und die Be- chuldigung bestritt, gab später, als er sich überführt sah, )ie Tat unumwunden zu. Auf die Ergreifung Detrois' war eine Belohnung von. 500 Mk. ausgesetzt. — Detter meldet man noch: Detrois reifte nach der Bluttat zunächst nach Köln, dann machte er Abstecher nach Saarbrücken, Trier und Mainz. In Koblenz kaufte er sich ein Äutomobtt für 800 Mk., das er auch nach Frankfurt a. M., wo er sich )eit Montag aufhielt, mtt na hm. Er verpraßte das geraubte Geld. Einem Kellner, den er in einer Wirtschaft mit Tarnen- bebienung kennen lernte, schenkte er 100 Mk. in Bar, auch einigen Frauenzimmern gegenüber trat er nobel auf und gab einer 200 Mk. Von Mainz, wo sich Detrois vor |einer Fahrt nach Frankfurt zwei Tage aufgehalten hatte, kam ein Kriminalschutzmann in Begleitung einer Prostituierten, die den Dettois kannte, nach Frantsurt, um des Raubmörders habhaft zu werden. In Wahrheit l)at jedoch die genaue, von der Mainzer Stacu-sMilvattschaft gegebene Bc- ichreibung Detrois zur Verhaftung durch einen Frankfurter kriminafi chutzmann geführt. Es war bereits ermittett worden, daß Detrois mit der Verkäuferin eines Geschäftes, in dem er sich Wasche kaufte, ein Liebesverhältnis angelnupft hatte. Diese Verlauesrin wurde ermittelt, und so glückte es dem Krttninalschutzmann Menzel, den Detrois in der Kaiserstraße zu stellen. Bei seiner Verhaftung fand man noch 1300 Mk. von dem geraubten Geld in feinem Besitze vor. Auf Ersuchen der Mainzer Staatsanwaltschaft wurde der Raubmörder heute 11 Uhr 50 Min. nach Mainz gebracht. Der genannte Kellner wurde wegen Hehlerei verhaftet.
(Frkf. Ztg.)
Vermischtes.
♦ Einen Osterausflug nach Berlin hatten zwei Schüler im Alter von 12 refp. 13 Jahren aus Frank- furt a. M. unternommen. Beide wurden bald nach ihrer Ankunft in Berlin festgehalten und durch die telegraphisch benachrichtigten Eltern abgehott. Es handette sich um die Söhne von zwei Kaufleuten aus Frankfurt a. M., die sich vergnügte Tage machen wollten und zu diesem Zwecke die Kassen der Eltern um 400 resp. 170 Mk. erleichterten. Ritt dieser Beute gondelten sie nach der Reichshauptstadt, und der ältere Knabe, der schon einmal in Berlin gerne)cn war, übernahm die Führerrolle. Zunächst begaben sie sich nach einem Restaurant in der Potsdamer Straße, wo sie durch ihre opulenten Bestellungen die Aufmerksamkeit des Kellners erregten. Dieser verständigte einen Schutzmann, welcher die Durchbrenner festnahm und nach der Polizettoache braute. Sie blieben bis zu der Ankunft der Väter in polizeilichem Gewahrsam.
• Zum Kapitel: Verleihung der Rettungsmedaille erzähtt das ,Berll IgbL* folgende Geschichte: Wie Rettungsmedaillen verliehen werden. Durch die zweite Residenzstadt Potsdam fließt der Stadtkanal, welcher die Stadt in Alt- und Neustadt teilt. Er ist noch auS der Zeit Friedrichs des Großen her nut einem sehr dürftigen eisernen Geländer umgeben, sodaß alljährlich eine ganze Anzahl Kinder Hinern- fallen und in seinem schlammigen Wasser ertrinfen, wen» sie nicht zufällig einen Lebensretter finden. Vor mehrerer Jahren fiel nun auch ein kleines Kind in der Nähe bei Kellertorbrücke in den Stadtkanal und war bereits mehrmals untergegangen, als ein in der Nähe beschäftigter Buch. Halter durch die Hilferufe einiger Leute angelockt wurde und nun, ohne sich lange zu besinnen, in das schlammige, falte Wasser sprang, nach dem anderen Kanalufer schwamm, mehrmals untertauche und das Kind rettete. Er begnügte sich mit dem Bewußtsein, eine edle Tat vollbracht zu haben, und die ganze Sache wäre wahrschemlich in Vergessenheit geraten, wenn nicht einige Zeit später em ähnlicher Fall am Stabt- fanal passiert wäre. Diesmal würbe ein gräflicher Gardeleutnant der Retter eines in den Kanal gefallenen KmdeS. Er war schnell eine Treppe, die zum Waffer führte, hinab- gelaufen, hatte einen Schritt in den Kanal hmeingetan, daS Kind ersaßt und seinem Burschen zugereicht. Dafür wurde dem Grasen die Rettungsmedaille am Bande verliehen. AIS dies der Buchhalter erfuhr, glaubte er, daß er für fern nicht ungefährliches Rettungswerk mindestens denselben Anspruch auf eine Rettungsmedaille habe, wie der Leutnant unb wandte sich deshalb unter Namhaftmachung von Zeugen deS Vorfalls an die königliche Regierung, welche ihm aber nut eine öffentliche Belobigung zugestehen wollte. Nun wandte sich der Buchhalter direkt an den Kaiser, vor dem er die An- sicht vertrat, daß der bürgerliche Rock genau so gut bewertet werden müsse, wie bte Uniform, wenn eS gelte, cm RettungS- werk zu belohnen. Diese Erngabe ist auch nicht ohne Erfolg geblieben, denn dieser Tage wurde dem Buchhalter btc Rettungsmedaille am Bande verliehen.
• Der Bevölkerungszuwachs Groß-BerlinS ist vom Berliner Statistischen Amt für die Jahre 1901 und 1902 auS den alljährlichen Pcrsonenstandsaufnahmen der Steuerverwaltung ermittelt worden. Die Wohnbevölkerung von Groß-Berlin war hiernach in den Jahren 1900, 1901, 1902: 2 404109, 2 447 637, 2 504729, sie wuchs also in zwei Jahren um 100620. Die Wohnbevölkerung von Berlin allein war 1831570, 1842178, 1860 543. In zwei Jahren wuchs diese um nur 28 973. Vermehrt hat sich die Bevölkerung Berlins nur noch in ewigen der äußeren Stadtteile, in denen die Bebauung noch fottschrecken konnte. In de: inneren Bezirken und auch m den meist voll bebauten Außen- bezirken des Südostens, Südens, Südwestens und Westens, also der Stadthälfte be5 linken Spreeufers, hat die Bevölkerung sich vermindert, am stärksten tn der Altstadt und der Friedrichstadt, deren BeoölkerungSzahl ja schon seit einer langen Reihe von Jahren im Sinken ist. In den Vororten war die Wohnbevölkerung der legten drei Jahre 572 539. 605 459,


