Ausgabe 
13.11.1903 Erstes Blatt
 
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Verteidigung?- und Rechtfertigungsversuchen, die immer noch nicht zu Ende gekommen sind. Das übrige tat dann noch das bekannte preußische Wahlsystem, mit dem allerdings doch wohl über kurz oder lang ausgeräumt werden muß. Jeden- falls aber bröckeltS allmählich immer mehr und mehr an der Vasallenmasie des Diktators Bebel und der , Revisionismus" ist drauf und dran, das alte Joch innerhalb des ,Genossen- tumS" zu lockern.

Deutsches Keich.

Berlin, 12. Nov. Der Kaiser hörte heute die Vor­träge des Kriegsministers, des Chefs des Generalstabes und des Chefs des Militärkabinetts» In Hofkreisen nimmt man an, daß der Kaiser fidi, über die Affäre des Leutnants B i l s e unterrichten ließ.

Die römische Presse verbreitet ein seltsames Tele- yramm aus San Remo, wonach dort ein deutscher Hof- deamter im Begriff sei, für Kaiser Wilhelm dieselbe Villa Zirio zu mieten, wo 1887 Kaiser Fried­rich weilte. Die Stimmung ist durch diese Nachricht sehr beunruhigt. (Wir geben diese Meldung wieder, weil sie den Weg in die gesamte deutsche Presse finden wird, betonen aber, daß in den Berichten über das Befinden des Kaisers nicht der leiseste Grund vorliegt, Vergleiche mit der Situation vom Jahre 1887 zu ziehen, und halten die ganze Nachricht für eine frivole Erfindung.

Zu der Wresbadener Kaiserbegegnung macht die WienerZeit" noch folgende BemerkungenDer Zar ist eine empfindsame, allen geräuschvollenHaupt- und Staatsaktionen" innerlich abholde Natur. Diesen Zug im Wesen Nikolaus IL mag Kaiser Wilhelm, der es liebt, öffentlich aufzutreten und die Macht der Rede zu ent­falten, in früheren Zeiten manchmal nicht genug berück- jichtigt haben, und die Folge sind Verstimmungenauf SeiteudesZaren gewesen. In den letzten Jahren aber ist das anders geworden, und seit den Tagen von Reval ist diepersönliche Zuneigung", von welcher das halbamtliche Organ spricht, unleugbar vorhanden. Kaiser Wilhelm geht auf die Zurückhaltung ein, die Kaiser Nikolaus eigen ist, und auch aus diesem Grunde sind die jüngsten Kaisertaae so wie geschehen verlaufen. Ein bezeichnendes Merkmal dreses Verlaufes ist beispielsweise der Umstand, daß keine amtlichen Trinksprüche ausgebracht worden sind. Der Zar soll vorher bei dem deutschen Kaiser anaesragt haben, ob dieser einen Toast zu halten gedenke, uno die Antwort auf diese Frage soll verneinend ge­lautet haben. Von anderer Seite wird ja allerdings be­hauptet, daß die Erkrankung des Kaisers der Grund gewesen sei. Immerhin mag das Wiener Blatt in mancher Beziehung richtig geurteilt haben.

Einer Meldung derKöln. Ztg." zufolge sollen kn diesjährigen Militäretat auch Forderungen zur Besserstellung der Unteroffiziere erscheinen, da deren Geldbezüge nicht mehr den gesteigerten Ansprüchen der Lebenshaltung entsprechen, andererseits aber auch eine rückgängige Bewegung in der Zahl und Güte der Unter­offiziere drohe, wenn man ihr nicht bald eutgegenwirke. Die Notwendigkeit eines brauchbaren Unterossizierkvrps werde um so klarer, wenn man berücksichtige, daß bei der deutschen Infanterie gegenwärtig 120 Leutnants am Soll- bestande fehlen und einzelne Regimenter bis zu 20 Leut­nants weniger haben, als im Etat vorgesehen sind, und deren Stellen durch Unteroffiziere versehen werden.

