Ausgabe 
9.11.1903 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Mr. 263

Arschetnt täglich auker Sonmagtz.

Dem Gießener Anzeiger werden hn Wechsel mit dem keMschen Landwirt die Gießener Kamillen' blattet oiermal in bei Woche teiflclegt.

btotationöbiud u. Ber- lafl bei Brüh lachen Ilntveri.-Buch» u. Stein» bruderti <Pietich (fcrben) Redaktwn, ExpebMon und Druckerei:

Gchalstratze 1.

Slbrefie iür Depeichen: «nzeiger Gtesren.

Rrrnlprrd)an1rf]luf?V<t 51.

T

W

Mi

A

Erstes Blatt.

153. Jahrgang

General-Anzeiger

Montag 9. November 1803

VezagSpretS» monatlich 75 Pt^ otertel* lährltch Mk. 2.20; durch Adhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch diePostM. 2.viertel« täljrL ausschi. Beitellg. Annahme von Anzeigen für die Lageßnumrnec bi» uormltiagfl 10 Uhr.

ZerlenpretSi total 12 Pf» auSrvdtH 80 Pig.

QiiAniwvrlltl *üt den »mitt and allgem.

Amts- Md Anzeiaeblalt für den Kreis Gießen MW«

,eiqenteil: Hand Beck.

Iie Heutige Yummer umfaßt 10 Seiten, zBsLl 2L2J11 ''»1 ........üj

politische Wochenschau.

Unzweifelhaft ist in Wiesbaden und Wolfsgar- ten zwischen den Kaisern von Deutschland und Rußland, besonders aber zwischen den Staatsmännern beider Länder das ganze Gebiet der internationalen Lage erörtert worden zu dem Zwecke, das Vertrauen in die bei­derseitigen Absichten zu stärken. Etwas Genaueres aber ist über den Jnyalt der Unterre-dungen nicht bekannt ge­worden. Es hanvÄte sich auch, nicht um Neuabmachungen, die dre russische Presse so gern bezüglich der Mandschurei und Koreas aus der deutschen Diplomatie herausgelockt hätte. Eher trifft die Vermutung zu, daß Rußland das allgemeine Bedürfnis fühlte, sich die Freundschaft Deutsch­lands, um in Ostasien völlig freie Hand zu haben, um so sicherer zu erhalten, als der französische Bundesgenosse seit seiner Annäherung an England für die russischen Ansprüche einige Nuancen spröder geworden ist, Viel­leicht gibt die Erörterung auswärtiger Angelegenheiten tm Reichstage, der nach neuester Bekanntmachung < am 24. November eröffnet werden soll, Gelegenheit, aus den In­halt der Wiesbadener Unterredungen zurückzukommen. An Stoff zur Erörterung der Haltung Deutschlands in inter­nationalen Fragen wird es auch dem künftigen Reichs­tage nicht fehlen vermutlich aber in derselben Weise an Interesse, wie in früheren Tagungen unser Parlament ost so rasch an Fragen von nationaler Bedeutung für unsere fernere Zukunft vorbeigegangen ist es , sei nur an den Sansibarvertrag und jüngst noch an die Passi­vität des Parlanrents gegenüber den Deutschenversolg- ungen in Ungarn erinnert.

Dort in Ungarn hat sich! die Lage lveiter geklärt leider aber aus Kosten der Reichte in he it und der Geltung der deutschen Sprache. Graf Tisza ist zunächst glücklicher gewesen als sein Vorgänger Graf Khuen, er hat saft die ganze liberale Partei aus seine Seite ge­bracht. Borläusig hat er das Abgeordnetenhaus um ein vom Mai bis Ende Dezember reichendes Budgetprovisorium nachgesucht. Kossuth steht dem Programm des neuen Mi- uisterpräsidenten allerdings kritisch gegenüber und hält speziell die Frage der Hoheitsrechite für ungeklärt. Aber Graf Tisza hat ja eine unbedingtenational-magyarische" Politik Verkünder und die fremden Nationalitäten, die in Ungarn gegenüber den Magyaren die Mehrheit bilden, wissen längst,, was die magyarischen Machthaber hier­unter verstehen. Vielleicht sieht auch, Graf Büolw heute nach den letzten Vorgängen in Ungarn ein, welch schlechten Dienst er dem Kaiser Franz Josef getan hat, als er sich im Reichstag auf selten des verblendeten magyarischen Chauvinismus stellte.

