Ausgabe 
6.11.1903 Erstes Blatt
 
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Paris Yin, und hebt hervor, Daß alle Besuche die Ein­tracht aus dem internationalen Boden ver­sprechen. Die Beziehungen Rußlands im Besonderen zu Deutschland seien zu lange in Frieden und Freundschaft gefestigt, als daß sie noch einer Besserung bedürfen. Unter diesen Umständen spricht das Blatt den Wunsch und die Hoffnung aus, der Wies­badener Besuch werde die Erneuerung des Han­delsvertrags zwischen dem deutschen Reiche und Ruß­land sörderm DerPetersb. Herold" verweist auf die verworrene politische Lage im fernen Osten und beurteilt die Wiesbadener Zusammenkunft der beiden Monarchen als ein Ereignis, dem eure die politische Atmosphäre reinigende und klärende Kraft innewohne. Die friedliche Ge­sinnung des Kaisers N i k o l a u s st i m m e mit derjenigen des deutschen Kaisers überein. So werde auch die Wiesbadener Begegnung in der Welt­geschichte einen erneuten Beweis geben, daß fid) die Arbeit und Sorge der beiden Ndonarchen dem kopbarsten Gute der zivilisierten Nationen, dem Frieden, zuwende. Das Blatt spricht schließlich den Wunsch aus, die beiden Nach­barreiche möchten einander immer besser verstehen lernen.Birshewyja Wjedomosti" weisen aus die verschie­denen Erklärungen hin, welche der Reichskanzler Gras Bü­low im Reichstage gegeben uitd betonen, daß diese Er­klärungen wre em Wegweiser zum Wiesbadener Besuche sichren. Der Realpolitik des deutschen Reiches liege die Freundschaft zu Äiußland zu Grunde, welche den beider­seitigen Interessen entspräche. Diese alte Wahrheit werde für alle Welt dank der Wiesbadener Begegnurig aufs Neue her v o rtreten.

Komische Tagesschau.

Die Vertagung der Militärvorlage.

Man schreibt uns aus Berlin, 5. November:

Daß die ursprünglich für die nächste Reichstagssession in Aussicht gestellte Militärvorlage vertagt ist, wird all­seitig bestätigt. DieKreuzztg." wirst die Frage aus, irrte die Regierung sich mit dem am 1. April nächsten Jahres ablausenden Provisorium der zweijährigen Dienstzeit ab» sind en werde? Die Frage ist einsach dahin zu beantworten: das Provisorium wird auf ein Jahr ver­längert. Als ausgeschlossen darf jedenfalls die Rück­kehr zur dreijährigen Dienstzeit gelten, ebenso die Annahme eines Vermittlungsvorschlages, den General­leutnant v. d. Boeck macht: Anwerbung von freiwillig ein drittes Jahr Dienenden unter Gewährung von Prämien. DieKreuzztg.", die diesen Vorschlag mitteilt, sagt selbst von ihm, es sei nichts anderes als eine Rekonstruktion des dritten Jahrganges unter sehr bedeutenden Mehrkosten. Von den Kosten einmal abgesehen, die ja schwerlich einen bewilligungssrohen Reichstag finden. Mehr ins Gewicht fällt das Bedenken, Leistungen solcher Art, die vor allem Lust und Liebe voraussetzen, mit Geldzuwendungen zu ver- I knüpfen. Im deutschen Heere sollte der materielle Vorteil eine möglichst geringe Rolle spielen. Mit den Unterosfiziers- prämien läßt sich hier kein Vergleich ziehen. Diese Prämien werden nach Beendigung einer langen Dienstzeit bewilligt, um den Unteroffizieren das Fortkommen in einem bürger­lichen Berus zu erleichtern. Wir glauben nicht, daß in unseren maßgüreirden Kreisen Neigung besteht für ein An- we^ungssyjtem, wie es Generalleutnant von der Boeck .empfiehlt.

