— Aus Meran wird gemeldet: Der Oberhofmeister der deutschen Kaiserin, Frhr. v. Mirbach, ist hier ein* getroffen, jedoch nicht, um f ü r K a i s e r W i l h e l m eine Billa zum Wi n t e r a u s e n t h a l t zu m ie ten, sondern zu dem heute stattfindenden Begräbnis fernes hier verstorbenen Bruders, des Freiherrn Magnus v. Mir- badL Tirektors der belgischen Kommerzialbank.
Ao ko Hama, 3. Dez. Einer Meldung aus Tokio zufolge verlangte in den lebten zehn Tagen der japanische Gesandte in Petersburg, Kurin», vom Grasen Lamsdorfs eine Antwort auf die e n d g ü l t i g e n B o r s ch l ä g e Japans. Lamsdorfs schlug daraus vor, daß er persönlich die (Genehmigung des Kaisers Nikolaus zu dem von dem Statthalter Alexejesf und dem russischen Gesarrdten in Tokio, Baron Rosen, ausgestellten Entwurse einholen wollte, er sei jedoch bisher ourch die Erkrankung der Kaiserin verhindert worden.
Aus Stadl uui) Land.
Gießen, den 4. Dezember 1903.
— Sitzungen deS Schwurgerichts. Im vierten Quartal dieses Jahres finden folgende Sitzungen statt: Am Montag den 7. Dezember, vormittags 9’/2 Uhr, gegen Karl Kuhl und Wilh. Jüngling aus Orleshausen wegen Sittlichkeitsverbrechens; am Dienstag den 8. Dezember, vormittags 9 Vs Ubr, gegen Gustav Klo st er mann aus Jakobshagen wegen Körperverletzung mit tötlichem Erfolg.
** Alpenverein. Die Sektion Gießen hielt gestern abend ihre Jahresversammlung ab. Berichterstattung und Rechnungsablage gewährten einen erfreulichen Einblick in die Tätigkeit und fortschreitende Entwickelung des Vereins. Bei der Vorstandswahl wurde Professor Dr. Drude an Stelle des nach Halle verzogenen Druckereibesitzers Burkhardt, des früheren Geschäftsleiters der Brühl'schen Druckerei, in die Sektionsleitung gewählt, im übrigen wurden die seitherigen Vorstandsinitglieder von neuem bestätigt. Nach Beendigung des geschäftlichen Teiles hielt Herr A. Peppler vor den zahlreich erschienenen Zuhörern den angezeigten Vortrag, über den wir demnächst noch ausführlicher berichten werden.
♦* Aus dem Bureau des Stadttheaters. Die zweite der Fremdenvorstellungen, die sich so außerordentlich gut eingeführt haben, findet Sonntag, den 6. Dezember, nach- mittags 3^/z Uhr statt, und zwar bringt sie Meyer-Försters beliebtes Schauspiel Alt-Heidelberg. Das Stück mit seiner neuen Ausstattung, dem farbenreichen Studentenmilieu, der Heidelberger Schloßdekoration, den Beleuchtungseffekten, wie den Mondaufgang über dem silberglänzenden Neckar- fluß usw. Das Stück hat bei flotter Darstellung unter der jetzigen Direktion einen ganz besonderen Erfolg gehabt und dürfte wiederum große Anziehungskraft ausüben. Die Fremdenvorstellungen finden bekanntlich zu ermäßigten Preisen statt. — Sonntag abend geht Otto Ludwigs ,Erbförster" in Szene.
** Die Temperatur im Theatersaal. Aus unserem Leserkreise schreibt man uns: Während der gestrigen Vorstellung von Wildes Salome herrschte im Theatersaal eine Eiseskälte, so daß das Publikum zum größeren Teil gezwungen war, in Mäntel und Tücher gehüllt, b?r Vorstellung zu folgen. Aber auch die Schauspieler zitterten vor Frost. Wir meinen, es sei eine Forderung der Billigkeit, daß der Theatersaal nur völlig durchwärmt dem Publikum zugänglich ist. Mit welchen Gefühlen mögen die darstellenden Künstler aus diesem trostlosen, kalten Lokal geschieden sein! — Ta kommt eine Zuschrift der Direktion gerade recht, die folgendes sagt: „Die unliebsame Kalte, die sich bei dem Salomegastspiel im Theater geltend machte, hat ihren Grund dann, daß das szenische Bild eine größere Oefsnung nach dem Kellerraum sowohl bei den Proben wie bei der Vorstellung bedingte. Für gewöhnlich wird für wünschenswerte Temperatur im Saale Sorge getragen fein/ — Wir wollen es hoffen!
