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Erstes M-rtt.
153. Jahrgang
Donnerstag 10. September 1903
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen
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WiMommm in Kielen!
Herzlichen WMonangruh rufen wtr allen Teilnehmern an der Landwirtschaftlichen Ausstellung zu, der unsere Stadt Gießen einen prächtigen Watz emHuränmen vermocht hat, was ihren Bewohnern zu besonderer Freude gereicht.
In einer Stadt der Miss en s cha ft und der Industrie, von denen beträchtliche Teile mit der Landwirtschaft und deren Interessen innig verknüpft sind, finden die weit ausschaueuden Kielbewnßten Bestrebungen der Veranstalter unserer landwirtschaftlichen Ausstellung volles Verständnis und, so weit es in ihren Kräften liegt, eifrige Förderung. Wir wissen, daß, wie Theorie und Praxis,
auch Industrie und Landwirtschaft auf einander
angewiesen sind und daß nur, wenn alle Zweige des Kultur- und Erwerbslebens in Blüte stehen, cs in Stadt und Land gut stehen form. Wir wissen, daß, wie die Landwirtschaft bezüglich des Absatzes ihresc Produkte auf die gesamte städtische und besonders auf die industrielle Bevölkerung angewiesen ist, so auch die städtische Industrie bei der zunehmenden Einschränkung chres Absatzgebietes außerhalb der Landesgrenzen dringend einer prosperierenden kauskräftigen Landwirtschaft bedarf. Und wir wissen endlich fauch, daß die Landwirtschaft, wenn sie sich zurzeit hier und da auch in einer einigermaßen erträglichen Lage befindet, Hilfe und Förderung nötig hat. Diese Hilfe und Förderung ihr zu bringen, sind nicht nur die gesetzgebenden Faktoren berufen, sondern ganz besonders und vor allen anderen die einsichtsvollen, kenntnisreichen und erfahrenen Landwirte selbst, die in diesen Tagen hier in Gießen durch das praktische Mittel einer vortrefflichen Art von Au sch auungsunterricht ihre weniger vorgeschrittenen Berufsgenossen belehren und erziehen wollen zur ver-
vollkomnrnetsten Dreh» und Pferde-, Obst- und Bienenzucht, zur Benutzung und Handhabung der besten und praktischsten Maschinen und Geräte, Futter- und Düngemittel, durch die ihnen ein rationeller, zeitgemäßer und lohnender, den veränderten Zeitverhältnissen angepaßter Betrieb ermöglicht wird und die ihnen für verloren gegangene Quellen des Wohlstandes neue Hilfsquellen aufdecken.
„Ein tiefllegendes liebel irgend eines gesellschaftlichen Zustandes läßt sich niemals auf einmal heben, der ersehnte Zustand des Wohlbefindens ist nie auf einmal zu erreichen." Dieses Wort gilt auch für unsere Landwirtschaft. Aber viel ist schon geschehen zu ihrer Hebung in kultureller wie legislatorischer Beziehung. Und hier mit Beispiel und Anregung neue Wege zu zeigen und zu neuen schönen Erfolgen zu führen, ist der verdienstvolle Zweck der heute mittag in Gießen eröffneten Ausstellung.
Möge diese Ausstellung den erhofften guten Verlauf nehmen, möge sie segensreiche Resultate zeitigen, segensreich für die Landwirtschaft, der fte speziell gilt, segensreich auch: sür die ganze Provinz, in der die Landwirtschaft eine so gewichtige Bedeutung hat.
In dieser frohen Hoffnung begrüßen wir alle die vielen werten Gäste und wünschen, daß es ihnen in der Provinzialhauptstadt gefallen und sie aus der gesamten Ausstellung in allen ihren Einzelheiten, die der Förderung der Sache der Landwirtschaft und nebenher auch der angenehmen Unterhaltung der Gäste dienen soll, ihren Nutzen ziehen und ihr rechte Freude haben mögen.
Mit besonderer Freude und Genugtuung begrüßen wir aber vor Allen Seine königliche Hoheit unfern Groß Herzog Ern st Ludwig. Wir wissen alle, welchen regen Anteil unser hochverehrter Landesherr an den G-e-
Jur Eröffnung der landrv. Ausstellung.
Gießen, 10. September 1903.
