Ausgabe 
11.3.1903 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Resolution eingesehen au haben. Vor einigen Tagen noch forderte er für die Militärtechnik unbedingt den Unterricht an der Technischen Hochschule; beute begnügt er sich mit der Angliederung an bte ver­einigte Artillerie- und Ingenieurschule, an eine der Kriegsakademie nicht gleichgestellte Anstalt, die nur bestimmt ist, jungen Offizieren die für den Frontdienst nötbigen Kenntnisse zu geben. Es ist aber nicht zu bezweifeln, baß es für das Ansehen und dasHand in Hand hiermit gehende Gedeihen der militärtechnischen Wissenschaften besser ist, sie auf einer besonderen Akademie zu pflegen, welche der Kriegs- akademie in derselben Weise selbständig zur Seite steht wie die Tech­nische Hochschule der Universität. Liegt Ihnen an der Schlag- fertigkeit unseres Heeres auf militärtechnischem Gebiete, und wollen Sie verhüten, daß uns andere Staaten vollständig den Rang ab­laufen, dann nehmen Sie die Vorlage der Heeresverwaltung an. lBeifall.) ,

Abg. Dr. Spahn sCentr.*) beantragt mit Rücklicht auf die neuen, erst jetzt bekannt gewordenen Thatsachen, die der Vorredner mitgetheilt habe, diese Position mit den dazu gestellten Anträgen an die Kommission zurückzuvcrweisen. Tann würde die Sache in gellärter Form wieder an das Plenum kommen.

Der Antrag Spahn wird angenommen. Die Posi­tion wird qurückverwiesen.

Abg. Eickhoff streif. 93p.) wünscht eine Besserstellung der Lehrer an den Kad ttenanstalten.

Generalmajor von Einern dankt für die Anregung und er­klärt, daß er sich deswegen mit dem Reichsschatzamt in Verbindung setzen werde.

Abg. Eickhoff ffreif. Vp.) befürwortet sodann eine Resolution, in welcher der Reichskanzler ersucht wird, tm nächsten Etat dafür Sorge zu tragen, daß die seminaristisch gebildeten Lehrer an den Unteroffiziersschulen, den Unteroffiziervorschulen und dem Militar- Knaben-Erziehungs-Jnstitut den seminaristisch gebildeten Lehrern an den Kadettenan st alten bezüglich ihrer Besoldung gleichgestellt werden.

Abg. Graf Gartner lkonsi) spricht sichaufs Wärmste" für die Resolution aus, ebenso bte Abgg. Dr. Arendt lReichsp.) und Abg. Dr. Paasche lnat.-lib.).

Die Resolution wird hierauf mit großer Majorität an­genommen

Tas Kapitel wird bewilligt, ebenso debattenlos einige weitere Kapitel.

Beim KapitelArtillerie und Waffenwesen" wünscht

Abg. Pauli sb. k. Fr.) die Besserstellung der Techniker in den Artilleriewerkstätten, und bespricht sodann die Arbeiterverhältnisie in Spandau. Tie Löhne in den niederen Lohnklasien seien zu gering, davon könnte bei den theuren Lebensverhältnisien Spari - oauS ein Familienvater nicht bestehen. Außerdem würden noch häufig Abzüge gemacht. Ungerecht sei es auch, daß Arbeiter, die in einen anderen Betrieb versetzt würden, dort mit Dem niedrigsten Lohnsatz anfingen, selbst wenn sie schon zehn Jahre in den königlichen Werkstätten gearbeitet hatten. Ein weiterer Mißstand ist, daß. wenn Konferenzen stattfinden, die Direktion die Arbeiter bestimmt, die daran theilnehmen sollen; man müßte es doch den Arbeitern selbst überlassen, ihre Vertrauensmänner in die Konferenzen zu entsenden. Die Arbeiterschaft in Svandau betrachtet mich als ihren natürlichen Vertreter, denn ich bin ein schlichter Mann aus der Werkstatt. sHeiterkeit.) Deshalb bitte ich die Regierung und das hohe Haus, erfüllen Sie die Wünsche der Spandauer Arbeiter.

