Vermischtes.
* Berkin, 2. März. Eine neue Kuppelei-Affäre beschäftigt die hiesigen Behörden. Die unverehelichte Marie Bredow wurde in Untersuchungshaft genommen,weil sie in ihrer Wohnung am Schiffbauer Damm schulpflichtige Mädchen zu unsittlichen Zwecken Herren zugeführt hatte. — liegen den Vertrauensmann der Berliner Metallarbeiter Cohen und mehrere seiner Genossen ist Anklage wegen Landfriedensbruchs erhoben worden. Das Strafverfahren geht auf Vorgänge zurück, die sich seinerzeit beim Klempnerstreik ereigneten.
* München, 2. März. Giron ist Freitag früh mit dem Würzburger Schnellzuge hier angekommen und um 9 Uhr 24 Min. mit dem Salzburger Schnellzug wieder (16gereift. Von Ansbach aus war die Ankunft Girons telegraphisch signalisiert worden.
* Paris, 2. März. In der hiesigen bayerischen Gesandtschaft wurde ein Diebstahl verübt, der zweifellos dem seit gestern verschwundenen Privatdiener des Geschäftsträgers Frhrn. v. Guttenberg, einem Schweizer Namens Schmitz, welcher demnächst den Dienst verlassen sollte, zur Last fälll. Gestohlen wurden 5200 Franks Privatgelder und 200 Franks für Unterstützungszwecke bereit liegende Gelder, hingegen keinerlei Wertpapiere oder Schriftstücke.
* Ein Raubmörder such gegen eine alte Dame, ist, wie wir bereits gestern in Kürze meldeten, am Sonntag in Neuweißensee bei Berlin verübt worden. In der Sedanstraße wohnt im ersten Stock eine 74 Jahre alte Rentnerin, Wllwe Marie Josephson, für sich allein. Die Frau war mit ihrer kränklichen Tochter viel in Bädern. Als die Tochter starb und in Weißensee beerdigt wurde, zog sie dort hin, um in der Nähe ihres Grabes zu sein. Fast täglich besuchte sie den Friedhof und wurde so auch den dort beschäftigten Arbeitern bekämet. Zu diesen gehörte auch ein gewisser Struck, dessen 23jährige Tochter Anna mit einem Tischler Radon verheiratet ist. Durch ihren Vater hörte auch Frau Radon wohl öfter von der alten Rentnerin, die in Weißensee in dem Ruse einer Millionärin steht, und sie Halle auch einmal die Gelegenheit, mit einer anderen Frau zusammen bei ihr die Teppiche zu klopfen. Diese jugendliche Frau har nun die alte Dame zu ermorden versucht. Vorgestern ging Frau Josephson aus. Als sie nach Hause, tarn ein Mädchen zu ihr. Die Person nannte sich Struck, gab an, daß sie eine Tochter des Fried ho sarbeiters Struck sei, und Frau Josephson schon länger kenne. Hier brachte sie bann, während die alte Rentnerin ihr Abendbrot verzehrte, chr Anliegen vor. Sie wolle in Dienst gehen und suche eine Stelle. Frau Josephson versprach ihr, sie einer Nichte zu empfehlen. Als die Frau gegessen hatte, fragte die Struck, ob sie beim Abräumen helfen könne. Wahrend die alte Dame die Speisekammer öffnete, blies ihr Besuch plötzlich die Lampe aus. Auf die verwunderte Frage, was das bedeuten solle, erhielt sie keine Antwort. Ihr Besuch packte sie vielmehr mit beiden Händen, drückte ihr die Kehle zu, versetzte ihr mehrere Schläge aus den Mund, warf sie hin und stieß ihr mit den Worten: „Du A. . giebst Du Dein Geld her? Sonst steche ich Dich tot!" die Faust in den Mund. Mit der einen Hand schlug sie ununterbrochen auf die schwächliche Greisin ein und würgte sie, bis diese besinnungs- und regungslos liegen blieb. Nun schleppte die kräftige Person ihr Opfer, das sie ohne Zweifel für tot hielt, in die Speisekammer und warf die Tür zu. Dann öffnete sie mit den Schlüsseln, die sie auf dem Tische fand, sämtliche Behälter und durchwühlte sie. Da Frau Josephson stets chren Bedarf in kleineren Beträgen schicken ließ, so erbeutete die Räuberin nur ein Portemonnaie mit 11 Mark. Außerdem nahm sie ein kleines Nippestischchen, eine Schmuckpalme und einen großen Teppich mit, den sie zusammenrollte. Zum Durchsuchen der Wohnung hatte sie Zeit genug, da die alte Frau erst um 11 Uhr wieder zu sich tarn. Nachdem die furchtbar mißhandelte Greis in wieder etwas zu Kräften gekommen war, schleppte sie sich mühsam auf den Flur hinaus und zur Wohnung des Verwalters hinauf, vor dessen Tür sie wieder zusammenbrach, nachdem sie angeklopft hatte. Der Verwalter fand sie mit blutigem Gesicht und geschwollenem Halse daliegen. Mit Hilfe seiner Angehörigen brachte er sie in ihre Wohnung und ins Bett und holte dann die Polizei und einen Arzt. Dieser brachte die Greisin durch Stärkungsmittel und Eisumschläge wieder zu sich, sodaß sie angeben konnte, was mit ihr vorgegangen war.