Leipzig, 12. Nov. Eine Versammlung von Fabri­kanten der pharmazeutischen Großindustrie Deutschlands beschloß die Gründung eines Rechtsschutz- v er eins, sowie eine Petition an den Bundesrat und an den Reichstag gegen die Bundesverordnung betreffend den Verkehr mit Geheim Mitteln.

München, 12. Nov. Die Kammerdebatte über das KapitelFestungen" veranlaßte den Kriegsminister, zu erklären, daß von einer Degradierung Ingolstadts zur Festung 2. Ranges keine Rede sein könne. Tie Frage einer .teilweisen Auflassung Germersheims könne Bayern nicht allein entscheiden. Vom mllitärischen Standpunkt sei aller­dings gegen ein Fallenlassen der Hauptumwallungen nichts einzuwenden. Eine Aenderung der Befestigung Neu-Ulms dagegen sei nicht nötig, denn sie sei zwar nicht mehr modern, aber noch vollständig kriegsbrauchbar. Der Kriegsminister Frhr. v. Asch erklärte, daß er es aufs freudigste begrüßen würde, wenn sich im Reicve Mittel für eine ausreichende Unterstützung der Veteranen finden ließen. Der Finanzminister Fahr. v. Riedel erllärte, man müsse Mittel finden, um den Reichsrnvaldinfonds, welcher sonst im Jahre 1910 völlig erschöpft sein werde, zu stärken. Bei der jetzigen Finanzlage sei dies freilich nicht leicht. Die bayerischie Regierung werde ihrerseits alles tun, um an der Orduungd er Reichsfinanzver hältnisse mitzuwirken. Sobald dies gelungen sei, werde die Re­gierung für die Veteranen alles tun, was möglich sei. (Bei­fall.) Ter Minister des Innern Frhr. v. Feilitsch fügt hinzu, daß alle deutschen Regierungen urrü das ganze deutsche Volk ebenso empfinden, soweit sie sich vom Gefühl leiten lassen dürften. Dr. Sch ä d l er (Zentrum) übt eine scharfe Kritik an den O s siz i er s p en s i o ni eru n g en m Bayern und bemerkt u. a., man spreche sogar davon, daß insbesondere solche höheren Offiziere pensio­niert würdeir, welche den preußischen Wünschen nicht genügend entgegenkämen. Kriegsminister Frhr. v. Asch weist diese Vorwürfe energisch zurück und bezeichnet das, was Dr. Schädler in dieser Hinsicht zu­getragen worden sei, als Geschwätz. Nach weiterer Debatte werden der Antrag Nihler und der Zusatzantrag Baumann einstimmig angenommen, der dahin geht, die bayerisch^ Re­gierung möge im Bundesrat aus Aenderung des Gesetzes über den Reichsinvalidenfonds hinwirken, daß alle Kriegs- Veteranen, deren Erwerbsfähigkeit auf weniger als ein Drittel herabgesetzt ist, soweit sie unterstützungsbedürftig sind, die im Gesetze vorgesehene Beihilfe erhalten. Die Beihilfen sind sofort zu gewähren. Die Auszahlung an die Berechtigten beginnt vom Tage der Anerkennung ihrer Be­rechtigung an. Der Mehrauswand, soweit der Jnvaliden- forrds nicht ausreicht, ist aus den allgemeinen Reichsmitteln zu decken.

Ausland.

London, 12. Nov. DerStandard" meldet aus Jo­hannesburg: Oberst Warr en habe der deutschen Re­gierung das Anerbieten gemacht, ihr 1000 bri - tische Hilfstruppen zur Beilegung des Aufstandes in Namaqua-Land zu liefern. Zwei Freiwilligenkorps in Kapstadt erklärten sich bei der Parade am Sonntag bereit, sofort an die Grenze zu marschieren, um den Deutschen gegen die rebellischen Hottentotten beizustehrn.

Rom, 12. Nov. Der P apst hielt heute ein öffentliches Konsistorium ab und verlieh Ajuti, Taliani, Katsch- thaler, Merry del Val und Callegari den Kar­

dinalshut. Eine große Zahl Geladener und Pilger ju­belte dem Papst unaufhörlich zu und ries:Es lebe der d e m o k r a t i s ch e Papst!"

