Deutsches Reich.
Berlin, 6. Nov. Der Kaiser ist heute auf der Wild- parkftation eingettoffen und von der Kaiserin am Bahnhöfe empfangen worden. Er hat sich sofort nach dem Neuen Palais begeben.
— Der ,FieichSanz." veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung betr. das Ruderkommando vom 18. Oktober und eine kaiserliche Verordnung über das spätere Inkrafttreten von Vorschriften des Gesetzes betr. tveitere Adänder- ■lingen des Krankenversicherungsgesetzes vom ‘25. Mai 1903 für die preußischen Knappschafts kaffen vom 2. November.
— Der .^Lokalanz." teilt mit, die im Reichsamte des Innern zur Einführung einer Schlachtviehversicher- •ung abgehaltene Konferenz von Vertretern der deutschen Regierungen lmbe zu keinem praktischen Ergebnis geführt. 9ticht nur die süddeutschen Regierungen hätten sich ablehnend Verhallen, auch unter den Regierungen Norddeutschlands konnte eine Verständigung über die grund- Legenden 'Bestimmungen nicht erzielt werden.
Keer und Alotre.
Die Entfestigung von Kastel ist nach langen Verhandlungen genehmigt worden; das gegenüber von Mainz gelegene und mit ihm durch eine Straßenbrücke über den Rhein verbundene Städtchen hat die am dichtesten bebaute Fläck^ aller Gemeinden Hessens. Denn die alten Festungswerke engten es von allen Seiten ein und verschlossen jede Ausdehnung und Entwicklung in räumlicher oder wirtschaftlicher Hinsicht. Dadurch litten die sozialen und gesundheitlichen Verhältnisse der Stadt seit Jahren Not, was besonders in letzter Zeit zu bitteren Beschwerden und scharfen Erörterungen in der Stärrdekammer Veranlassung gab. 9hin, nach der Mitteilung des preußischen Kriegsministeriunrs an die hessische Regierung, kann mit der Einebnung der Lünette Wiesbaden, sowie dreier Bastionen der llmwallung sofort begonnen werden. So wird es der gut vermotteten und gewerbefleißigen kleinen Stadt er- möglicht, von ihrer herrlichen Lage am Zusammenfluß des Mains und Rl)eines den erwünschten und notwendigen Nutzen ziehen zu tonnen, sofern nicht alsbald eine wüste Bodenspekulation sich des sreiwerdenden Geländes bemächtigt, was die städttsche Verwaltung zurzett noch durch rechtzettigen Erwerb größerer Gelände strecken vermeiden kann. (K. Ztg.)
Ausland.
Belgrad, 6. Nov. Hier erhalt sich das Gerücht über die Abdankung des Königs zu Gunsten seines minderjährigen Sohnes Georg, das aus Hofkreisen stammt, trotz aller Dementis. Auch die Gegner der Königsmörder erblicken in der Thronentsagung einen Ausweg aus der schwierigen Lage. Sie behaupten, der König tonne angesichts gewisser Verpflichtungen gegen die Verschwörer, für welche schriftliche Beläge vorhanden sein sollen, im Ossiziertorps unmöglich Ruhe stiften.
Petersburg, 6. Nov. Wie aus Eharwin gemeldet wird, versuchten chinesische Räuber auf Veranlassung einiger Japaner die lange Eisenbahnbrücke über den Sungarifluß bei Charwin in d i e Lu f t zu sprengen. Der Anschlag mißlang jedoch infolge der Wachsamkeit der russischen Eisenbahnposten. In der Stadt Charwin wurden unter der chinesischen Bevölkerung Aufrufe verteilt, worin sie zur Niedermetzelung der russischen Einwohner aufgefordert wird. Znfolge- dejsen sind alle Garnisonen in der Mandschurei verstärkt und die Militärbehörden angewiesen worden, jedem Zug der Mandschureibahn 10 Soldaten zum Schutze mitzugeben.
New York, 6. Nov. Nach einer Depesche aus La- Uama erklärten die meisten Städte des Isthmus ihren Anschluß an die neue Republik.