— Bei Frost weiter werden an die Beherrscherinnen der Küche und die Wächterinnen der Sauberkeit im Hause Anforderungen gestellt, die leider nicht immer befolgt werden. Das Wasserfchütten auf die Straße soll nach polizeilicher Vorschrift unterlassen werden, und Zuwiderhandlungen werden bestraft, eventuell trifft die Strafe die Hausbesitzer, wenn nämlich die eigentlichen Missetäter oder vielmehr -Täterinnen nicht ausfindig gemacht werden können. Bei der Gelegenheit darf wohl auch daran erinnert werden, daß bei Schnee früh morgens die Paffage frei gefegt, bei Glatteis Sand oder Asche gestreut werden muß.
** Bei der Submission zur Fleischlieferung für die Garnison für das Winterhalbjahr blieben die nachstehenden Metzger Mindestfordernde: Schlörb und Heßler Ochsenfleisch Mk. 1.26, Kuhfleisch All. 1.16; Hillgardt, Möhl und Schlörb Schweinefleisch Mk. 1.20; Konrad Malkomesius Hammelfleisch Mk. 1.44—1.46; Schlörb Kalbfleisch Mk. 1.22 pro Kilo.
** Diebe. Von unbekanntem Täter, jedenfalls einem Bettler, wurden aus dem Vorplatz eines Hauses der Frankfurterstraße ein Gummimantel und ein Ueberzieher gestohlen. — Bezüglich der hier in der Nacht vom 26. auf 27. v. Mts. vorgekommenen Einbruchsdiebstähle können wir mitteilen, daß in der Nacht vorher in Kassel auf ganz gleiche Weise fünf Einbrüche verübt wurden. Auch dort juchten tue Diebe solche Läden auf, die einen Eingang vom Hausflur aus hatten und nahmen nur Bargeld mit. In einem Falle nur ließen sie zwei Kistchen Zigarren mitgehen.
** Professor Dr. Staudinger richtet heute in einem Briese die Bitte an uns, zu seinem Vottrag über „Bodenreform als ethisches Kulturproblem" noch mitzüleilen, daß er das ethische Moment nicht darein gelegt habe, daß der Zweck aller Arbeit die Befriedigung unserer Lebensbedürfnisse ist. Er habe nur zeigen wollen, wie im Christentum ideell und dann in unseren modernen Verfassungen reeller die Idee des gemeinschaftlichen Rechtslebens auftaucht. Diese Rechtsidee als solche begründe sich nicht aus dieser Entwickelung als solcher, sondern aus dem Gedanken dcS vernünftigen Zusammenlebens vernünftiger Wesen (also im Gegensatz zu den Faktoren Gewalt und Lisi). — Wir bemerken dazu, daß des Redners Ausführungen im Zusammenhang cs nicht gut anders denkbar erscheinen ließen, als habe er diesen Gedanken des vernünftigen Zusammenlebens aus dem Satz: Zweck aller Arbeit ist die Befriedigung der Lebensbedürfnisse
entwickeln wollen, denn seine Darlegungen über den Kapitalismus wurzelten doch wohl in dieser Auffaffung.
+ Vom Lande, 3. Dez. Während sich im vorigen Jahre allgemein ein Mangel an fetten Schweinen bemerkbar machte und infolge der hohen Fleischpreise gar manche Familie auf die gewohnten Hausschlachtungen Verzicht leisten mußte, herrscht zur Zeit ein besseres Verhältnis. Uebcrall aus dem Lande hat man im letzten Jahre der Schweinez ucht ein größeres Interesse zugewandt und fast durchweg zur Mast ein Stück mehr eingelegt als in früheren Jahren. Nun wird aber unfern Landleuten eine große Enttäuschung bereitet, denn es läßt sich fast kaum ein Metzger aus der Stadt sehen, um fette Schweine auf dem Lande aufzulaufen, dabei sinken diese von Tag zu Tag bedeutend im Preise. Während zu Beginn des vorigen Winters bis zu 70 Psg. das Pfund Schlachtgewicht gezahlt ivurde, ist es jetzt schon auf 50—52 Psg. zurückgegangen. Ebenso sind auch zum großen Leidwesen der Schweinezüchter die jungen Herbitferkel im Preise bedeutend gesunken, ja auf den letzten Märkten war darnach fast gar keine Nachfrage. Bei den herrschenden ziemlich hohen Kartoffelpreisen muß da unwillkürlich der Landmann sich fragen, wie er seinen Ueberschuß an Kartoffeln am besten verwenden soll. Bei der Schweinemast hat er mancherlei Umstände und Gefahren zu bestehen, welche ihm am Ende wohl mit kärglichem Lohne bemessen werden, während er beim Verkauf der Kartoffeln sofort mit klingender Münze belohnt wird, und es bleibt ihm auch noch mancher Verdruß erspart.
