Ausgabe 
8.6.1903 Drittes Blatt
 
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Während die Halle sich langsam leerte, erschollen draußen auf's Neue Hoch- und Jubelrufe, die draußen aufgestellte Kapelle spielte die Nationalhymne das Kaiserpaar war abgefahren. Durch die Straßen wälzten sich die lebhaften Zurufe fort bis zum Bahnhof, von wo die kaiserlichen Gäste um 6,15 Uhr nach Wiesbaden zurückfuhren. Vorher hatte der Kaiser noch einmal dem Oberbürgermeister Adickes seinen Dank für den festlichen und herzlichen Empfang ausgesprochen und ihn ersucht, diesen Dank der Bürgerschaft zu über­mitteln.

Die letzen Besucher hatten die Festhalle noch nicht ver- lassen, als Kommandorufc ertönten; durch alle Eingänge marschierten Soldaten hinein und begannen mit militärischer Geschwindigkeit die Stuhlreihen hinaus und Tische hinein zu schaffen. Um 9 Uhr begann dann als Abschluß der Fest- lichkeiten der Kommers, zu dem sich Tausende von Sangesbrüdern emgefunden hallen. Auf dem Podium be­merkte man tu A. Oberbürgermeister Adickes, den Stadt­kommandanten Generalleutnant v. Stülpnagel, den Tivisions- general v. Hagen, den Sladtverordnetenvorsteher Justizrat Dr. Humser, den Präsidenten der Handelskammer, Kommerzien­rat I. Andreae, viele Preisrichter, bie Vorsitzenden und Mit­glieder der einzelnen Auöschüsie. Ten erfien Trinkspruch brachte Oberbürgermeister Adickes auf den Kaiser, den För­derer der deutschen Sangeskunst und begeisterten Verehrer des deutschen Volksliedes aus, während der Vorsitzende der Frank- ftirter Liedertafel, Herr v. Kramer, auf die Sänger des 2 Gesangwettstrelles zu Frankfurt toastete. Im Namen der Sänger erwiderte der 2. Vorsitzende des berliner ^ehrerge­

sangocreinS, Lehrer Scholz, der den Kaiserpreis, die goldene Kette, trug, mit einem Lrinkspruch auf die Stadt Frankfurt und ihre Obrigkeit. Der Präsident der Petersburger Lieder­tafel, russischer Staatsrat Dr. Emil Schmidt, als Vertreter der ausivärtigen Sängerschaft, feierte in beredten Worten das deutsche Lied, während Dr. Lauer die Damen hochleben ließ. Gesangsvorträge der Frankfurter Gesangvereine wechselten in bunter Reihenfolge mit den Texten und Muslkpiötzen, aus­geführt von der Kapelle des hiesigen Infanterieregiments ab. Ersl in später Abendstunde trat die Fidelitas m ihre Rechte.

Längst schon war der junge Tag heraufgezogen heraufgezogen un Zeichen einer Stimmung, die man mit dem Namen eines bekannten männlichen Haustieres belegt hat __

und immer noch saßen die jungen und alten Deutschen da draußen zusammen und sangen noch eins und tranken immer noch eins!

Wirst man noch einen Rückblick auf den Verlauf der versloffenen Tage, so kann man nicht umhin, der kolossalen Arbeitsleistung de§ HauptausschuffeS und der Einzelausschüffe vollne Anerkennung 511 zollen. Bis in die kleinsten Emzel- beiten hinein arbeitete die weitverzweigte Organisation pein­lich korrekt, sodaß auch nicht ^die kleinste Stockung emtrat.

Unb so sinb hoffentlich Sanger, wie Gäste geschieben mit sreunblichem Andenken an die jüngsten Kaisertage in der alten Kalserstabt Frankfurt!

Liberale Wahlversammlungen in Kuugeu und in Lich.

' < - Gießen, 8. Juni.

Die vereinigten Liberalen haben tüchtig mit der Wahl­arbeit eingesetzt. Kommerzienrat Heyligenstaedt kann elbstverstänblich in der kurzen Zeit nicht alle Orte auf- uchen, in denen liberale Wahlversammlungen stattsinden ollen. Sein Programm ist ja bekannt uno wird da, wo es nötig ist, immer wieder von neuem dargelegt und erörtert Am gestrigen Sonntag haben einige Herren vom hiesigen Wahlkomitee, u. a. Kommerzienrat Emmelius, Regierungsrat Dr. Metzler, Oberlehrer Altendorf, Bauunternehmer Winn, einen Ausflug nach Hungen unternommen, um dort in einer Versammlung für die Wahl Heyligenstaedts zu wirken. Nachmittags 3 Uhr fand sich dazu im Gasthaus zur Traube eine verhältnismäßig sehr große Zahl von Wählern ein.