Washington, 6. Nov. Das Staatsdepartement tele- grapyierre an den amerikanischLn Gesandten in Bogota, daß das Volk von Panama seine politische Zusammengehörigkeit mit Kolumbien anscheinend einmütig ausgegeben, seine Unabhängigkeit wieder hergestellt und eine neue republikanische Regierung angenommen habe, milder die Vereinigten Staaten in Beziehungen getreten seien. Roosevelt empfehle mit Rücksicht auf die Banoe der Freundschaft, welche sett langem zwischen beiden Nationen bestehen, den Regierungen von Kolumbien und Panama aufs dringendste, eine friedliche Lösung der Fragen zu finden, die noch zwischen ihnen zu erledigen seieu Roosevelt glaube, daß oie Vereinigten Staaten, nicht allein vertragsmäßig, sondern auch mit Rücksicht auf die Interessen der Zivili,ation verpflichtet seien, darüber zu wachen, daß der friedliche Handel auf dem Isthmus für die Welt nicht länger durch eine ununterbrochene Folge von unnötigen, verheerenden Bürgerkriegen gestört sei.
Aus Stadl und Land.
Gießen, den 8. November 1903.
L.-U. Landes - Universität. Bis ' Freitag den 6. Nooemner haben sich neu eingeschrieben 157 Studierende, darunter 4 Theologen, 22 Juristen, 38 Mediziner, 22 Veterinärmediziner, 71 Angehörige der philosophischen Fakultät. Die zweite Immatrikulation hat heute mittag stattgefunden; die dritte (letzte) ist auf den 14. November angesetzt.
* * Personalien. Ernannt wurde der Gerichtsvollzieher- Aspirant Emil Hühnermann in Homberg zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Homberg,
* * Ernennung. Postinspektor Flaschenträger ist zum Postdirektor in Butzbach ernannt worden.
* * Promenadenkonzert findet morgen in der Ostanlage um halb 12 Uhr mit folgendem Programm statt: 1. Ouvertüre z. O. ,Norma" von Bellini. 2. Rosen aus dem Süden! Walzer von Strauß. 3. Glühwürmchen! Idyll von Lincke. 4. Fantasie über Koschats ,Verlassen bin i" von Reindel.
** In der Gemälde-Ausstellung am Brand findet kommende Woche, voraussichtlich am Mittwoch, ein vollständiger Wechsel der Gemälde statt. Wir können unsere Kunstfreunde schon darauf aufmerksam machen, daß eine Kollertion von 76 Gemälden des vor zwei Jahr em verstorbenen Münchner Schlachtenmalers Faber du Faur zur Ausstellung gelangt. Die Bilder zeigen meist Schlachtszenen aus den napoleonischen Kriegen und dem deutsch- französischen Kriege, sowie solche aus dem vrientaliscyen Reiterleben.
AusdemBureau deSStadttheaterS. Nochmals sei auf die morgige Sonntagsoorstellung hingewiesen, die in Lindners „B l u t h o ch z e i t" em hochinteressantes, überaus wirkungsvolles Werk bringt, dessen poetischer Gehalt den Herzog von Meiningen seiner Zeit veranlaßte,
das Stück in sein Gastspielrepertoire aufzunehmen. Die sorgfältig vorbereitete Jnscenierung leitet Direktor Hermann Steingoetter, die Hauptrollen liegen in den Händen der Damen Hohl, Kellermann, Hellberg und des Herrn Sandorff, Teleky, Achterberg, Linzen, Pichler, Tamke, Hag. Uebrigens ist das gesamte Personal in dem sigurenreichen Stücke beschäftigt.
• * Vier Jahreszeiten. Sonntag den 8. Nov. inden in genanntem Lokal 2 große Spezialitäten-Vorstell- ungen der Künstler-Gesellschaft Tarevill statt. Das Nähere ist aus Inseraten und Plakaten zu ersehen.
* * Sturz. Gestern nachmittag stürzte vor dem Loos- chen Hause am Kirchenplatz ein Schuljunge in einen ca. 6 Meter tiefen Schacht der Kanalisation, welcher zum Teil mit Wasser gefüllt war. Zwei Männer beförderten den Knaben wieder in die Höhe. Er war vollständig mit Schlamm bedeckt, im übrigen trug er merkwürdigerweise keine Verletzung davon.
**JugendlicherUebermut. Heute morgen sahen die Passanten des Wetzlarerweges wieder einmal ein kleines Hindernis. Abermals lag ein Wagen, ein zweirädriger Gepäckkarren eines hiesigen Hotels, mitten auf der Fahrbahn des Weges, im dicksten Schmutz umgestülpt, so daß >ie Räder nach oben standen. Wenn die Urheber nichts besseres zu tun wissen, sollten sie bei den Kanalisierungs- arbeiten Beschäftigung suchen.
