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2.3.1903 Erstes Blatt
 
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Montag 2. März 1903

153, Jahrgang

Erstes Blatt

ttörefle tüt Develcheni Laz-iger etcfcfB.

g^rnlvrkckanichlutz M 61

Nr. 51

täglich außer EonnlagS.

Lern (-»ebener Anzeiger »erden im Wechsel mit Dem Kesflschen Landwirt d,e »tehener Kamillen, klältet viermal in der Woche beigelegL -iolaNonSdrnck u. Ver­lag bet B r ü h l'ichen Üniverl.-Buch' u.Siern« drucke re, «Piettch Erben) ßtebakNon. ErvedlNoe» und Druckerei:

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monatlich 7öPl^ viertel» jährlich TU. 2.20, durch Abhole« u. Aive'gslellen monatlich 66 Pi., durch ViePosl Alk. 2. vienel- sährl. auslchl Cefledg, Annahme von Bnjelge« für die lagrtnummct bi» ponnUiagÄ 10 Uhr, ßeüenpret». letal 1H t$k auiipärtS 20 1*1^.

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Vlat o, tüt den 911> jeigenieil: Han» Heck

GieheimAnzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen

and; die üegictuna n9e^ bfinn aus einzeln? W Dr- Tavid gegen Achten über die Ä nten gewünschte Satüd. ben Ausschuß müsse er : Machst auf die Ma. ' Menlinv naher ein bacher Gymnasium habe 1 gelernt und er müsse - Zustand absolut eine igelegeuheit befände sich en Stadium, wenn die entgegenkommendere Meinung, daß der Ltaai asiums verpflichtet sei, fall anerkennen.

die iZrage der höheren die Beseitigung der Bor-

i für eine eventuelle Er­en Schulen ein. Er werde ischuumgen in konkreter ren.

A, daß die Zustände am Tauer nidjt beibe^alten bann bie Wedj&fraße \ietung ljinfi(f)tli$ bet ge Stadtverwaltung zu egen sede Erhöhe des der BorschuKn sei Mx er in Lorschlag gebratz neu schärferen Truck M m Etat angeM Summe im für bie Leseitigun-, ier llnterrichtsgegensland geschlossen und bie Ein-

Mk. und die Ausgabe igcrjchulen, h-»° * Jung b« »» ff* M bei bem aus 10 gestM. Ta jedoch du a 8#J erfürst -®* ±, Ächj°g-">imb bieJ , bewilligt. .

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im Schulwesen wegcn der gegenseitigen Anerkennuna Maturitäts-Zeugnisse an oas Reich und die ande'

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Arbeitenden.

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Berufsart war.

Es starben an Bäcker Hutmacher Schreiner Buchdrucker Buchbinder Trechsler

und womöglich an demselben Orte mit einer Reform- re a^lschu le. Nicht übersehen dürfe man, daß Hessen en Anerkennung der

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Schuhmacher Tapezierer (Sattler) Kleidermacher Kamm- und Fächer-

als Handwerker oder Fabrikarbeiter Wertgegenstände er­zeugt, oder ob er als Lehrer die Jugend mit Kenntnissen für ehren späteren Beruf ausrüstet, ob er als Geistlicher über Religion und Sitte oder als Beamter über Recht und Ordnung wacht, als Künstler die Menschheit zu höherer Lebenshaltung hebt oder als Arzt Gesundheit und Erwerbs­fähigkeit seiner Mitmenschen zu erhalten sucht sein Tod schädigt nicht nur die Familie, die auf den Verdienst des Ernährers angewiesen war, sondern auch dec Fabrikant z. B. ist durch den Verlust eines geschulten Arbeiters benach­teiligt usw., die Arbeitskraft des Verstorbenen und fern Verdienst ging dem ganzen Volke verloren.

Nun ist von Lllen Todesursachen, die es giebt, die Lungentuberkulo e die häufigste. Es ist statistisch, das heißt zahlenmäßig festgestellt worden, daß von alten Todes­fällen, die Leute im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 60 Jahren betreffen, der dritte Teil durch Lungenschwind­sucht hervorgerufen ist. Da es sich nun aber um eine Krankheit handelt, die oft viele Jahre lang dauert, so er­wachsen den Kranken- und Jnoaliditätskassen ungeheure Kosten durch Versorgung dieser zahlreichen, durch Tuber­kulose erwerbsunfähig gewordenen Versicherten. Nach einer Statistik des Reichsversicherungsamtes sind von 100 Leuten, die im Alter von 20 bis 40 Jahren aus irgend einem Grunde die Invalidenrente bekommen mußten, 50 bis 60 durch eine einzige Krankheit, die Lungentuberkulose er­werbsunfähig geworden.