Der heutige Tag bedeutet einen Markstein in der Geschichte der oberhessischen Landwirtschaft. In diesen Tagen wird da oben auf dem Trieb ein friedlicher Kampf au§- gefochten werden, und Friedenslorbeern werden den Siegern winken. Als heute mittag Großherzog Ernst Ludwig von Hessen voranschritt, um das soeben vollendete Werk als Erster zu besichtigen, da sah er auf weithin sich dehnendem Schauplatze einen Wettkampf des ländlichen Fleißes und der ländlichen Tüchtigkeit sich bereiten, em willkommenes Schauspiel für das urteilsgeübte Auge. Es ist ein Fest der ländlichen Arbeit, das wir da draußen auf dem Aus- stellungsplatze feiern, wo langgestreckte Stallungen die besten Zuchttiere der Provinz und der benachbarten preußischen Kreise — wohl über 600 an Zahl — beherbergen. Jedes emzelne der Ausstellungsgebäude ist gewissermaßen ein Meilenzeiger des landwirtschaftlichen Fortschrittes und verkündet, daß das oberhessische Bauerntum an Ausdauer und Leistungskrast auf allen Gebieten der landwirtschaftlichen gewerblichen Betätigung seinen Mann im vollsten Sinne stellt.
Em Fest der ländlichen Arbeit. Arbeit, pflichttreue Arbeit, vereint mit Biedersinn, Geradheit, Rechtschaffenheit rmd Intelligenz, ist stets das Merkwort geblieben, das die einzelnen Phasen in der Geschichte Oberhessens bezeichnet. Denn die Natur hat wahrlich nicht überall mit verschwenderischer Hand ihre Gaben über die Gesilde Oberhessens gestreut. Kein silberglänzender Strom durchzieht in breitem Gürtel unser Land, wie unsere bevorzugteren Schwesterprovinzen Starkenburg und Rheinhessen, kein stattlicher Hafen, wie im goldenen Mainz, birgt Schiffe, die vom Vater Rhein hinzugetragen werden und selber aus weiten Fernen das herbeifahren, was in freniden Gauen geschaffen ward. Und die rauhen Berge im Herzen Oberhessens erzählen keine anmutigen Märchen, wie die des gesegneteren Odenwaldes, sondern berichten von ihrer Kargheit und der Wachsamkeit ihrer Bestellung. Aber der Fleiß wohnt hier und der Verstand, der jedem Fortschritt mit Aufmerksamkeit folgt und, sobald es die Mittel erlauben, tätig in den eigenen Dienst stellt. Das Werk, das sich draußen auf dem Ausstellungsplatze dem Auge bietet, ist des ein Zeuge. Wir dürfen hoffen, daß bei gleichcui energischem Fortschritt das Wort Buckles: „Sonst waren die reichsten Länder, wo die Natur am günstigsten war; jetzt sind es die, wo der Mensch ani tätigsten ist", seine Bestätigung auch bei uns finden wird. „The energy of man“, dieses Wort schwebt, wenn auch unsichtbar, über den Toren unserer landwirtschaftlichen Ausstellung.
Man hat schon oft gestritten über den Wert von Ausstellungen. Sie nähren ivohl hier und da einen falschen Ehrgeiz nach Prämien und bisweilen ist hinter einem ernsthaften Mäntelchen der Pläsiermarkt das eigentliche Ziel. Sie erfordern zweifellos einen erheblichen Aufwand an Zeil, Mühe und Kosten — waren doch z. B. für diese'Ausstellung ivodjc’.u
lang, ja monatelang vier vielgliederige Ausschüsse mit den umfaßenden Vorbereitungen beschäftigt und hat doch allein die Errichtung der Gebäude auf dem Ausstellungsplatze etwa 25 000 Alk. gekostet. Auch die rein wirtschaftlichen Opfer sind nicht gering, die Tiere werden durch den Transport, die ver» änderte Ernährungsweise rc. angegriffen, und die Maschinen leiden auf der Bahn und im Freien. Aber die Verluste werden reichlich wieder eingebracht, wenn es gelingt, den ernsthaften Besuchern zu beweisen, daß hier in unserer Heimatprovinz unsere Landwirte Vorzügliches leisten, daß namentlich unsere hessische Viehzucht voügiltigen Anspruch auf allgemeine Achtung und Beachtung hat, daß die oberhessischen Bauern als Vieh- und Pferde-, als Schweine- und Geflügel-, als Bienen- und Obstzüchter das Recht haben, in dem Kampfe auf dein Markte des Lebens nach den ersten Preisen zu streben. Unsere Ausstellung ist keine heffische Landesausstellung, sie umfaßt auch nur nominell das ganze geographische Oberhessen. Umsomehr steigert sich der Eindruck der Leistungsfähigkeit jenes landwirtschaftlichen Gebietes, das hier vertreten ist. Es tritt hier z. B. auch die Individualität des Vogelsberger Rindvieh- Schlages in ganz außerordentlicher Weise hervor. Wir sind überzeugt, diese Ausstellung wird dazu beitragen, daß manches Vorurteil schwindet, manche günstige Meinung sich fester begründet.