Glücklicher als hier ist die Hand des Grafen Bülow unzweifelhaft in der Behandlung der Orient- und der Mand schüreifr age gewesen. Die allgemeine Unter­stützung der Friedenspolitik in der Türkei und die Neu­tralität in der Mandschureisrage entsprechen durchaus den Interessen des deutsch>en Volkes. Rußland zieht mit über­raschender Folgerichtigkeit alle Vorteile aus der deutschen Neutralität in Ostasien. Es hat die Hinrichtung eines den Chinesen ausgelieferten früheren russischen Beamten zum

IM!! II«!! 3MB

Vorwand genommen, sich in Mukden mUitärisch feftzu- beißen und wird diesen wickEigen Platz der Mandschurei vermutlich trotz aller chinesischen und engliscl-en Proteste nicht wieder räumen. Rußland eilt von Erfolg zu Erfolg. China gegenüber hat es eine kluge Politik eingeschlagen; es hat ihm immer wieder seine Macht vor Augen geführt, mit der es im Ernstfälle mit Hilfe der sibirischen Bahn Peking bedrohen könnte. Trotzdem aber scheint jetzt in China die Zeit der großen Furchtsamkeit wieder vorüber zu sein. Ein, allerdings englisches, also russenseindliches Telegramm meldete uns am letzten Samstag, daß der große Rat in Peking sämtliche Vlzckoitige und Gouverneure telegraphisch aus,gefordert habe, Geld auszubringen und Truppen anzuwerben, da der A b b r u ch der diploma­tischen Beziehungen mit Rußland bevorstehe. Sehr bedenklich braucht man diese Meldung nicht zu nehmen, sondern wohl nur als eine böse Spitze Englands gegen Rußland aufzufassen, da es gege'n Rußland nicht kraftvoll aufzutreten wagt wegen des Risikos in Indien. Es muß sich vielmehr daraus beschränken, mit schelem Neid aber tatenlos den glänzenden Erfolgen der russi­schen Kolonisationspolitik in Ogasien zuzuschauen.

Etwas harmonischer ist die Zusmmnenarbeit der beiden größten eurvpäisck-e:: Mächte in der Türkei gewesen. Rußland und Oesterreich haben hier sogar englische Vor­schläge über die Umgestaltung der macedonischen Gendar­merie im ganzen Umsauge angenommen und England hat auch die Unterstützung der neuesten russisch-östretchischen Rejormvorschläge zugesagt. Es stehen noch die Antworten Italiens und Deutschlands aus. 9tach der Antwortnote der Pforte stünde zu erwarten, daß Rußland und Oester­reich-Ungarn jetzt mit schwerem Geschütz ans fahr en, allein matt steigt der-> Auffassung zu, daß He Ententemächte unter Umständen, wenn die äußere Form aufrecht erhalten bleibt, Verhandlungen mit der Pforte wegen redaktioneller Abänderungen nicht ablehnen und daß Zwangsmaßregeln vorläufig nicht ergriffen werden.

Kaum legten sich auf dein Balkon die Wogen der Empörung, als am anderen Ende der Welt Eigennutz und wohlgesponnene Jntrigue zu einer neuen Revolution führten. Den Bewohnern des Isthmus von Panama hat das Possenspiel der ckolumbischen Regierung in Bogota mit den Nordamerikanern über den Kanalvertrag zu lange gedauert. Sie schlHßen lieber selber oen Vertrag ab, denn sie haben auun Verwendung für die Summe, die er einbringt. Cs winkt der jungen Repubtiea del Jstmo, die Panama und Colon in ihre Gewalt gebracht hat, außer­dem auch noch der reiche Verdienst, der in die neue Duo­dezrepublik strömen wird, wenn nur erst der Riesenbau des Kartals wieder begonnen Igitt wird. Amerika erkennt natürlich die neue Republik an, die bereits den Kanal­vertrag vorbehaltlos genehmigt hat, und das Sternen­banner wird an beiden Enden des künftigen Kanals flattern. Im Schatten dieses Banners aber kann nur eine Republik gedeihen, die nach der nordamerikanischen Pseife tanzt. Ja, im Kongreß zu Washington ist bereits die Rede von der Annektion Panamas. Nach der Erwerbung Hawais und der Phrlippinen nun Panama und sein Kanal! Das Angelsachsentum erobert sich mit dieser wichtigsten Welthandelsstraße der Zukunft einen Posten, der noch wichtiger zu werden verspricht, als der Suezkanal.Im Interesse der Zivilisation", habe Vräsi-