Budapest, 12. Nov. Abgeordnetenhaus. Im Lause der Debatte bezeichnete ein Redner den Minister­präsidenten als Höfling. Graf Tisza erwiderte dar­auf, er verhalte sich zum Begriff eines Höflings wie ein Schäferhund zum Schoßhund. Als Tisza das Vor­gehen der Opposition als kindischen Streich be­zeichnet, erhebt sich bei der Opposition ein großer Lärm. Tie Rede Tiszas wurde mit frenetischen Eljenrufen der Ma­jorität ausgenommen.

Kapstadt, 12. Nov. Das Reutersche Bureau meldet aus Swakopmund vom 11. Nov.: 300 Mann und 5 Ge­schütze sind unter Führung des Hauptmanns Fiedler auf dem Marsche von Keetmannshoop, Gibson, Rehoboth uno Windhoek nach Warmbad. Die Truppenabteilung schließt 115 Witbois und Bastards ein. Eine andere Abteil­ung, die aus Bur en fr eiw illi g e n zusammengesetzt ist, nähert sich Warmbad von Ukamas. Der Sammelpunkt der Feinde ist unbekannt.

Port-Arthur, 11. Nov. WieNewy Kraj" ausTsche- mulpo meldet, ü b e r f i e l e n dort 300 japanische Hafen­arbeiter 26 aus der Stadt zürückkehrende Matrosen des russischen KanonenbootsBobr". Die Angreifer hatten Waffen. Tie Matrosen verteidigten sich mit den Fäusten, warfen die Angreifer zurück und erreichten einen Kutter; ein Steinhagel folgte ihnen. Viele Matrosen wurden ver­wundet. Da es den Japanern schien, daß einige Russen in der Stadt zurückgeblieben seien, drangen 200 mit Beilen und Säbeln bewaffnet in die europäische Niederlassung ein, durchsuchten die russischen Häuser und «umlagerten sie die ganze Nacht. Die Konsuln leiteten eine Untersuchung ein. Tie Japaner, die darüber erbittert waren, daß zwei von ihnen bei dem Ueberfall tätlich verwundet und andere übel zugerichtet waren, versagten der Obrigkeit den Gehor­sam. Sie machen, wie es heißt, stark bewaffnet den Quai unsicher, indem sie jeden Russen zu erschlagen drohen. Tie Matrosen nahmen bei dem Ueberfall den Japanern Waffen ab. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung gingen nach Tsche- mulpo das PanzerschiffPoltawa" und einige Minen­boote ab.

Die Kanptvcrsammlung des Landwirtschaftlichen KejirKsvercins Kietze»

fand, wie man uns schreibt, in L i ch im Holländischen Hofe unter dem Vorsitz seines Direktors, des Provinzialdirektois Dr. Breid ert statt. Die Versammlung war sehr gut be­sucht. Der Vorsitzende begrüßte die Erschienenen, insbeson­dere Se. TurcMaucht den Fürsten zu Solms-Lich, den Präsi- sidenten des Provinzialvereins Schlenke, und stellte der Ver­sammlung den Professor Gisevius vor, den Nachfolger des nach Königsberg berufenen Professor Albert.