Gewiß, auch dem Vergnügen ist eine Stätte bereitet, aber es soll und darf nicht im Vordergründe stehen; das Beiwerk mich hier nie und nimmer Hauptwerk, wie auch im täglichen Leben die Arbeit nicht verschlungen werden darf durch die Zerstreuung. Vor allem hegen wir das Vertrauen, daß das Werk, das heute in ganzer Vollendung dem Auge sich bietet, das heute in feierlicher Weise enthüllt wurde, materiell und ideell reichen Gewinn erzielen wird. Der Eifer soll angespornt werden, das Selbstbewußtsein des Züchters soll sich heben, aus dem Vergleich und dem Beispiel soll man seine Lehren ziehen, daß nach dem Besten und Wertvollsten das streben gehe, die Kenntnis und Klarheit über die heutigen Zucht- und Fütterungsmethoden soll sich verstärken, der Austausch auf allen Gebieten der landwirtschaftlichen Produktion wird sich heben. Auch dem Laien erschließt sich ein lehrreicher Einblick in die reichen Zweige des landwirtschaftlichen Schaffens, und gar manches, woran er bisher in Dorf und Feld gedankenlos vorübergegangen ist, gewinnt nun an Wert und Bedeutung für ihn.
Vielfaches Hoffen knüpft sich an das Werk, das heute zum ersten Riale dem Auge und der Kritik sich bietet. Manche Enttäuschung wird nicht ausbleiben und vielleicht auch manches harte Urteil die Leiter verwundern. Aber das soll niemanden stören, wenn anders die guten Zwecke, die man im Auge hat, sich erfüllen, wenn nicht das aussichtsreiche Unternehmen durch einen bösen Wettergott noch zu Wasser wird. Es soll ein Fest der Arbeit fein, das draußen gefeiert wird, ein Fest, das von der schwieligen Faust des Bauern erzählt, die da schafft um kärglichen Profit, ein Fest, das die Erkenntnis fordern soll, daß zu der rauhen Arbeit auf dem Felde und im Stalle f(d) der weite Blick des Geschäftsmannes, rüstige Tatkraft und '..eiche Jdekn, fachmännisches Verstehen und selbst forschende
schicken seines Volkes nimmt, wie er alten Fragen, die die Volkswohlfahrt betreffen, Fürsorge widmet. Daß an ihrer Lösung seine Räte nach besten Kräften Mitarbeiten, daß sie ihnen eiftigstes Studium widmen, ist sein lebhafter Wunsch, gelten diese Bemühungen nun der Förderung des Allgemeinwohls, der Hebung der Industrie odep des Verkehrs, oder dem Wohle der Landwirtschaft. Einseitige Interessen eines Standes auf Kosten eines andern zu fördern, hat un* serm Landesherrn stets durchaus fern gelegen. Auch er hat längst erkannt, daß, wie sich der bayrische Thronfolger einst ausdrückte, nur scheinbar ein Widerstreit zwischen den Interessen der Industrie und Landwirtschaft besteht und daß, wenn ein solcher tatsächlich vorhanden wäre, er jedem Stande schaden würde. Industrie, Groß- und Kleinbesitz sollen nicht gegeneinander streiten; das würde zum Nachteil aller ausfallen. Darum trachten Fürst und Regierung das friedliche, einander fördersame Zusammenhalten aller Stände und das stetige Ansteigen des allgemeinen Wohlstandes zu erreichen unb zu erhalten. Wir sind von unserem Landesherrn gewiß, daß er ohne jegliches Vorurteil alle Kreise des Volkes mit gleicher Fürsorge umfaßt, daß er stets mit seinem Volke für sein Volk zu schaffen und zu wirken sucht.
