Ausgabe 
8.10.1903 Erstes Blatt
 
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)( Nllendorf a. d. Lda., 6. Okt. Auf der Lüllschen Kegelbahn hier wurde am Sonntag ein stark besuchtes Preis­kegeln abgehalten, wobei 58 Teilnehmer konkurrierten. Am Abend sand mancher der Nichtpreisgekrönten seine Rechnung ttemi Freibier.

y. Lehrerheim Vogelsberg. Am 3. d. Mts. fand eine außerordentliche Generalversammlung des Vereins Lehrerheim Vogelsberg" statt. Buchdruckereibesitzer Engel, Schotten, referierte als zweiter Vorsitzender kurz über die Tätigkeit des Vorstandes und namentlich des geschäfts- führendcn Ausschusses seit der letzten Versammlung. Ehe zur Erledigung der Tagesordnung geschritten wurde, ergriff der trotz Sturm und Regen erschienene Obmann des hessischen Landeslehrervereins, Oberlehrer Backes von Darmstadt, das Wort, um der ersprießlichen Tättgkeit des ersten Vorsitzenden, des Lehrers Link von Rudingshain, wanne Worte der An­erkennung zu zolleu. Die nächste Generalversammlung soll in Verbindung mit der nächstjährigen Delegiertenversammlung des hessischen Landeslehrer-Vereins in Bad-Nauheim statt- finden, während in Zukunst wieder alle derartigen Versannn- lungen im Herbst auf dem Lchrerhcim selbst äbgehalten werden sollen.

Frankfurt a. M., 6. Okt. Opernsänger Paul Greef wirkt sett 1889 am hiesigen Opernhaus und begeht am 15. Oktober sein 2 5jähriges Bühnenjubiläum. An seinem Iubettage wird er m einer seiner Glanzrollen, als Marcel in denHugenotten", auftreten.

Zer 7. deutsche Aortbildungsschultag.

Vorstand und Ausschuß des deutschen Vereins für das Fortbttdungsschulwesen beschlossen z>u Hamburg einstimmig, den Antrag, beim Reichskanzler dahin z>u petitionieren, daß durch Ortsstatut für in gewerblichen Betrieben und über­haupt gegen Gehalt oder Lohn beschäftigte Mädchen, die aus der Schule entlassen sind, Fortbildungsschulen mit Pflicht­besuch errichtet werden dürfen, auf die Tagesordnung des nächsten Fortbildungsschultages zu setzen. Im Jahre 1904 werden in Frankfurt a. M. nach den Sommerferien Kurse für Fortbilduuasschullchrcr abgehalten werden.

Ter 7. deutsche Fortbildungsschultag wurde unter über­aus zahlreicher Beteiligung eröffnet. Einen Vortrag über die aus den Forderungen der Gegerrwart sich ergebenden Aufgaben der Fortbildungsschule hielt Direktor Pache- Leipzig. Er führte aus, daß es notwendig ist, im Interesse der Sittlichkeit auftlärend und bewahrend zu wirten, den Wollen der jungen Leute zu krästtgen und auch neben der Schule durch besondere Veranstaltungen (Spielplatz, Lese­zimmer, Unterhattungsabende) erzieherisch zu wirken. Der Redner vertrat mit Entschiedenheit den Standpunkt, daß, je steier der Staat ist, um so strenger die Erziehung sein muß. Endlich veralngte er, daß im Interesse des Erwerbes und der Familie eine tiefere Berufsbildung vermittelt werde. Teshalb sei der Fortbildungsschule der Pflichtbesuch und der Berufsunterricht zu geben. Diesem Schulzwang hätten die Angehörigen aller Erwerbszweige und die schulent­lassenen Mädchen zu unterliegen. Nach langer Debatte be­schloß die Versammlung: ,Lm Interesse von Staat, Gesell- schaft und Familie liegt es, die Einführung der obligatori­schen, beruflichen Fortbildungsschule so bald und so weit wie möglich zu verwirklichen."