Beigeordneter Jokel aus Hungen führte den Vorsitz, begrüßte kurz die Anwesenden und erteilte danach dem Ober am törichter Dr. Fuhr aus Ortenberg das Wort zu einer längeren Rede, die die Hauptpunkte des Programms >es liberalen Kandidaten vortrefflich zusammenfaßte und den ganzen Beifall der Erschienenen sand. Er erwähnte, ) er nicht zum erstenmal in Hungen spreche, sondern in früheren Wahljahren öfter die Ehre gehabt habe, in der dortigen Gegend zu reden. Dann betonte er nachdrücklich, das Programm des ausgestellten Kandidaten sei ja in aller Besitz, aber man müsse Kommerzienrat Heyligenstaedt darum wählen, weil er einMunn der Tat und nicht des Wortes sei. Durch Energie, Fleiß und Umsicht habe er sich zum Fabrikbesitzer mit hunderten von Ar-

DiegelmanN vom Schauspielhaus auf bie Mitte be8 Po. biumS unb ücrfünbctc unter lautloser Spannung ber Ver­sammlung bas Ergebnis: Der Berliner Lehrergesang, verein hatte ben bisher ben Kölnern gehörenben Kaiserwanberpreis errungen, was einen Sturm bes Beifalls entfesselte. Vorstanb, Lehrer Emil Heilmann unb Dirigent, Professor Felix Schmibt, begaben sich in bie Kaiserloge, wo ber Kaiser beibe begrüßte unb bie Kaiserin dem Vorstand eigenhänbig bie Kette um ben Hals legte. Beim Herabschreiten würben beibe, wie auch jebesrnal, burch bie Vorstänbe ber übrigen 11 Vereine lebhaft begrüßt. Die Verteilung ber Ehrenpreise erfolgte in brei Gruppen unb zwar in ber Reihenfolge: I. Köln, Offenbach, Berlin-Lieber- tafel; Il.PotSbam, Aachen, Bremen, Crefelb; III. München- Glabbach unb bie brei Essener Vereine. Dieses letztere Gruppen- ergebnis erwirkte nicht bie gleiche Uebereinstunmung im Saale wie bie Zuerkennung bes Sieges an bie Berliner, bie wir übrigens in unserem ersten Berichte als gefährliche Kon- kurrenten ber Kölner bezeichnet hatten. Namentlich verwun- berte man sich über bie Zurückstellung ber Bremer, rote an- bererfeits über bie hohe Nummer von Potsbam.

Nunmehr trat Oberbürgermeister Abickes an bie Brüst­ung ber Kaiserloge unb brachte ein Hoch auf ben Kaiser aus. Stehend sangen alle Anwesenben bie Nationalhymne, bie auch das Kaiserpaar stehend anhörte; kaum aber war ber letzte Ton verklungen, als aufs Neue Hochrufe bie weite Halle burchbranileu. eine ipotane Kunbgebung, für welche bas Kaiserpaar sich ivieberholt nach allen Setten oemeigenb dankte.

I beitem emporgearbeitet. Dieser Mann mache nicht große : Versprechungen, sondern er verweise seine Wähler auf seine Werke: betrachtet sie, glaubt meinem Wort und ihr werdet wissen, was ihr au mir habt, wenn ihr mich wählt! Man kann den Bauern nicht hohe Zölle versprechen und dem I Arbeiter billiges Brot und hohe Lohne und einem dritten Stand ähnliche hohe Zugeständnisse machen, sonst wird : man eben gewissenlos und untteu. Darum ist das Pro- : gramm Heyligenstaedts schlicht und einfach, und es wird etwas erst, wenn ein Mann wie Heyligenstaedt dahinter-