I.................................... II....................

denk Rossevelt, so erklärt soeben sein Staatssekretär Hay> der Welt bekannt.gegeben, daß die Vereinigten Staaten dm inneren Zwistigkeiten über Panama Einhalt tun würden. Niemals habe das Staatsoberhaupt eine klarer zutage liegende Pflicht zu erfüllen gehabt, als die Roosevelt ob­liegende, den freien Durchgangsverkehr über den Isthmus zu schützen im Interesse Panamas, Columbiens, der Ver­einigten Staaten und des Welthandels." Der Edle! Eine Reutermeldung besagt, England ersuchte die Vereinigten Staaten, die Interessen der britischien llntertanen aus deut Isthmus zu ' schützen; man erwarte in Washington, daß andere Länder ähnliche Ersuchen an die Vereinigten Staa­ten richten. Halbamtlich wird gemeldet, die Vereinigten Staaten wünschten die fremden Mächte davon abzuhalten/ daß sie größere Flottenvertretungen in die Gewässer des Isthmus entsenden. Dett Herren in Washington kleidet dieser hochfahrende Ton nicht übel. Sie wissen eben ganz genau, daß sie dort drüben schalten und walten können nach! aller eigenstem Belieben und daß niemand ihnen dort den Rang streitig zu machen sich erkühnen wird.

Für Deutschland wird es angesichts der Vorgänge im äußersten Osten und Westen besonderer Anstrengungen bedürsen, sich den Platz an der Sonne zu sichern, für den es nach seinen Anlagen und Leistungen vielleicht doch auch einigen Anspruch hat! Welche königliche Stellung im Reiche des Geistes die deutsche Nation vor allen andern einnimmt, das hat die vergangene Woche durch die er­drückende Fülle großartiger Beileidskundgebungen erfahrm, die beim Tode Theodor Mommsens aus der ganzen Welt zusamm-enströmten. Keine Kulturnation hat es ver- säuntt, durch Korporationen eine Palme der Dankbarkeit an dem Sarge dieses großen deutschen Forschers nieder- zulegen. Er vereinte die Nüchternheit und Geistesschärfe des Gelehrten mit dem Feuergeist des Jünglings und dem Phantasiereichtum des Dichters ein sächsisches Blättchen wußte sogar in seinem drei Zeilen großen Mommsen-Nachs- rufe nur zu sagen, der verstorbene Berliner Professor seials Dichter bekannt". Drei Wissenschaften: die Philo­logie, die Geschichtsschreibung und die Jurisprudenz, schauten zu ihm als zu einem ihrer Größten aus. Wenn er in die Gegenwart herabstieg, führte er seine Klinge nicht immer so glücklich wie in den Geisteskämpfen über die Vergangenheit er widersprach sich sogar, wenn er einmal nach alldeutscher Weise die Tschechen wie Men­schen zweiter Klasse rücksichtslos in ihre Schranken zu- rückwies und dann wieder in seiner letzten Epistel an Eng­land von diesen selben Leuten, denen er damals aus der Seele sprach- als vonnationalen Narren" reden zu müssen glaubte. Er hat vielleicht als Politiker hier und da Kiesel­steine als Gold dargereicht stets aber berührte es an seinen Kundgebungen sympathisch, daß dabinter der scharfe, gegen sich nicht minder wie gegen andere rücksichtslose und ausrichtige Kritiker bemerkbar wurde, der für die Wahr­heit mit Jugendmut und Enthusiasmus erfüllt war.