Abg. Bebel sSoz.): Dem Vorredner kommt etwas s 'ät die Erkenntniß, daß er der schlichte Mann aus der Werkstatt ist. Jeden­falls ist er nicht von den Arbeitern Spandaus gewählt, sondern von der Landbevölkerung; ob er noch mal gewählt wird, ist die Frage. An den Kriegsminister richte auch ich die Anfrage, wie e§ mit der Neuformirung unserer Feldartillerie steht. Vielfach ist nämlich die Behauptung aufgestellt, daß unsere bisherigen Feld­geschütze nickt genügten und unsere ganze Feldartillerie neu be­waffnet werden müßte. Die französische Armee besitzt jetzt schon die sogenannten Rohrrücklauf-Geschütze und Schutzschilder gegen daS Kleingewehrfeuer; diese Geschütze sollen die besten der Welt sein. In vielen Blättern ist mtn schon gesagt, wir müßten nach­kommen. Es scheint hier wieder die beliebte Plötzlichkeit in Aktion treten zu sollen, die Vorbereitungen sollen schon im Gange sein, um mit großer Schneidigkeit neue Geschütze bei uns einzuführen. Die Militärverwaltung kann da? ruhig thun, ist sie doch der Mehrheit des Reichstages sicher. In der Kommisiion ist gesagt worden, daß die Firma Krupp von der Militärverwaltung zu sehr begünstigt sei, erst nachdem eine Konkurrenzfirma auf dem Plan erschien, seien die Preise von 44 auf 24 Millionen herabgedrückt. Die Firma Krupp hat also Jahre lang hindurch Wucherpreise genommen unb das beutsche Reich ganz gehörig betrogen. Tas ist der Patrio­tismus der Herren! Es ist leicht, patriotisch zu sein, wenn man dabei Millionen verdient. Auch der sogenannte Pulverring hat dem Reich ungeheure Summen abgenommen, ebenso die Firma Ludwig Lowe u. Go., der Vorsitzende des Aufsichtsraths dieser Gesell­schaft ist der frühere Minister von Thielen. Auch Minister Budde ist Direktor bet Ludwig Löwe gewesen. Tie großen Fabriken suchen Itch eben mit Vorliebe solche Leute aus, von denen sie sich einen Einfluß auf die Regierung versprechen. EZ ist um so schwerer, sich

diesen kapitalistischen Vereinigungen zu entziehen, al? diese auch einen großen Einfluß auf die Parlamente haben. Die deutschen Steuerzahler müsien aber Millionen über Millionen zu Gunsten dieser Herren zahlen, die sich dazu noch fortgesetzt in die Toga des Patriotismus hüllen.

