Volitische Tagesschau.
Die Arbeiterbewegung im Ruhrrevier.
In den letzten Tagen hat die Bewegung unter den Bergleuten des Rührreviers einen Umfang und eine Form angenommen, welche die Aufmerksamkeit weiter Kreise auch außerhalb des Ruhrreviers finden. Im Anfang handelte es sich fast ausschließlich nur um die Wurmkrankheit, um ihre Bekämpfung und um die Verpflegung und Versorgung wurmkranker Arbeiter. In den letzten Bergarbeiterver- sammlungen sprach! man aber mehr von den Löhnen der Arbeiter, den Dividenden der Unternehmer und den Kohleir- vreisen, dem Wagennullen und der schlechten Behandlung der Arbeiter. Einzelne Führer malten sogar den Teufel an die Wand mit dem von allen Bergarbeiter-Ausständen her bekannten Vorspruch: „Wir wünschen den Streik nicht, aber wenn die Zechenverwaltungen kein Einsehen haben, dann kann das Unvermeidliche eintreten, obwohl wir wünschen, auf dem Wege gütlicher Verständigung die Erregung zu beseitigen." — Zurzeit tun die Arbeitgeber alles!, damit die wurmkranken oder verdächtigen Bergleute unter den unvermeidlich>en strengen Maßregeln möglichst wenig leiden mch es wäre aller Anlaß vorhanden, daß die Klagen der Bergarbeiter und ihrer Führer nach dieser'Richt- ung verstummten. Wer wie erwähnt, ist noch anderer Zündstoff in die Massen geworfen worden. Am letzten Sonntag wurden mehr als ein Dutzend Bergarbeiterversammlungen im Ruhrrevier abgehalten, und da gingen die Klagen weniger auf die Maßregeln gegen die Wurmkrankheit, als aus Löhne und Behandlung. Die Führer der beiden großen Bergarbeiter verbände im Ruhrrevier, des christlichen und des allen sozialdemokratischen und ihre Presse, blasen in dasselbe Horn; ihre Klagen und Beschprerden wie ihre Drohungen sind bieselben. Aber andererseits verkennen auch die Arbeller nicht das Gefährliche eines Ausstanbes für ihre Lage, selbst der „Vorwärts" weist darauf hin. Möge Besonnenheit und kaltes Blut aifi beiden Seiten die Bewejgung in ruhige Bahnen leiten.
Der Haudwerkskammerkougreß, welcher im September in München stattfinbet, wird sich mit einer Frage von hervorragender Wichtigkeit für die deutschen Hairdwerker beschäftigen. Dr. Georg Adler in Kiel hat in seiner Schxift: „Epochen der Handwerkerpolitik" aus diese Frage hingewiesen. Der Verfasser macht darin Front sowohl gegen dre Theorie von Sombart und anderen, daß der Hanbwerkershand dem Untergänge geweiht sei, als auch, gegen Zwangsinnung und Befähigungsnachweis. Von gewisser Bedeutung ist aber der Vorschlag Adlers zur Schaffung einer obligatorischen Versicherung der Handwerker gegen Alter und Invalidität. Undzwar sollen die Handwerker mit weniger als 2000 ML Jahreseinkommen bei der allgemeinen Jnvalidenversicherungs- anstalt (für Arbeller), die mit mehr als 2000 ME. Einkommen bei einer selbständigen Anstalt versichert werden. Diefer Forderung einer allgemeinen Handwerkerversicherirng in der an gedeuteten Weise scheint der gekannte Kongreß sich nunmehr anschfteßen zu wollen. Die Frage ist offiziell aus die Tagesordnung gesetzt worden und der vorbereitende! Ausschuß hat sie bereits einstimmig in bejahendem Sinne entschieden. Ebenso hat, wie wir ferner erfahren, auf eine vertrauliche Anfrage jenes Ausschusses das Reichsamt des Innern erklärt, die Regierung sei, wenn die Handwerker selbst? wollten, mll der Einführung einer obligatorischen Versicherung einverstanden, und zwar unter der Bedingung, daß die Einkommen' unter 2000 Mk. in die allgemeine Invalidenversicherung eingereiht und für die höheren Einkommen zwei Extrallassen auf die bestehende Invalidenversicherung ausgebaut würden. Die Aussichten der allgemeinen Handwerkerversicherung erscheinen demnach sehr günstig.
