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16.2.1903 Erstes Blatt
 
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Vwftes Blatt

153. Jahrgang

Montag 16. Februar 1003

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1 )

Mlllonenv.rluste der Landwirtschaft.

Man schreibt uns:

Unter dieser Ueberschrist erschien in Nr. 16 dieser Zeitungein Wort an die Bauern", in welchem auf die großen Verluste des deutschen Bauernstanoes hingewiesen wird, die derselbe dadurch erleidet, daß für mehr als drei Milliarden Waren eingeführt würden, die der deursche Bauer doch selbst produzieren könne. Die Ausführungen sind in einem Tone gehalten, der keinen Zweifel darüber läßt, daß es der Verfasser gut mit den deutschen Bauern meint und daß er ihnen einen Weg weisen möchte, der sie aus den Schwierigkeiten ihrer Lage herausführen könnte. Er ist auch der Ansicht, daß seine Anregungen den Erfolg haben müßten, in landwirtschaftlichen Vereinen besprochen zu werden.

Industrie und Handel sind fixer als ihr es seid, fährt er fort. Sie studieren früh und spät das, was man Kon-, junftur nennt, sie halten sich nicht lange auf mit solchen Erwerbszweigen, die nichts einbringen, die heute gehen unb morgen nicht gehen, sie rechnen mit den neuen Be­dürfnissen der neuen Zeit unb schaffen sich neue Absatz­gebiete, wo die alten nicht mehr lohnen, sie wenden ein schweres Stück Geld auf, um mit der Zeit fortzuschreiten rc. Auch für euch liegt das Geld auf der Straße,ihr müßt das nur sehen, ihr werdet das sofort erkennen, wenn ihr einen Blick in die Einfuhrstatistik des Deutschen Reiches tut Ihr werdet sehen, was ihr in unserem Lande noch produzieren könnt, wir werden bei dieser Rechnung in die Milliarden ge­raten und ihr werdet euch fragen müssen, wie konnten wir nur so viel heimisches Geld in das Ausland gehen lassen, können wir das nicht selber verdienen? Oh DuSchwärmer!

Tie Vorwürfe, daß Industrie und Handel fixer sind als die Bauern, daß sie nicht früh und spät studieren, was man Konjunktur nennt, daß sie sich lange enthalten mit Er- werbszweiegn, die nichts einbringen, diese Vorwürfe sind unberechtigt. Man verlangt da etivas von den Bauern, was sie der Industrie nicht nachmachen können. Wohl kann der Maschinenbauer bald von der Fabrikation der einen Maschine übergehen zu der einer anderen, wenn ihm das günstig erscheint. Der Händler kann beute mit Getreide handeln und morgen mit Schuyw ar en (? D. Red.). Der Landwirt braucht ohne sein Verschulden längere Zeit, nicht selten viele Jahre, um von einer Produktion zu einer anderen überzugehen. Noch mchr, er ist an bestimmte Pro­duktionszweige gebunden, er kann in den meisten Land­schaften Deutschlands nicht vom Getreidebau lassen, obgleich die Konjunktur für denselben bereits etwa seit 25 Jahren höchst ungünstig ist, auch wenn er wollte. Der menschliche Magen ist ein höchst konservatives Organ, seit Jahc^ausen- den verlangt er in der Hauptsache Brot und Fleisch. Er macht keine Moden mit, Konjunkturen giebt es hier für den Landwirt nicht, die er auSnufrcn könnte.

Es würde hier zu weit führen, alle Gründe anzugeben, die gegen diese Ansicht sprechen, sie sollten nachgerade all­gemein bekannt sein. Seit einem Jahre etwa wäre Geld durch ausgedehnte Schweinehaltung zu verdienen ge­wesen, die Konjunktur war ausgezeichnet. Hätte ein Land­wirt, wie das in der Industrie verhältnismäßig leicht geht, feinen Betrieb nun schleunigst danach umgemodelt, so wäre er ein Narr gewesen, da alle Einsichtigen voraussahen, daß diese für die Landwirtschaft glückliche Konjunktur nur kurze Zeit andauerte. Und Schweine lassen sich doch nun einmal nicht rasch durch eine Maschine Herstellen. Die Konjunktur ist vorüber, ehe sie ausgenutzt werden konnte.