Das Sprechen wurde ihr außerordentlich schwer, da auch die Zunge stark! geschwollen ist; die Räuberin hatte augenscheinlich versucht, sie ihr heraus zureißen. Ein Kriminalkommissar schöpfte sofort Verdacht gegen Frau Raoon, die wegen Diebstahls in Verdacht steht, und verhaftete sie aus dem Bett heraus. Eine Haussuchung förderte auch das Tischchen, die Palme und den Teppich zutage. Trotzdem leugnet die Festgenommene hartnäckig, das Verbrechen begangen zu haben. Wie die Sachen in ihre Wohnung gekommen sind, will sie nicht wissen. Ihr eigener Mann belastet sie schwer, indem er angieBt, daß sie sich herumttiebe und auch am Samstag spät nach Hause gekommen sei. Man erkannte sie als die Person wieder, die auf Frau Josephson wartete. Auch Verletzungen an den Händen deuten auf ihre Täterschaft; sie rühren ohne Zweifel von den Zähnen der Ueberfallenen her, während die Verhaftete nicht wissen will, wie sie dazu gekommen sei. Während das Verbrechen gegen Frau Josephson verübt wurde, ist auf dem Hose des Hauses ein fremder Mann gesehen worden. Ob auch dieser bei dem geplanten Raubmorde seine Hand im Spiele hatte, ist noch nicht festgestellt.
Kunst und Misseuschnst
— Ans Frankfurt wird uns geschrieben: Die offizielle Frühjahrsausstellung des Frankfurt-Eronberger Künstlerbund es imK u nstv ere in ist soeben geschlossen worden. Im Laufe der nächsten Woche eröffnet der Kunswerein eine Sonderausstellung von Werken des Hollanders I. H. Wysmu11er. Tieser Künstler gilt als einer der gesuchtesten Dialer der holländischen Landschaft. Während er nach Deutschland hin bislang weniger hervorgetreten ist, besitzen das Reichsmujeum in Amsterdam und viele Prioatgallerien in Holland, England und Amerika Werke seiner Hand. Geboren ist Wysmuller 1855; im Alter von 22 Jahren wandte er sich der Malerei zu und besuchte kurz die Kunstakademie in Amsterdani und Haag, woraus er sich, schnell zu Ansehen und ehrenvolleii Auszeichnungen gelangt, dauernd in Amsterdam nieder- ließ. — In der März°Ausftellung des Kunstsalons Hermes sind mit größeren Sonder-Ausstellungen vertreten: Benno Becker- München und Ferd. Keller-Karlsruhe, während von Hans Thome, F. v. Lenbach, Teffregger, I. v. Brandt, W. Leibi, Franz Stuck und sonstigen ersten Dieistern ausgesuchte Einzelwerke ausgestellt wurden, sieben einem kleineren Gemälde von Arrwld Böcklin: „Ruine einer Kapelle am Meer", hübet das große Werk dieses Meisters: „Bon Seeräubern überfallene und in Brand gesteckte Burg" aus dem Jahre 1884, eine besondere Anziehungskraft der reichhaltigeii -Sammlung.
