Ausgabe 
4.9.1903 Zweites Blatt
 
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Mit einem begeisterten Hoch würbe diese Kundgebung begrüßt. Die DLittagssttmde vereinigte eine große Zahl der Festaaste zu einem gemeinsamen Mahle, bei dem auch die Triuksprüche nicht fehlten.

Zu der nm 3 Uhr nachmittags im größten Saale der Stadt stattsiudenden zweiten öffentlichen Festver- sammlung fand sich wiederum eine so starke Zahl der Besucher ein, daß eine große Zahl derselben nur außerhalb des Saales einen Platz finden konnte. 'Nach den Begxüß- ungsworten des Vorsitzenden gedachte zunächst Realschul­direktor Dr. Labm-Groß-Unrstudt der Bedeutung des 2. September als des nationalen Festtages und schloß mit einem begeistert aufgenommeneu Hoch aus Kaiser und Landesherrn. Ihm folgten die herzlichen Ansprachen des - Tekans Bergmann- Bab enhausen namens des Dekanats- ausschusses und der Geistlichen des Dekanats, der Ver­treter der a»uswärtigen Hauptvereine, des Pfarrers Din­ge ld e y - Darmstadt namens des Gustav-Adols-Vereins. Ten Höhepunkt der Begrüßungen bildete eine Zuschrift des hessischen Oberkonsistoriums, die wir nach­stehend im Wortlaut wiedergeben:

Zu dem Jahresfeste des Evang. Bundes in Hessen senden wir Ihnen gerne ein herzliches Begrüßungswort und wünschen Ihren Verhandlungen besten Erfolg! Wir wissen uns mit Ihnen in der UejErzeugung eins, daß die kirchliche und religiöse Lage der Gegenwart nichts so dringend erheischt wie den Zusammenschluß aller Evangelischen. Der von den Kirchenregier­ungen geplante engere Zusammenschluß der deutschen Landeskrrchen wird nur dann seine volle Wirkung ent­falten, wenn er von der Zustimnmng und Mithilfe der Glaubensgenossen getragen wird. Wir hoffen, bei dem Evangelischen Bunde hierfür volles Verständnis und freudige Unterstützung zu finden. Möge der Bund in den weitesten Kreisen unseres Volkes das evangelische Be­wußtsein stärken und es auch zu Gunsten unserer deutschen Glaubensbrüder jenseits der Grenzen wirksam anregen! Möge er überall den Entschluß wecken, für das hohe Gut der Glaubens- und Gewissensfreiheit und für alle Seg­nungen der Reformation wie ein Mann einzustehen. Das wird ihm mit Gottes Hilfe gelingen, wenn er ebenso bereit ist zu mutiger Abwehr ungerechtfertigter Angriffe und Uebergriffe, wie namentlich zur Entwicklung aller der Kirche des lauteren Evangeliums verliehenen Kräfte des Glaubens und der Liebe. Eine Hauptaufgabe des Evangelischen Bundes sehen wir in dem, was er in hin­gebungsvoller Liebe zu unserem deutschen Volke sowohl auf dem Felde christlicher Lrebestatigkeit als auch sonst mit den Waffen des Gmstes für die Sache des Evange­liums leistet. Das Wirken des Evangelischen Bundes, des Bannerträgers evangelischer Freiheit und evangeli­schen Glaubensmutes, des treuen Arbeiters für die Vächl- sahrt unseres lieben deutschen Volkes, wolle Gott der Herr mit seinem Segen krönen!

Darmstadt, den 26. August 1903.

Großh. Oberkonsistorium. Buchner.

Es folgten nun die Vorträge des Privatdozenten Lic. Nie berg a l l - Heidelberg überDer Protestantis­mus und das Deutsch e Reich" und des Generalsekra- tärs Lic. Bräu nlich-Halle überDer Protestantis­mus und Oesterreich". Der erstere begann seinen Vor-

Aus Stadt und Land.

h. Heuchelheim, 3. Sept. Die Grum meternte, welche in diesen Tagen ihren Anfang genommen hat, dürfte rechtbefriedigend werden. Infolge des nassen Sommers wurde das Gras in seinem Wachstum ungemein gefordert, sodaß sich selbst auf sehr trocken gelegenen Mesen das Mähen lohnt. Nach wie vor hat sich auch diesmal wieder unsere Wiesenbewässerung an der Lahn auf das beste bewährt. Seitdem dieselbe zur Durchführung gekommen ist, haben wir selbst in trockenen Jahren einen guten Grummetstand gehabt.

a. K r o f d o r f, 3. Sept. Mit nächsten Sonntag ist die Zeit der Kirchweihfeste herbeigekommen. Schon unter Bürgermeister' Eolnot wurde für sämtliche Gemeinden der Bürgermeisterei Atzbach-Launsbach diese Bestimmung ange­ordnet. Da aber die Ortschaften der .früheren Bürger­meisterei Atzbach in'diesen Tagen alle mit Einquartierung reichlich bedacht sind, so haben diese Gemeinden diesmock den 20. September zur Kirmes bestimmt.

k- Ob er-Rosb ach, 3. Sept.. Das Bad bei dem Römerkastell Kapersburg hat eine Drahteinfriedig- ung erhalten, um die noch gut erhaltenen Badeanlagen gegeneifrige Altertumsforscher" zu schützen. Auch.' die Bäume in und um den Badeanlagen sind gefüllt worden, da sie viel zur Verwitterung und zum Verfall des Ge­mäuers beitrugen.