In seiner Generalversammlung nahm der Verein für das Fortbildungsschulwesen die Berichte des 1. Vorsitzenden, Direktor Pache, und des Kassierers entgegen. In den Aus­schuß wurden gewählt u. a.: Direktor Neuschäfer-Frank­furt a. M., Schulrat Bornmann-Kassel, Ministerialrat Dr. Eisenhut-Tarmstadt, Frau Dr. Goldschmidt-Leipzig, Prof. Dr. Kamp-Bonn, Schulrat Dr. Lüngen-Frankfurt a. Ml In der zweiten Versammlung des 7. Fortbildungsschultages sprach Direktor Haese-Erfurt über den Lehrplan der gewerb­lichen Fortbildungsschule und die Konzeittr allons idee. Er vertrat folgende Gedanken:Der Lehrplan der Fortbild­ungsschule hat solche Bildungsstoffe aufzunehmen, die auf Grund des Bildungsprinzips den Bildungszweck haben: a) den Schüler theoretisch zu einem tüchtigen Gewerbe­treibenden auszubilden, b) seine allgemeine Bildung zu er- wettern, c) ihn zu einem sittlichen Charakter zu erziehen. Dem Bildungszwecke entspricht die Bildungsanstatt der Ge­werbekunde bei richtiger didakttscher Verwertung nach der materialen, formalen und ethischen Seite in so hervorragen­der Weise, daß die Gewerbekunde als ein Hauptlehrfach neben den allgemein anerkannten Unterrichtsgegenständen anzusehen ist. Der Bildungserfolg wird um so besser ge­währleistet, je mehr der Lehrplan die Bildungsstoffe nach den Grundsätzen einer vernünftigen Konzentration anord­net. Die Gewerbekunde ist mehr als andere Unterrichts­gegenständegeeignet, das führende Unterrichtsfach bei einer hegemonischen Konzentration zu sein." Nach langer De­batte wurde einstimmig beschlossen:Die Gewerbekunde ist mehr als andere Unterrichtsgegenstände geeignet, das führende Unterrichtsfach in der gewerblichen Fortbildungs­schule zu sein."

Kin Stügelprozeß.

L

Bayreuth, 7. Okt.

Vor dem hiesigen Schwurgericht hat sich der frühere Kandidat der Rechte und Priva rlehrer An­dreas Dippold aus Trosendorf bei Hollfeld in Bayern unter der Anklage der Körperverletzung mit töd­lichem Ausgange zu verantworten. Wie noch erinner­lich sein dürste, waren dem Angeklagten von dem Direktor der Deutschen Bank, Koch, in Berlin dessen beide im Alter von 15 und 13 Jahren stehenden Söhne He in- rich und Karl während einer Urlaubsreise des Direktors anvertraut worden, nachdem Dippold schon früher den Privatunterricht der reich begabten Kinder in Berlin und auf dem Landgute des Direktors in der Mark geleitet hatte. Schon damals soll Dippold ein nervöses, aufgeregtes Wesen an den Tag gelegt haben, welchem Umstande man jedoch seitens der Eltern fein Gewicht beimaß, da der Kandidat kurz vor dem Examen stand. Man glaubte viel­mehr, daß sich dieser Zustand in den Ferien, die Dippold bei seinen Eltern in dem oberfränkischen Orte Dxosendorf verleben wollte, bessern würde, und gab ihm deshalb un­bedenklich die beiden Kinder mit, damit ihr Unterricht keine Unterbrechung erleide. Sehr bald nach seinem Ein- trefsen in Trosendorf bemerkten jedoch die Eltern und Nachbarn des Kandidaten, daß dieser namentlich den älteren Knaben Heinrich Koch äußerst scharf herannahm und ihn wiederholt auf das jämmerlichste prügelte. Auf entsprechende Vorhaltungen gab Tippold stets an, Heinrich sei ein sehr fauler und unaufmerksamer Schüler und daber habe er (Dipp old' vom Tirektor Koch den stritten

Befehl erhalten, dem Knaben nichts durchgehen zu lassen,! sondern ihn eventuell auch körperlich zu züchtigen. Diese Züchtigungen sollen nun, wie die Anklage behauptet, am 10. März d. I. den Tod des bemitleidenswerten Opfers der Willkür des Prügelpädagogen herbeigeführt haben. Dippold war sechs Wochen der Kreis- irrenanstalt zur Beobachtung überwiesen. Die Untersuchung hat jedoch nichts ergeben, was zu der Annahme berechtigen könnte, daß der Angeklagte für seine Handlungen nicht verantwortlich zu machen ist, und er hat sich daher vor den Geschworenen wegen Vergehens gegen § 226 des Str.- G.-B. in einem Falle zu verantworten.