Es ist wohl vielfach bekannt und jedenfalls einleuch­tend, daß die Tuberkulose zwar keinen Stand oder Berus verschont, ihre Opfer hauptsächlich aber unter den Minder­bemittelten sucht, die tagtäglich ihre ost schwere und un­gesunde ülrbeit verrichten müssen, dabei vielfach ungesunde Wohnungen haben und über der Sorge um das tägliche Brot die Pflege ihres Körpers und der Gesundheit vergessen haben. Es öarr ;aber auch nicht verschwiegen werden, daß viele Lnngentranre ihre Schwinds'-^r einem leichtsinnigen Lebenswandel verdanken, der Vergnügungssucht, besonders auch dem übermäßigen oder auch mäßigen aber regel­mäßigen Genüsse geiziger Getränke. Gerade die Minder­bemittelten sündigen auf diesem Gebiete sehr viel. Wenn man z. B. in gegenwärtiger Zeil wieder in den Zeitungen

die unzähligen Fastnachtsveranstaltungen angezeigt sieht, bei denen vielfach gerade von Leuten, die an der Miete und den Lebensmitteln sparen zu müssen glauben, Riesen­summen für Luxus, Narrheit und flüchtigen Rausch sinn­lichen Vergnügens ausgegeben werden, so könnte man in Versuchung kommen, die breiten Massen unseres Volkes wegen ihrer geringeren Lebenshaltung und der dadurch bedingten Tuberkulosegefahr weniger zu bedauern. Immer­hin ist die Berufsstellung von großem Einflüsse auf die Zahl der Tuberkulose-Erkrankungen. Wir können nicht auf alles eingehen, möchten aber die Verhältnisse doch durch eine Tabelle erläutern; dieselbe giebt an, wie oft Tuber­kulose die Ursache zu 100 Todesfällen der bezeichneten

vor Jahren gestellt hat. Es wurde van verschiedenen Seiten anerkannt, daß in Bezug auf die Pflege und Unterstützung des Handwerks die hessische Regierung für andere Staaten als Vorbild dastehe; sie habe durch eine gleich­mäßige Berücksichtigung der Landwirtschaft, wie von Handel und Gewerbe den Widerstreit der Interessen bisher in glück­licher Weise zu vermeiden verstanden. Herrn Bürgermeister Köhler allein blieb es es Vorbehalten, diesem zu wider­sprechen. Eine Acnderuna bezgt. des Staatsverlagcs wurde in Aussicht gestellt. Tie lebhafteste, von uns ausführlich wiedcraegebene Debatte enlspann sich sodann beim Ka­pitel Landesuniversität über eine Anfraae des Abg. Köhler bett. Besetzung des Lehrstuhles für National­ökonomie. Die Negierung verneinte selbstverständlich die Frage nach Errichtung einer nationalökonomischen Pro­fessur des physiokralischen Systems in Gießen und Se. Exz. der Staalsminister Dr. Rothe erklärte, der Re-, gierung sei bei der Auswahl nur der Grundsatz maß­gebend, daß anerkannt wissenschaftliche Tüch­tigkeit erforderlich wäre. Auch sei die Regierung stets darauf bedacht, die akademische Lehrfreiheit hochzuhalten. Es versteht sich ja auch von selbst, daß sich Regierung und Universitätssenat ebeniowenig die Berufung einer ganz bestiminten Person wie die Einsühr- ung einer vermoderten Laienansicht in die akademischen Lehrgcgenstände gefallen lassen können. Gleichfalls selbstver­ständlich war es, daß die Regierung gegen den bloßen Wunsch, eine zweite nationalökonomische Pro­fessur in Gießen zu errichten, nichts einwenden würde. Einer bestimmten Partei aber dient die Wissen­schaft als solche niemals, und so würde auch die zweite nationalökonomische Professur keiner bestimmten politischen Partei auszuliesern sein, wie die jetzige unpoli­tisch ist. Schließlich wurde ein von der Kammermehrheit unterzeichneter Antrag, die Regierung zu ersuchen, neben dem bestehenden Lehrstuhl für National­ökonomie auch einen solchen der Agrarwissenschaften zu errichten, sowie ein weiterer Antrag der So­zialdemokraten, das Ersuchen auf die Berufung eines Pro­fessors der sozialistischen Richtung auszuoehnen, vorerst an den Ausschuß verwiesen. In welcher Form nun diese Anträge aus dem Ausschuß ins Plenum herauskommen werden, und wie die Regierung diese Wünsche erfüllen wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls würde sich der hiesige Universitätssenat schönstens dafür bedanken, etwa mit dem chamäleontischen Herrn Professor Ruh land und einem Gesinnungsgenossen des Herrn Exprivatdozenten Dr. Leo Aronsbeehrt zu werden. Es fehlt jetzr nur noch, daß die Freisinnigen eine d ritt e Professur ihrer Richt­ung beantragen, Midder ganze Antrag Köhler ist auss gründ­lichste ad absurdum geführt! Wenig geschmackvoll war es von dem Abg. S ch l e n g e r, den verstorbenen Gießener Äymnasialdirektor und Professor Herm. Schiller, unter Nichtachtung des guten alten SatzesDe mortuis nil nisi bene" in die Debatte zu ziehen. Hochinteressant war dann, was gleichfalls beim KapitelGymnasium und Real­schulen" der Regierungsoertreter Ministerialrat Eisen­hut erklärte: Auch in Hessen denke man daran, einen Versuch zu machen mit einem Reformgymnasium