* * Eine Räuberbande am Anfang des 19. Jahrhunderts. Ungefähr zwanzig Jahre nach dem Tode des Schinder Hannes wurden die Wilderer Geiz und Genossen aus Kombach bei Biedenkopf wegen „Postraubs in der Subach" hier in Gießen durch das Schwert vom Leben zum Tode gebracht. Die Räuberbande bestand aus folgenden Helfershelfern: 1. David Briel von Dexbach, 2. der Landschütze Volk, 3. Hans Jakob Geiz von Kombach und eine Söhne 4. Jakob, 5. Heinrich, 6. Johannes Soldan von Kombach (Schwiegersohn von Geiz), 7. Ludwig Acker, eben- alls daher, und 8. Wege von Wolfsgruben. Sonntag, 19. Mai 1822 kam der Raub auf kurhessischem Boden in der einsamen Waldschlucht südlich von Gladenbach, die Subach genannt, am hellen Mittag zustande. Mit Pistolen bewaffnet, bemächtigte man sich des Postillons Müller und des Landschützen Haman. Beide wurden auf unmenschliche Weise seitwärts'in den Wald geschleppt. Grausam festgeknebelt an Händen und Füßen, die Arme kreuzweise auf dem Rücken, die Augen mit Lumpen verschnürt, lagen diese Unglücklichen sprachlos da in den fürchterlichsten Schmerzen. Sie hörten, wie der Wagen auf die andere Seite ins Gebüsch gefahren und der Deckel des Geldkastens zertrümmett wurde. Uebcr 10 000 Gulden fielen in die Hände der verlarvten Räuber. Einen großen Sack voll Geld, der zum Fottschleppen zu chwer war, versteckten sie in eine hohle Eiche. Jeder mit einer Last begaben sie sich auf Umwegen zur Heimat. Der Raub erregte selbstredend unter der Bevölkerung große Unruhe. An Nachforschungen und Verhaftungen ließ es die Polizei nicht fehlen. Dieselben waren aber anfangs fruchtlos. Gegen Herbst 1822 stießen Spuren auf obige Räuber. Ihr übermäßiger Geldverbrauch erregte Aufsehen, und andere Verdachtsgründe genügten dem Kriminalrichter Danz, einen nach dem andern — mit Ausnahme von dem Urheber Briel, welcher ins Ausland geflüchtet war — ins Gefängnis hierher nach Gießen bringen zu lasten. Trotz allem Verhör und Nachforschungen konnten die Verdächtigen der Tat nicht überwiesen werden. Nach einem Jahre machte Acker seinem Herzen Lust, ,roeit zu viele Hunde des Hasen Tod feien*. Er gestand die Tat ein und nach ihm alle Angeklagten, lieber die Schuldigen verhängte man hier nach zweitägiger Verhandlung am 25. März 1824 das Todesurteil. Tas Oberappellationsgericht zu Darmstadt bestätigte dasselbe. Volk und Soldan endigten als Selbstmörder, und die anderen 5 wurden hier am 7. Oktober 1824 mit dem Schwere enthauptet. Der Vater Geiz mußte Augenzeuge bei der Hinrichtung seiner Söhne sein.
§ Sichenhausen, 6. Nov. Heute Nacht brannte die mit reichlichen Futtervorräten gefüllte Feldscheuer des Nikolaus Appel V. hier gänzlich nieder. Die Scheuer wurde vor zwei Jahren schon einmal ein Raub der Flammen und von dem Besitzer wieder aufgebaut. Man vermutet Brandstiftung. ,
R.-B. Darmstadt, 7. Nov. (Eigener Drahtbericht.) Der russische Minister Graf Lamsdorff begab sich heute früh nach Schloß Wolfsgarten, um dem Zaren Vottrag zu halten. Gleichzeitig verabschiedete er sich für einige Zeit vom Zaren. Er wird nicht den Zaren nach Polen begleiten, sondern heute abend von hier aus, wohin er aus Wolfsgatten bereits heute vormittag um 11 Uhr zurückkehtte, über Berlin und Eydtkuhnen nach Petersburg reifen, wo er am Montag nachmittag eintreffen wird. In Berlin wird er sich nur zwei Stunden aufhalten.
Darmstadt, 6. Nov. Vertreter der aus ihrem Lande ausgewiesenen Finländer suchten heute eine Audienz bei dem Kaiser von Rußland zu erhalten, um ihm eine Schrift zu überreichen, in der die Unterzeichner die Politik der jetzigen Regierung Finland gegenüber beleuchten und Auslassungen des Herrn v. Plehwe, die dieser in einem Schreiben an Herrn Stead gemacht hat, als auf falscher Interpretation der Gesetze und Entstellung der Tatsachen gegründet bezeichnen. Die gewünschte Audienz wurde nich erzielt, dagegen foll die Schrift empfangen worden sein. (Fckf. Ztg.)