Gerichlsfaal.
ll. Leipzig, 2. März. Wegen Widerstandes, Körperverletzung und Bedrohung ist am 31. Oktober v. I. vom Landgericht Gieß en der Metzgergeselle Michel zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. In Marienschloß ijatte er eine dreizehnjährige Zuchthausstrafe zu verbüßen. Er ist schon 40mal mit Ordnungsstrafen dort belegt worden, )a er ein sehr „schwieriger" Gefangener ist. Weil er auf dem Hofe einem anderen etwas in die Hand drüctte, sagte der Wärter K., er werde es anzeigen müssen. Daraufhin wurde der Angeklagte unangenehm und verübte verschiedene Ausschreitungen. — Auf seine Revision hob heute das Reichsgericht das Urteil auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück, weil nicht festgestellt ist, daß der Angeklagte den K., den er mit einer Wasser kann e geworfen hat, auch wirklich getroffen hat.
Allsmg ass ien KicheMchn« der Stadt Gieße«.
Evangelische Gemeinde.
Getaufte. Matthäusgemeinde. De»l 22. Februar. Denl Schriftsetzer Paul Scheibe ein Sohn, Paul Georg Roben Karl, geb. den 30. Nov. Ten 25. Febr. Dem Taglöhner Ronrafc Schneider ein Sohn, Ernst, Friedrich Wilhelm, geb. den 4. Aug. Den 27. Febr. Eine uneheliche Tochter, Johanna Margarete, geb. den 15. Febr. Markusgemeinde. Den 22. Februar. Dem Küfer August Klemmrath eine Tochter, Luise Christiane Bertha Elise, geb. den 12. Jan. Dem Fuhrmann Philipp Möbus eine Tochter, Katharine, geb. den 9. Jan. Luka sgemeindc. Den 22. Februar. Dem Bäckermeister Heinrich Liiüwig Reuß ein Sohn, Karl, geb. den 15. Jan. Johan neSgemeind c. Den32.Febr. Dem Kutscher Karl Heinz ein Sohn, Rudolf Karl, geb. den 15. Jan. Dem Fuhrmann Kaspar Rang eine Tochter, Margareta Katharina geb. den 9. Jan.
Beerdigte. Dl a r k u s g e m e i n d e. Ten 24. Februar: Christoph Becker, Bahnarbeiter i. P., ein Witwer, 87 Jahre alt, starb den 22. Febr. 2u kasgemeinde. Ten 24. Febr. Karo» linc Weber, Tochter des Hofgerichtsrats Friedrich Weber, 60 Jahrc alt, starb den 21. Febr.
EmgesanSt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Hun gen, im März.
Die Stadt Hungen hat mit dem Turnverein gemeinsam vor sechs Jahren eine Turnhalle erbaut, welche zwar den turnerischen Ansprüchen genügt, jedoch den großen Mangel zeigt, daß keine Bedürfnisanstalt und kein Raum für das Heizungsmaterial vorhanden ist. Der Turnverein selbst vermißt sehr einen Turnplatz, den er vor dem Bau der Halle besessen hat. Den Uebelständen ist aber sehr leicht abzuhelfen, wenn von dem an die "Turnhalle direkt angrenzenden großen Pfarrgarten ein Teil als Turn- und Spielplatz an die Gemeinde abgetreten würde. Der Nutznießer desselben hatte auch in zuvorkommender Weise schon angemessene Preise gestellt, der Kirchenvorstand jedoch soll in seinen Forderungen zu hoch gegangen sein. Vielleicht spricht der Herr erste Pfarrer ein Machtwort ober die Großh. Kreis,chulkomMission nimmt sich einmal der Sache an. Ein Turner.
Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.
März
1903
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Wetter
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738,8 +64
730,3 +4,9
724,6 +5,2
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78 8.
87 8.
Bew. Himmel Regen Bew. Himmel
Höchste Temper-atur am 1.—2. März + 64° G.
Niedrigste , , 1.—2. „ + 3,4" 0.
Neueste Meldungen.
Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.
Kandel und DerKehr. Volkswirtschaft.
M ü n d) e n, 2. März^ Wie dem „Südd. Korresp.-Bureau" mitgeteill wird, hat ein Konsortium, bestehend aus der Kgl. Bayerischen Bank, der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel- janf, der Bayerischen Vereinsbank, der bayerischen Filiale der Deutschen Bank in München, der Bayerischen Handels- :>ant, der Pfälzischen Bank, ferner dem Banthause Merck, Finck u. Co., der Vereinsbank Nürnberg, dem Bankhause v. Erlanger u. Söhne in Frankfurt a. S.UL, der Direktion der Distontogesellschaft in $terlin und dem Bankhause Robert S. Warschauer in Berlin eine 3i/2 proz. Bayerisch e Staatsanleih e im Nominalbeträge von 50 Mill. Mk. übernommen. Die Anleihe wird in nächster Zeit zur Zeich-. nung aufgelegt werden.