Zur Monarchen Eutrevue in Ischl, wlld der Wiener Allgenreinen Korrespondenz „von diplomatischer Seite" geschrieben: Schon die Tatsache, daß der Minister des Aeußern, Graf Goluchowski, aus Anlaß der Anwesenheit des Königs Carol von Rumänien nach Ischl berufen wurde, beweist zur Genüge, daß aktuelle politische Fragen diese Verfügung notwendig erscheinen ließen. Graf Goluchowski wurde denn auch am Montag vormittag vom König Carol in fast einstündiger Audienz empfangen. Es darf angenommen werden, daß es sich in der eingehenden Besprechung des Königs mit dem Minister um bedeutungsvolle Entscheidungen gehandelt habe. Die Lage aus dem BaNau sowohl, als auch die Verhältnisse in Serbien, welche durch die Diktatur der an dem Königsmorde beteiligten Offiziere sich immer bedenklicher gestalten sollen, werden von dem östreichischen Kabinett mit größter Aufmerksamkeit verfolgt, und bei den engen Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Rumänien, welche auch in bestimmten militärischen Abmachungen ihren. Ausdruck finden, erscheint es nur selbstverständlich, daß König Carol seine Badereise zu einer Auseinandersetzung über die erwähnten Fragen mit dem Kaiser Franz Josef und dem Grafen Goluchowski zu benützen wünschte. Wenn auch vorläufig in den Vorgängen auf dem Balkan keine unmittelbare Gefahr erblickt wird, so gebietet es doch die einfache Fürsorge, daß zwischen den beiden befreundeten Staaten alle Eventualitäten ins Auge gefaßt und dementsprechende Maßregeln vereinbart werden. Rumänien beobachtet wohl den Balkanvorgängen gegenüber vollkommenste Neutralität es müßte jedoch aus oerselben heraustreten, wenn die Ereignisse dies gebieterisch fordern würden. — Dazu bemerkt die „M. Allg. Ztg." mit Recht, baß seit 1897 die den Balkan betreffenden Fragen von den Kabinetten von Wien und St. Petersburg stets im gegenseitigen Einvernehmen behandelt worden seien. So kann man wohl voraussetzen, daß auch über ein etwa ratsam oder notwendig werdendes Heraustreten Rumäniens aus der bisher beobachteten strikten Reserve zwischen den östreichisch- ungarischen und den rumänischen Staatsmännern bindende Vereinbarungen nicht getroffen werden, ohne baß zuvor auch ben maßgebenden russischen Kreisen Gelegenheit geboten wäre, ihre Aussafiungen unb Wünsche geltenb 'n machen.
Im englischen Kabinet herrscht nichts weniger als Einigkeit. Zu den wirtschaftlichen Vorschlägen Mr. Chamberlains teilt ein „alter Parlamentarier" in ber „Westminster Gazette" mit, daß von 18 Mitgliebern bes Kabinetts sechs mit Chamberlain burch dick und bünn gehen, sechs noch unentschlossen seien, welcher Seite sie sich anschliehen sollen. Die Anhänger Chamberlains jinb: der Generalpostmeister, Austen Chamberlain, der Lordkanzler von Irland, der Präsident der lOrtsverwaltungsbebörde Walter Lang und der Marine- minister Lord Selborne. Die Gegner bestehen aus dem
Herzog von Devonshire, dem Schatzkanzler Ritchie, dem Staatssekretär von Schottland Lord Balfour of Burleigh, dem Chef des Unterrichtswesens Lord Lonbonderry, dem Minister für Indien Lord George Hamilton und dem Minister bes Innern Aker-Douglas. Die Unentschlossenen sinb: ber Premierminister Balfour, sein Bruber Gerald, Präsi- bent bes Handelsamtes, ber Kriegsminister Brodria, der Staatssekretär für Irland George Wyndham, der Minister des Auswärtigen Lord Lansdowne und der Minister für Landwirtschaft Lord Onslow.
Heer und Flotte.
Militär-Jubiläen. Am Sonntag begingen, ein gewiß sehr seltenes Zusammenfallen, nicht weniger als sechs preußische Generale die 60. Wiederkehr des Tages, an dem sie in bas Heer eingetreten waren. Es sinb dies: die Generalleutnants z. D. v. Rauch, Dunin v. Przychowski, v. Oppeln-Bronikowski und die Generalmajore Schulz, v. Olszewski und Liebe. General v. Rauch ist ein Sohn des Generaladjutanten Friedrich Wilhelms IV. und befehligte 1870 die Braunschweiger Husaren, mit denen er an der Schlacht von Mars-la-tour teilnahm, und hatte später die 14. Kavalleriebrigade in Düsseldorf. General von Oppeln- Bronikowski war von 1866—70 Artillerie-Offizier vom Platz in Mainz, erhielt dann das 11. Feldartillerie-Regt. und 1874 die 7. Feldartillerie Brigade. General von Olszewski kam 1865 als Hauptmann in das Jnf.-Regt. Nr. 68, dessen Füsilierbataillon er 1870 im Kriege führte und kommandierte später bas Regiment 53. Generalmajor Schulz hat beim 8. und 7. Jägerbataillon gestanden, trat dann zur Gendarmerie über und war von 1873 bis 1890 Brigadier in Elsaß- Lothringen.