Für die Vertagung der Militärvorlage ist. u. a. gellend gemacht worden, daß die parlamentarische Lage, insbe­sondere durch die große Anzahl von neuen Abgeordneten, ^welche erst die parlamentarischen Kinderkrankheiten durch­machen müssen", höchst ungünsttz sei. DieDeutsche Tages- zellung", das Organ des- Bundes der Landwirte, betrachtet diesen Grund der Verzögerung als nicht srichhaltig. Im übrigen erscheine es fraglich, ob es im Interesse der Heeres­verwaltung liege, wenn sie das jetzt geltende Ouinqennats- gesetz einfach ablaufen lassen und sich mit der etatsmäßigen Festsetzung der Heeresprchenzstärke begnügen wollte. Tue die Heeresverwaltung das, so werde man ihr, falls sie im folgenden Jahre eine Militärvorlage unterbreite, von libe­raler Seitemit einem Scheine des Rechts" entgegenhallen können, daß die Festsetzung der Heeressrärke für ein Etats- icchr und im allgemeinen genügen müsse.

Mir nehmen unsererseits an, daß die Vertagung der Militärvorlage hauptsächlich dadurch herbeigeführt wird, daß die Regierung in der nächsten Reichstagssession der Ma­rine den Vortritt lassen will. Wir haben wiederholt, gestützt auf zuverlässige Informationen, neue Marine- forderungen, speziell für die A u s l a n d s f l o t t e, in Aussicht gestellt. DieNationalztg." bestätigt in ihrer heutigen Abendnummer, daß solche Forderungen im Plane liegen. DieNationahtg." schreibt:Die von der Regierung geforderten Auslands schiffe sind bei der letzten Flotten­

novelle von dem Reichstag abgelehnt worden. Unsere Ma- rineverwaltuug kann aber, gemäß ihrer von Anfang an abgegebenen Erklärungen, nicht umhin, auf eine Vermehrung der Auslandsflotte zu bestehen. Es ist möglich daß dem Reichstage bereits in seiner ersten Session eine dahin­gehende Vorlage zugeht. Es sei sehr wahrscheinlich, daß die maritimen Kreise außer den zurzeit geforderten sechs großen und sieben kleinen Kreuzern für das Ausland auch an den Bau von Linienschiffen für das Ausland denken. Hierdurch wird also auf größere Marinesorderungen vor­bereitet. Einerseits Rücksichten auf die Finanzlage, anderer­seits die Beherzigung des bekannten Wortes, daß man nicht zwei Hajen aus einmal jagen soll, dürften den Beschluß gezelligt haben, die Militärvorlage zurückzustellen.

Die bayerischeGrnndwertsteuer".

Der Münchener Kammer der Abgeordneten liegt ein Gesetzentwurf über Grundwertsteuer vor. Dieser Gesetz­entwurf verdankt seine Entstehung dem in Beschlüssen vom 21. Juni 1900 und 14. Juli 1902 ausgesprochenen Ver­langen der Kammer der Abgeordneten nach einer höheren Besteuerung der Spekulationsgelände. Die Grundsteuer sollte für solcye Bau- und Spekulations-Ge­lände nach dem gemeinen oder Verkehrswerte erhoben werden, 3 vom Tausend dieses Wertes betragen und die Mertermittelung soll von 3 zu 3 Jahren wiederholt werden. Diesem Verlangen kommt der Regierungsenrwurf nur in sehr beschränktem Maße entgegen. Er führt die Grundwerr- steuer, ohne das gertugste an der äußerst reformbedürfti­gen städtischen Grund- uni) Haussteuer von 1827 zu ändern, nur jalnttativ und nur in Höhe von 1 vom Tausend ein und bestimmt nichts über eine regelmäßige Wiederholung der Wertschätzung. Tie Hälfte des Erträgnisses der neuen Steuer soll den Gemeinden über wiesen werden.

