Ausgabe 
16.4.1903 Erstes Blatt
 
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644 186, hier stellte sich also der Zuwachs von zwei Jahren auf 71 647. Von diesen, Mehr kamen allein 43 102 Personen auf die westlichen Vororte (Charlotlcnburq, Grünewald, Wilmersdorf, Schmargendorf, Friedenau, Schöneberg) und 14 075 auf die übrigen Bororte des linken SpreeuferS (lem- pelhof, Rixdorf, Treptow). Auf dem ganzen rechten Spree- ufer, wo das Berliner Stadtgebiet für Zuwachs noch reich, lich Platz bot, hatten die Vororte (von Stralau bis Plötzen- fee) eine BeoölkerungSvermehrung von zusammen nur 14 470 Personen. m

DaS Lölibat der Lehrerinnen. AuSPrag wird geschrieben: Ein par Mutige unter den czechischen Lehrer- innen haben unlängst auf einer Versammlung das CöUbat der Lehrerinnen zur Sprache gebracht und damil eine ebenso interessante als lehrreiche Diskussion m der Oeffentlichkcit her- vorgerufen, die immer weitere Streife zieht. Lehrer, Geistliche, Pädagogen ergreifen hierzu das Wort, Lehrerinnen selbst stellen daS Hauptkontingent. Die Lehrerinnen wollen vor allem die Streichung jenes Paragraphen, in dem eS heißt, daß mit der Verheiratung die Lehrerin sich freiwillig ihre Lehrtätigkeit begibt. Sie betrachten, wie sich eine temperament­volle StandeSkollegin ausdrückt, diesen Satz als sklavisch. Tie Manner, welche in dieser Diskussion das Wort als Gegner ergreifen, tun dies mit wenig modernen Gründen. Sie wissen memg mehr inS Feld zu fi.hren, als die Befürchtung von den unausbleiblichen Folgen der Berufslörung beim Weibe im Ehestande, aber feinem ist eS bis jetzt noch eingefallen, der Frage von dem GesichlSpunkle aus näher zu treten, ob das Cölibat der Lehrerin nicht schon auL dem Grunde fallen sollte, um in der mit flinbetn gesegneten Lehrerin eine Er- zieherin zu gewinnen, die als Mutter von keiner in Beruf- sorgen und von unerfüllten Wünschen angekränkelten Ledigen ersetzt werden kann.

Bürgermeisterwahl. In Ettlingen wurde der wildklerikale Redakteur deSLandmann", Häffner, mit großer Majorität zum Bürgermeister gewählt.

Gerichtssaal.

Mainz, 12. April. Sm IbjährigeS Dienstmädchen war im vorigen Sommer m Schimsheim bei einem Landwirt bedienstet. 9lle die Dienilberrschast an einem Tage iu Mainz weilte und die Angeklagte ollem zu pause war, brannte plötzlich die gefüllte Scheuer und ein Nedeiigcbäuoe be* Landwirts ab. Das Tienstinädchen hatte sich damals sehr verdächtig gemacht, aber das Verfahren war mangels Beweises gegen sie eingestellt ivorden. Im Juni v. Js. trat daS Mädchen in Tienslen eines Kohlenhändlers in Alzey. Am 8. Juli wurde sie sortgeschickt, um eine Flasche Schwefelsäure zu holen, ihr aber emgeschärft. vorsichtig damit umzuoehen, iueil es hartes Gift sei. AIS daS Mädchen mit der Säure kam, fehlte der Slop'en, habet war ihre Schurze verbrannt. Sie erklärte damals, sib habe mal sehen wollen,wie e5 tue". Heimlich nahm sie von der Säure, schulicle davon in ein kleines Fläschchen und verborg dieses unter ihren Kleidern. Sie bot nun dringend am Abend die Dienstherrschaft, 6a4 13 9)1 onate alte Kind noch aussahren zu dürfen, und wurde ihr hu* schliegllch bewilligt. Unterwegs zog das Mädchen das Fläschchen aus der Tasche und setzte es an die Lippen

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Meteorologische Beobachtungen

der Station Gießen.

Mit höchsten Preisen ausgezeichnet. 2584

Fr. Deo Hoch folger (C. Herber), LelterSweg 58.

Zur HaudwerkSkammerwahl.

Dem Gießener Bezirksverband gehören außer dem OrtSge- werbeverein Gießen noch weitere 5 Vereine an, nämlich: Lich, Grimberg, Londorf, Homberg und Lollar. Während der CrtS- gerocrbeüctcin Gießen (nach dem Handwerkerkalender 1902) 266 Mitglieder zahlt, ist der Gejamtbestand jener 5 Vereine 392. DaS

Giiitzesaiiöt.

(Für Form und Inhalt autt unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Verhältnis wird fQr Mefe 5ontn>ereme noen gimmger, wenn rt nch um die Anzahl der wahlberechtigten Mitglieder (selbständigen Handwerker) handelt. Bei der Wahl deS Vertreters und Eriatz- manneS für den hiesigen Bezirk beteiligen sich also auch die fünf übrigen Vereine entsprechend der Zahl ihrer ftimmberechtigten Mitglieder und eS dürfte da ohne weiteres klar (cm, daß sie ein recht gewichtige- Wort mitreden tonnen, wenn sie wollen. Wenn nun die Stimmenzahl, die auf den seitherigen Ersatzmann, Herrn Geibel-Homberg siel, infolge eine- Mißverständnisses auch nicht o groß ist, als sie sonst halte sein können, so wird ihm dadurch bod) von den Landvereinen dasselbe Vertrauen zum Ausdruck ge­bracht, daS schon durch die Gießener Versammlung dem Vertreter ausgesprochen wurde. Emer vom^Land^

Höchste Temperatur am

Niedrigste , ,

Kirchliche Nachrichten.