Der Angeklagte erzählt in sehr weitschweifiger Weise seine Lebensgeschichte und bemerkt: Heinz Koch nannte mich eines TagesKamel". Ja- stellte den Knaben deshalb zur Rede. Daraus antwortete der Knabe:Sie sind ein Kamel." Ich versetzte darauf dem Knaben eine Ohrfeige. Der Junge schrie und sagte:Ich werde es Mama sagen." Ties tat auch Heinz. Ich sagte darauf zu Frau Direktor Koch: Die Jungens sind so ungeberdig, daß ich es für un­umgänglich notwendig halte, ein spanisches Rohr anzu- schaffen, denn bloße Drohungen nützen nichts. Frau Direktor Koch gestattete mir die Anschaffung eines spanischen Rohrs. Der Angeklagte erzählt weiter, daß er die Knaben bei Begehunggeheimer Jugendsünden" betroffen habe. Er habe daher mit den Jungen alle möglichen körperlichen Hebungen vorgenommen, um sie von diesem Laster abzu­bringen. Der Angeklagte erzählt in ausführlicher Weise, daß er zunächst bemüht war, die Knaben durch Straf­predigten von dem erwähnten Laster abzubringen. Dies habe jedoch nichts geholfen. Er habe schließlich eingesehen, daß nur eine starke Züchtigung imstande sei, die Jungens von dem Laster abzubringen. Ich habe die Jungens einige Male des Nachts sehr heftig geschlagen. Die Sck-läge mußten sehr heftig jein, damit die Jungens sahen, daß es voller Ernst sei. Die Schläge waren aber nicht lebensgefährlich, im Gegenteil, die Jungens waren am folgenden Morgen wieausgewechselt". Sie waren munter, fröhlicher und lernten auch bedeutend fleißiger und mit größerem Erfolg. Die Jungens sagten mir sogar: Jetzt sehen sie ein, daß sie von dem Laster ablassen müßten. Ich bemerke auch, daß ich die Knaben oftmals barfuß laufen, sie auch kälte Sturz­bäder nehmen ließ, um sie körperlich abzuhärten, davon haben aber die Jungens keine erfrorenen Füße bekommen. Auf Veranlassung von Frau Koch sei er mit den Jungens zu den Weihnachtsfeiertagen 1902 nach Berlin gefahren. Die Knaben wiederholten ihregeheimen Sünden", er sei daher genötigt gewesen, wiederholt eine starke Züchtigung vorzunehmen. Am 8. März 1903 sei er, einer argen Unart wagen, genötigt gewesen, Heinz wiederum zu züchtigen.

Der Angeklagte fährt fort: Eines Llbends ließ sich Heinz umfallen. Ich hielt es für Simulation, da kein Grund zum Umfallen vorlag. Auch Jojo (Joachim) sagte, es sei kein Grund vorhanden .In der Nacht vom 8. und 9. März hatte Heinz sein Bett verunreinigt. Ich sagte, Heinz müsse zur Strafe auf der Matratze am Boden liegen. Heinz arbeitete nachmittags sehr nachlässig. Ich- sagte, er solle sich vor seinem Bruder schämen und ich müsse ihm ein paar Schläge mist dem Stöckchen aus die Hand geben. Nachts mußte Heinz auf dem Boden schlafen. Da es mir schien, als ob er sich ins Bett gelegt habe, band ich ihm die Hande. Am 10. März sagte Heinz, er habe noch nicht aus­geschlafen; er möchte Wetter schlafen. Ich fragte ihn, ob er Schmerzen habe. Er sagte mir, er habe bloß nicht ans- geschlafen. Nack- dem Frühstüa ging er an sein Pult, wo er umfiel. Ich mußte das als Simulation ansehen. Heinz wollte immer schlafen, und ich gab dies auch zu. Er sollle sich auf seine 'Matratze legen. Heinz verlangte später ein Schlafpulver, was er auch begierig trank. Er schlief dann ein. Als ich in das Zimmer zu Heinz ging, fand ich ihn, den Kopf zusammengesunken und die Mangen ein­gefallen. Er war t o t. Jry horchte am Herren und auf den Atem, konnte aber nichts mehr vernehmen. Ich konnte gar nicht glauben, daß Heinz tot sei, und schickte deshalb zum Arzt. Mir war dieses Ereignis völlig unglaublich ich sagte mir, da müsse ein innerer organischer Fehler des Knaben die Todesursache sein. Ich habe deshalb Dr. Seve­rin gebeten, die Sektion der Leiche vorzunehmen. Dr. Se­verin sagte: So eine Pantscherei habe ich in meinem Leben nicht vorgenommen, es ist besser, die Sache wird dem Land­gerichtsarzt angezeigt.

