französischen Finanzkr eisen keine Stimmung für diese Anleihe vorhanden. Ter Finanzminister dürste infolge des Mehrertrages der Steuern wahrscheinlich von der Aufnahme der Anleihe ganz absehen.
Nizza, 9. Mai. Tas gegenwärtig in Billa Franca liegende amerikanischeGe schwader wird Ende dieses Monats nach Kiel in See gehen. Ter Kommandant, Admiral Cotton, erhielt bereits dahingehende Instruktionen.
Madrid, 10. Mai. Ueber einen Unfall der Infantin Maria Isabella, der Tante des jungen Königs von Spanien, wird gemeldet: „Als gestern die Infantin nach ihrem Spazierritt vom Pferde stieg, schlug das Pferd ihr mit dem Hinterhuf mitten ins Gesicht. Wie leblos sank die Infantin zusammen. Die herbeigerufenen Aerzte konstatierten eine leichte Gehirnerschütt erung und eine Wunde an der Lippe, die mit 6 Stichen genäht werden mußte. Ter Zustand der Infantin war am Abend befriedigend.
Wien, 10. Mai. In radikalen Kreisen wird nach Belgrader Mitteilungen versichert, König Alexander bereite seine Scheidung von der Königin Traga vor. Ter König sei zu der Einsicht gelangt, dag die Popularität, welche Die Dynastie ein'st besaß, infolge dieser Ehe verloren gegangen sei. Ueberdies erhielt er Drohbriefe, in denen seine gewaltsame Enttrohnung angekündigt wird. Im Hinblick auf die Gärung im Sffizterkorps und die in letzter Zeit vielfach staltgefundenen antidynaftischen Shuw gelungen wurden dte Konakwachen verstärkt.
— Fürst Ferdinand von Bulgarien hat seinen Pariser Aufenchalt vorzeitig abgebrochen und befindet sich auf der Reise hierher. Er hat um eine Audienz bei Kaiser Franz Josef nachgesucht, die ihm aber unter dem Hinweis der Kaiserfahrt nach Budapest nicht bewilligt wurde.
— Ter hier tagende Kongreß der deutschen Ge - werkvereine Oesterreichs nahm folgende Resolution an: Ter Kongreß muß aufs entschiedenste die Versuche der Vertreter der Landwirtschaft z u r ü ck w e i s e n, die im neuen Zolltarifentwurf ohnehin schon gesteigerten Getreidezölle noch weiterzuerhöhen und außerdem Zölle auf industrielle Rohstoffe einzuführen, welche im Juland gar nicht ober nur in geringer Ni enge erzeugt werden. Ter Kongreß erwartet, daß diesem Vorstoß von kompetenter Seite entgegengetreten und dahin gewirkt werde, daß der Abschluß neuer Handelsverträge nicht durch ungerechtfertigt hohe Getreidezölle schpn im voraus verhindert werde.
— An der hiesigen Universität kam es wiederum zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen deutsch-nationalen und katholischen Studentenverbindungen. Tie Exzesse nahmen schließlich einen derartigen Umfang an, daß die Polizei einschreiten und zahlreiche Verhaftungen vornehmen mußte.
Petersburg, 9. Mai. Das russische Handels-Tele- arapyen-Bureau bezeichnet die von London aus verbreitete Meldung bezüglich der Besetzung von Niutschwang durch d i e R u s s e n als gänzlich unbegründet.
Athen, 10. Mai. Prinz Andreas von Grie- chenlaub hat sich mit der Prinzessin Alice von Dattenberg verlobt. (Prinzessin Alice, geb. 1885, ist eine Enkelin des verstorbenen Prinzen Alexander von Hessen und älteste Tochter des Prinzen Ludwig von Battenberg und der Prinzessin Viktoria. Prinz Andreas, geb. 1882, ist ein Sohn des griechischen Königs. D. Red.)
Petersburg, 10. Mai. Trotz verschiedener Dementis erhält sich hier das Gerücht, daß König Eduard von England Ende Juli zum Besuch in Zar s ko je- Sselo ein treffen wird und daß bet diesem Besuch die Verlobung des Großfürsten-Thronfolgers mit der ältesten Tochter des Herzogs von Connan g h t proklamiert werden wird.
Washington, 9. Mai. Ter Gesandte in Peking telegraphierte an das Staatsdepartement und bestätigte die Meldung, daß die russischen Truppen wieder in Niutschwang cingerüctt, sich aber später wieder zu- rückgezogen hätten.
Ailü ZltaSt und Land.
Gießen, 11. Mai 1903.