Hinter Mommsens Tod ist im innerpolitischen Leben Deutschlands die Nachricht zurückgetreten, daß an dem Mittellandkanal nun endgtltig nur noch in seinem Bruchstück vom Rhein bis zur Weser festgehalten werden soll. Sicher werden im nächsten preußischen Landtage die Meinungen hierüber mit der alten Heftigkeit aufeinander­platzen.

Gießener StadUyemer.

Die Bluthochzert.

Trauerspiel in 4 Akten von Albert Lindner.

Am Sonntag gabs in unserem Theater eine Auf­erstehung. Man weckte ein im Almanach> des deutschen Bühnenrepertoires seit Jahren als verstorben Notiertes zu neuem, ^eben und schmückte es mit den intensiven Färben einer blut- und temperamentvollen Wirklichkeit. Lindners Bluthochzeit" wurde gegeben. Das »Stück erinnert fim Milieu und in der Charakteristik der 5ALUptpersonen an Dumas' Marguerite de Valois" und hat im Sujet mit Meyerbeers Hugenotten "vieles gemein. Es ist eine Frucht aus den: Zeitalter der Epigonen. An den Abhängen des von den Meisterwerken der Klassik beherrschter: Parnaß heran­gereift, ist ihm doch nur ein kleines von jener .inneren Frische beschieden gewesen, die die Zeiten zu überdauerrr und der Gegenwart auch die ferner gelegene Vergangenheit näher zu nicken vermag. Es ist die mit Begeisterung und ungewöhnlicher Krastentfaltung ausgenommene Arbeit eines Poeten, der den hohen Zielen unserer Klassiker zustrebt, fevn vom Gipfel auf dem Wege aber stecken bleibt. Die Kraft erlahmt, die vorwärts stürmende Dramatik zersplittert und nicht sehr viel mehr als die mit allem Theaterspuk behandelte Aeußerlichkeit der Szene, als nackt Theatralisches bleibt übrig. Dieses allerdings entbehrt bekanntlich! nie einer großen Eindruckskrast. Sv war z. B. der 3. Akt auch in unserer Darstellung von starker Wirkung, die ftei- lich auf ^großen Bühnen noch wesentlich erhöht wird, wenn die Vorgänge auf der Bühne nicht allein vom BalLin des Louvre aus angedeutet werden, sondern leibhafte Gestaltung oewinnen. Aber diese Wirkung ist doch! weniger ein Verdienst dichterischer Gestaltungskraft, als die geschickt ausgenützte Rückwirkung großer historischer Vorgänge. Es liegt viel Wahres in den Schillerschen Worte::, wenn er meint, daß der Dichter der Tragödie es viel leichter habe als der Kv- mödie::dichter, da der erstere von der: großen Stossen, die die Weltgeschichte liefert, getragen wird. Wie viele hervor­ragenden Tragödien besitzt die oeutsche Literatur, und wie wmnge hervorragende Komödien! Sie lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen.

Zwet Szenen hatDie Muthochzei^, getragen von menschlich warmem und echt künstlerischem Empfinden: die Szene zwischen Heinrich von Navarra und Margarete von Valois im 3. Akte, und die vorletzte (5^ene des Dramas, die zwischen den Geschwistern Karl und Margnrete, die süße Rückerinnerrmg an die sorgenlose Kindheit unter dem schwer laste::den Drucke der Krone, während brennende Kerzen mit ihrem Gifthauch das 5)aus Valois dem Erlöschen nahe bringen.

Die Charakteristik hat ihre Vorzüge, ist aber bei den nur episodisch auftretenden Gestalten oberflächlich Die Heldin des Stückes ist die Giftmischerin Katharina von Medici (ein Name^ der entweder italienisch oder allen­falls französisch niemals aber deutsch auszusprechen ist!), die sich gle:ch damit einführt, daß sie mit Hilfe ihres Magus die Vtutter des Königs von dcavarva durch vergiftete tzandschuho aus dem Leben geräumt hat. Später treibt sie ihr Vtetier ins Große, denn sie braucht 40 000 Hugenotten, um den Thron Karls IX. zu schützen; sie läßt den Admiral Coligny ermorden und will auch! den König von Navarra beseitigen. Durch ein Zusammentreffen theatralisch erson­nener Umstünde' scheitert dieser Plan, und statt des Königs von Navarra vergiftet Katharina ihre eigenen Kinder. Mcm sieht: eine beispiellose Zusammenstellung von Greuel und Sck-recken, dNassenmord, Ehebruch, geheimem Totschlag, Gift und Zauberllmst, Lüge und Verrat alle dürchtfeiten der Menschennatur werden in ausgedehntestem Maße in Szene gesetzt.