Präs.: Sie sagen, daß Sie die Knaben in Ballenstedt zwei und in Drosendorf zwei oder drei Mal geschlagen haben.

Angell.: Ja, den Kleinen drei Mal. Präs.: Sie haben die Knaben in Ballenstedt furchtbar geschlagen, und zwar mit diesen Stöcken hier. An der^Krücke des Rohr­stockes befindet sich n och Blut. (Sensation im Publikum.) Ängekl.: Mit der Stockkrücke habe ich niemals zugeschlagen. Mit dem Ziegenhainer habe ich den Kleinen nur einmal im Walde gezüchtigt, weil er ungezogen war. Präs.: Sie haben öfter Stöcke gekauft, roeiMbie anderen zerschlagen waren; Sie haben gesagt, das Stöckeiaufen käme Ihnen zu teuer, da sei es besser, sick- im Walde frische Stöcke zu schneiden. Am 29. Januar haben Sie den Heinz so fürchter­lich mißhandelt, daß er durchbranrtte. Angell.: Ja, das war die Züchtigung, weshalb Heinz floh. Präs.: Haben Sie die Kinder auf den bloßen Leib geschlagen? Angell.: Nein die Knaben hatten Hosen von englischem Stoff; diese Hosen habe ich zurückgeschlagen, denn sonst hätten die Schläge keine Wirkung gehabt. Präs.: In den Betten sanden sich ganz große Blutflecken. Angell.: Jojo hatte sich im Walde am Bein verkett, davon rühren die Blutspuren her. Auch haben die Knaben häufig ihre Fingernägel so ibgelaul, daß Blut geflossen ist. Bors.: Sie haben die Kinder auf den Tisch gelegt und mit Stricken festgebunden? Angell.: Ja, um die Knaben von ihtem Laster abzuhalten. Präs.: Sie haben sich so benommen, daß man zur Annahme kommt, daß Sie die I u n g e n g e r a d e z u z u d e m L a st e r suggeriert haben. Angell.: Diesen Gedanken spricht Herr Gerichtspräsident mir gegenüber als der Erste aus, so was wäre mir nie eingefallen.

Präs.: Haben Sie im letzten Augenblick des Todes des .Heinz Koch ihm nicht einen Knebel in den Mund gesteckt? Angell.: Nein; es lief ihm aus der Nase ein Sekret; ich tagte zu Jojo, er solle ein Taschentuch- holen, womit ich dem Heinz die Nase wischte. Da kann der Jojo gedacht haben, ich wendete einen Knebel an, das ist aber nicht wahr. Ich glaubte, Heinz liege in einer tiefen Ohnmacht, weil ich nicht glauben konnte, daß er tot sei. Präs.: Jojo soll zwcki Stunden mit dem toten Heinz eingesperrt ge­wesen (ein. Angell.: Jojo mußte ins Nebenzimmer und dort arbeiten. Den toten Schüler habe ich nut der Haus­hälterin in das zweite Zimmer getragen.