Kriegsminister von Goßler: Dem Abg. Bebel merkt man an, daß er der Bugdetkommission nicht angewohnt hat. Denn all die Fragen, die er gestellt hat, sind dort eingehend beantwortet worden. Auch wurde allgemein anerkannt, daß es sieh um vertrauliche Mit- tbeilungen handle, die nicht in die Oeffentlichkeit gehörten. Auf die Berichte der Presie kann sich Herr Bebel nicht berufen. Um ein neues Geschütz handelt es sich gar nicht, es sind nur Versuche gemacht worden mit aftirten Lafsetten, das Weitere ent-iehf sich der öffent­lichen Besprechung. Tann hat Herr Bebel die Firma Krupp ange­griffen. Diese Angriffe sind ganz ungerechtfertigt, die Firma hat sich die größten Verdienste erworben um Deutschlands Wehrkraft. Dann hat Herr Bebel einige Zahlen aufgetischt, die nur von den Agenten einer bestimmten Fabrik einzelnen Abgeordneten gegeben sein können. Tie Richtigkeit dieser Zahlen ist nach keiner Richtung bin erwiesen. Wenn ihre Richtigkeit überhaupt erwiesen fein soll, so soll der Mann mit seinem Namen hervortreten und mir die Zahlen geben, aber hinter dem Rücken de? Reichstags mit Zahlen hervor­zutreten. ist unredlich, und es nt für die Verwaltung gan* unmög­lich, auf solche Zahlen bin irgendwelche Schlußfolgerungen zu basiren. Tann bat Herr Bebel es durchblicken lallen, er Hai den Verdacht geäußert, daß wir der Firma Krupp Millionen in die Hand gedrückt hätten. Wie will er das beweisen? Das kann er gar nicht. Wenn ein Unterschied zwischen den Zahlen besieht, fo liegt das daran, daß inzwischen technische Erfindungen gemacht sind, die die Preise berabdrückten Deshalb rur sind die Brei le geringer geworden. Wie es Bebel wagen kann, die Firma anzugreifen, das überlalle ich seinem Urtbeil. außerhalb de§ Hauses würde er das wobl nicht thun. s?lbg. Bebel ruft: Tas ist meine Pflicht als Abgeordneter. Präsident Graf Ballest rem rügt die Zwischenrufe.) Mer all dies ist schon in der Kommission gesagt worden. Die Kommission hat eine Resolution angenommen, in der die freie Konkurrenz gefordert wird. Das hört sich ja sehr schön an, aber die freie Konkurrenz schafft nur eine Ringbildung. Denn wenn die großen Fabriken keinen ständigen Mnehmer haben, dann thun sie sich zu einem Ring zusammen. Jeder große Staat muß eine große Fabrik haben, auf die er sich verlassen kann. Unsere Staatswerkstätten allein genügen nicht. Jeder große Staat hat eine solche große Fabrik zur Seite. Die Firma Krupp hat uns stets gut bedient, ohne die Firma Krupp hätten wir die großen Kriege nicht gewinnen können. sZusiimmung rechts.) Das ist gar nicht zweifelhaft, die Firma hat uns nie ge­täuscht, ihre Lieferungen sind alle vorzüglich gewesen, das kann ich von anderen Fabriken nicht sagen. Die Angriffe gegen diese Firma sind ja nicht neu. s?lbg. Bebel ruft: Das habe ich schon 1896 gethan. Präsident Graf Balle st rem : Mer, Herr Bebel, das können Sie ja Alles nachher sagen. Große Heiterkeit.) Mer ich wiederhole es, alle diese Fragen sind eingehend in der Kommission besprochen worden und ich kann nur schließen, zu den Angriffen auf die Firma Krupp war gar keine Veranlassung, die Beschuldi­gungen, die er ausgesprochen bat, fallen auf ihn selbst zurück.

9Ibg. Singer (Soz.): Mein Freund Bebel hat hier keine Dinge berührt, die in der Kommission als vertraulich bezeichnet worden sind. Aber der Kriegsminisier hat dies soeben gethan. Von uns ist noch nie etwas in die Oeffentlichkeit gekommen, das in der Kommission als vertraulich behandelt worden ist. Der Minister scheint aber den Anschein erwecken zu wollen, als wenn das doch geschehen sei. In der Kommission bat der Kriegsminister gesagt, die Konkurrenz habe verbilligend gewirkt, und jetzt behauptet er, neue technische Verbesserungen hätten dies verursacht. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)

Kriegsminister v. Goßlcrt Herr Singer hat doch anerkannt, daß seine Partei dasjenige verschwiegen hat, was in der Bndget- kommission vertraulich behandelt worden ist. Wenn Abg. Bebel also nicht in der Lage gewesen ist, sich zu unterrichten und sich nur auf das gestutzt hat, was in Sen Zeitungen siand,

so kann er nicht wissen, was vorausgegangen ist, und kennt

nicht die Beschlüsse,. die in der Budgetkommission gefaßt

sind. Die Sachen, die Abg. Bebel oorgetragen hat, lassen auch

darauf schließen, daß ihm die Sache nicht bekannt war (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Na also I), weil die Verhandlungen in der Budgetkommission vertraulich geführt waren. Er war nicht orientirt und hat einzelne Wahlen zur Begründung seiner Behauptungen benutzt, deren Richtigkeit nicht festgestellt werden kann. Mit Wg. Singer mich auseinanderzufetzen, 'ist nicht meine Aufgabe. Ich habe nur den Vorwurf zurückgewiesen, daß große Firmen betrogen haben.