Die Verbrecherin auf dem Königsthrone wurde von Frau Keller mann dargestellt, mit dem vollen Bewußtsein der Schwierigkeit ihrer großen Ausgabe und großem Fleiß. Mit anerkennenswerter 5lraft suchte sie die starren Linien, in denen diese Gestalt angelegt ist, sestzuhalten. Wo aber findet man wohl eine Darstellerin, die diesem geschichtlichen Dämon so viel aus Eigenem zu geben vermag, daß wir vor ihren Teufeleien im Innersten erschreckt werden! Unsere Tl)eater- bamen haben Gott sei Dank Geschmack und Herz genug, um derartigen Ausgaben gegenüber zu versagen. Frau Keller­mann gab die Königin-Mutter von Frankreich mit Anstand und Würde, und auch der rechte dramatische^ Ausdruck, wie ihn sich Lindner erwünscht haben mag, kam in gewisser Weise .zur Geltung. Ihren Sohn, den König Karl IX. von Frank­

reich, kennt die Wellgeschichte als einen ursprünglich rücksichts­losen Cyniker von leichtblütiger Waghalsigkeit, der aber durch den Einfluß seiner Mutwr in sein eigenes Gegenteil, in einen heimtückischen kaltblütigen Feigling verwandelt wird. Ein solcher Kindskopf, wie ihn Lindner gezeichnet hat, war Karl keineswegs. Es scheint, als ob L. leise Schatten beginnender Hirnerkrankung über diese Figur gesenkt hatte, er, der selber m geistiger Umnachtung so unglücklich zu Grunde gehen sollte. Lindners Karl IX. ist nichts als eine Marionette in den Händen seiner Mutter. Darum kann es auch nicht die Auf­gabe des Darstellers sein, ihn etwa zu einem Le:denshelben zu adeln. Herr Teleky unternahm einen solchen unmöglichen Versuch auch gar nicht, bemühte sich dafür aber, und zwar mit allerbestem Erfolge, in das Seelenleben dieses Lindnerschen Schwächlings einzubringen, sein Tun und Lassen psychologisch zu glicbern und den Charakter uns mit all seinen Fehlern menschlich nahe zu rücken. Er gab ihn nicht eigentlich pathologisch, aber mit außerordentlich scharfem Spürsinn für die so mannigfachen Kompliziertheiten der Rolle, sodaß ihm der Hauptbeifall des Abends gebührte. Karl IX. zählte übrigens 25 Jahre, als er starb; die un­heimlich verwitterte Maske war also doch wohl eine Ueber- tmbung. Herr Sandorff stand mit seinem Hemrich fast ganz auf der Höhe seiner Ausgabe. Die innere Kraft und Ueberzeugungstreue und die liebenswürdige Mischung von Ehrlichkeit und politischer Verschlagenheit stellte er in wirk­samsten Gegensatz zu der Königspuppe Karl, und den Kön:g von Navarra repräsentierte er mit RitterUchkeit und schöner kraftvoller Männlichkeit. Der Dichter hat dem Dar­steller dieser prächtigen Figur sprachlich besonders schöne Auf­gaben zu teil werden lassen, die Herr S. mit Schwung und Wärme löste, wovon man bisweilen freilich noch ein klein wenig mehr gern mit in den Kauf genommen hätte. Frl. Hohl bot als Margarete von Valois ziemlich kühle Dekla­mation in den beiden mittleren Akten. Ihre große Szene im dritten Akte erfordert mitreißendes, glühendes Temperament. Das Eingeständnis ihrer Schuld soll die Zuschauer er­schüttern. Allerdings, dem Charakter der Prinzessin einheit­liche Färbung zu geben, mußte sie auf Schwierigkeiten stoßen,