Hiuiges über ^uageuhettanstalteo.*)

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Mil der zunehmenden Volksbildung und Aufklärung ist auch das Verständnis für die in Deutschland seit un­gefähr zehn Jahren in großem Maßstabe betriebene Be­kämpfung der Tuberkulose als Volkskrankheit im ganzen Volke gewachsen, doch giebt es in allen Bevolkerungs- schichten noch genug Rückständige oder Bedenkliche, die von dem hauptsächlichsten Heilmittel, der Behandlung der Lungenkranken in geschlossenen Heilanstalten, etitweder nichts halten, oder von derselben sogar Nachteile! für: die Kranken oder für die Gegend in der eine wiße Walt ftett, befürchten. In den meisten dieser i|t Unkenntnis oder wenigstens ungenügende Kenntnis der Verhältnisse schuld an diesen falschen Ansichten, es soll deshalb rm lolgenden ver­sucht werden, einiges zur Aufklärung über diese hochwich- tige Q9iirrt deren Bekämpfung es sich hagelt,

ist die Lungentuberkulose, die gewöhnlich Schwindsucht, Aus­zehrung oder schlechtweg Zehrung genannt wird Sie war den AerAen schon im Altertum bekannt und Beschreibungen d selben ind schon 400 Jahre vor Christ Geburt von den griechischen Aerzten Hippokcates und ^sokrates gegeben worden. Spüler widmeten ihr die Üerzte zu allen Zeiten ihre Aufmerisamleit, es sind auch aus alten Zelten Behand- lunas- und Verhütungsvorschriften bekannt, aber zu einer allgemeinen Bekämpfung derselben wurden bie 9^IEer nie aufaermen Das mag seinen Grund dann gehabt haben, Laß es' überhaupt nLnig Aerzte gab, daß die ftwmgett nicht so häufig war wie m unserer Zeit und daß der Wert eines Menschenlebens früher nicht so hoch eingeschätzt wurde.

Heute ist das anders. Die Lungentuberkulose ist zu einer verheerenden Volksseuche geworden, die ihre Opfer aber meistens nicht rasch dahinrafft, wie die Cholera oder die Pest, sondern sie erst nach jahrelangem Siechtume ins Grab bringr. Ein ieder erwerbstätige Mensch stellt aber einen großen Wert für den Volkswohlstand dar, einerlei ob er als Bauer der Erde ihre Früchte abringt, oder er

*) Nachdruck erwünscht.

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Wir sehen also, daß hauptsächlich die tleingewerblichen Arbeiter, die ihre Gewerbe in geschlossenen Räumen betret» ben, mit Vorliebe von der Tuberkulose befallen werden. Dasselbe Verhältnis Haven Beobachtungen bei unserem Mi­litär ergeben, daß nämlich viel mehr Oelonomiehandwerker und Militärbäcker an Tuberkulose erkranken, als Leute, die in der Front stehen.