1 steht. Und er hat nicht allein in seinem Privatleben, sondern auch im öffentlichen Leben bekanntlich etwas Tüch­tiges seither geleistet. Ter Redner fuhr dann fort: Es sei nicht angebracht, ausführlich alle Punkte des Pro­gramms zu besprechen. Er wolle nur dartun, warum man die andern Kandidaten nicht wählen solle. Dabei betonte er, daß die Ideale aus dem politischen Leben geschwunden seien, daß vielfach bloße Jnteressenkämpfe heute in der Politik ausschlaggebend seien. Man sollte aber die Stände nicht gegeneinander ausspielen und keine Kluft errichten zwischen den Schichten des Volkes. In diesem Sinne Iprach der Redner dann über die Zollfrage;. Wir haben oft bewiesen, daß wir die Landwirtschaft unterstützen wollen. Ich für meine Person habe von jeher den Bauern­stand hochgeschätzt und kann dies auch von Kommerzienrat Heyligenstaedt sagen. Aber die Notwendigkeit des Ab- schlusies von Handelsverträgen müsse ganz naturgemäß bei Behandlung der Zollfrage auch in Erwägung gezogen werden. Man brauche zu Handelsverträgen aber das Aus­land. Man kann sich nicht hinter chinesische Mauern zu­rückziehen, sonst geht unsere Kultur zuruck. Darum sprach der Redner für nicht allzu hohe Zölle. Industrie und Handel bedürfen der Handelsverträge nicht im Interesse der Schlotbarone allein, sondern auch besonders in dem des großen Arbeiterheeres in den Fabriken. Und auch die Landwirtschaft hat ein sehr wesentliches Interesse an langfristigen Handelsverträgen. Der ist kein Freund des deutschen Volkes, der darum keine Han­delsverträge will, weil die äußersten Zölle nicht bewilligt werden. Das ist der Fehler des Bundes der Landwirte. Der Redner weist dann nach, daß auch der Kleinbauer interessiert ist an der Industrie. Der seitherige Abg. Kohler hat den Kredit des Bauern­standes herabgesetzt. Schon deshalb darf man ihn nicht wählen, weil er sein Amt nicht ausübt. Er tritt das Wahl­recht mit Füßen, weil er keinen Gebrauch davon macht. Der andere in unserem Wahlkreis aufgestellte Kandidat ist dagegen ein Mann, der sich seines Amtes wohl an­nehmen würde, aber er ist Sozialdemokrat! Auch ber liebenswürdigste Mann kann kein Kandidat für uns sein, wenn er Sozialdemokrat ist und als solcher keinen Sinn und kein Herz für das deutsche Volk hat, den Namen des Deutschen und für Kaiser und Reich! Ter Redner unterzieht die beständigen Verunglimpfungen unserer Zu­stände und unserer Voltssrände durch die Sozialdemokratie einer scharfen Krittk. Schließlich kommt er auf unsere Wehreinrichtungen zu sprechen und betont des Kaisers Friedensliebe. Allein wie man die Dächer der Wohnhäuser nicht abreißen, könne, weil gerade einmal ein schöner bnniger Tag sei, so sei es auch unzulässig, den Schutz des Heeres abzuschaffen. Mit entschiedenen Worten ging Oberamtsrichter Dr. Fuhr auch vor gegen die Ausmalung des Zukunftsstaates, wie chn die Sozialdemokratie in Aus­sicht stelle. Mr müßten eine Unzahl von Prüfungs- und Schätzungskommissionen haben, die Freiheit des Indivi­duums ginge ganz verloren und wir würden in der Tat in einer Art von Zuchthausstaat leben. Und endlich: wo- rin habe sich im praktischen politischen Leben die Arbeiter- freundlichkeit der Sozialdemokraten gezeigt? Nie hätten sie was Posittves geleistet. Aber die Arbeiterschaft, die einen Heyligenstaedt wählt, kann versichert sein, daß er etwas für sie tue. Dieser Mann habe ein Herz für die Arbeiter Und vor allem, weil wir vaterländisch sind können wir einem Sozialdemokraten nicht unsere Stimme geben. Wge jeder am Tag der Wahl an die Urne treten unb fernen Zettel für Heyligenstaedt abgeben!

Nachdem reicher Beifall auf diese Ausführungen sich nuibgegeben hatte, sprach der Vorsitzende, Beig. Jokel das Schlußwort. Mit einem Hoch aus das Vaterland ging die Versammlung auseinander.'

Abends war die Versammlung der liberalen Wähler m Lich noch imposanter, wohl wegen der günstiger ge­legenen Zeit. Nach 7 Uhr war der geräumige Saal im holländischen Hof" bis auf den letzten Platz besetzt. Ter Erektor der Präparandenanstalt in Lich, Wagner, über­nahm den Vorsitz in ber Versammlung. Er begrüßte be- onders auch die Gießener Herren und wies mit markigen Worten auf bie Bedeutung des. Wahltages hin, von bem das Wohl und Wehe das Vaterlandes abhinge. Danach nahm Oberamtsrichter Tr. Fuhr das Wort und hielt eine lange fefielnbc und überzeugende Ansprache. Er ama auf bie Licher Verhältnisse ein und legte dar, wie hier nur libe­rale und sozialdemokratische Stimmen einander gegenüber