In der letzten Sitzung des Ausschusses erklärten sich die Delegierten fast aller Parteien mit der Forderung der Regierung einversianden. Nur wurde versa) iedentlick) die Ansicht laut, daß der Satz von eins pro Mille zu gering sei. Der Finanzminister legte dar, daß ihn vornehmlich sozialpolitische Rücksichten zu dem Gesetzelitwurf geführL hatten. Es handele sich um einen Versuch, der später auszubauen (et Der Satz von eins zu Tauend erscheine ja etwas gering, aber wenn sich der Versuch bewähre, so fei. eine Steigerung jederzeit möglich Eine Progressiv-, steuer, die von verfchieoenen Seiten angeregt wurde, hält der Minister für schwer durchführbar, weil der Maßstab der Steigerung sich nicht leicht finden lassen werde. Die Verhandlungen wurden schließlich vertagt.

Deutsches Kelch.

Berlin, 5. Nov. Auf die von dein Kurator und dem Rektor der Königlichen Akademie zu Posen dem Kai­ser erstattete Meldung von der Eröffnung der Akademie ging folgendes Telegramm ein:

Se. Exzelleiiz dem Oberprüsidenten v. Waldow Posen. Se. Majestät der Kaiser und König lassen Eurer Exzellenz und dem Rektor Kühnemann (früher in Marburg, nicht Ko bürg, wie gestern ein Druckfehler sagt. D. Red.) für die Meldung von der Eröffnung der dorti­gen Königlichen Akademie uni) für das Gedenken der Fest- Versammlung vielmals danken. Se. Majestät werden Der neubegründeten Hochschule Allerhöchst chr bejoriders freundliches Interesse auch in Zukunft bewahren und hoffen, daß Lehrer und Studenten bei der Pjlege der deutschen Wissenschaften auch die Pflege der deut­schen Tugenden, voran Treue gegen Gott, König und Vaterland sich allezeit angelegen sein lassen werden, zum Segen der Provinz Posen und Der ganzen Bevölkerung. Auf Allerhöchsten Befehl (gez.) von Lucanus."

In derHilfe" wird die Mitteilung bestätigt, daß der Abg. v. Ger lach vom L Januar die Chefredaktion der bisher freisinnig-demokratischenBerliner Z t g." übernehmen werde.

Ter Bundesrat hat in seiner heutigen Sitzung die Vorlage betreffend die Tenkschrist über die Ausführ­ung der [eit 1875 erlassenen Anleihegesetze, die Vorlage betreffend Abänderung Der Vorschriften über die Auswan- dererichifse und die Vorlage betreffend den Entwurf einer Avanocrung der Montanstatistik Den zustänDigen Aus­schüssen überwiesen.

DieBert. Storr." berichtet: Um gemäß den Au s- führungsdestimmungen zum Fleischbeschau­gesetz zu prüfen, ob das in das Zollinland eingehende zu- bereitele Fleisch die Eigenschaft frischen Fleisches auch in den inneren Schichten verloren hat und durch entsprechende Be­handlung nicht wieder gewinnen kann, ist an einer der dicksten Stellen ein tiefer Einschnitt anzulegen. Soweit sich dies mit

den Rücksichten auf die Zuverlässigkeit der Untersuchung ver­einbaren läßt, ist darauf zu achten, daß bei der Ausführung des Schnitts eine Beschädigung und Entwertung der unter­suchten Fleischstücke, namentlich von Schinken, möglichst ver­mieden wird. Es empfiehlt sich daher, den Einschnitt beim Schinken in die Einwärtszieher des Hinterschenkels, dicht unterhalb der Gesäßschambeinfuge und parellel mit dieser, derart vorzunehmen, daß auf beiden Seiten des Schnittes eine Fleischivand stehen bleibt. Die Bestimmung, wonach bei Einzelsendungen, die mit der Post eingehen ober nachweis­lich zum gewerbsmäßigen Betriebe bestimmt sind, Die Unter­suchung in anderer Weise als mittels tiefen Einschnitts an einer der dicksten Stellen vorgenommen werden kann, roir$ hierdurch nicht berührt.