Abg. Bebel (Soz.): Der Minister hat in einer Art nervöser Aufregung nicht gehört, was ich gesagt habe, denn sonst hätte er seine Ausführungen nicht machen können. Ich konstatire, daß er erklärt hat, daß aus Steuerungen, die ich hier vorgebracht habe, hervorgehe, daß ich den Sitzungen der Budgetkommission nicht beigewohnt habe. Wir haben seit einer langen Reihe von Jahren eine große Anzahl Mittheilungen sehr wichttger Natur bekommen, die als vertraulich bezeichnet waren und wir!

haben niemals da? auferlegte Gehennniß gebrochen. Die Firma Krupp ist mit den Zahlen in Verbindung genradbt worden, die ich angeführt habe. Nun kommt auf einmal der Kriegsminister mit seiner sittlichen Entrüstung und benimmt. sich, als ob er der berufene Vertheidiger Krupps sei. Sie stehen doch Ihrem Brnder im Amte, dem Marineminister, nicht so fern, daß Sie nicht willen, was in dessen Etat vorgekommen ist. Es ist festgestellt, daß die Firma Krupp an den Panzerplatten dem Reiche Millionen zuviel abgenommen hat. wenn die Verwaltung das vertbeidigt, fo beneide ich sie wahrlich nicht. Erft als bannt gedroht wurde, daß ba4 Reich selbst eine Fabrik gründen würde, ließ die Firma 40 Millionen ab. Ich habe die Heeresverwaltung nickst angeklagt, sondern sie ausdrücklich in Schutz .genommen. Das wird mein Stenogramm nachweisen. Meine Rede von 1896 über den Pulverring hat wenigstens eine sichtbare Wirkung gehabt, ein angesehenes Mikglied der national- liberalen Partei sagte mir einige Tage später, es habe sofort nach meiner Rede seine Llktien verkauft. (Heiterkeit.) Man fürckstete ein Sinken der Aktien. Interessant war mir der AuS- 'prnch des Ministers, ohne .Knmv würden wir nicht gesiegt haben. Ja, dann begreife ich die Därme, mit brt er für die Firma Krupp eintritt. An der persönlichen Gbrenhaftigfcit des Ministers habe ick, nicht gezweifelt, ich habe mich gar keinen Anlaß dazu und ich hoffe, daß bet Minister nun nach dieser Erklärung feine per» 'önlichen Verbäckstigungen nach Möglichkeit unterläßt. Mir war es bei ber ganzen Angelegenheit nur um Aufklärung zu thun. Ge­heime Vorgänge habe ich nicht zur Sprache gebracht fonbern mir Dinge über die wegen ihrer hohen Tragweite eigentlich schon ber Referent hätte berichten muffen. Der Reichstag ist der einzige Ort, wo man Dinge Vorbringen kann, wegen deren man sonst leicht gerichtlich bekamst werden könnte. Und bas Recht werden wir uns nicht nehmen lassen. Daß Volk muß bei Zeiten auf die drohende neue Militärvorlage aufmerksam gemacht werden. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Minister ». Goßler: Ich gebe dem Abg. Bebel zu, daß er bad Vertrauen, das ich von ihm in ber Budgetkomnnfsion verlangte, niemals getäuscht hat. Diese Ehrenerklärnng bin ich ihm schuldig. Andererseits werden Sie wissen, daß ich mich in meinem Ver­trauen in ber Budgetkommiffion fo aufrichtig und offen auS- spreche, daß jeder im Stande ist, meine Ansicht zu verstehen. Auf diese Weise ist es gelungen, die (Snigung zu erzielen bei all den schweren Fragen, die in der Budgetkommission behandelt sind. Wenn ferner Herr Bebel seine Immunität als Ab- georbneter in der Weise anwendet, wie er es für richtig hält, so ist das feine Sache, aber ich. der ich nicht Abgeordneter bin, habe die Pflicht, Behörden und Firmen, mit denen ich in Verbindung stehe, zu schützen. Thäte ich daS nicht, so wäre daS eine Feigheit. Die Angriffe des Abg. Bebel gegen Krupp sind völlig unbegründet, ebenso nnbegründet ist die Behauptung der Sozialdemokraten, baß die Firma Krupp den Franzosen jemals Geschütze angeboten hat.

Abg. Müller-Fulda (Etr., fast unverständlich) spricht über die Vorgänge in ber Kommission und bittet den KriegSminister, mit solchen Behauptungen, baß in der Kommission mit falschen Zahlen operirt sei, doch etwas vorsichtiger zu sein. In der Kommission sei ausdrücklich feftgeftefft worden, daß die Preise erst durch die freie Konkurrenz ermäßigt seien.