Mainz, 4. Sept. Der Mörder Detrois wurde heute früh kürz vor 7 Uhr hin gerichtet. Gestern früh war ihm die Mitteilung von der bevorstehenden Exekution gemacht worden. Er hatte die Nachricht weinend, aber doch gefaßt aufgenommen. Im Laufe des gestrigen Tages traf noch der Vater des Unglücklichen ein. Die Hinrichtung voll­zog Scharfrichter Brandt aus Gotha.

Berleburg, 3. Sept, lieber die hier begangenen Unterschlagungen entnehmen wir derWittg. Ztg." folgendes:Wegen bedeutender Unterschlagungen ist der Rendant des hiesigen Spar- und Vorschuß­vereins G. Riedesel verhaftet und ins Untersuchungs­gefängnis gebracht worden. Tie Revisionsprotokolle sind bis heute noch nicht vollständig gesichtet, do chdürfte die unterschlagene Summe die Höhe von 70000 Mk. noch überstei gen. Merkwürdigerweise genoß der jetzt 60 Jahre alte Familienvater in bestimmten Kreisen ein ge­wisses Ansehen, sogar das größte Vertrauen, trotz der häufig wenn auch vereinzelt auftretenden Gerüchte, Niedesel be­gehe betrügerische Handlungen. Als ihm infolge der stetig bestimmter klingenden Gerüchte über Buch- re. Fälschungen der Boden unter den Füßen heiß wurde, spielte er sogar noch die gekränkte Unschuld und legte sein Amt, das er über 20 Jahre inne hatte, nieder. Seine und seiner Freunde Be­mühungen, in Verbindung mit den eigenartigen Verhält­nissen unseres Städtchens, war es M danken, daß die be­reits ausgeschriebene Stelle Riedesel verblieb und er so noch eine Zeit lang weiter fälschen und betrügen konnte. Nun hat ihn doch die Nemesis ereilt."

trag mit dem Mahnruf: Vergiß nicht, Deutsches Reichs den Geist, aus dem du stammst. Der Geist ist der Protestan­tismus. Er schilderte in eingehender Werse die Verhält­nisse zurzeit des alten Deutschen Reichs, die Zeit der Be­gründung des neuen Reiches mit einem evangelischen Kaiser an der Spitze und die Zustände der letzten Jahre. Die mit scharfen .Schlagworten gewürzte Rede wurde wiederholt mit begeisterten Zurufen unterbrochen. Als Ergebnis seiner Rede sand nachstehende von ihm verlesene Resolution die einstimmige Annahme:

,FZon der Ueberzeugung ausgehend, daß der Pro­testantismus eine wesentliche Quelle der Kraft für das wirtschaftliche, geistige, kulturelle und sittliche Leben des deutschen Volkes ist, erkennt die in Groß-Umstadt tagende Landesversammlung des hessischen Hauptvereins des Evang. Bundes in dem w ach senden Einfluß des Ultramvntanismus auf das politische Leben eine Gefahr für die Zukunft Deutschlands. Indem sie ihrerseits jede Verquickung von Religion und Politik als unvereinbar mit den Grundsätzen des Evangeliums ab­lehnt, erwartet sie doch, daß, wie in unserem gesamten evangelischen Volk, so in den verschiedenen politischen Par­teien sich mehr als bisher Männer finde?:, weiche jedem Vorstoß des politischen Katholizismus mit Entschieden­heit entgegentreten."

Ter zweite Hauptredner Lic. Bräunlich gab eine Schilderung der Entwickelung der Verhältnisse in Oester­reich. Er zeigte, wie dieses Land, das zur Reformations­zeit zum weitaus größten Teil evangelisch geworden war, unter Kaiser Ferdinand mit Gewalt durch Entziehung des Erwerbslebens und zuletzt durch Ausweisung zum Katholi- zisrnus zurückgczwungen wurde. Erst seit der sechziger Jähre des vorigen Jahrhunderts (1866) steht den Evangeli­schen politische und gewerbliche Gleichberechtigung mit den Katholiken zu, aber erst seit 1870 regt sich dort ein evangelisches Selbstbewußtsein. Redner schilderte sodann seine längeren Erlebnisse in Oesterreich, fein Zusammen­treffen mit dem Dichter Rosegger und gab Proben der gegen ihn und Rosegger in Oesterreich verbreiteten Schmäh-Literatur, in anschaulichster Weise erzählte er, warum und wie er selbst' in Brünn feftgenommen, ge­fangen gesetzt und über die Grenze abgehoben wurde. Seine Hoffnung ging dahin, daß die Zeit noch kommen möge, wo es nur ein deutsches Volk und ein deutsches Christentum gebe. Wer den mit einer geradezu hin­reißenden Deredsarnkeit begabten Vortragenden gehört hat, versteht es, wie gerade ihn der Haß der östreichischen UItramonteinen traf und sie alles daran setzen mußten, um ihn für Oesterreich persönlich unschädlich zu machen."

Weitere Redner folgten noch, wir heben hervor die Schlußansprache des Vorsitzenden des Hauptvereins Lic. Waitz und die warmen Worte, mit denen die mühevolle Tätigkeit des Letzteren anerkannt wurde. Auch an dieser zweiten Festversammlung hatten sich die Gesang­vereine von Groß-Umstadt und eine Musikkapelle in an­erkennenswerter Weise beteiligt.

Ter um V28 von Groß-Umstadt abgehende Exttazug entführte bereits einen großen Teil der Festteilnehmer. Jedem aber, der dieses Jchhresfeft mit gefeiert hat, werden die lebendigen Eindrücke, die er gewonnen, dauernde und für jeden von fegensvvller Wirkung fein.

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