Staats anwalt: Ich möchte über die erste Züchtigung ausführliche Mitteilung. Angell.: Ich habe die Jungen ins Bett gebunden, mit den Händen oben, mit den Füßen nach unten an das Bett. Ich habe sie angebunden, damit

ich sie nicht auf eine gefährliche Stelle treffe. 12 bis 15 Schläge von verschiedener Schwere. Geblutet haben die Striemen erst durch Aufjucken. Staatsanw.: Ist diese Züchtigung in der flacht borgenommen worden und wann? Angell.: Zwischen 11 und 12 Uhr, weil die Jungen nicht ruhig waren. Staatsanw.: Hat Jojo bei der Züchtigung des Heinz zuschauen müssen? Angell.: Das ist richtig, Jungen waren im Schlafzimmer. Jo-o hat in der Nacht darauf Schläge bekommen, da er sich tagsüber nicht richtig benommen hatte. Staatsanw.: Ist es wahr, daß Heinz Koch früh um 4 Uhr aus einem Fenster des Schlosses sprang und barfuß zu dem Gärtner lief, um Hilfe zu suchen, der Dippold wolle ihn ermorden? Anaekl.: Das ist richtig. Aber das war eine abgekartete Geschichte, da Heinz möglichst bald now Berlin wollte. Präs.: Haben Sie mit einem (Sif en ft ab zugeschlagen? Angell.: Das muß eine Verwechslung mit meinem silbernen Krückstock sein. Präs.: Haben Sie die Buben mit Füßen ge­treten? Angell.: Nie, beim Dauerlauf ist es borge» kommen, daß ich mit dem Bein einen Schlag bersetzte. Wenn die Jungen sich prügelten und mir im Wege lagen,, schob ich sie mit dem Fuße beiseite. Staatsanw. Im Tage­buch des Angeklagten steht: Jojo habe sich mit dem Teufel berbunden in einer Gewitternacht. Ich schlage ihn bis zur Bewußtlosigkeit. Der Teufel ist dann ausgefahren. Angell.: Ich halte für möglich, daß ein Junge solches Zeug vom Teufel glaubt. Awch mein Vorgänger als Lehrer hielt'Jojo zeit­weilig für verrückt. Staatsanw.: $xit der Angeklagte die Jnnoen zwei bis drei Stunden nachts vor dem Bett stehen lassen? Angekl.: Niemals, höchstens einige Minuten.

Staatsanw.: Den Jungen soll die Schlagader zngedrückt worden sein, z. B. soll Jojo einmal eine halbe Stunde bewußtlos am Boden gelegenhaben? Angekl.: Wer bewußtlos ist, weiß nicht, wie lange er bewußtlos ist. Wenn ich meinen St o ck genommen habe, i st d i e Bewußtlosigkeit gleich gewichen! (Anhaltende Bewegung im Publikum.) Präs.: In einem Briefe haben Sie selbst zugegeben, daß die Weise, zu schlagen, barbarisch war. Angek'n: Wenn man die Jungen nicht kennt, ist das zu begreifen.

1. Zeuge: Lehrer Vorndran, bestätigt, daß sich der Ange­klagte mit seiner Tochter verlobte. Als Vorndran den schlech­ten Lebenswandel des Dippold in Würzburg erfuhr, löste er das Verlöbnis. Tippold schrieb schmeichlerisch-heuchlerische Briefe. Er schimpfte über die Judengesellschaft in Berlin und betonte, er sei nur froh, daß gleich neben der Universität sich die katholische Kirche befinde. 2. Zeugin: Maria Brod, Büttnermeisterswitwe in Würzburg, bei welcher der An­geklagte als Student wohnte, bekundet, daß er froh gewesen sei, aber sehr heftig. Er habe gesagt, wenn er heim­komme, fürchteten sich seine Geschwister vor ihm. 3. Zeuge: Rechtspraktikant Heppt von Würzburg, hat den Angeklagten im Jahre 1897 in Hallfeld kennen gelernt. Seinen Bruöer habe Tippold öfter geschlagen, sodaß jener oft weinte und ihm auch einmal die Nase blutete. Ter Angeklagte, dar­über zur Rede gestellt, habe gesagt, daß er seinen Bruder nur prügle, um seine Wut an ihm auszulassen und um ihm das Studium zu verleiden, damit für ihn (den An­geklagten) allein das elterliche Geld zum Studium bleibe. Er huldigte dem Grundsatz Nietzsches: Die robuste Kraft entscheidet, das ^Schwache auf der Welt muß untergehen!