Tie Prüfung dec Rechnung des Vereins wird dem Mit- gliede Gutspächter Klein, Hof Albach, übertragen und zur Eeinsicht einstwellen aufgelegt. Der Voranschlag für 1903/04 wird gutgeheißen, und der Vorsitzende erteilt Professor Gise­vius das Wort zu seinem VortrageHeber Wahl unserer Getreides orten als Saatgut". Ter Redner stellt sich der Versammlung vor als ein landwirtschaftlicher Professor, der nicht nur vom Katheder herab zu seinen Zuhörern sprechen, sondern der in enger Fühlung mit den praktischen Land­wirten, deren Wünsche und Beirrebungen er fördern wolle. Turch eifrige Mitarbeit und durch das Entgegenkommen der landwirtschaftlichen Vereine würde ihm das gelingen können. Als ein Haupt er fordernis, die Produktion von Pflanzen zu steigern, sieht er die Saatgutauswahl an. Nachdem sich eine Reihe Saatgutzüchter im deutschen Reiche hervorgetan habe durch die Züchtung neuer Varietäten, sei der Ertrag, unterstützt durch Meliorationen aller Art, aus gleicher Fläche außerordentlich gestiegen. Der Ertrag an Körnern und Hack­früchten ergibt heute gegen den Beginn des vorigen Jahr­hunderts das vierfache. Besonders im letzten Jahrzehnt sei der Ertrag bei Weizen um 10 Proz., des Roggens um 19 Prozent, der Kartoffeln um 25 Proz. gestiegen. Dieser Erfolg würde durch Hervorbringung weiterer, noch besserer Pflanzenarten noch erheblich sich steigern lassen, wenn diese Maßnahme unterstützt würde durch immer verbesserte Be­stellung des Ackers zur Saat. Ter Verbrauch von Boden­produlten in der eigenen Wirtschaft des Landwirtes bleibe sich gegen früher ziemlich gleich, das Mehr komme auf den Markt zum Verkauf, sodaß der steigenden Zahl der Bevälker- ung im gewissen Verhältnis eine Steigerung der Pflanzen und damll airch der Fleischprodullion folge. Daß man die Sortenanbauversuche in ganz Deutschland pflege und zu vortresflichien Resultaten komme, verdanke man in tar Haupt­sache der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft. Sie schlägt uns den Anbau bereits geprüften Saatgutes vor, ermittelt von den Landwirten ganz Deutschlands das Ergebnis dieser Anbauversuche und kann so seslstellen, wie sich in den ver­schiedenen Landschaften und unter verschiedenen klimatischer: und Bodenverhältnissen die verschiedenen Sorten bewähren. So war dem Vortragenden, der aus Ostpreußen zu uns kommt, bekannt, daß von hessischen Landwirten von den bei uns angebauten 27 Weizensorten von 105 Landwirten der Square head bevorzugt wird, wenigstens bei ihnen an erster Stelle steht, während von den zahlreichen Roggerr- ?orten der Petkuser den Preis davon trägt. Beim Hafen stehen von 24 Sorten der Beseler unb Anderbeker an der Spitze, von Gerstesorlen Chevalier-, Hanna- unb Webs grannenlose Gerste. Von 80 in Hessen an gebauten Kartofsel- {orten ziehen die Landwirte Magirum bonum (auch!machen bom" genannt) unb Däärcker allen anderen vor, d. h. diese Sorten werden der Hauptsache nach an gebaut. Von 15 Sorten Futterrunkeln (Dickwurz) werden Eckendorser und Oberndorfer bevorzugt. Der Vortragende fand dankbare Zuhürer. Es würde zu well sichren, auf alle Einzecheiten des Vortrages eillzugeheu.

Kreisveterinärarzt Schmidt sprach über die Vieh­seuchen, welche besoirders Schweine unb Rinder bedrohen: die Rotlaufseuche, die Schweinpest, die Rindertuberkulose. Danach gibt es gegen die erstere {idjier wirkende Impfstoffs gegen die Schweinepest bis heute nur unsicher wirkende^ während nach den neuesten Forschungen des Prof. v. Beh­ring in Marburg ein Impfstoff gefunden worden ist, der jüngere Rinder gegen die Tuberkulose sicher schützt, leicht ertrantte hellt. Auch bei uns im Lande werden kostenlos diese Impflingen von der Regierung veranlaßt unb haben hoffentlich- das Ergebnis, baft die Nindertuberkulose ab- nimmt, wenn bei der Aufzucht der jungen Tiere mit der nötigen Sorgfalt verfahren wird. Alle Milche die die jungen Tiere erhalten, soll vorher auf 80 Grab erhitzt unb nach! dem Erkalten den Tieren verabreicht werden. Bestätigen sich die Erfolge der Jrnpsung gegen die Tuberkulose, so wird es nicht ausbleiben, daß bte Impfung zwangsweise durchgechhrt wird, wenn die Landwirte, was nicht anzu- nehmen ist, die Impfung nicht aus freien Stücken durch-- führen lassen. Der Vortragende macht die zahlreickien