Kolonialpost.
— Deutsche Schutzgebiete. Zwischen der Reichs- Postverwaltung und der russischen Postverwaltung schweben zur Zeit Verhandlungen wegen Nutzbarmachung der sibirischen Bahn für den Postverkehr zwischen Deutschland und Ostasten. Der neue Leitweg wird benutzt werden, sobald die russische Postverwaltung ihn für den internationalen Verkehr eröffnet haben wird, was in kürzer Zeit zu erwarten ist. Briefe werden auf diesem Wege nur 19 Tage von Kiautschou bis Berlin brauchen.
Aus Statt und Land.
Gießen, 13. August 1903.
** Personalien. In den Ruhestand versetzt wurde der Steindrucker in der Hess.-Preuß. Eisenbahngemeinschaf Jakob Fröder zu Mainz auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. August 1903 an.
** Ein luftiger Studenten st reich spielte sich, wie man uns schreibt, kurz vor Beginn der Ferien in unserer Musenstabt ab. Der Kommilitone B., ein fröhlicher junger Fuchs, hatte leider die Angewohnheit, sich schon bei dem Frühschoppen derartig zu bezechen, daß er"am Biertisch trotz ber Morgenstunde fest einschlies urld trotz Rüttelns unb Stoßens kaum zu erwecken war. Der Leibbursch wollte diese üble Angewohnheit seines Pflegebefohlenen ein für allemal ab sch affen unb ersann folgende Rabikalkur, bereu Wirkung bei bem schläfrigen Füchslein eine ausgezeichnete war. — Eines Morgens mußte B. bei dem Frühschoppen „unentwegt" „Halbe" und „Ganze" nachkommen, bis er nach kurzer Zeit seinen gewöhnlichen Rausch abhatte und in Schlaf verfiel. Man packte ihn in einen Wagen und fort ging es nach einem benachbarten Dorfe, das in Bahnverbindung mit Gießen steht. Dort angekommen, wurde in einer Kneipe der arme Schläfer seiner Kleidung mit allem was dazu gehörte, Geld und Uhr beraubt, und in einen zerrissenen, alten und schmutzigen Bauernanzug mit langem blauen Rock gesteckt. In die verschossene Weste erhielt er eine Fahrkarte für die vierte Klasse nach Gießen. In diesem schönen Zustand ließ man ihn seinen Rausch ausschlafen. — — Wer beschreibt den Schrecken und den Zorn des Erwachten, als man ihm mitteilte, daß seine Kommilitonen schon lange mitsamt seinen Kleidern abgereift seien. Wohl oder übel mußte er in dem Bauernanzug vierter Klasse nach Gießen fahren. Wer hier hatte man für einen geeigneten Empfang die nötigen Vorbereitungen getroffen und geschickt zu verhindern gewußt, daß der Bedauernswerte nach Hause fahren konnte; sämtliche Droschkenkutscher verweigerten, es sei denn bei Vorauszahlung, trotz Bitten und Flehen die Heimfahrt, und so mußte er den ganzen Weg vom Bahnhof bis zu seiner am Nordende der Stadt gelegenen Wohnung zu Fuß gehen, wo ihn unter Jubel und „oho"-Rufen die Freunde festlich begrüßten.
Grünberg, 10. August. Bei der Renovierung unserer Hospitalskirche wurde dieser Tage wiederum ein ganz eigenartiges Kunstwerk aufgefunden. Hinter der Wandverkleidung an der Kanzel entdeckten die Arbeiter ein mit einem morschen Holzrahmen eingefaßtes Bildnis Dr. Martin Luthers. Die Art der Herstellung des Bildes erregt ganz besonderes Interesse. Die Umrisse des Gewandes zeigen nämlich in engem, schwer leslichem Druck das Athanasianische Glaubensbekenntnis. Umrahmt ist es von dem apostolischen und dem nicenischen Glaubensbekenntnis. Die Aufschrift lautet:
Doctor Martin Luther in bas Glaudensbekenntniß des heiligen Bischofs Alhanasii gekleidet u. mit dem Äpostol. u. Nieenischen Glaudensbekenntniß umfaßet.