Ihm, Sr. Kgl. Hoheit dem Gvoßherzog, dem erhabenen und vielgeliebten Monarchen unseres Landes, gilt unser bester und vornehmster Gruß und Dank für seinen hohen Besuch. Möge es ihm auch wieder ein paar Stunden wohl gefallen in seiner getreuen Residenzstadt Gießen, deren Bewohnerschaft chm entgegenjubelt mit dem Ruse: Hoch lebe Seine Königliche Hoheit Gro ßherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein!
Wiffenschaft gesellen muß, um em Vollkommenes als Landwirt zu schaffen. Wenn die Räder der Maschinen sausen und in hastender Sprache ba§* eine Wort ,Arbeit, Arbeit" stets wiederholen, wenn die blanken und sauberen Tiere strotzen von musterhafter Kraft und Gesundheit und Schönheit, wenn die Produkte des Feldes und Gartens zur Bewunderung locken, dann kommt auch der Laie zu der Ueberzeugung, daß der Landmann nicht nur mit der Hand, sondern auch mit dem Geiste fleißig geschafft hat, daß sich zu dem mechanischen Tun aufreibende Denkarbeit gesellte. Ehe aber Wohlstand seinen Einzug hält, muß sich auf dem Lande mutiger Unternehmungsgeist den Weg erschließen. Und wiederum wird dann em Werk nur gedeihen, wenn em gütiger Herrscher das Gute und Nützliche fördert, wenn er den Fleiß unterstützt und die Arbeit ehrt. Als Großherzog Ernst Ludwig heute das erste Wort des Grußes sprach, tat er es nicht in Betätigung eines formalen Rechtes, sondern mit dem Rechte dessen, der selbst em Arbeiter ist, und zwar der erste und edelste des Landes. Und zweifellos teilt er mit Gießens Bürgern den Wunsch: Möge die Ausstellung weiten Kreisen unseres Landes zum Vorteil gereichen, möge sich rechte Zuftiedenheit an ihre Spuren heften, möge sie ein leuchtendes Zeichen für bewiesene Tatkraft, aber zugleich unseren Bauern einen Ansporn zu neuen Leistungen bieten!
Politische Tagesschau.
„Ohne neue Steuern!"
Man schreibt uns aus Berlin, 9. September:
Ter neue Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel wird nicht klug werden aus den Orakelsprüchen des Zentrums. Tas bayrische Zentrum bedenkt zwar den Landsmann sehr freigebig mit Lob- und Vertrauensworten, aber immer unter der Voraussetzung, daß Frhr. v. Stengel neuen Forderungen „Halt gebiete". Er soll, wie der bayrische Kammerpräsident Abg. Dr. O r t e r e r sich ausdrückte, den ins Rollen gekommenen Wagen aufhalten. Sehr schön gedacht. Nur heißt ein solches Verlangen den Einfluß eines Reichsschatzserretärs gewaltig überschätzen. Wa§ vollends die „Reich s sin a n zr e f o r m" betrifft, so enthält die vom Zentrum gestellte Bedingung „£l)ne neue Steuern!" die Zumutung des Unmögllchen. Wenn das Reich nicht mehr „mit gieriger Hand" nach den Einnahmen der Bundesstaaten greifen soll, dann bleibt doch eben nichts übrig, als dem Reich einen Ersatz in neuen eigenen Einnahmen zu verschaffen, ob sie nun indirekter oder direkter Art sind. Frhr. v. Stengel würde gewiß sehr dankbar sein, wenn ihm das Zentrum das Wunder-Rezept verraten würde: ohne Wasser zu kochen.
Die „Nordd. AÜg.Ztg." über die deutsch.frauzösischen Beziehungen.
Man schreib: uns aus Berlin, 9. September:
Tie „Nordd- Allg. Ztg." bringt neuerdings ziemlich häufig inrze Bemerrnngen zur äagesgeschichre, die bei dem bekannten Charakter des Blattes nicht des Interesses entbehren. Allerdings sind diese Randglossen, insbesondere soweit sie in das Gebiet der auswärtigen Politik fallen,