Evangelische Gemeinde.

Die verabredeten Konsirmanden-Spariergänge müssen aut bessere Zeiten verschoben werben. Psarrer Schlosser.

Hottesbtrull brr israelitischen Deligioasgesrllschast.

SamStag, den 18. und Sonntag, de« 19. April 1903.

Pafiahscst-Lude.

7. r a g.

Vorabend 7 Ubr. Vormittags 8 Uhr.

Nachmittag 4 Uhr.

8. $ a g.

Vorabend 8.15 Uhr. Vormittag 8 Uhr.

Nachmittag 4 Uhr. FeitesauSgang 8J5 Uhr.

WocheiigotteSdienst: AlorgenS 6LO Uhr, nachmittags 6.80 Uhr, abends 8J5 Uhr.

Landwirtschaft.

DieDurchschnittspreise der wichtigsten Lebens­rnittel betrugen nn März 1903 (im Vergleich zum Februar) für ic 1000 Kilogramm in Mart: Weizen 151 (150), Roggen 132 (138), Gerste 153 (137), Hafer 138 (138), Erbsen 242 (244], ^petsebobnen 284 (278), Linsen 357 (360), Eßkartoffeln 50,6 (50,4), Richtslroh 42,4 (43,2), Heu 56,2 (55,9), Rindfleisch irn Großhandel 1113 (1116-; für ein Kilogramm in Pfennigen: Rindfleisch von der Reule 141 <140), vom Bauche 110 (118), Schweinefleisch 143 (146), Kalbfleisch 139 (141 , Hammelfleisch 137 (135), geräucherter Speck 168(172), Eßbutter 230 (225), Schweineschmalz 173 (172), Weizenmehl 29 (30), Roggenmehl 25 (25 >, em Schock Eier 346 (416).

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deS armen KmdeS, baS fürchterüche Sranbnnmben bmxxntrnq und noch in der Nacht starb. 9lun wurde die junge Verbrecherin in paft genommen und auch bai Verfahren nochmals wegen Brand- nftung aufgegriffen. Zu chrer Beobachtung kam ste m die psychia­trische fllinit nach Dießen. In der Verhandlung vor der hiesigen Strafkammer wurden 25 Zeugen und sechs Sachverständige ver­nommen. Herr KreiSassistenzarzt Dr. Dresch er-Mamz bekundete, daß m der Familie der Angeklagten von Geistesstörungen nichts bekannt sei. Tie Angeklagte selbst weise keine Merkmale von Krank­heit auf. Von Verstocktheit könne ebensowenig wie von Schwachsinn d,e Rede sein, vier komme mehr daS Woblgeiallen und der Reiz zu emern Experiment in Frage. Der Psychologe und Cberarjt der Mlinir in Gießen, Dr. Tannemann, bemerkte, daß bei her Angeklagten eine gewisse epileptische Erscheinung im weiten einne vorhanden fei. 'Auch äußere sie eme Anzahl nervöser Züge, wie Gittern der Hände, fortgesetztes Hinstarren auf einen Punkt und Zittern der Augenlider. 66 feien dies nur eine Reihe kleiner Punkte, die aber, zusammengenommen, eine nervöse Schwäche be­zeichnen. Das Verhalten der Angeklagten in der Klinik sei ein entgegenkommendes, sreundlicheS und bereitwilliges gegen jedermann gewesen. Nur habe die Angeklagte einen außerordentlichen Hang mm Lügen gezeigt, waS ihm aufgefallen fei. Charakteristisch sei, rote sie in ihrer Abteilung den anderen PatieMen den Sachverhalt ihrer Taten erzählte. Sie suchte sich immer in den Vordergrund des Interesses zu stellen, suchte zu glänzen und schmückte ihre Taten phantastisch aus. Wo sie cs gar nicht notwendig, zu lugen, log sie darauf los, daß man merkte, daß sie eine gewisse Freude am Lügen hatte. Diesen Lügen habe jeder Mangel an Ueberzeugung gefehlt Sie habe sogar eine vollständige Kritik über ihre Lage an- qeftelll und sich die Frage vorgelegt, was wird aus mir. Die An- gcflagic weiche nicht von der allgemeinen Form her Menschen ab, ein wirkliches Gesuhl besitze sie aber nicht. TaS Gericht sprach hie Angeklagte wegen Branhstistung frei, ferner rourbe hie Frage beS Morhes ober Totschlags verneint unb Körperverletzung mit tät­lichem Erfolge angenommen. Das Gericht konnte nicht die Ueber- Skiung gewinnen, daß die Angeklagte daS Kind töten wollte, ob­en bas Gift in ben Körper gelangt sei, nur schäbigen Habe sie bas Kleine wollen. Es rourbe auf 2 Jahre Gefängnis erkannt unb an hieser Strafe 6 Monate Untersuchungshaft m Abzug ibracht.

April 1903.

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