Von den vielen Produkten, die wir au5 dem Auslande beziehen, nennt unser Berater in erster Linie Dett- federn, für die wir rund 51 Millionen au^geben, und Eier und Geflügel, auch Gänse, für die wir, immer in einem Zeiträume von vier Jahren, 488 Millionen aus­geben. Es handelt sich also um die Geflügelzucht, die wir nach Ansicht des Verfassers vernachlässigen. Diesem Vorwurf begegnen wir auch aus den Kreisen der Konsu­menten nicht selten.^ Ist er berechtigt? Ich sage: nur im allergeringsten Maße. Gewiß, mir können unsere Federviehhaltung noch steigern, vielleicht wür­den dann für einige Millionen Produkte der Federvieh-

während sich die neue Anleihe auf etwa 3,3 stellt. Sehr verwunderlich wirken mußte, daß ein ländlicher Abgeoro- neter dasselbe Lied an stimmte, wie das Direktorium des Bundes der Landwirte im preuß. Abgeordnetenhause: der jetzigen Regierung könne die Landwirtschaft kein Vertrauen entgegenbringen. Ihm wurde eine gründliche und ent­schiedene Abfuhr und der Reichsregierung indirekt ein Ver­trauensvotum von einer Seite zuteil, von der man sonst kein solches zu erwarten pflegt, nämlich von der äußersten Linken. Dr. David, der sico neuerdings als ein kenntnis- und ideenreicher Agrarpolitiker entpuppt hat, trat für die sozialpolitische Richtung der Reichsregierung in so schnei­diger als warmer Tonart ein.

Der Reichstag scheint an Altersschwäche sterben zu sollen und hat auch bereits nicht mehr die Kraft, seine laufenden Geschäfte ordentlich zu erledigen. Sein altes Leiden, die Beschlußunfähigkeit, tritt mit erneuter Heftig­keit auf, und es brauchte nur irgend einer der Redner eine Abstimmung zu erzwingen, so würde die Wunde offen vor aller Augen liegen, die jetzt ourch die Diskretion dec Abge­ordneten höflich verdeckt wird. Man hat über den Titel Staatssekretär des Innern glücklich eine ganze Woche ver­handelt, unb nach der Rednerliste ist ein Ende noch gar nicht abzusehen. Nun hat aber Graf Dallestrem in einer Be­sprechung des Seniorenkonvents verkündet, daß die Neu­wahlen für den 15. Juni zu erwarten seien, unb weiter wurde bekannt, daß die Reichstagssession am 3. April geschlossen werden solle. Der Präi ident appellierte also in seiner Not wegen der langsamen Erledigung der Geschäfte durch das hohe Haus an die Senioren, die denn auch zu­sagten, ihren Einfluß auf die Mitglieder ausüben zu wollen, unb diese zu bewegen, doch ja pünktlich zu erscheinen und sich in ihren Ausführungen kurz zu fassen. Glauben die Herren aber im Ernst daran, durch Zuspruch hier etwas zu erreichen? Gegen das alte Uebel der Beschlußunfähig­keit hilft eben nur e i n Kräutlein, und dieses heißt Diäten. Die Besprechungen zwischen den Führern der sogenannten Zollparteien im Reichstage zu dem Zwecke, ein beschlußfähiges Haus zusammenzubringen, blieben bis­her ohne praktisches Ergebnis. Indessen herrscht in An­betracht der Diätenlosigkeit bei den süddeutschen Mitglie­dern wenig Neigung nach Berlin zurückzukehren, nachdem durch Erledigung des ^>lltaUfs ihre Interessen an den Reichstagsarbeiten erschöpft sind. Die Novellen zum Krankengesetz und zu den Kaufmannsgerichten werden unter den gegenwärtigen Umständen höchstens in erster Lesung beraten werden können, und zweifelhaft er­scheint es, ob die dritte Lesung der Ki n d e r s ch u tz Vorlage unter Dach und Fach zu bringen ist. Die einzige Ausgabe, die der alte Reichstag noch bewältigen müßte, wäre die vom Reichskanzler angciündigte Aenderung des Wahl­gesetzes. Es wäre auf jeden Fall nötig, die Etatsbera-q hingen möglichst zu beschränken, damit diese letzte Session nicht über Gebühr verlängert und das notwendigste Pensum bis zu Palmarum erledigt ist.