4. Zeuge: Einil Feldbaum, cand. jur. von Würzburg, bedauert, daß der Angellagte sein Bundesbruder (in der Adelphia) war. Dippold lttt anGrößenwahn", durch ko­lossale Redewendungen suchte er feine Unkennntnis zu ver­decken ; Dippold war ein überspannter Aieusch, der sich über alles hinwegsetzte. Damals machte er Propaganda für den Bauernbund und redete über die Bodenzinse, er nannte diese eine Ungerechtigkeit, ohne die geschichtliche Entwickelung der Bodenzinse zu kennen. Er war großsprecherisch und schimpfte auf die besitzende Klasse. . Dabei bemerkte er immer: Ich hielt den Dippold stets für normal, für einen Scheinheiligen und 5^euchler. Ich dachte mir: entweder bringt er es recht wett, ober er endet recht tragisch

Angell.: Die mit mir gleichaltrigen Herren haben jeden­falls meine damaligen Ausführungen gar nicht verstanden. ((Pächter im Auditorium. Dippold lächelt selbstgefällig.)

6. Zeuge: Eduard Töpfer, Stnd. Phil., bekundet, daß Tippold mehr gefürchtet, als beliebt war. Um Weihnachten teilte Tippold dem Zeugen von den sexuellen Lastern seiner Zöglinge mit, besonders des Heinz, und sagte, er müsse den Prügel gebrauchen, um dem liebel abzuhelfen; er zeigte auch ben zur Exekution benutzten Stock vor. Er sagte auch dem Zeugen, daß er einmal Jojo so geschlagen habe, daß er liegen blieb. Der Zeuge bekundet weiter, daß Dippold mit großem Abscheu auf fein früheres Leben zurückblickte und sehr bedauerte, jn> leichtsinnig gewesen zu sein. Ich halte ihn für ganz normal, er hat aber etwas an sich, sich von der Alltagswelt abzuheben. Töpfer glaubt nicht, daß Dip­pold ein so schweres Verbrechen begangen haben könne. Er tröstete Mppold in einem Briefe in freundschaftlichster Weise und verglich ihn als einen Helden der Tragödie, der ohne sein Verschulden und ohne sein Wissen ins Unglück geraten fei.

Ter Angeklagte bemerkte hierzu, den Brief- schreiber könne man eher als geisteskrank er­klären, als i hn. Zeuge: Ich bin sprachlos ob einer solchen Beschuldigung. (Bewegung int Publikum.)

7. Zeuge: Johannes Benser, Rechtskändidat, ftüherer Hauslehrer bei Direktor Koch, charakterisiert Heinz Koch durchaus nicht als widerspenstig, sondern vielmehr als sehr furchtsam. Er hatte eine Freude an den beiden Jungens und bemerkte niemals sexuelle Ausschweifungen. Jchlljabe den Unterricht ernst genommen. Einmal hatte er in einer ftanzösischen Arbeit von 6 bis 7 Sätzen 35 Fehler, und da habe ich chn mit einem Stock geprügelt. Striemen hat er wohl gehabt, aber keine blutigen.

Wettere Zeugen stellen den Koch'schen K-indern beste Zeugnisse aus.

Damit wurde abends 7.10 Uhr die Sitzung auf morgen vertagt. ________________________________________

Vermischtes.

* Plauen i. V., 7. Okt. Der bisherige Direktor der Aktiengesellschaft Kalk- und Ziegelwerke Oelsnitz, Arthur Boehme, ist auf Veranlassung der hiesigen Staatsanwalt­schaft heute mittag verhaftet worden.

* Pri nzessin Luise. Ein Brüsseler Blatt behauptet, aus guter Quelle zu wissen, daß der König von Sachsen den Besuch der Prinzessin Luise von Toskana bei ihren Kindern in Sachsen bewilligt habe. lieber einen modus vivendi mit dem ehemaligen Gatten sei jedoch noch nichts bestimmt.

* Ein Duell zwischen italienischen Kolonial­offizieren. Der Cav. Ugo Riccioni, welcher seit zehn