** Personalien. Se. Kgl. H. der Großherzog empfingen u. a. den Professor Mittermayer von Gießen und den Direktor Dr. Schäfer vom Lehrerseminar zu Friedberg. — Se. Kgl. Hoheit der Großherzog haben dem Obersten a. D. Cullmann, seither Kommandeur des Gendarmerie-DistriktS Rheinhessen, die Erlaubnis zum ferneren
Tragen seiner seitherigen Uniform erteilt. — Der Steuerkommissär in Butzbach, Otto Müller, wurde in gleicher Diensteigenschast in das Steuerkommiffariat Friedberg versetzt. — Ernannt wurden am 7. Mai ds. Js. die Forstaccefsisten Gustav Buß aus Büdingen und Otto Schwjeder aus Frankenberg zu Forstassessoren. — Se. K. H. der Grvß- h erzog haben am 18. April dem Bürgermeister Johannes Fischer in Ober-Breidenbach das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift ,Für Verdienste • am Bande des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
sä. Hessisch-Thüringische Staatslotterie. Bei der heutigen Ziehung der 1. Klasse fiel, wie unS drahtlich aus Darmstadt gemeldet wird, die Prämie von 40 000 Mk. auf Nr. 81145; die eine Hälfte fiel nach Fürth i. O., die andere nach Laubach. Arner fielen 20 000 Mk. au Nr. 51381 (nach Gotha), 10 000 Mk. auf Nr. 8544 (nach Heldenbergen), 5000 Mk. auf Nr. 67929 (nach Oldenburg), 1000 Mk. auf Nr. 7239 (nach Darmstadt), 400 Mk. au Nr. 28691. (Ohne «Gewähr.)
4- Der BezirkS-Lehrerturnverein hielt am verflossenen Samstag nachmittag unter Leitung von Lehrer Bach-Großen-Linden seine erste UebungSftunbe ab. Es wurden Gruppen von Freiübungen und Stabübungen durchgeturnt, ferner als Ordnungsübungen das Gehen des geöffneten ReihenkürperS im Viereck und in Strahlen mit anschließenden Freiübungen und zuletzt Uebungen am Klettergerüst und Barren. Schließlich referierte Lehrer Zöller- Watzenbvrn über die erste Hauptversammlung des Hessischen Lehrerturnvereins, die am 21. März in Mainz abgehalten wurde und glänzend verlief. Der Bezirk Gießen zählt gegenwärtig 21 Mitglieder.
* * Tas Militärkonzert gestern nachmittag in Steins Garten war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Musik unserer Militärkapelle sand großen Beifall. Hoffentlich kann das nächste Konzert schon im Freien stattfinden.
• • Silberne Hochzeit feierten gesten Kaufmann und Küfermeister Philipp Lenz und Frau in Klein-Linden.
— Besitzwechsel. Zu unserer Notiz vom Samstag, betr. Verkauf des Reiberschen Grundstücks wird uns ergänzend mitgeteilt, daß die Reibersche Möbelfabrik in seitheriger Weise weitergeführt wird und zwar in dem früher Scherffschen Hause, Löwengasse 5. Herr Winn beabsichtigt, das erworbene Terrain baulich zu verwerten, und vorerst in den Reiberschen Fabrikräumen eine Bauschreinerei für feinen eigenen Bedarf zu betreiben. Hoffentlich wird in nicht allzu langer Zeit die an der Wieseck entlang geplante Verbindungsstraße zwischen Bahnhofstraße und Frankfurterstraße nunmehr zur Verwirklichung gelangen und die durch die neue Alicestraße begonnene Verschönerung dieses Stadtteils damit beendigt werden.