Berlin, 3. März. Hier konstituierte sich gestern eine Gesellschaft zur Dekämp fung des Kurpfusch er- tums. Eine große Zahl von Aerzten und Laien sind bis jetzt beigetreten.
Hakle, 3. März. Die städtischen Behörd en bewilligten gestern zum Empfang des Kaisers und der K a i j e r i n anläßlich der am 2. Sept, stattfindenden Ein weihung der Pauluskirche einen Betrag von 50 000 Mk.
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Einiges üver ^uugenyeilanstatten.
ii.
Fragen wir nun, was ist bis setzt zur Bekämpfung dieser mörderischen Volkstr an kh eit geschehen, so hören wir, daß schon im Altertum, ungefähr 150 Jahre vor Christi Geburt, der berühmte römische Arzt Galenus eine der modernen ähnliche Behandlung der Lungentuberkulose empfahl, int)ent er die Kranken ins Gebirge schickte und sie viel Milch hrinken ließ. Obwohl nun die Lehren dieses berühmten Arztes die ärztliche Wissenschaft bis ins 16. Jahrhundert beherrschten, ist es nicht bekannt, ob seine Ratschlage für Lungenkranke in größerem Maßstabe befolgt wurden. Erst dem 19. Jahrhundert war es befchieden, diesen wertvollen Weg wieder zu finden, nachdem man sich in früherer Zeit hauptfachlich mit der Suche nach einem sogen, spezifischen Heilmittel beschäftigt hatte.
Aber auch im 19. Jahrhundert batiri der große Aus- Ichwung des Lungenheilverfahrens erst, aus dem letzten Jahrzehnt, nachdem die sozialpolitische Gesetzgebung, die rm Jahre 1881 vom Kaiser Wilhelm I. und unserem großen Bismarck eingeleitet wurde, vollendet war und die Mittel berett gestellt hatte, dem großen Heere der Arbeiter wert- '^sorge m^rcmcheitstagcn und in den Jahren der Invalidität zuteil werden zu lassen. Den Arbeitern sei an dieser stelle ins Gedächtnis gerufen, daß diese für sie fo segensreiche Gesetzgebung gegen den Willen und gegen öic -stimmen der ^opialbemofratic zustande kam.
... _. ~^c, ir^cn, Heilstätten in Deutschland waren nur für ^0^6111)0 bestimmt, wie auch der ziemlich gleichzeitig x? r *** Oon9en Jahrhunderts aufgcfommenc Besuch des Hochgebirges mir den Bemittelten möglich inar Die älteste Lungenheilstätte in Deutschland ist die in Görbersdorf ^n Schlesien, die von einem Arzte Namens Brehmer im <>ahre 1854 in einfachster Form gegründet und 1862 zuerst vervollkommnet wurde, dann folgten 1873 die Anstalt in Reiboldsgrün in Sachsen, 1875 eine zweite Anstalt in Görbersdors, 1876 Die in Hessen am besten bekannte Anstalt in Fairenstein im Tamrus, sie alle nur bemittelten Kranken zugänglich.