Das Ganze stellt jedenfalls ein Gedenkblatt dar, welches anläßlich der dreihundertjährigen Gedächtnisfeier der Reformation herausgegeben wurde. Wie eine iveitere Inschrift besagt, wurde das Bild von Theodor Goetz in Weimar im Jahre 1817 gestochen und allen Verehrern des großen Refornlators gewidmet. (Gr. Anz.)
jj Marburg, 12, Ang. In der Nähe des Bahnhofes hing sich heute nachmittag ein Mann an einem Baume auf. Unter der Leiche stand die leere Schnaps- lasche.
a. Marburg, 12. Aug. Das Preisausschreiben ür den besten Entwurf zu einem Volksschulgebände, worauf 79 Arbeiten eingegangen waren, hatte folgendes Ergebnis: 1. Preis (1000 Mk.) Architekt H. Schlump- Charlottenbiirg, 2. Preis (700 Mk.) Architekten O. Köhtz und H. Knab-Kassel, 3. Preis (300 Mk.) F. Thyriod-Groß-
Lichterfelde. — In der heutigen Sommerversammlung des Obstbauvereins für den Kreis Marburg wurde beschlossen, atlch in diesem Jahre, und zwar in der ersten Hälfte des Oktober eine Obstverkaitfsverm ittlungsstelle und einen Ob st markt 51t veranstalten. Ferner wurden 25 Mk. zu einem Ehrenpreis für die vom Gartenbauverein vom 25. bi§ 27. September im großen Saale des Museums geplante Obst-, Gemüse- und Blumenausstellung bewilligt.
~ a* Marburg, 12. Aug. Auf Requisition der hiesigen Staatsanwaltschaft wurde gestern in Kassel der Gerichtssekretär (ft. aus Neustadt wegen Vergehens im Amte verhaftet und heute in das hiesige Untersuchungsgefängnis hier eingeliefert.
Vermischtes.
* Köln, 11. Aug. Bei einer auf dem Holzmarkt aus- gebrochenen Revolte mußte die Polizei mit blanker Waffe gegen etwa 100 Exzedenten vorgehen, wobei eine Anzahl Personen durch Säbelhiebe schwer verletzt wurden. Wch die Pottzeibeamten trugen Verletzungen davon; die Rädelsführer sind verhaftet.
* Xijürn, 11. Aug. Aus dem Artillerieschießplätze wurde gestern nachmittag ein Arbeitskommando unter dem Feuerwerksoberleumcmt Beutel von einem schweren Gewi t t e r überrascht. Ein Blitzstrahl tötete den Leutnant Beutel mit feinem Pferde, das ganz versengt wurde. Die Mannschaften des Kommandos kamen mit bem Schrecken davon.
* Pr oßnitz, 11. Aug. Infolge schlechten Wassers ist in der hiesigen Landwehr-Ulanen -Kaserne die rote Ruhr ausgebrochen. Die Kaserne wurde gesperrt. Bisher sind drei Mann gestorben, 24 liegen krank darnieder.
* Aus der Pfalz, 10. Aug. In einem Weiher bei Enkenbach, hat sich die Frau d-es Händlers Ultes vom Drehentaler Hof mit ihrem 12jährigen Sohn ertränkt. Die Leichen sind geborgen. Man glaubt, daß auch der Mann mit einem Kinde in demselben Weiher ben Tod gesucht hat. Da man die Leichen noch nicht sand, wirb das Wasser abgelassen werden.
* Rom, 11. Aug. Aus Neapel, Catania und fast aus dem ganzen östlichen Sizilien werden von gegen 5y2 Uhr vormittags Erberschütterungen gemeldet. In Mineo, in der Provinz Catanien, liefen die Bewohner schreiend auf die Straßen. Einige Häuser wurden beschädigt.
* B u d a p e st, 11. Aug. Zwischen den Stationen Trage» seke und Tasadfoe der Belenyeser Eisenbahn fuhr ein Lastzug in einen Personenzug hinein, wobei vier Personen des Zugpersonals schwer verletzt wurden.
* Budapest, 11. Aug. Heute morgen wurde hier ein leichtes Erdbeben verspürt.
* Oran, 11. Aug. Drei ©olbaten der Fremdenlegion, die einen dreifachen Mord begangen haben, wurden in Saida erschösse n.