R B Darmstadt, 6. Nov. Beim Staatsminister, Exz. Rothe, sand heute abend 7 Uhr im Staatsministerialgebäude zu Ehren der russischen Gäste ein Festmahl Satt, an welchem auch der Minister Gras Lamsdorss. ürst Ku da sch ess, Prinz H o h e n la h e-Oehringen und die ersten Vertreter des kaiserlich-russischen Gefolges teil- rrahnien. — Der Zar hat in generöser Weise alle diejenigen Persönlichkeiten, die mit der kaiserlichen Familie direkt oder mit den Angehörigen der russischen Diplomatie resp. der Hofstaaten in Berührung getreten sind, mit wertvollen Andenken an den diesjährigen Zarenbesuch überrascht. Die Offiziere des Leib-Dragoner-Regts. Nr. 24, dessen Chef der Zar ist, erhielten mit Brillanten besetzte goldemaillierte Manschettenknöpfe und andere Bijouterien, die höheren hessischen Hofbeamten, die Vertreter der Polizeibehörde il v. a. schwere goldene Uhren mit dito Kette und dem in kRelies in Gold gearbeiteten kall^dzen Wappen usw. usw.
r. Mainz, 6. Nov. Für die Zeit der Vakanz des hiesigen Bischofssitzes ist Generaloikar Domkapitular Dr. Engelhardt zum Bistumsverweser ernannt worden. Der Genannte wird von vielen Seiten bereits als Nachfolger des Bischofs Brück bezeichnet. Wie ein hiesiges Bl art mit- zuteilen weiß, werde aus der neuen Bijchvfsliste Prinz M a x von Sachsen io lebe rum als Kauoioat erscheinen. Bei der letzten Bijchofswahl war Prinz Max von Sachsen auch unter den KauoiDaten. Die Leiche des Bischofs Brück wird unmittelbar neben dem Bischof Haffner vor dem Nassauer Altar in dem hiesigen Dom beigesetzt werden.
Ucrullschles.
* B e r l i n , 6. 9ioo. Der Direktor des Grand-Hotel de Nome und du 9iorb, Jannia ist nach Verübung von Unter- chlagungen und Diebstählen flüchtig geworden.
* Wollin, 6. Nov. Der Genchtsoollzieher Künzel wurde dieser Tage nach einer 38jahrigen Dlensl- tätigfeit auf sein Ansuchen pensioniert. In (Segen* wart sämtlicher Beamten des dortigen Amtsgerichts überreichte Amtsrichter Görke dem Scheidenden das ihm vom Kaiser verliehene Allgemeine Ehrenzeichen in Gold am Bande des Roten Adlerordens. Zum großen Erstaunen der Versanunelten nahm indessen der also Geehrte die Dekoration Nicht an mit der Begründung, daß er als Beamter nur seine Pflicht streng und gewissenhaft getan und dafür ja Gehalt bezogen habe. Für eine solche Pflichterfüllung aber eine Auszeichnung anzunehmen, widerspreche seiner Ueberzeugilng.- Auch trotz allen Zuredens war der bejahrte Pensionär zur Annahme des Ordens nicht zu bewegen.
* Hamburg, 6. Nov. In einem wegen Schwindeleien hier verhafteten Steward, der sich August Mehr nannte, wurde ein aus Santes in Brasilien geflohener Raubmörder Ni i n ch erkannt, auf dessen Ergreifung eine hohe Belohnung gesetzt war.
• Zittau, 6. Nov. Wegen Verbrechens wider das keimende Leben sind in letzter Zeit nicht nur in der Stadt Zittau, sondern auch in verschiedenen sächsischen und böhuiijchen diachbarorten zahlreiche Verhaftungen uorgenommen worden. Die Verhafteten sind Frauen und Niädchen böhmischer Nationalität, etwa 60 an der Zahl. Die meisten der Beschuldigten befinden sich im Bezirksgericht zu Friedland i.B. in Hast. Verhaftet ist auch der Arbeiter August Lange, der ,,Helfer" dieser Frauen, der fein „Gewerbe" über 20 Jahre lang getrieben haben foll. Durch die „langjährige Praxis" erwarb er sich ein ansehnliches Vermögen, denn zu seiner Kundschaft zählten auch Damen, die in Equipagen vor seinem Haufe vorfuhren. Lange wird auch beschuldigt, durch seine Handlungsweise den Tod einer Frau verschuldet zu haben. Die Voruntersuchung in der Aussehen erregenden Affäre ist noch nicht abgeschlossen, da noch immer neue Fülle bekannt werden, die Verhaftungen zur Folge haben.