Gegenüber einer Wiener Meldung, wonach Deutsch» land gegen die östreichisch°rusfische Reformnote an die Pforte Bedenken erhoben habe, erfährt derBörs. Kur.", daß die Deutsche Regierung überhaupt nicht in Die ^age gekommen sei, sicy materiell zu Der Reformnote zu äußern. Deutschland habe lediglich dem Sultan nahegelegt, sich mit den Reformmächken zu verständigen, damit er sich vor Schlimmerem bewahre.

Wandsbek, 5. Nov. llm die Parade über ihr Hu- saren-RegimentKönigin Wilhelmina der Mederlande" ^Hannoversches) Nr. 15 abzunehmen, traf heute die Kö­nigin Wilhelmina mit dem Prinzen Heinrich der Niederlande 'hier ein. Die Königin fuhr im Wagen die Front des Regiments ab und nahm Dann in Der Dritte des Pa- radejelDes Aufstellung, worauf Das Regiment zunächst in Zugen im Schritt, Dann eskadronsweise im Trab Defilierte. Beim Früh stuck im Offizierstasino brachte Oberstleutnant Zitzewitz ein Hoch auf Die Königin aus, welches Die Köni- gin mit einem Hoch a u f das Regiment er­widerte, wobei sie ihre Freude ausdrückle, daß es ihr vergönnt sei, im Offizierskorps zu verweilen. Nach Dem Frühstück begab Die Königin sich nach Arolsen.

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Ausland.

London, 8. Nov. Der Mörder der beiden Arme-- nier, Iangie, ist von verschiedenen Personen iden­tisch mit Dem Mörder Sagounis erkannt. Er scheint 4045 Jahre alt gewesen zu sein, hatte schon einen Kahlkopf und trug eine langhaarige Perücke. Seine Leiche zeigt viele sJlarben von Vitriol-Verbrennung. Eurige hiesige Armenier wollen wissen, daß sl)angie viele politische Verbrechen hinter sich hatte und einer Der sichersten Schützen von Europa war. Die Alfaristen sollen ihn von Amerika hierhergeschickt haben, damit er alle zum Kongreß hier anwesenden Hentscha- listen niederschieße.

Brüffel, 5. Nov. DerSoir,, derüberdieDrey- s u s - A f f ä r e stets vorzüglich aus Paris informiert ist meldet heute, Kriegsminister Andro habe tatsächlich sestge- fteilt, baß das Schriftstück, in dem von D. Die Rebe ist, eine grobe Fälschung ist, die mehrere Monate vor Der Ver­haftung bes Dreyfus von Lemercier und Picarb auf höheren Befehl angefertigt worben fei. Der Kriegsminister teilte feinen Kollegen diese Entdeckung mit.

Paris, 5. 3loo. Die Kammer nahm ein von dem Sozialisten Dojeante beantragtes Amendement an, wodurch das Verlangen um Abschaffung der Kruzifixe in den Gerichtssälen ausgedrückt wird.

Madrid, 5. Nov. DasDiario universal" erzählt, seit September bereiteten die Republikaner eine re do lut io* näre Bewegung vor, wobei sie auf die Unterstützung von drei Generalen und auf zwei Schiffe rechneten, die von Republikanern angekauft seien, welche sich in Argentinien niedergelassen hätten. Das Komplott fei indessen gescheitert, da die Verbindungen zwischen den Beteiligten durch verschiedene Maßnahmen unterbrochen seien.

Wien, 5. Nov. Nach einem vergeblichen Versuche einer Darlehensaufnahme des Serbenkönigs in Paris in Höhe von zwei Millionen wollte jetzt der hiesige serbische Geschäftsträger bei der hiesigen Filiale einer Ver­sicherungsgesellschaft das Leben des Königs in derselben Höhe versichern lassen. Dies wurde von dem Direktor jedoch ab­gelehnt.