Interessanteres als der preuß. Landtag selbst brachte die preuß. Budgetkommiision, in der der neue Eisen­bahnminister Budde eine Programmrede hielt. Nach seinen Mitteilungen soll die Kanaloorlage nun wirklich kommen. Man sei damit eifrig an der Arbeit und nur eine notwendige Aenderung der Kanaltrace verzögere noch die Fertigstellung. Und anläßlich seiner Anwesenheit in der Handelskammer zu Hannover sprach es der Handelsminister Möller offen aus, daß er den Mittellandkanal als für Hannover von großer Wichtigkeit ansehe. Man wird es nachgerade niemand verdenken, wenn er in Sachen Kanal­vorlage etwas skeptisch gestimmt ist. Wir muhen uns daher an das rein Tatsächliche hierbei halten und das ist zurzeit nur, daß die wasserwirtschaftliche Vorlage vor den preuß. Lanötagswahlen nicht mehr zu erwarten ist.

Die parlamentarische Eintönigkeit der letzten Woche wurde etwas durch die agrarische Heerschau im Zirkus Busch zu Berlin unterbrochen, wenn auch die Verhandlungen besondere Uebcrraschunaen nicht brachten. In der Hauptsache wurde über den Zolltarifkampf, und die Handelsverträge geredet, wobei die Extremsten ihrer Unzu­friedenheit über Die Annahme des Antrages Kardorff Aus­druck gaben und namentlich den Präsidenten des preuß. Abgeordnetenhauses v. Kröcher scharf aufs Korn nahmen, der als Verteidiger des Antrages fungierte. Im übrigen war der Don der Reden etwas weniger pointiert als in den vorjährigen Versammlungen. An den Zielen des Bundes ist aber nichts geändert. Die Anhänger des Zollkompro­misses sind die Geschlagenen. Außerdem stellte Dr. Hahn ausdrücklich fest, daß für den Bund keine Veranlassung vor­liege, wie von einer Seite angeregt, mit den Nationallibe­ralen und Freikonservatioen glimpflicher zu verfahren, und Freiherr v. Wangenheim erklärte, daß jenes Rundschreiben, wodurch sich Graf Roon und die Anhänger des Antrages Kardorff beleidigt fühlten, unter keinen Umständen .^urück- genommen werden würde. Außer dem Grafen Roon ist aber kürzlich auch Graf zu Dohna-Mallmitz aus dem Bunde aus­getreten, und es ist wahrscheinlich, daß andere diesen Bei­spielen folgen werden. Ob nun der Sinn der Bündler bei weiter fortschreitender Abbröckelung sich nicht wenden wird?

Tas venezolanische Fr ie d e n s p r 0 to ko ll ist endlich unterzeichnet und die Blockade aufge­hoben. Das britische Protokoll ist, wie aus Washington gemeldet wird, auf englisch abgeiaßt, das italienische auf italienisch und das deutsche auf deutsch uub englisch. Bowen unterzeichnete sie in Duplikaten für Venezuela, Speck von Sternburg für Deutschland, Herbert für England. Tie Nach­richt wurde sofort an die Signatarmächte gekabelt, worauf diese Glückwünsche austauschten. Bowen fabelte die Nach­richt an Castro. Das Protokoll stipuUert außer den bereits bekannten Punkten Rückgabe aller genommenen Kriegs- unb Handelsschiffe an Den. zue la. Proll-kolle haben alte ca. 9

Artikel. Alle bestimmen die Erneuerung der bestehenden Handels- und Freundschaftsverträge. Eine zweite sofort zu behandelnde Serie von Protokollen spezifiziert das Ver­fahren vor dem Haager Schiedsgerccht. Die oorzugsweisen Anteile an den Zollemnahmen werden bis zur Entscheidung des Haager Tribunals bei der Bank von England in Caracas deponiert. Wie dieNat.-iZtg." von unterrichteter Seite erfährt, hat Venezuela sich zur Zahlung von 1 7uO 000 Boli­vars verpflichtet, die an Deutschland teils bar, teils in monatlich fähigen Wechseln entrichtet werden, sodaß die erst­klassigen Forderungen bis zum 1. Juli d. I. gedeckt sein werden.