Butzbach, 3. Dez. Metzgermeister Jakob Rübsamen hier verkaufte sein in der Weiseierstraße gelegenes Wohnhaus nebst Metzgerei an S. Löwenstein, Metzgermeister in ^Rieder- Weisel, zum Preise von 35 000 Alk. Wie man hört, bead- ichtigt derselbe, die Ochsenmetzgerei weiterzuführen und gleichzeitig eine Wurstfabrik zu eröffnen. (B. Ztg.)
0 Münzen berg, 3. Dez. Der Besuch unserer Burg „Wetterauer Tintenfaß" genannt, war in diesem Somm-r wieder ein bedeutend größerer als in früheren Jahren, was wohl durch den neuen Bahnbau verursacht wurde. Die Vollendung dieser Strecke Lich-Butzbach, welche voraussichtlich am 1. April 1904 eröffnet wird, bringt unsere Burg den Städten Frankfurt, Friedberg, Nauheim und Gießen bedeutend näher. In den letzten Jahren sind an den beiden Türmen und Mauern der Burg umfangreiche Renovierungsarbeiten vorgenommen worden.
-s- Friedberg, 3. Dez. Die hiesige Karneval- Gesellschaft hat beschlossen, an Fastnacht 1904 eine glänzende Karnevalfeier und einen stattlichen Festzug durch die Stadt zu veranstalten.
Friedberg, 3. Dez. Der um 4.25 Uhr früh von Friedberg nach Frankfurt gehende Lokalzug Nr. 800 wird vorn 15. Dezember bis 29. Februar in Wegfall kommen. Dafür wird em neuer Zug eingelegt, der um 6.25 früh Friedberg verläßt, auf allen Stationen hält und um 7.41 in Frankfurt eintrifft. Vorn 1. März ab läuft der Zug wieder wie im jetzigen Fahrplan.
() Nüddingshausen, 3. Dez. Der 80jährige Einwohner N. hier hat sich an der Bettstelle erhängt; der Lebensmüde sröhnte dem Alkohol, und deffen Wirkung wird auch das Mollv der Tat jein.
)( ©rünberg, 3. Dez. Infolge der kürzlich vorn Ge- meinderat beschlossenen Verbrauchssteuerabgabe auf Bier sand gestern abend im ,Hirsch" eine Versammlung der hiesigen Wirte statt, in welcher nach eingehender Aussprache ein Beschluß dahin gefaßt wurde, das Großh. Kreisamt Gießen um Nichtbewilligung des diesbezüglichen Gemeinderatsbeschlusses zu ersuchen.
c. Zell-Romrod, 2. Dez. Am hiesigen Stationsgebäude ist ein Anbau errichtet worden, der S r. K ö n i g- lichen Hoheit dem Grobherzog bei seinem jeweiligen Aufenthalt im hiesigen Jagdschloß als Empfangsraum dienen soll. Er ist nach Plänen der Eisenbahn-Verwaltung von Bauunternehmer Winn-Gießen ausgeführt und so weit fertig, daß die Innendekoration des Fürstenziniiners, die vollständig im schweren Iagdstil gehalten ist und aus Eichen- holzmöbeln, Geweihspiegel und Lüstre-Vorhängen re. besteht, von der Möbelfabrik Th. Brück-Gießen entworfen und verfertigt, nächster Tage zur Ailfstellung gelangen wird. Diesem schweren Jagdstil fügt sich trefflich der in dunklem Wiarmor gehaltene, nach einem Entwurf von H. Winn aus- gcsührte Kamin ein, deffen Holzfeuerung den Eindruck des Behaglichen vollendet. Die elegante Einrichtung der Toiletteräume wird in weißem Marmor und Glas mit Messing- garnitur von der Firma H. Schaffstaedt-Gießen nach deren Entwürfen ausgesührt, so daß der aus Fürstenzimmer, Garderobe und Toiletteräumen bestehende Anbau, einheitlich und geschmackvoll durchgearbeitet, voraussichtlich bei Sr. König!. Hoheit Anklang finden wird.
Darmstadt, 3. Dez. Die Großfürstin Sergius be= giebt sich Sonntag vormittag auf die Heimreise nach Rußland. Der Großherzog wird die Weihnachtstage voraussichtlich als Gast des Prinzen und der Prinzessin Heinrich in Kiel verbringen.