— Die Lorelei-Melodie. In seinem Buche ,,Dcn deutsche Lied im achtzehnten Jahrhundert", bringt Max Friedländer eine Zusammenstellung der Kompositionen, deren Anfang die uns so geläufige Lorelei-Melodie bildet. Die bekannte Melodie, die auf ben Heine'schen Text komponiert wurde, stammt von Friedrich Silcher und erschien zum ersten Male in einer Sammlung von zwölf Volksliedern für vier Männerstimmen im sechsten Heft, Tübingen 1837—39. Chronologisch geordnet finden wir in der Darstellung Friedländers die Melodie in folgenden Kompositionen: Im Jahre 1746 als Gesangsmelodie auf das Lied „Die unzufriedene Sylvia", von Adolph Carl Wintzen, 1754 als Beginn einen „Cassation" für fünf Instrumente von Joseph Haydn, 1759 in dem Liede „Der May" von Christian Gottfried Krause, 1759 in „Dorinbe" von Johann Gottfried Müthel, 1761 in dem Liede „Der Weinberg" von Carl Heinrich Graun. Kurt Friberth verwendet ben Anfang ber nachher so volkstümlich gewordenen Tonreihe in bem im Jahre 1780 erschienenen Liebe „Die Liebe zur Freyheit", Joh. Friedr. Ab. Eylenstein im Jahre 1782 in ber in Weimar erschienenen Liedersammlung in bem Liebe „Die Vögel", unb in (diem Ronbo für Klavier, das Beethoven in seinem 14. Lebensjahre schrieb, unb in ber „zu Speier im Jahre 1784 herausgegebenen Neuen Blumenlese für Klavierliebhaber" enthalten ist, prägt sich in ben ersten Saften die Ähnlichkeit mit ber Lorelei-Melodie unverkennbar aus. Wieder taucht sie im Jahre 1789 in dem zweiten Hefte der von I. M. Wiese zu Stabe unb Hamburg herausgegebenen „Musikalischen Abwechslungen" in einem „Lieb eines alten Tagelöhners am Feierabend" auf, unb nachher erst erschien die Silchersche Komposition, die sich unter allen den gleichartigen Schöpfungen die größte Lebenskraft bewahrt hat. Noch einmal in dem Streichquartett Op. 34 (1§56—57) von Robert Volkmann stößt man auf die Lorelei-Melodie, unb so kann man wohl nicht ohne Berechttgung sagen, baß "ie eine Volksmelodie des deutschen Volkes geworden ist, wenn .auch das Volk selbst sie nicht ersonnen hat. Die Tonreihe lag offenbar unbewußt in dem musikalischen Empfindungslebeu des Volkes, eine günstige Gelegenheit hätte vielleicht sie auch aus dem Volte selbst, heraus ent- tehen lassen.
* Etwas von ber Anmut. Schön braucht eine Frau nicht zu fein, aber daß sie anmutig ist, erwartet man von ihr. Anmut, schreibt Alice Klingel in der „Köln Volksztg." erfreut das Auge und erfrischt das Gemüt; jede, auch die kleinste und unscheinbarste"Arbeit gewinnt durch sie; man sitzt gerne unb schaut bem anmutigen Gebaren, den weichen, leisen und sicheren Bewegungen einer anmutigen Frau zu. Aucy die Anmut ber Rebe entzückt, ebenso bas von ihr gewürzte Lächeln. Die Schönheit, bie tolze sieggewohnte, sie vergeht oft nur zu halb, aber bie Anmut bleibt, ihre liebliche Begleitung ist der mit ihr Begabten sicher, auch für die Jahre, wo man aufhört, chön zu sein, auch wenn Runzeln uns entstellen luollen, wenn graue Haare kommen, wenn bie Wangen nicht mehr blühen. Man rounbert sich oft über die eigenartige Anziehungskraft, welche manchmal unschöne, ruhige, nicht kokette Frauen, ja sogar ältere Matronen auf Jung, Männer und Frauen ausüben; wenn man fiel) bie Mühe nehmen wollte, so könnte man finben, daß das Geheimnis dafür nur in einem von Anmut durchtränkten Wesen zu üchen ist. Trifft man die Anmut des Körpers und der Seele bei einem Menschen vereinigt, so entsteht ein äußerst ympathisches Gemisch von Liebreiz und natürlicher Liebenswürdigkeit, dessen Zauber sich niemand auf die Dauer zu entziehen vermag. Durch die Anmut der Frau werden alle ihre kleinen VerAaMngen und Arbeiten geadelt, durch le vor allem vermag sie den Mann an sich und an ihr Heim zu fesseln, und auch das schönheilsdurstige Auge wird von ihr befriedigt. Tie natürliche Anmut entfaltet sich von selbst; ihr Schauplatz ist ebenso gut das Haus,