Kriegsminister v. Goßler bemerkt, er hätte wohl gesehen, daß die Kommission Zettel in den Händen gehabt hätte, ob sie geschrie­ben oder gedruckt gewesen wären, hätte er nicht sehen können. Jedenfalls seien ihm die Zahlen dienstlich nicht zugegangen, und es sei deshalb unendlich schwer für ihn, auf Grund dieser ber* lesenen Zahlen etwas zu erwidern.

Abg. Bebel (Soz.): Ich freue mich über die Erklärung dcS Ministers, baß wir die Diskretion niemals verletzt haben. Meine Auffassung über die Immunität ist die einzig richtige; sonst hätte ja die Immunität gar keinen Sinn. Warum er die Firma Krupp in Schutz nimmt, verstehe ich nicht. Es steht doch fest, daß die Geschützfabriken ihre Geschütze für Freund und Feind liefern, diese Herren verstehen den Pattiotismus und den Internationalismus sehr gut, wenn es sich darum handelt, Geld zu verdienen.

Hiermit schließt die Debatte.

Referent Graf Roon erklärt im Schlußwort, der Kriegs» Minister habe in ber Kommission gesagt, die billigeren Preise der letzten Jahre seien durch die Fortschritte dec Technik ermöglicht worden. Daher hätten die Konkurrenzfirmen billiger liefern können, als früher Krupp.

Das Kapitel wirb hierauf mit einigen kleinen, von der Kom» Mission beschlossenen Abstrichen (insgesammt 522 Mk.) bewilligt.

Hierauf vertagt das Hans die weitere Berathung auf Mittwoch 1 Uhr. Vorher stehen Rechnungssachen auf der Tagesordnung.

Schluß 6^ Uhr.

Der Fall Korum.

Die©ermanta" bespricht in einem längeren Artikel die Zurücknahme des Trierer Publikandums und die von der Preffc daran geknüpften Erörterungen und halt c5 für ver­fehlt, von einem Siege oder von einer Niederlage auf der einen oder der anderen Seite zu reden. Es handle sich in Wirklichkeit nur um einen Modus vivendi unter Aufrecht­erhaltung der Grundsätze, ähnlich dem Modus vivendi, den Fürst Bismarck mit der Revision der Maigesetze geschaffen hat. Unrichtig sei die Meldung, daß bereits ein Vertreter des Kultusministeriums in Trier selbst mit Bischof Korum verhandelt habe. Bisher sei überhaupt noch kein Vertreter des Kultusministeriums in dieser Angelegenheit in Trier gewesen. Indes dürfte dies zur völligen Klarstellung über die Beschwerden in hohem Grade angezcigt erscheinen. Durch die Zusage, den Wünschen der Trierer Katholiken gerecht zu werden, habe die Regierung dem Bischof zum Teil Recht gegeben. Die Hauptsache fei, daß nunmehr friedliche und erträgliche Zustände in Trier hergestellt werden.

Aus Trier wird telegraphiert, daß die Geistlichen des Dekanats Pruem an Bischof Korum depeschierten, treu zu ihrem Bischof zu stehen in guten und in bösen Tagen.

Parlamentarisches.

Berlin, 10. März. Die Budgetkommission des Reichstages beriet den Abschnitt des Marine-Etats, betreffend Schiffsbautcn und Armierungen, und nahm eine von Müller-Fulda beantragte Resolution an:Der Reichstag wolle bcjchließen, den Reichskanzler zu ersuchen, dahin zu wirken, daß un Interesse der Rcichssinanzen bei der Vergebung von Marinelieferungen ein gesunder Wett­bewerb, nötigenfalls unter Heranziehung aus­ländischer Fabriken stattsinde." Die Titel 1 bis 23 «erden bewilligt, Titel 24, Bau eines Flußkanonenbootes, 450 000 Mk., und Titel 25, Bau eines Vermessungsschiffes, 500 000 Mk., werden gestrichen. Titel 26, zwei Millionen als erste Rate zur Ärundreparatur und baulichen Vcrbeffer- gingen der KreuzerKaiserin Augusta" undIrene", werden in die Doppcttttel 26 und 26a verwandelt und für die beiden Schff'fe je eine Rate von 500 000 Mk. bewilligt.