Mainz, 3. Dez. Die Explosion in der Mohrenapotheke entstand nach dem „Mzr. Tgbl." dadurch, daß dem Provisor eine mehrere Liter haltende Benzinflasche entglitt und auf dem Ladentisch zerschellte. Das Benzin entzündete sich an der Hitze des dicht dabei befindlichen Ofens und explodierte, wobei die Kleider des Provisors Pischml eck aus Ratibor im Augenblick Feuer fingen. Der etwa 25 Jahre alte Mann erlitt so beträchtliche Verletzungen, daß sein Zustand äußerst bedenklich ist.
Wetzlar, 3. Dez. Landrat Dr. Sartorius veröffentlicht im „Wetzl. Anz/ das folgende:
In der letzten Zeit find nur wiederholt unterschrists* lose oder mit angenommenen Namen unterzeichnete Anzeigen zugegangen. Ich teile den Einsendern aus diesem Wege mit, daß olle derartige Eingaben bei nur in den Papierkorb wanden. Wer glaubt, eine Anzeige erstatten zu sollen, muß auch den 9)1 u t haben, mit seinem Namen i ür ihre Richtigkeit einzustehen, und kann sich versichert halten, daß ich die mir gemachten Anzeigen Sorgfältig prüfen werde.
w. Wetzlar, 3. Dcz. Der Besuch unserer landw. Winterschule hat sich mit Beginn des diesjährigen Winter- tursuS bedeutend gehoben. Während an dem vorjährigen Kursus nur 17 junge Leute beteiligt waren, ist die Zahl diesmal auf 28 Schüler gestiegen. Der Kursus ist ein zweijähriger, resp. er dehnt sich auf zwei Winter aus; aber leider
fehlte auch bisher bei vielen Besuchern das Jntereffe, um die Anstalt voll auszunutzen.
fj Franken berg, 3. Dez. Der Kreistag für den Kreis Frankenberg beschloß heute, eine Petition an den Staatsminister Budde zu senden, in der dringend um die Erbauung einer Eisenbahn von Station Zimmers- rode der Main-Weser-Bahn ausgehend über Jesberg, Geuiünden, Haina nach Frankenberg und einem Abzweig nach Gemünden durch das Wohratal nach Kirchham gebeten wird. Da in dem zuletzt genannten Orte Anschluß an die» Bahn nach Riede r-Gemünden — Alsfeld erreicht wird, wäre mit Erfüllung des genannten Projektes eine direkte Verbindung mit der hessischen Provinz Ob er Hessen geschaffen.
Wiesbaden, 3. Dez. Im Rathause waren heull Vertreter der Handelskammern Diez, Limburg, Wetzlar und Wiesbaden zu einer nicht öffentlichen Sitzung zujamrncn- getreten. Zur Besprechung gelangten: die Hebung des Fremdenverkehrs in Nassau, Lahn Kanalisation, Arbeitsnachweis uud Unterscheidung des Handiverks von Fabriken Die Beratungen dauerten drei Stunden.
giue Attle zugunsten ver dtulschen Spache, spricht die „Deutsche Volksw. Korr." aus; sie schreibt: Der deutsche Reichstag ist für die nächste Session mit der üblichen Formel einberufen worden, in der es heißt: „Ter Reichstag wird berufen, am 3. Dezember d. I. in Berlin zusammenzutreten, und beauftragen Wir den Reichskanzler mit den zu diesem Zweck nougen Vorbereitungen." Trotzdem gegen die Hintenanflellung des Wortes wir vom Standpunkte der deutschen Sprache mancherlei Einwendungen berechtigt sind, hat diese Formel ein gewisses Bürgerrecht erlangt. Alt ist ja die Formel, sehr alt Man muß in den Bänden des Reichsgesetzblattes zurückgehen, bis das Reichsgesetzblatt in ein Bundesgesetzblatt sich verwandelt und brs zur Einberufung des er,ren Reichstags des Norddeutschen Bundes. Im Jahrgange 1867 des Bundesgesetzblattes des Norddeutschen Bund cs finden wir auf Seite 31 zum erstenmal die Formel in der heute noch üblichen Fassung gebrauchst. Es heißt dort: „Der Reichstag des sJiorbi)eut[a.jen Bundes wird berufen, am 10. September d. I. (1867) in Berlin zusammenzutreten, und beauftragen Wir den Bundeskanzler mit den zu diesem Zweck nötigen Vorbereitungen." Für die Einberufung des preußischen Abgeordnetenhauses, das doch vielfach für die parlanientari- schen Gepflogenheiten des Reichstages maßgebend gewesen ist, enthält die Formel nicht die zweifelhafte