S ch ö n a u b. T e p l i tz, 6. Nov. Hier stürzte sich eine Mutter mit ihrem halbjährigem Söbnchen in einen Teich. Beide ertranken.______________
Geuchtssaat.
* * Gießen, 7. Nov. Straikammer. In längerer Sitzung verhandelte die Kammer gestern die Anklagesache gegen den Zigarrensabrikanlen Karl E. von hier wegen Unterschlagung. Der Angektagre war Gefellschaster der hiesigen Zigarrenfabrik A„ einer offenen Handelsgesellschaft. Als solcher reifte er für diese Firma und veremahmte auch Kundengelder. Hililer dem Rücken seines Gesellschafters A. kassierte er Gelder in der Gesamthöhe von 3200 Alk., führte solche aber an die Gesellschaft nicht ab, sondern unterschlug sie, Tas Gericht verurteilte den Angeklagten wegen Unterschlagung zu zwei Al o n a t e n Gefängnis. Wie in der Begründung ausgeführt wird, mar der Angeklagte, wenn auch nicht rechtlich, so doch tatsächlich als Gesellschafter miteigentumberechtigt an den für die Firma eingehenden Geldern.
R. B. Darmstadt, 6. Nov. Bor der hiesigen Strafkammer kam heute der traurige Eisenbahn-Unfall bei Groß-Gerau zur Verhandlung, bei welch-ern am 25. Juli ein Menschenleben zu Grunde ging, ein Fuhrwerk zertrümmert und der Kutscher schwer verletzt wurde. Unter Anklage stand des'Mb der 62jährige Bahnwärter August Raiß ans Groß-Gerau, evang., verheiratet. An jenem Tage abends Uhr war der Lunowirt Peter Rothenburger aus Mörfelden, der den Tag über in Rhein Hessen Einkäufe gemocht hatte, mtt seinem schweren zweispännigen Fuhrwerk und 40 Zentnern Last, das von dem 19jährigen Knecht Ja tob Roth gelenkt wurde, auf dem Rückweg auf der Kreisstraße von Groß-Gerau nach! Klein-Gerau begriffen und hatte dort 'ben lieber gang der preußisch-hessischen Bahnstrecke in der Nähe des Bahnhofs Dornberg-Gtoß- Gerau zu passieren. Es war ziemlich dunkel, doch sah der Knecht — Rothenburger schlief —, bay die Barriere geöffnet war, er erblickte auch die an derselben befindliche Laterne in der Höhe. Roth fuhr infolgedessen mit dem schweren Wagen über die Geleise, bemerkte jedoch plötzlich den 9.40 von Groß-Gerau abgefahrenen Personenzug heranbrausen. Er trieb die Pferde an, aber zum Entweichen war's zu spät. Auf dem zweiten Geleise erfaßte die Lokomotive das Fuhr-" tverk unter lautem Krach, zertrümmerte es und schleuderte die beiden Insassen heraus, wobei Rothenburger so unglücklich unter die Räder fiel, daß er tödlich verletzt wurde und noch in derselben Nacht starb. Roch trug neun Kopfwunden und sonstige Körperverletzungen davon und mußte sofort ins Kreis krankenhaus zu Groß-Gerau geschasst werden. Er ist sowett wieder hergestellt, daß er heute als Zeuge auftreten tonnte, muß aber noch einige Zeit im Krankenhaus verbleiben und dürste nicht ohne dauernde Schädigung seiner Körperkras.t davontornmen. T«er Angeklagte, der von ReckManwalt O s an n II. verteidigt wurde, gab zu seiner Entschuldigung an, daß er die bereits von ihm geschLossene Barriere noch einmal halb geöffnet habe, um noch schnell einen Radfahrer passieren zu lassen. Das Fuhrwerk auf der anderen Sette habe er nicht bemertt. Das Gericht neigte dagegen der Anschauung zu, daß Reiß die Schranke überhaupt nicht rechtfertig geschlossen haben könne. Aber selbst wenn dies geschehen wäre, hätte er sahrlässig und vorschriftswidrig gehandell, da er angesichts des nur noch wenige hundert Meter entfernten Zuges noch einmal die Schranke zum Teil öffnete. Die vorgesetzte Behörde erteilte dem Bahnwärter das Zeugnis eines langjährigen pslichtttenen Beamten, der sich b<s dahin im Dienst nichts zu schulden kommen ließ. Staatsanwalt Müller beantragte wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung vier Vttmate Gefängnis. Das Gericht verurteilte Rach unter Berücksichfigung der bsstairdenen Um^änbc und feiner bisherigen Unbescholtenheit und guten Dienstführung zu der milden Strafe von drei Monaten Gefängnis.