Landwirte aufmerksam auf das Währsch'<astsgesetz. Dl« Schweineseuche richtete in diesem Sommer in zahlreichen Dorsschaften unter den Schweinebestänben Oberhessensl großes Unhell an. Die von Härrdlern zugekauften Tiere er-' krankten, gingen zu Grunde und mit ihnen natürlich die vor­handenen Schweinebestände, die schlachtreif, die Kasse deA Landwirts zur Bezahlung mancher Schuld füllen sollten. Viele Leute werden durch diese unerträglichen Verluste zup Verzweiflung getrieben, und heute werden Landwirte zur Bezahlung der jungen Schweine an die Händler gerichtlich angehalten, die ihnen das Unglück in die Ställe brachten. Erkranken die gekauften innerhalb drei Tagen der Ein­kaufstag zählt nicht mit an der Rotlaufseuche, so muß innerhalb der zwei folgenden Tage dem Verkäufer dies' angezeigt und er zur Schadloshaltung aufgefordert werden. Dazu muß man aber den Namen und Wohnort des Ver­käufers sich beim Handel aufgeschrieben haben, damit man den Mann belangen kann. Bei der Schweinepest bauert die Währschaft 10 Tage. Erkranken die gekauften Tiere innerhalb dieser Zeit, so muß in den folgenden zwei Tagen der Verkäufer haftbar gemacht werden.

Heber die Bekämpfung der Obstschäblinge sprach Regier», ungsrat Dr. Heinrichs. Hierzu gehört in erster Linie das Abttatzen der alten Rinde von den Obstbäumen, hinter der die Schädlinge überwintern, und das nachfolgende An- streichen der Baumstämme mit Kalkmilch; ferner das Ver­tilgen der Raupennester. Diese Maßnahmen werden trotz der Aufforderung der Behörden unterlassen. Hier steht in Frage, soll in den verschiedenen Gemarkungen eine Kom­mission, der ein Obstbaumtechniker angeh ort, bei regel­mäßigen Kontrollgängen die Säumigen zur Anzeige bringen ober will man milder verfahren. Eine spätere Behand­lung der Frage soll sie zum Abschluß bringen.

Schließlich wurde die Gründung ein er Ackerbau-i schule im Kreise Gießen befürwortet, und der Herr Vor- jitzende erwärmte sich für die Frage besonders deshalb, weil gerade die Landwirte im Kreise Gießen keine nahe ge­legene Ackerbauschule zur Verfügung haben, in die sie ihre Söhne schicken können, ohne sie nach auswärts in Pension zu geben. Einmal fürchteten die Landwirte, ihre Jungen für Wochen und Monate hinauszugeben mit Rücksicht auf chr Wohlverhalten, unb bann scheuen bie Lanbwirte bie größeren Kosten. Die Jungen sollen bie Ackerbauschule tags­über besuchen und abends wieder zu Hause sein. Das ist für den Kreis Gießen nicht möglich. Die nächste Ackerbau- jcljule Friedberg, ist überfüllt, Alsfeld ober Bübingen sind zu weit entfernt. Man beschließt, alle norbereitenben Schritte zur Grünbung einer Ackerbauschule im Kreise zu tun.

Tie Versammlung hatte von 9y2 Uhr getagt Um 12y2 Uhr mußte der Saal geräumt werden, damit der Wirt die Mittagstafel rüsten konnte. Man fand sich an dieser bald wieder §ujammen; der Vorsitzende brachte einen zündenden Toast auf Kaiser und Groß Herzog aus, und nach einigen Nach tisch unter Haltungen führten die Züge die Teilnehmer wieder in allen'Richtungen auseinander.

,,A»s einer kleine» Garnison."