Wir fassen das Gesagte noch einmal zusammen: Die Tuberkulose ist in der Neuzeit bei uns eine verheerende Volksseuche geworden, vor der niemand sicher ist, bie aber hauptsächlich die minder bemittelten und armen Bevölke­rungsschichten ergre r. und dort zahlreiche Opfer fordert, am meisten unter den in engen geschlossenen Räumen

treten. Ferner wird jetzt, anderen Meldungen zum Trotz, bestätigt, daß eine sehr klerikale bayerische Prin­zessin seit Monaten die Auslassung in den Mattern durch einen künftigen Minister-Kandidaten sammeln und dem ?rrinzregenten, über die Köpfe der Herren in der Geheim anzlei hinweg, davon Kenntnis gab. Vom künftigen

Minister-Kandidaten erhielt auch Dr. Schädler durch ein dringendes Telegramm Kenntnis von dem Sturz des Grafen Crailsheim, bevor noch dieser Kenntnis von der Annahme seines Entlassungsgesuches hatte. In diesen als verbürgt mitgeteilten Vorgängen liegt der fteim der Bitte des Frei- Herrn von Wiedemann, des Chefs der Geheimkanzlei Protestant um baldige Enthebung von seinem Posten. Auch der bayerische Bevollmächtigte in Berlin, v. Lerchen - selb, der Freund Bülows, hat um einen baldigen Nach­folger ersucht. Es wurde ihm jedoch von allermaßgebendster Seile bedeutet, daß er in Berlin zurzeit unentbehrlich sei. Diesen Wink verstand der Mann der Zukunft in Bayern und bleibt auf seinem Posten.

Zu den Ausgaben, die der Reichstag nach den Wünschen der Regierung noch erledigen soll, gehört dcm Vernehmen nach auch Die schon wieoerholt beratene und immer wieder zurückgestellte bezw. ausgearbeitete Vorlage über die ost afrikanische Zentral-Bahn. Ange­sichts der gegenwärtigen Reichs-Finanziage ist bie Stimm­ung des Reichstages für diese Vorlage nicht gerade günstig.

Der Senioren -Konventdes Reichstages trat am letzten Samstag vor Beginn der Plenarsitzung jammen. Allgemein wurde die Ansicht vertreten, daß oer Etat kaum bis zum 1. April s e r t i g g e st e l l t werden kann. Es soll aber versucht werden, dies zu ermöglichen. Am 28. März soll der Reichstag in die Ferien gehen und am 21. April wieder zusammcntreten. Alsdann sollen noch vor Schluß der Session die am Samstag bereits vorgenommene Krankenversicherungs-Novelle und das Phos­phor-Gesetz zur Erledigung kommen. In wiefern aber hätten die Erniahnungen des Präsidenten Grafen Balle- strem und die Versprechungen der Abgeordneten für eine ungewisse Zukunft, fleißiger in das Parlament zu gehen, Aussicht, wahr ui werden, wie ist ein für allemal die Herbei­führung gesunder Zustände möglich?

Ein Blick auf den nicht diätenlchen hessischenLand- tag giebt von neuem die Lösung des alten Rätsels. Das Standehaus in Darmstadt ist regelmäßig b.schlußf^h g. In der vergangenen Woche hat man allerdings nur an zwei Tagen je zivei Sitzungen abgehallen, aber man ist doch wesentlich fortgeschritten. Beim Etat des Ministeriums des Innern wurde vom Zentrum eine interessante sozialpoli­tische Debatte angeregt Abg. Dr. Fr enay förderte eine Reihe verständiger Gedanken zu tage und empfahl u. a. die Errichtung einer Professur für Gewerbe-Hy­giene an der hiesigen Universität Tie weitere Debatte brachte noch manche gesunde Idee. Es verstand sich aber von selbst, daß vom Regierungsusche aus erklärt wer­den mußte, daß die Regierung sich in den Streit der Parteien hinsichtlich der Sozialreform nicht einlassen könne; von einem sozialpolitischenZuviel" aber könne keine Rede sein, und die Regierung werbe auf dem einmal eingeschla­genen ruhigen Wege der Reform weiterschreiten. Besonders bemerkt zu werden verdient die von der Regierung in Aus­sicht gestellte ärztliche Mitwirkung an der Sozialpolitik, eine Forderung, die der nordische Dichter Björnson schon

Volttische Wochenschau.