Petersburg, 5. Nov. Die Abberufung des russischen Botschafters inRom, Baron von Nelidow ist beschlossene Sache. Er wird zum Mitglied des Staatsrates ernannt werden. Seinen Posten erhält Fürst Urusoff, gegenwärtig Botschafter in Paris. Die Pariser Botschaft ist von Darmstadt aus dem Justizminister Murawiew übertragen worden. Der Nachfolger des Letzteren im Justizministerium

straffe, zarte oder Dicke Haut, heller ober Dunkler Teint, schwarzes, braunes, blondes, rotes H>aar von schlichter oder krauser Beschaffenheit, von größerer ober geringerer Dichtig­keit und Ausbreirung Der Familie oft oft reaft lange treu bleibt. So kann sich Die aus Der erblichen Uebertragung beruhenDe Familienähnlichkeit in allen Teilen Des Körpers, in Dem Rurnvse samt Den Organen, Die er einschließt, am Schädel, an den Haaren, Den Gliedern, ja sogar an den Fingernägeln gcltcnD machen, vor allem aber im Gesicht, Dem Teil Des Körpers, Der alle übrigen ebenso sehr an Mannigfaltigkeit des Baues wie an Ausoruasfäh^gkeit über­trifft unD Dem wir Daher für Die Beurteilung eines Men­schen Die größte BeDeutung beimessen.

Hiernach könnte es scheinen, als wäre es möglich, auf GrunD von Famllienähnlichkeiten Die Frage Der Abkunft eines Kindes von einem bestimmten Elternpaare zu ent­scheiden. Tem ist aber keineswegs so. Wie Diese Besonder­heiten nicht von jeher in der Familie vorhanden gerne (en sind, so werden sie auai nicht bis in alle Ervigkeit den Nachkommen übermittelt, ja sie sind nicht einmal zur Zeit ihrer größten Verbreitung bei allen Familienange­hörigen zu sind en. An dem im 14. Jahrhundert durch Die Gemahlin Des Herzogs Ernst Des Eisernen, Die riesenhafte Cimbarka von Masooien, in das Haus Habsburg gekom­menen Familienzuge, der starr borjpringeuDen Unterlippe, zeigt es sich, Daß selbst die harrnäcklgsten, eingewurzeltsten und verbreitetsten Jamilienzüge nicht allen Famillenglie- dern gemein sind, im Lause der Zett verblassen und schließlich völlig verschwinden. Außerdem ist es oft un­möglich zu enlicheiden, was Familien- und was Rassen­oder Stammeseigentümlichteit ist. Wem wäre noch nicht -in einer von einem fremden Menschenschläge bewohnten Ge­gend zwischen Den ihm in einem Eisenbahnwagen gegen­über si^nd en Fahrgästen eine so große Aehnlich-kett aus­gefallen, daß er hatte wetten mögen, es mit Angehörigen einer und derselben Familie zu tun zu haben, während