daß zum Teil die Komponisten den Texten nicht gerecht werden. Es soll meines Erachtens ein Chor aus schönen Männerstimmen nicht durch Komponisten dahin gebracht werden, daß er Tonmalerei treibt und eine orchester- mäßige Instrumentation nachmacht. Tonmalerei des Orchesters ist schon nicht immer angenehm, mit Männerstimmen noch bedenklicher. Die Länge er­müdet, weil die Tonlage eines Männerchores immerhin beschränkt ist und auf die Dauer zu gleichmäßig wirkt. Ich warne auch davor, nicht zu lyrisch zu werden. Ich glaube, daß auch im Preischor die Lyrik zu sehr vor- ro öltet Tie Herren werden gemerkt haben, daß die Chöre, die etwas mehr Energisches und Männliches zeigten, beim Publikum mehr Beifall gefunden haben. Die Sentimentalität, die in jeder deut­schen Seele ruht, soll in poetischen Schöpfungen auch zum Ausdruck kommen, aber da, wo es sich um Balladen und Mannestaten handelt, muß der Männer­chor energisch zur Geltung kommen, am besten in einfachen Kompositionen. Es wird vielleicht den Herren interessant sein, daß fast zwei Drittel aller Ver­eine zu hoch eingesetzt unb zum Teil um einen halben, dreiviertel, einer sogar um einen fünf» viertel Ton zu hoch geschlossen haben. Des­halb haben chnen die gewählten Ausgaben zum Teil selber geschadet. Es war eine Freude, wenn einmal ein Verein so tief einsetzte, daß man das Gefühl hatte, er hat noch Äieserve übrig.

Die Wahl ber Chöre werde ich in Zukunft dadurch entsprechender zu gestalten versuchen, daß ich eine Sammlung veranstalten werde sämtlicher Volkslieder, die in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz geschrieben, gesungen und bekannt sind, gleich- giltig, ob der Komponist bekannt ist oder nicht. Sie wird katalogisiert werden, unb ich werde dafür Sorge tragen, daß sie allen Vereinen billig und einfach zu­gänglich fein kann, bann werden wir in der Lage fein, aus diesem Kreise Lieder zu suchen, die wir brauchen. Wir sind hier am Rhein, und nicht ein einziger Verein hat dieDrei Burschen" gesungen oder Joachim Hans von Zielen" unbFridericus Rex"'. Wir sind hier in Frankfurt und fein einziger hat Kalliwoda gewählt. Wir haben Mendelssohn, Beethoven, Abt, von ihnen ist nichts erklungen. Hiermit ist nun wohl der modernen Zwrnpostticm genug getan. Sie haben sich Aufgaben gestellt ich nehme auch das Preislied nicht aus, ich selbst hatte es au einzelnen Stellen für' viel zu schwer ich glaube, daß wir sie in vieler Be­ziehung vereinfachen können. Ich habe Gelegenheit ge­nommen, mit den Preisrichtern darüber zu sprechen, die Herren haben ihren Gedankenaustausch in einem Promernoria zu Papier gebracht, das den Ver­einen zugänglich gemacht werden wird. Mein Kabinetts- rat v. Lukanus wird es den Herren vorlesen.

Nach der Verlesung des Promernoria fuhr der Kaiser fort:

Meine Herren! Ich erwarte von Ihnen, daß Sie möglichst dieser Ansicht und diesen meinen Ratschlägen entsprechen werden. Ich bin fest davon überzeugt, daß bann auch ldie Sänger selber noch mehr Freude an der Einübung haben. Ich glaube, daß da, wo bie Noten erst eingeübt werden mußten, ein*e geradezu physische An­strengung nötig gewesen ist, um das zu erreichen, was Sie erreicht haben, zumal bei den Mitgliedern, die in Fabriken arbeiten. Ich habe die Liften durchge- sehen, es ist erfreulich, wie viele vom Hammer und Ambos, von der Schmiede hergekommen find, um hier zu fingen, aber es muß schlaflose Nächte gekostet haben. Wenn wir auf einfachen Gesang kommen, bann sind Sie in der Lage, mit den rein künstlerischen Vereinen zu konkurrieren, deren Mitglieder tagsüber in einer Atmo­sphäre lebens bie besser unb staubfreier ist, was doch auf die Stimmorgane sehr einwirkt. Sonst kann ich nur sagen, daß wir zum Teil geradezu ganz hervorragendes Material gehört haben, auch abgesehen von den Vereinen, die auch unter Ihnen als hervorragend anerkannt sind, instrumental glorfeuaitige Effekte! Unzweifelhaft ist, daß ein hoher Grad von musikalischer Begab­ung in ber Bevölkerung steckt, ber aber in ein­fachen klangreichen Harmonien sich zu zeigen Gelegen­heit haben muß. Wenn Sie diese einfachen schönen Chöre, wie sie bas Volkslied unb bie Komposition barbieten, . die ich genannt habe, singen, so werden Sie selber Freude i haben unb weniger Schwierigkeiten, und gleichzeitig wer­ben Sie das Pichlikurn, das 3um Teil aus Fremden be­steht, besser mit unserem Volkslied bekannt machen. Sie werden mit dem Volkslied ben Patriotismus stärken, und damit das allgemeine Band, bas alle um» schließen soll. Ich danke Ihnen!