Die lleberraschung der vergangenen Woche war der Brief Kaiser Wilhelms II. über Bibel und 93a- bel und die Offenbarung, der nicht nur in Deutsch­land großes Aufsehen erregte und Anlaß zu lebhaften Er­örterungen gab, sondern auch im Auslande viel beachtet und fommentiert wurde. Der Wunsch des Kaisers, theolo­gische Meinungsverschiedenheiten nur in der Fachpresse zum Austrag zu bringen, ist also durch sein Schreiben an den Admiral v. Hollmann schwerlich gefördert worden, zumal der Kaiser in seiner Nachschrift ausdrücklich weit­gehende Verbreituna seiner Ansichten anheimgestellt hatte. Während manche Ausleger des Briefes in ihm das Be­kenntnis zu einem mehr undoamatischen Christentum sehen, glauben die anderen geraoe eine Stellungnahme zu Gunsten der Orthodoxie aus den Aeußerungen heraus­lesen zu müssen, namenllich da, wo der Kaiser für die Gött­lichkeit Christi eintritt. Man sieht also wieder einmal, daß solche Aeußerungen Wilhelms II., wenn sie auch großes Interesse für die zeitbewegenden Fragen, ausaedehntes Wissen und den hochbegabten Kops bekunden, doch in Hin­sicht auf die Person des Kaisers nicht ohne weiteres als gewinnbringend, wie sie gedacht sind, aufgefaßt werden dürfen, schon deshalb nicht, weil sie zu politischen Pac- leizwecken ausgebeutet werden. Das Zentrum z. B. benutzt die Gelegenheit sehr geschickt wieder für seine Zwecke; hat doch der Papst selbst geäußert, er begrüße es mit freu­diger Genugtuung, daß seine Ansichten, wie schon auf politischem Gebiete, nunmehr auch in religiöser Hinsicht mit denen des deutschen Kaisers nicht mehr disharmo­nieren.

Freilich ist es noch nicht zu lange her, daß von den Experten im Zentrum eine kaiserliche Kundgebung etwas anders interpretiert wurde, die Swinemünder De­pesche nämlich, die zweifellos auch in ursächlichem Zu­sammenhänge mit dem plötzlichen Sturze des bayerischen Ministerpräiidenten Grafen v. Crailsheim steht. Das sicherem Anscheine nach von dem ehemaligen Minister redi- gierte Danktelegra mm des Prinzregenten Luitpold an ben Grasen Bülow für dessen Verteidigung her kaiserlichen Botschaft im Reichstag bot dem Zentrum Ge- legenheitden Hebel einzusetzen,und die jüngsten Ministerstürze in Munck>en haben gezeigt, daß es erfolgreich tätig gewesen ist. Mit dem Portefeuille des Kullus wurde an Stelle des abonnierten Freiherrn v. P o d e w i ls der bisherige Staats­rat Dr. v. Wehner betraut, dessen Ernennung das Zen­trum mit Befriedigung begrüßt. Trotzdem aber wird dieses neue Ministerium als Geschäftöministerium bezeichnet, das wohl zu Konzessionen bereit fein, aber sich doch nicht dem Zentrum bedingungslos ipitertoerfen wird. Andere nennen allerdings das neue bayerische Ministeriumfast vollständig ultramontan". Bemerkt wurde sehr, daß der Feier des 40stündigcn Gebets", bei der die kathol. Gesellen- und Arbeitervereine dem Regenten denDank des baye­rischen Volkes" über den Sturz Crailsheims zum Ausdruck bringen sollten, der Prinzregent zum erftenmale während seiner Regentschaft fern blieb; er ließ sich durch den Prinzen Ludwig vertreten. Diese Stellvertretung des Prinzen fei der Anfang weiterer Vertretungen, melden Münchener Blätter. Tatsächlich hat am letzten Donnerstag Prinz Lud­wig auch auf bem Papstkommers der 14 Münchener katholischen Studentenkorporationen den Prinzregenten ver-

im Alter

Tuberkulose von durchschnittlich

43 Proz. der Verstorbenen 41 Jahren 35 ,,