* * Alice-Schule. Unter dem Vorsitz des Kreisschulinspektors Prof. Dr. Lucius aus Darmstadt, als staatlichen Vertreters und vor der durch das Ministerium des Innern ernannten Prüfungskommission, bestehend aus den Damen Baronin v. Buseck, Frau Oberbürgermeister Mecum, Frau B. Gebhardt, Präsidentin der Alice-Schule, sowie den Herren Oberbürgermeister Mecum, Vizepräsident, und Prof. Dr. Fromme, Schriftführer desselben, wurde Samstag, den 9. d. M., die erste staatliche Prüfung für Handarbeitslehrerinnen ab gehalten. Elf Aspirantinnen hatten sich derselben unterzogen. Drei von diesen bestanden mit der Note: Sehr gut; zwei mit: Gut bis Sehr gut; die übrigen mit Gut — ein Resultat, welches gewiß sehr günstig zu nennen ist und der Alice-Schale, und hier ganz besonders den Lehrkräften, Fräulein Möser, Oberlehrerm, und Herrn Lehrer Friedrich alle Ehre macht. — Der nächste Kursus zur Ausbildung für die staatliche Prüfung der Handarbeitslehrerinnen beginnt mit dem 8. Juni 1903 und dauert bis Ende Diärz 1904. Handarbeitslehrerinnen für kleine Gemeinden können von Oktober bis April ausgebildet werden, und haben sich dann nur einer nicht staatlichen Prüfung in der Alice- Schule zu unterziehen. — Gleichzeitig mit dem erstgenannten Kursus am 8. Juni d. I. beginnt, wie aus ver- chiedencn Inseraten vergangener Woche in diesem Blatte zu ersehen war, der gemeinschafttiche Handelskursus des Kaustn. Vereins und der Alice-Schule. Beide Anstalten ind zu der Ansicht gelangt, daß eine Erweiterung, resp. Vervollständigung des Lehrplanes zweckmäßig sei, und daraus ergab sich von selbst eine Verlängerung der Schulzeit von einem halben auf .ein ganzes Jchr. Junge Mädchen,
welche mit Emst und Eifer diesen Kursus besucht haken, sind dadurch in den Stand gesetzt, weitgehendsten Anforderungen genügen und Anspruch auf sehr gute Stellung machen können. Sehr wünschenswert wäre es darum, wenn diese Einrichtung in ausgiebiger Weise benützt würde.
§ Münzenberg, 11. Mai. Gestern fanb hier baS Kirchweihfest statt, welches einen recht schönen Verlauf nahm. Der Zuspruch von auSroäüS war, wie früher, auch gestern zahlreich, roaS zum Teil barin feinen Grunb hatte, baß hier Gelegenheit geboten war, bie eigenartigen Wetterauer Volkstrachten beim Tanze zu beobachten, sowie von ben als , Wetterauer Tintenfaß* im VolkSmunbe bekannten Burgruinen, bezw. vom AuSsichtSturm eine herrliche Fernsicht über bie schöne Umgegenb zu genießen.
Bab-Nauheim, 8. Mai. Vom 29. April bis einschließlich 7. Mai sinb 834 Kurgäste angekommen unb beträgt bie Gesamtfrequenz bis zum 7. er. 1800 Personen, wovon noch 1303 anwesenb sinb. Bäber würben bis zum letzten Donnerstag 10 318 abgegeben. — Die Kurkapelle spielt gewöhnlich von 31/» bis 6l/s Uhr nachmittags auf ber Terrasse. Frühkonzert ist täglich von 7>/, biß 81/, Uhr vormittags am Kurbrunnen. DaS Unterhaltungsprogramm für biefe Woche ist: 12. Mai, abenbs, im Saale Zaubervorstellung beS Hofzauberkünstlers Bellachini auS Marburg. 13. Mai, abenbs, im Sale musikalische Soiree von Solisten ber Kurkapelle unb Kapellmeister Wilhelm Bruch. 15. Mai, abenbs, Eröffnung ber Theaterfaison, unter Mitwirkung ber Kurkapelle: .Die Fledermaus*. 16. Mai, abenbs, Theatervorstellung: .Monna Vanna*. Sonntag ben 17. Mai: Konzert ber Kapelle beS Thür. Ulanen-RegunentS Nr. 6 aus Hanau. (W. A.)
□ Ortenburg, 10. Mai. Im nahen Gelnhaar würbe heute ein junger Kaufmann, Sohn ber bärtigen Gastwirtin Beck Wtw. zu Grabe getragen. Der junge Mann verließ vor etwa 14 Tagen in Frankfurt a. M. abenbs eine fröhliche Gesellschaft unb blieb von biesem Abenb ab ver- schwunden. Dieser Tage zog man ihn als Leiche aus bem Hafen. Auf welche Art ber Mann umgekommen ist, würbe noch nicht aufgeklärt. — Heute überbrachte KreiSamt- mann Dr. Neibharbt- Bübingen dem hiesigen Krieger- oerein bie vom Kaiser verliehene Fahnenschleife. Dekan Ellenberger hiell bie Rebe. DaS Fest nahm m ben Lokalitäten beS MauergartenS einen schönen Verlauf.