Inversion, sondern lautet recht und schlicht: „Die beiden Häuser des Landtages der Monarchie, das Herrenhaus und das Abgeordnetenhaus werden.... zusammenberusen." Weshalb von dieser sprachlich korrekten Formel jür den Reichstag abgewichen ijt, wird heute schwerlich zu ergründen sein. Nur den Vater der Einbepufungsformel für den Reichstag vermag man ncs) festzustellen. Unmittelbar vor der Ein- berufungsordre des ersten Reichstages des Norddeutschen Bundes findet sich ein Erlaß, betreffend die Errichtung des Bundeskanzleramtes, in dem zum Präsidenten desselben der damalige Wirkt Geh. Oberregierungsrat Ministerialdirektor Delbrück ernannt wurde. Unzweifelhaft haben wir in diesem den Vater für den Stil der Neichstagseinberuf- ungsordre zu erblicken, wenngleich schon der damalige Bundeskanzler, Graf v. Bismarck-Scpönhausen, das Schriftstück gegengezeichnet hat Im Drange der Geschäfte mag Telbrüct oder feinem Schreiber die sprachlich falsche Formel in die Feder geflossen fein, was doch aber wahrlich kein Grund ist, sie nun durch die Jahrzehnte weiter zu schleppen, besonders, da die Formel geeignet ist, der immer mehr einreigenöen Inversion Vorschub zu leisten. Wie bei allen Inversionen, hat auch die in der Einberufungsordre des Reichstages eine enge Gedankenverbindung der beiden SatzteUe nicht herbeigeführt, und tatsächlich haben die beiden Sätze auch nichts miteinander zu tun. Es wird heute sehr viel reformiert, auch am Reichstagswahlrecht durch das Gesetz über die Wahlzellen. Sollte es nicht angebracht sein, auch einmal im Interesse der deutschen Sprache eine Reform ein Ire ten zu las, en? Man braucht nach Wustmann nur den Rat zu befolgen, den schon der junge Leipziger Student Goethe seiner Schwester Cornelia gab, wenn sie in ihren Briesen Inversionen geschrieben hatte: einen Punkt zu setzen, das und zu streichen und mit einem großen Anfangsbuchstaben anzufangen. Ein Schriftsteller, der die Jnverston auf das strengste vermieden hat, ist auch Lessing. Wir denken, der sollte auch dem Herrn Reichskanzler maßgebend sein.
Vermischtes.
• Frankfurt a. M., 3. Dez. Der Student Sabor, ein Sohn des früheren RetchZtagsabgeordneten Sabor, hat sich, der „Kl. Pr." zufolge, erschossen.
* Berlin, 4. Dez. Gestern abend verletzte der Arbeiter Forgiarini nach einem Wortwechsel seine Geliebte schwer mit zahlreichen Messerstichen. Der Täter wurde verhaftet.
* Wien, 3. Dez. Der Weingroßhändler Franz Kurz hat sich krankheitshalber erschossen.
* Bei der Sparkasse der italienischen Stadt Cagli wurde ein Fehlbetrag von 300000 Lire entdeckt. Sämtliche Beamten der Kasse sind in Hast genommen worden.______________
Vniverfilüts Nachrichten.
— Der Privadozent Dr. Karl Heldmann zn Halle a. S ist zum auverordentlichen Prosessor in der phtlosophlschen Fakultät der dortigen Unioersuäl ernannt worden.
Kanöel und ytrkfljr. Volkswirtschaft.
Eine neue Reichs att le ih e in Sich t. Wie jujon im September von uns berichtet wurde, ist das Reich in die Notwendigkeit versetzt, eine neue Anleihe aufzuneh-' men, da der Reichshaushalt für des Jahr 1904 mit einem Fehlbetrag von 229 Mill. Mark ab schließt, wovon 214 Mill, aus dem Anleiheweg gedeckt werden sollen. Es müssen für diesen Fall 240 Mill. Mar! 3°/ö Anleihe begeben werden. Ob dreje Anleihe ihrem ganzen Umfang nach vom Reichstag bewilligt, oder üb sie beschn.tlen wird, ist eine offene Frage. Das „53erL Tagebl." geht aus die Eventualität oer neuen Anleihe des Näheren ein und weist auf ben offenen Mißerfolg der Anleihe vom April d. I. hi», die erst seit ganz furyr Zeit vollständig untergebracht zu sein scheint. Es werden die Ursachen, die aus einem )deutbaren Erfolg einen tatsächlichen Mißerfolg machten, twch- mals vorgeführt. Was für die Zukunft geschehen soll, da-