Berlin, 10. März. Die Finanzkommission des preuß. Herrenhauses tritt am 26. März zusammen. Das Plenum wird sich am 30. d. M. zu einer Sitzung versammeln. Wenn, wie das Abgeordnetenhaus beabsichttgt, der Etat dem Herrenhause am 24. März zugehen kann, werden sich die Plenarsitzungen bis zum 3. April auSdehnen. Andern­falls werden nur zwei Plenarsitzungen am 30. und 31. März stattfinden, in denen die Eingemeindungs-Entwürfe sowie andere kleine Vorlagen erledigt werden sollen.

Im preuß. Abgeordnetenhause wurde heute die Beratung des Kultusetats fortgesetzt. Nach kurzer De­batte wurde der Titel Ministergehatt bewilligt. Eine Reihe weiterer Tttel wurde nach unwesentlicher Debatte erledigt Im Laufe der Diskussion erklärte Minister Studt, daß die Staatsregierung nicht in der Lage sei, in der Frage der rheinischen KirchyöfedemWunschedes Zentrums entgegenzukommen.

Aus Stadt und £miü.

** Personalien. In den Ruhestand wurde ver­setzt mit Wirkung vom 1. April L I. an der Bauinspektor des Hochbauamts Friedberg, Baurat Friedrich Groß, auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treu geleisteten Dienste. Aus diesem Anlaß wurde ihm die Krone zum Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Phi­lipps des Großmütigen verliehen.

Hanau, 10. März. Die Stadtverordneten beschlossen eine Resolution, in der der Magisttat ersucht wird, eine Vorlage auszuarbeiten, nach der bis zum 1. April 1907 die städtische Verbrauchssteuer auf Fleisch in Wegfall kommt.

Vermischtes.

Ein grauenvoller Mord wird aus der Er- ziehungs-An statt Leschnitz in Oberschlesien gemeldet. Daselbst hat der 17 jährige Zögling Scholz die bereits 10 Jahre in der Anstalt amtierende Lehrerin Marie Bartsch getötet, mdem er thr mit einem Messer den Hals durch- schnitt. Tann setzte er das Zimmer, welches die Lehrerin bewohnte, m Brand und beteiligte sich später mit Eifer an den Löscharbeiten. Seine blutbefleckten Kleider wurden jedoch zum Verräter und er gestand auch das Verbrechen cm.

* Dresden, 10. März. Der gestrige Minifterrot hat beschlossen, das Urteil im Ehescheidungsprozeß der Kronprinzen nicht zu veröffentlichen, da Prinzessin Luise ofsiziell Protest dagegen eingelegt hat.

New-Pork, 10. März. In der Nähe von Olean im Staate New-Pork trennte sich gestern abend eine Anzahl Wagen eines hauptsächlich au§ Petroleumwagen bestehenden Eisenbahnzuges von dem Vordetteil des Zuges und lief auf diesen auf. Beim Zusammenstoß geriet der Zug in Brand. Eine dichte Menschenmenge umstand die Unfallstelle, als mehrereExplosionen erfolgten. Die Flammen ergriffen die Umstehenden, von denen viele verbrannten. Die Zahl der Umgekommcnen ist noch unbekannt, da die Leichen vieler vollständig verbrannt sind. ES wird berichtet, daß 22 Personen tot auS den Trümmern heroorgezogen wurden.

- - ..... k

Kirche und Schule.

Mainz, 9. März. Die Bischöfe der oberrheinisches Kirchenprovmz beschlossen eine gemeinschaftliche Romreise.

Handel und Verkehr. Vatkswirtschast.

Au der Berliner Börse wurden 5 Millionen Mk. 37. p6t Schuldverschreibungen der Stadt Karlsruhe von 1903 jum Börsenhanvel zugelassen. Verlosung und Äüttbigung ist bis zum Jahr 1908 ausgeschlossen.

Neueste Aletduugeu.

Lriginaldrahtmelbungen de» Gießener Anzeiger».

Leipzig, 11. März. Ter Professor der Zoologie Julius Viktor CaruS ist gestern hier gestorben.

Schweidnitz, 11. März. Der zu einem Artillerie- Regiment abkommcmdierte Oberleutnant Witzke vom 22. Infanterie-Äiegiment stürzte gestern vom Pferde und war sofort tot.

London, 11. März. Der Kurpfuscher Narden- kötter wurde gestern hier verhaftet. Bis zu seiner Auslieferung an Deucschland bleibt er im hiesigen Untersuchungsgefängnis.