sich nachher herausstellte, daß keinerlei verwandtschaft­liche Beziehungen bestanden? Andererseits läuft man.Ge- sahr, eine aus bewußter oder unbewußter Nachahmung beruhende Aehnlichkeit des Ausdrucks für eine ererbte Aehnlichkett der Form zu halten. Nicht mit Unrecht be­zeichnen die Physiognomiker den Nachahmungstrieb als die Grundlage der Mienenbildung. Ter Gesichtsausdruck des KttiDes, seine Haltung, seine Bewegungen modeln sich nack) der Umgebung, insbesondere nach den Personen, die ihm am nächsten stehen, und dadurch wird eine von Der Erblichkeit ganz unabhängige Aehnlichkeit herbeigeführt. So hörte ein Ehepaar, das ein ganz fremdes Mädchen an Kindes statt angenommen hatte, auf Schritt und Tritt von Uneingeweihten, das Kind ähnele der Niutter (die in Wirk­lichkeit die Pflegemutter war) üi ganz hervorragendem Grade? Aber damtt sind die Schwierigkeiten für Die Be­urteilung Der Aehnlichkeit oder Unähnlichkeit noch keines­wegs erschöpft. Bei dem gräflich Kwileckischen Ehepaare handelt es sichj um Eltern, Die im Greisenalter stehen, und um einen siebenjährigen Knaben. 9hir wer keine Ahnung von den Gesetzen des Wachstums und von Den gewaltigen Veränderungen hat, Die im Aeußern Des Kin- Des bis zur Erreichung des Mannesallers vor sich gehen, kann bei solchen Altersunterschieden wirklich Aehnlichkeit zu finden erwarten. Das Wachstum ist ja kein bloßes Größerwerdeli, vielmehr lehrt schon eine oberflächliche Be­obachtung, daß nicht alle Teile des Körpers gleichmäßig an Länge unD Umfang zunehmen, sondern daß sich die Größenverhältnisje der einzelnen Teile zueinander wäh­rend Der Tauer Des Wachstums bestänDig änoern, in Dem manche Teile mehr, manche weniger, manche siüher, manche später wachsen. Tie Ge,ralt- und Größenverhäluiisje Der einzelnen Körperteile müssen also beim KinDe ganz anDrer sein als beim Erwachsenen und selbst als bei Den eignen Eltern, eine ererbte Aehnlich-keit wird daher erst im spätem Leben deutlich hervortreten.

Zudem beruht ein großer Teil dessen, was man ge­wöhnlich für Aehnlichkeit ausgibt, auf der oberflächlichen Auffassung der gröbsten Verhältnisse und Umrisse, und Das ungeübte Auge ist in Dieser Beziehung überraschenD leicht zuftieDengestellt; es begnügt sich nur zu gern mit einem einzigen hervorstechenden Zuge, während es die vorhan­denen Unähnlichkeiten übersieht. Ein Anatom, der sich mit dieser Frage eingehend beschäftigt hat, behauptet, Daß zwei anjcheinenD Die Deutlichste Aehnlichkeit aufwellende Ge­sichter, statt mit den Augen der Frau Base mit Zirkel und Winkelmaß geprüft, die größte Verschiedenheit zeigen, und zwar nicht nur in untergeordneten Einzelheiten, sondern wirklich in größern und wichtigem Abschnitten. Ein an­derer Anatom weist nach, daß man auf einem unD dem­selben Schädel durch Veränderung der ungemein wand- lungssähigen Weichteile Gesichter konsttuieren könne, Die keineswegs untereinander das hätten, was man Familien­ähnlichkeit meint; hingegen gelinge es leicht, nach merk­lich verschiedenen Schädelformen sehr ähnliche Gesichter auszuprägen. Älacht man sich das llar, so wird man zugeben müssen, daß es nahezu unmöglich ist, eine Ueber- einftirnmung der Beurteiler über die Aehnlichkeit zweier Menschen zu erzieleli. Das hat man oft genug erlebt, wenn es sich darum handelte, durch Sachverständige prüfen zu lassen, ob jemand auf einem bestellten Bilde, dessen Bezahlung er wegen Unähnlichkeit verweigerte, gut ge­troffen ist. In solchen Fällen lauten die Urteile selbst der gewiegtesten Kenner nicht selten völlig entgegengesetzt. Aus artet)em ergibt sich, daß die Aehnlichkeit zwischen Menschen verschiedenen Alters etwas zu Zweideutiges ist, als daß man daraufhin allein eine Ueberzeugung über Die Elternschaft gründen könnte, und wenn die Gräfin Kwilecki keine besseren Beweise für ihre Behauptung hat, daß sie die Mutter des angeblich untergeschobenen Knaben sei, jo ist es um ihre Sacye schlimm bestellt.