Das Urteil in dem Militarprozeß gegen den ß e u t a n t Bilse wird in der Presse eingehend erörtert. Das ,Berl. Tagebl." glaubt, das Urteil werde vermöge seiner Härte, die (einer Begründung schnurstracks widerspreche, in weiten Kreisen mit Befremden ausgenommen. Die »Vosi. ytg.* schreibt u. A.: v9Jian fühlt aus der Begründung heraus, wie die Militärrichter seufzen, wie sie in der Sache dem Ange­klagten Recht geben und nur bedauern, ihn wegen seiner Mittel zum Zweck bestrafen zu müssen.^ Die »Deutsche Tageszeitung", obgleich sie für den Angeklagten keine Sympathie übrig hat, wirst die Frage aus, ob nicht vielleicht Festungsstrase angemessener gewesen wäre, als Gesängnisstrase.

Wir sind der Meinung, daß die Verhandlungsleitung durchaus unparteilich war. Kein Verteidiger konnte energi­scher die Führung des Beweises in die Hand nehmen, ob unb wieweit die Schilderungen in dem Roman Bilse's ^Aus einer kleinen Garnison" auf Wahrheit beruhen, als dies von der Verhandlungsleitung geschehen ist. Kein noch so un­wesentliches Detail blieb unbeleuchtet: die Zeugen mußten auf Fragen Rede stehen, deren Beantwortung Manchem nahe gegangen fein mag. Unter diesen Umständen brauchten der Angeklagte und sein Verteidiger nur selten persönlich einzu­greifen. Die Last des Wahrheitsbeweises, der in Beleidig- iingsprozessen vor bürgerlichen Gerichten oft gegen die größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat, wurde ihnen jetzt ganz ab­genommen. Auch die Urteilsgründe sind dem Verfasier des Romans gerecht geworden. Die Begründung erkennt aus­drücklich an, das Buch sei kein Pamphlet, sei nicht mit der Ab­sicht der Verunglimpfung geschrieben, es enthalte in seinen allgemeinen Betrachtungen über die kleinen Garnisonen vieles Wahre und Beachtenswerte.

Wenn die Folgen über die Bedeutung der Tat ent** scheiden, dann muß man sagen, daß der Autor des Romans eine Verantwortung auf sich geladen hat, an der er schwer zu fragen haben wird. Ein Offizier, und zumal ein in nicht ganz gewöhnlichem Maße gebildeter und befähigter Offizier, mußte darüber im Klaren sein, daß ein solches Buch mit porträtscharfen Charakter- und Millieu-Zeichnungen nach dem Leben Aufsehen erregen und die in Mitleidenschaft ge­zogenen Personen dienstlich wie gesellschaftlich in unhaltbare Situationen bringen würde. Es war nicht erforderlich, daß Bilse unleugbar vorhandene Mißstände des Lebens in kleinen Garnisonen aufdecken wollte, Kameraden zu kompromittiren und dadurch nicht allein ihre Zukunft, sondern auch diejenige ihrer Angehörigen zu vernichten. Welche Schädigung ist dem Offizierskorps zugefügt worden in den Augen derjenigen, die zu verallgemeinern lieben! Welche Seelenpein muß es für die Zeugen gewesen sein, als vor aller Welt der Schleier von ihren Privat- und Familiengeheimnissen gezogen wurde! Wir gestehen, wir haben mit diesen Opfern des Prozesses größeres Mitgefühl, als mit dem Verurteilten. (Sinern Blatte in Braunschweig zufolge, wo das ommöse Buch das Licht der Welf erblickte, soll Leutnant Bilse gegen das Urteil des Metzer Kriegsgerichts Revision eingelegt haben, ebenso der Gerichtsherr.

Ms piaM und Knnö.

Gießen, den 13. November 1903.

** Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben den Nachfolgenden die Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen der ihnen von Sr. Lllajestät dem Kaiser von Rußlad verliehenen Dekorationen erteilt: Der großen goldenen Medaille am Bande des St. Annen-OrdenS dem