Inzwischen bereiten sich auf dem Balkan Dinge vor, die geeignet sind, die Aufmerksamkeit der europäischen Staa­ten, vornehmlich Oesterreich-Ungarns, Rußlands und auch Englands in hohem Grade zu fesseln. Zum Frühjahr, heißt es, werde die macedo nische Bewegung, oie eigent­lich niemals gänzlich still geworden, sorglich vorbereitet, mit elementarer Kraft von neuem einsetzen und zu kriege­rischen Verwicklungen zwischen Türkei unb Bulgarien führen, bei benen auch die Großmächte stark engagiert werden. So bedrohlich die Meldungen auch lauten, so tut man wohl doch gut, die Gefahr nicht zu überschätzen. Auf dem Balkan hat sich in den letzten Jahren im Anschluß an die maeedoni- scken Umtriebe schon oft dunkles Kricgsgewölk aufgetürmt, ohne daß es bisher zu folgenschweren Entladungen ge­kommen wäre. Und so wird es denn auch wohl in diesem Jahre noch, abgesehen von den üblichen Zusammenstößen zwischen der türkischen Grenzwache unb macedonischen Ban­den, nicht zu ernsten Unruhen kommen.

Nr. 39

1r1d)rlat täglich außer Sonntag».

Dem (Siebener Anzeige* werden tm Wechsel mit dem hesflscheo Landwirt die Siebener Kamillen» blätter viermal in der

Woche beigelegL Rotationsdruck u. Ver­lag bei vrühl'schen Univerf.-Buch» u.Slem» druckerei <P>ettch Erben) Rebahton, Expedition unb Druckerei:

echutstrabe 7.

Ubrefle tüt Depefchent Anzeiger Gießen. > FernwrechantctiliibAr 51

Politische Wochenschau.

Gießen, 16. Febr.

Das Urteil im Eheirrungsprozeß des säch­sischen Kronprinzenpaares ift gesvrochen. Der vom König gemäß dem Hausgesetz berufene Gerichtshof hat die Ebevom Bande" gelöst und der Beklagten die Schuld zudikttert. Ta der König auf das Bestätigungsrecht ver­zichtet hat, so ist das Urteil rechtskräftig. Damit ist dem Rechte Genüge getan, und vom juristischen Standpunkt aus ift der Spruch völlig korrekt. Hatte Prinzessin Luise viel-- leicht gehofft, durch ihren Rückzug in das Sanatorium Le Metairie und durch ihre Trennung von Giron Einfluß auf die Entscheidung des Dresdener Gerichtshofes zu gewinnen, hatte sie erwartet, daß das Mitleid mit der Mutter, die an das Krankenlager ihres Sohnes Christian eilen wollte, die Herzen der entscheidenden Persönlichkeiten milder stimmen würde, so ist sie in beiden Annahmen enttäuscht worden, und sie mußte einsehen, daß ihr verhängnisvoller Schritt nicht wieder gut zu machen ist. Die Brücke zwischen ihr und dem sächsischen Königshause ist abgebrochen, und keine Tränen der Reue öffnen ihr die für immer ge­schlossenen Pforten. Jetzt, nachdem durch das Gericht die Schuld formell chre Sühne gesunden hat, tritt im öffent­lichen Empfinden wohl die m e n s ch l i ch e Beurteilung des Fehltritts der ehemaliaen Kronprinzessin in den Vorder­grund und versagt nicht ihr Mitgefühl einer unglücklichen Frau, die losgelöst von allen äußerlichen glänzenden Ver­hältnissen einsam im Auslande weilt und ihr Schicksal doppelt schwer zu tragen hat, wo ihr bei der schweren Er­krankung ihres Kindes die höchste weibliche Aufgabe, Mutterpflicht zu üben, versagt werden mußte. Auch heute noch find tiefere Gründe, die die Prinzessin zu ihrem unfaßbaren Entschluß treiben konnten, nicht aufgedeckt.