-w- HartniannSham, 10. Mai. Am letzten Freitag abenb fanb in einer ber hiesigen Wirtschaften eine regelrechte Schlägerei zwischen Männern auS Herchenheim unb hier em- quartierten Arbeitern statt, bei ber eS solche Hiebe setzte, baß bie ersteren nur burch schnelle Flucht schweren Verletzungen auS bem Wege gingen. — Die WasserleitungSarbeiten sind insoweit beenbigi, als bie Leitungen bis in bie Keller gelegt unb bie Gruben zugeworfen unb geebnet sinb. Mit ben Rohrlegungen in ben Wohnungen wirb morgen begonnen, auch sieht bie Brunnenkammer unb Einfassung ber Quelle in Kürze ihrer Vollenbung entgegen. Einen recht erreichen Vertrag hat in biefer Woche ber hiesige Ge- meinberat mit ber Bahnbehörbe abgeschloffen. Diese beanspruchte nämlich für ihren Gebrauch eine größere Masse von Waffer, weshalb sofort bie Brunnenkammer vergrößert werben mußte. Nach biesem Vertrag empfängt bie Bahn pro Jahr 10 000 obm Waffer, & cbm zu 10 Pfg., was bie ichere Einnahme von 1000 Mk. jährlich gewährt. Ist ber Wafferverbrauch mehr als obige Menge, so wirb jeber weitere cbm mit 8 Pfg. bezahlt. Da nach Berechnung ber Verbrauch zwischen 40—50 cbm täglich schwankt, so steht ber Gemeinde eine noch höhere Einnahme bevor.
□ Marburg, 10. Mai. In feierlicher Weise soll am Mittwoch ben 27. Mai bie Grunb st einlegung zu ber BiSmarcksäule ftattfinben. Die gesamte Stubentenschaft begiebt sich in geschlossenem Zuge burch bie Stabt nach ber auf bem Lahnberge süblich Marburgs befindlichen Baustelle, unb nach erfolgtem Weiheakt geht eS zurück in bie Stabt nach bem Museum, wo sich ein allgemeiner Stubent en- unb Bürger-KommerS anschließt.
Kleine Mitteilungen aus Hessen und ben Nachbarstaaten. Eine Vorbesprechung von Vertretern füb- unb mittelbeutscher Stäbte zur Beratung gemeinsamer Maßnahmen gegenüber bem § 13 a beS Zolltarifgesetzes findet m Mainz am 25. Mai statt.
das Bittermandelöl? Das ist für den Laien schwer verständlich zu machen, da schon manche chemischen Kenntnisse vorausgesetzt werden müssen. Die Bedeutung liegt darin, daß in dieser Arbeit zum erstenmal ein sauerstoffhaltiges Radikal, das „Benzoyl", angenommen war. Berzelius, der doch gewiß lein Enthusiast war, schätzte die Wichtigkeit dieser Erkenntnis so hoch, daß er in einem Briefe an Liebig diesem Vorschlag, das neue Radikal Orthrin ober Proin (Spöpo;) zu nennen, weil er glaubte, ben Anfang eines neuen Tages für die Chemie hercinbrechen zu sehen. Unter Radikal verstand man eine Atomgruppe, welche als nicht wechselnder Bestandteil in einer Reihe von Verbindungen austritt, sich wie ein Element mit anderen Elementen verbindet, in diesen Verbindungen sich ersetzen läßt durch andere einfache Körper und ohne Zersetzung übertragbar ist in andere Verbindungen. Die sogenannte Radikal- ujcoric beherrschte während vieler Jahre die organische Chemie, und bezeichnend ist der Ausspruch Liebigs, den er im Jahre 1840 an die Spitze seines Handbuchs der organifdjen Chemie setzte: „Die organische Chemie ' ist die Chemie der zusammengesetzten Radikale".
Die Erfolge der Liebigscyen Untersuchungen ließen seine Kollegen jenseits der Mosel nicht ruhen, mit allerhand -Spitzfindigkeiten suchten diese die Resultate für sich auS- 31:beuten. So gründete TumaS auf eine Beobabtung das Gesetz der Substitutionen oder der Metalepsie. Liebig aber konnte sich damit nicht befreunden, so schrieb er u. a. über den französischen Chemiker Gerhardt in seinen Annalen: .Herrn Gerhardts Verfahren hat in den letzten Jahren auf mich den Eindruck von dem eines Straßen- räuber« gemacht, der von seinem Hinterhalte aus (den Uoinptes icndud ßerieux et coucisj bie srieblichen Reisenden anfällt und sie ihres Eigentums beraubt", worauf Gerhardt in einem offenen Briese antwortete, worin er sagte, er habe nicht baä Recht, |te „faassairs, voleura de grand cheinin* zu nennen, unb wenn er Franzose wäre, so würben sie ihn vor die Tribunale laden. Durch aUe diese Vorkommnisse veranlaßt, ping Liebig feinen Maliapparat an üß Wand unb zog sich auf das Gebiet des Äckers, der
Fleischbrühe und des Brotes zurück. Etwas Aehnliches ereignete sich im Leben Beethovens. Nachdem feine Oper „Fidelio" (,Leonore") in Wien durchgefallen war, und sich alles der italienischen Oper zuwandte, strafte er fein Volk dadurch daß er keine zweite Oper schrieo.