Die erste größere Volksheilstätte so bezeichnet man
die für Minderbemittelte bestimmten Lungenheilanstalten — wurde 1895 von einem Frankfurter Verein bei Ruppertshain im Taunus eröffnet, dann aber nahmen in allen deutschen Gauen die Jnvaliden-Versicherungsanstalten die Arbeit auf, in hochherzigem Wettbewerbe mit gemeinnützigen Vereinen, Städten, Kreisveröänden usw., sodaß durchs vereinte Arbett in dem kurzen Zeitraum von sieben Jahren ein Netz von 64 Bolksheilstätten über ganz Deutschland ausgebreitet wurde; dazu kommen noch ca. 20 Privat-» anftalten, die aber auch großenteils minderbemittelte Kranke aufnehmen. Auf diese Weise können jetzt alljährlich 15 bis 20000 Lungenkranke eines wertvollen Heilverfahrens teilhaftig werden. Wie wertvoll ein solches Heilverfahren für den Einzelnen und durch die immer steigende Zahl der Heilstättenpfleglinge auch für die Gesamtheit des Volkes aber ist, ist noch viel zu wenig bekannt. Es muß aber gleich hier darauf hingewiesen werden, daß die meistens auf nur ein Vierteljahr bemessene Unterbringung der Erkrankten in einer Heilstätte nur ein Glieb in Der Kette der Bekämpfungsmaßregeln darstellt, daß die in der Heilstättenbewegung mastgebenden Kreise von Anfang an 'von einer so kurzen Kur nicht eine Ausrottung der Krankheit erwarteten, wie manche Gegner der Heilstättenbewegung mi glauben scheinen, sondern daß gerade diese hervorragenden Förderer der Bolksheilstätten schon früh, ehe die Erfolge, von denen unten die Rede fein soll, bekannt waren, darauf hingewiesen haben, Daß eine Besserung Der Wohn- ungs- und Erwerosverhältttisse in Stadt und Land, die Schaffung gefunoer Arbeitsgelegenheit für die entlassenen Pfleglinge, die Fürsorge für die Unheilbaren, die Fürsorge für gefährdete schwächliche Kinder von Lungenkranken tu der Absicht, sie vor Erkrankung zu bewahren usw., ebenso notwendig seien, us die Heilstättcnpflege. Wir müssen uns, wie in alten Stücken, so auch bei Besprechung dieser ergänzenden Maßregeln ans die Anführung einzelner Beispiele beschränken.
Zum Zwecke der Erbauung gesunder Arbeiterwohniingen werden von allen Invaliden Versicherungsanstalten Tar- lehen 311 günstigen Bedingungen gegeben, und manche haben die Errichtung solcher. Bauten direkt veranlaßt. So sind im Kreise Altena (Westfalen) auf einer Reihe von Fabrik- anwesen Arbeiterwohnungen in größerer Zahl gebaut wor
den, die Familien zugewiesen werden, in denen ein lungenkrankes Familienglied lebt. Für dieses ist jedesmal ein besonderes, von der übrigen Wohnung getrenntes, geräu miges Zimmer bestimmt.
Was die Beschaffung von Arbeitsgelegenheit in gefunkt heitsförderlicher Weise betrifft, so ist dazu ganz besonders die Mitarbeit weiter Bevölkerungskreise erforderlich. Ein zelne Versicherungsanstalten haben aber die Sache auch schon selbst in Angriff genommen durch die Errichtung ländlicher Kolonien für die aus den Hellstätten entlassenen Lungen kranken und solche, die einer Heilstättenkur nicht geradc bedürfen, z. B. die Landesversicherunganstalt.-oannoder.
Für tuberkulöse Kinder errichtet man jetzt auch Heil stätten, die erste war die in Belzig bei Berlin, für schwäch liehe Kinder errichtet man Erholungsstätten, unterstützt die Ferienkolonien, bekümmert sich um die Beschaffenheit und Reinlichkeit der Schulen. Tic Anstellung besonderer Schul arzte ist auch ein großer Fortschritt. Bon anderen Bc kämpfungsmatzregeln der Tuberkulose seien beispielsweise noch angeführt die Förderung der Errichtung von Volkse bädern, die Aufstellung von Spucknäpfen auf den Bahnhöfen, in öffentlichen Lokalen rc., der Anschlag aufklärender Schrif- ten an öffentlichen Stellen, in Dureauräumen der Behörden, auf den Bürgermeistereien, die Beaufsichtigung des Nähr ungsmittelwefens (Fleischbeschau, Ausschluß tuberkulösen Fleisches vom Verlauft, die Bekämpsung des Mißbrauchs geisttger Getränke ?c. Alles ist noch im Werden begriffen, aber überall finben wir ein frisches, kampfesfrohes Schaffen, unser Volk von ber mörderischen Seuche zu befreien. Und an dieser für unsere Volksgesundheit, Volkswehrkraft und Volkswohlstand hochwichtigen, edlen und menschenfreundlichen Arbeit sollte sich jeoer beteiligen, der ein Herz für die Not feiner Mitmenschen hat; jedermann sollte die De strebungen der Heilstättenbewegung unterstützen durch Mitarbeit, durch Vorbild, durch Geldbeiträge.
In unserem Lande ist jedem unbescholtenen Bürger Gelegenheit geboten, durch Beittitt zu dem ,^öeilstättenverein für das Großherzogtum Hessen" an der hohen Aufgabe mttzuarbeiten. Der Vorstand dieses Heilstättenvereins hat seinen Sitz in Darmstadt; der Jahresbeittag beträgt mindestens 2 Mark. E—.