Einer unserer Korrespondenten glaubt unsaussiche - rer Quelle" zu melden, daß der Bruch der Prinzessin mit Giron kein end gütiger ist. Die Beiden, so schreibt man uns heute aus Genf, wechseln täglich Briefe. Seit dem Tage, an dem der Telegraph die Trennung an- tündigte, empfing die Prinzessin zahlreiche Briefe aus Sachsen, welche sie zu chrem Schritte beglücÜvünschten. Tie Prinzessin wird La Metairie in etwa acht Tagen verlassen. Jnzivischen wird andererseits gemeldet, daß die Mission der Großherzogin von Toscana in Wien im Interesse ihrer Tochter nicht geglückt fein soll . Kaiser Franz Josef lehnte eine Einwirkung bezüglich der Kinder ab und gestattete nur, unter bestimmten Bedingungen die Rückkehr nach Oester­reich zwecks der Entbindung. Wie es ferner heißt, wurde der Prinzessin eine jährli-^e Rente von 40 000 Franks zu­gebilligt. LautGazette de Lausanne" soll sie von der Ge­meindebehörde in Nyon eingeladen worden sein, Ausweis- papiere vorzulegen. Sie habe um solche in Dresden unb Salzburg nachgesucht, aber nicht erhalten. Ein Mit­arbeiter desBerl. Tagebl." hatte eine Unterredung mit einem hervorragenden Berliner Staatsrechtslehrer, nach dessen Anschauung der König von Sachsen nicht be­fugt ist, den Verkehr der Prinzessin Luise mit ihren Kindern zu untersagen, sondern nur die Modali­täten bestimmen kann, unter denen dieser Verkehr zu er­folgen hat. Auch bestehe juristisch keine Möglichkeit, der Prinzessin die Rückkehr nach Dresden zu verbieten. Ein Reisepaß müsse ihr jetzt nach der Scheidung ausgestelll werden. Anders liege die Sache mit dem Geburtsschein, den Traupapieren ufw, da diese Papiere in den Archiven zu Tresden und Wien liegen. Das Kind, welches die Prinzessinerwarte,könneihrzweifellosent- zogen w e r d e, da ein rechtskräftiges Urteil vorliege, wel­ches die Kinder aus der kconprinzlichen Ehe dem Vater überantwortet. Daran aber, daß es sich um ein l e a i t i m e s Kind handelt, bestehe juristisch fein Zweifel. Wel­chen Namen die Prinzessin jetzt führen werde, sei Sache des östreichischen Erzhauses. Jedenfalls würde sie, nachdem sie geschieden ist, nicht mehr Prinzessin von Sachsen zu nennen fein. Ter Zentrumsabg. Justizrat P 0 r s ch erklärte, daß eine kirchli che Scheidung des Kron­prinzenpaares ausgeschlossen sei und baß es eine päpstliche Dispens unter feinen Umständen gebe.

In Darmstadt trat die zweite hessische Kammer zu einer längeren Tagung zusammen. In der Generaldebatte über den Etat erklärte Finanzminister Dr. Gnauth u. a., der Gewinn Hessens an dem Ertrage der hessisch-preu­ßischen Eifenbahngemeinschaft sei um einige hunderttausend Mark geringer. Der Mehrbedarf des Reiches werde durch das Reich gedeckt werden; eine E r - Höhung der Malrikularbeiträge stehe für Hessen nicht in Aussicht. Die Vertretung Hessens im Bund es rat fei nicht ganz 0 hne Erfolg tätig gewesen, die Reichs r e g i e- rung zur Sparsamkeit zu veranlassen. Sparsamkeit im Lande solle aber die Hauptaufgabe fein. Eine weitere Steuererhöhung werde unter allen Umständen ver­mieden werden. Tas waren mehr erfreuliche denn un­erfreuliche Mitteilungen, und sie bienten dazu, eine hier ober ba entstandene Aufregung, hervorgerufen durch über­flüssige unb unnötige Alarmrufe Unberufener, grünblich 2U verscheuchen. Am 13. wurde sodann ein Antrag unseres Abg Dr. Gut fleisch angenommen, daß die Samstage unb Montage fortan von Sitzungen freigehalten werden. Auch soll wöchentlich eine Nachmittagssitzung stattfinden, zur Freude des £errn Schill, der Nichts Langweili­geres als einen Nachmittag in Darmstadt kennt! Mit lebhaftestem Beifall wurde die Mitteilung des Finanz­ministers ausgenommen von dem Abschluß einer neuen Hess. Staatsanleihe zu drei Prozent im diominalwert von 251/2 Millionen Mark zu 90,93V? Proz., das zu einem wesentlich niedrigeren Satze, als bei früheren ^^ihen. -ooi* drei Jahren wurde noch eine Anleihe zu 3,8 Proz. ausgenommen.

GletzenerAnzeigerW General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW 5

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