Dieses Sichjabwenden von den speziell theorettschen Untersuchungen sollte für Liebig wieder von Bedeutung werden. Sein praktischer Geist wandte sich der Lösung allgemeiner Fragen zu. Er trat gleich mit einem abgerundeten Werk vor die Oeffentlichkeit: „Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie" (1840), ein Werk, bedeutsam für die Menschheit, dem man vielleicht jenes des Copemikus: ,,De revouttio- nibuS orbiunt coelestium" an die Seite stellen kann. Die leitende Idee in dem Werke ist diejenige, welche gewöhnlich als „Kreislauf des Lebens" bezeichnet wird. Es handelt sich hier um jenen großartigen Vorgang der Natur, welcher Tier- und Pflanzenwelt mit einander verbindet, ihre Cxiltenzen von einander abhängig macht. Mit anderen Worten, Liebig zeigte, daß Pflanzeneiweiß unb Tiereiweiß dieselbe Zusammensetzung haben, und daß die Pflanzen aus Ä'obleniäure, Wasser und Ammoniak im stände sind, die Stoffe zu bilden, welck)e den Tieren mittelbar ober unmittelbar zur Ernährung dienen. Diese verwandeln dann wiederum durch ihren Atmungs- unb Derdauungs- prozeß jene komplizierten, höher organisierten Materien in Kohlensäure, Wasser und Ammoniak zurück. Bei diesem Kreislauf erzeugen die Pflanzen aus einfachen Bausteinen zusammengesetzte Gebilde, welche durch das ttensche Leben N'ieder in chre Bestandteile zurückgeipalten werden. Die Erfassung dieses Gesetzes darf als eine der großartigsten nalurwisienschaftlichen Ideen Migesehen werden. ^Dian machte bald nachher schon Anwendung von dem lettenben Gedanken Liebigs, indem man in kleine, mit Wasser gefüllte AÜsten Pflanzen und Tiere hineinbrachte, und sich selbst überlieft — man schuf also kleine Aquarien, die man „Liebigs Welt im Glche" nannte. Wenn an jenem Grundgedanken auch feit der Zeit viel gedeutet unb vieles hinzugekommen ist, was Liebig noch nicht ahnen konnte.
I tvie namentlich bie Folgerungen, welche das allgemeine Prinzip der Erhaltung der Kraft für diesen Fall verlangt, so bleibt doch die Wahrheit jenes Satzes durchaus bestehen, unb Liebig gebührt das unauslöschliche Verdienst, ihn zuerst in seinen allgemeinen Zügen erkannt und ausgesprochen zu haben.
Schluß folgt
— Zum Andenken an JusiuS v. Liebig schildette dieser Tage im physikalischen Hörsaale zu Frankfurt Proseffor Freund Leben und Wirken deS großen Forschers. Im Saale waren Bild und Büste LiebigS, umkränzt von Blumen und Blättern, angebracht, sodaß der Vortrag einer kleinen Gedächtnisfeier glich. — Auch der zurzeit in Wien tagende Kongreß der deutschen Gewerbevereine in Oefter- reich (vgl. Ausland) gedachte LiebigS. Hofrat Professor Dr. Alexander Bauer hielt einen erschöpfenden Vortrag.
— Zum 100. Geburtstage LiebigS sei ferner em Sonett mitgeteiit, daS Pettenkofer seinem genialen Lehrer und Freunde gewidmet hat DaS Gedicht ist in den 40er Jahren beS vor. Jahrhunderts entstanden und lautet:
Widmung.
Mein Haupt gedankenschwer zurückgelehnt, Hing fest mein Augenstern an Deinem 'Munde. Ta gab von Dingen er so sich're Kunde, Wonach sich heimlich längst mein Herz gesehnt. Mein Geist hat seinen Umfang ausgedebnt, Seit er sich weiß mit Dir m eng'rem Bunde, Unb wenn er etwas schafft mit seinem Pfunde, Von Deiner Kraft hat er den Alut entlehnt.
Du warst der lUmbaum, ich die schwache Rede, Du ließest sie empor an Dir sich ranken Und freutest Dich, daß sie nach aufwärts strebe. Verschmähe nicht! Tie Rebe will Dir danken. Laß dieses Zweigs phantastisch^ Gewebe Dir schmeichelnd um die hohe Stirne ranken!