Tas von Geheimrat v. Lucanus verlesene Prome- moria des Preisrichter-Kollegiums lautet folgendermaßen: i

Ter Eindruck, den das Wettsingen des ersten Tages i auf das Preisrichter-Kollegium aus übte, war derart, daß 1

es für notwendig erachtet wurde, bestimmte Stellung zu der Art der Komposition zu nehmen, die heute au bem Gebiet des Männergesangs als die herrschende gilt. Fast sämtliche von den Vereinen norgetrageuen frei ge­wählten Chöre Leigten eine Art des technischen Baues, die ben A-capella->Lttl des Männergesangs vollständig verkennt, indem sie den Stimmen Intervallen, Lagen unb harmonische Kombinatton rein inurumentaler Naiur zumutet Schlimmer noch ist bas vollständige Mißver­hältnis zwischen dem darzustellenden Vorwurf unb ben aufgeroanbten Mitteln. Tie enge Begrenzung der Stim­men, die ungestraft ihre Grenze nicht überschretten darf, die beschränkte Farbenpalette, machen den Männerchor von selbst zum Träger edler, schlichter Stimmung lyrischer Art und selbst einfacher Balladen. Tie gesuchte und gekünstelte Art, wie sie in einer Reche der gehörten Chöre sich zeigte, bie Manie, jede noch so unbedeutende Gelegenheit zu Tonmalerei auszunutzen, bas Haschen nach außergewöhnlicher Harmonie, erschien uns geradezu als eine krankhafte essekthascherifche Art der Komposition, die infolge dieser Anlage an Stelle großzügiger Einheit ein Mosaik von oft interessantem fast nie aber schönem Detail bildet. Ein solches, die Haupt­bedingungen des Kunstwerks verachtendes Gebaren aber bildet eine ernste Gefahr für die Zukunft dieses so bedeutsamen Kunstzweigs, tzälse dagegen ist nur mög­lich burch Zurückkehren z«u, natürlicher Einfachheit, zu gesundem Empfinden und Erkennen ber wahren Zwecke dieser Kunst, von einem Ab weichen von aller Unnatur und Künstelei. Wir wollen durchaus nicht damit etwa sagen, daß nur das Volkslied bem Männerchor entspreche. Wir erkennen neben dem Volkslied ein soge­nanntes Kunstlied auch im Männerchor an, aber nur wenn es ben genannten Bedingungen entspricht.

Es wird notwendig sein, daß in Zukunft vor allem auch als Preischor nur ein solches Stück gewählt werde, welches infolge Beobachtung dieser einfachen ästhett- schen Grundregeln als Kunstwerk anerkannt werden kann.

Wir halten es für unsere Pflicht, Se. Mas. zu bitten, diese Bestrebungen durch sein Allergnädigstes Wohlwollen zu unterstützen und die Dirigenten bezw. Vorsitzenden ber Vereine zu ermahnen, durch Erkennensuchen und Stteben nach künstlerischer Wahrhett vor allem unserer Kunst wirk­sam zu dienen. Wir tun das umsomehr, als wir uns in diesen Ansichten mit Sr. Maj. in vollkommener Ueberein- ftimmung wissen.

Tiefen Worten des Kaisers wird man sich im großen und ganzen anschließen können. Es war erstaunlich, was geleistet wurde im Hinblick auf die Verschiedenartigkett der Sangeskräfte. Aber erfreulich war es vielfach nicht. Vor allem sollten Chöre gesungen werden, die für menschliche Kehlen, nicht aber für Instrumente im Orchester geschrieben erscheinen. Die Sängerwettstteite sind wohl im staube, er­zieherisch zu wirken, wenn man mehr auf edlen Vortrag, chönen unb reichen Ausdruck, kraftvollen Rhytmus bedacht st, als technische Ferttgkeiten in den Vordergrund zu chieben. Tann werden echte Kunstfteudigkett unb mit ihr Hebung der Sitten und des Geschmacks immer weiter in alle Kreise unseres deutschen Volkes bringen unb danach laßt u»ns Wetter stteben, brüderlich mit Herz und 5>and!