Ausgabe 
31.10.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 256

Erstes Blatt.

151. Jahrgang.

Donnerstag 31. Oktober 1901

Erscheint täglich mit Ausnahme des

Aiontags.

Die Giehener Familien- vlatter werden dem An­zeiger im Wechsel mit demHess. Landwirt" und denBlättern für hessische Volkskunde" vrermal wöchentlich bei­gelegt.

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GietzenerAnzeiger

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Amis- und AnzeigebSatt für den Kreis Gießen

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Rotationsdruck u. Vev- lag der Brühl'schen Universitäts - Druckerei (Pietsch Erben).

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wlttko; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Betr.: den Kurpfuscher Paul Weidhaas in Niederlößnitz, bezw. das KurinftitutSpirv-Spero" daselbst.

Warnung.

Da der Kurpfuscher Paul Weidhaas bezw. dessen Kur- instttut Spiro-Sperv in letzter Zeit auch in einer hiesigen Zeitung sein schwindelhaftes Unternehmen in markt­schreierischer Weise angepriesen hat, sehen wir uns ver- aulaßt, nachstehende Bekanntmachung des Ortsgesundheits­rats Karlsruhe wiederholt zur öffentlichen Kenntnis zu bringen.

Gießen, den 28. Oktober 1901.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Bekanntmachung.

Ein gewisser Paul Weidhaas, Dresden-Altstadt, Reißigerstraße 42, preist marktschreierisch ein Heilverfahren gegen Asthma an. Wer sich an Weidhaas wendet, erhält einen angeblichen Jnhalationsapparat, aus dem durch eine schwache Lösung von übermangansaurem Kali und einen Wattefilter desinfizierte Luft eingeatmet werden soll. Der Apparat ist vollständig wertlos, da der Patient ganz un­veränderte Luft, außerdem auf sehr unbequeme Art ein­atmet. Für diesen Apparat nebst Gebrauchsanweisung und einigen gedruckten ganz allgemein gehaltenen Verordnungen über Lungengymnastik und Diät läßt sich Weidhaas den schwindelhaft hohen Betrag von 16 Mk. 80 Pfg. bezahlen.

Es wird ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß asthmatische Zustände auf den verschiedenartigsten Erkrank­ungen der Atmungsorgane und Zirkulationsorgane be­ruhen können, daß es daher gewissenlos ist, ohne genaue körperliche Untersuchung des Patienten Heilmittel anzu- vrdnen, welche je nach Art der Erkrankung ganz verschieden­artige sein müssem

Außer dem Gebrauch des obengenannten Apparates verordnet Weidhaas noch sogenannten Sternthee, zu be­ziehen durch die Annen apvtheke in Dresden. Dieser Stern­thee ist eine dem Brustthee ähnliche Mischung, kostet bei Weidhaas 1 Mk., während das gleiche Quantum in jeder Apotheke für 50 Pfg. käuflich ist.

Weidhaas ist ursprünglich Kaufmann (Garnfach) und wurde bereits wegen unerlaubten Verkaufs von Arznei­mitteln bestraft. Außerdem ergab es sich, daß derselbe Briefe und Zeugnisse von Patienten fälschlich zu seinen Gunsten verändert hat.

Wir warnen wiederholt vor dem Gebrauch der von Weidhaas empfohlenen Kur.

Karlsruhe, den 4. Dezember 1899.

Ortsgesun dheitsrat. A

gez. Schnetzler.

Mas die Agrarier von den Tabakpflanftrn nnb der Tabakindustrie wollen.

Wir lesen in derSüd d. Tabakztg.":

Im Anfänge dieses Jahres konstituierte sich diese an­geblicheDeutsche Dabakbaukommission" unter bündlerischer Führung. In weiten Teilen des Reiches liegt der Tabakbau, wie man weiß, im Argen. Auf ungeeignetem, längst durch ungeeigneten Dung verpfuhlten und durch Raubbau entkräfteten Boden wird noch immer, wie vor hundert Jahren, viel Tabak in Deutschland gebaut, obgleich seit 30 Jahren die Pfeife der Zigarre selbst in den ärmsten Arbeiter-- und Bauernkreisen Platz machen mußte. Früher rauchte alles die Pfeife. Zu Pfeifentabaken konnte schlecht brennendes Gewächs Verwendung finden; wenn es nur durch den Abfall, die Rippe, des Virgüriatabaks veredelt,

Gießener Ktadtcheater.

Johannisfeuer.

Schauspiel in 4 Akten von Hermann Sudermann.

Etwa ein Jahr ist es her, seit das damals neue Suder- mann'sche SchauspielJohannisfeuer" in Berlin seine Erst­aufführung erlebte, wo es dann wochenlang die gesamte Bühne beherschte. Seitdem hat es eine Siegeslaufbahn über sämtliche größeren Bühnen Deutschlands genommen, und auch auf vielen außerdeutschen Bühnen ist es mit großem Erfolg aufgeführt worden. Auch für Gießen ist es nichts Fremdes mehr. Zu verschiedenen Malen ging es tm vorigen Winter über die Bretter unseres Stadttheaters. Daß das Stück seine Anziehungskraft immer noch nicht verloren hat, zeigte das gestrige ziemlich gut besetzte Haus.

DerGieß. Anz." hat bereits im vorigen Jahre eine eingehende. Besprechung des Stückes, seiner Vorzüge und Mängel gebracht, so daß es sich erübrigt, nochmals darauf zurückzukommen. Nur das eine möge wiederum hecvor- gehoben werden, was auch in der vorjährigen Besprechung mit Schärfe als der Hauptmangel des Stückes getadelt wurde: Der 4. Akt fällt zu sehr gegen den 3, oder richtiger die ersten 3 Akte ab. Wenn auch ähnliche Dramen, die ost genug im alltäglichen Leben sich abspielen, zumeist den ge­wöhnlichen konventionellen Abschluß finden, wie ihn der Dichter des Johannisfeuers im 4. Akt giebt, man erwartet 'doch etwas ganz anderes, einen ganz anderen Ausgang. Dramatisch ist dec Schluß nicht, denn dieser Schluß ist nicht «vorbereitet. Der Aufbau des Ganzen verlangt einen tragischen Abschluß, nicht aber dieses im Sttl eines Romans mittlerer Hüte gehaltene, an den Haaren herbeigezogene Ende. Der Dichter schürzt den Knoten, aber er löst ihn nicht. Man

im Geschmack und Brand verbessert worden ist. Infolge des gewaltig zurückgegangenen Konsums der Pfeifentabake ist auch der geringe Pfeifentabak im Preise zurückgegangen. Wo das ordinärste von dieser Art wächst, in Hessen an der Bergstraße, in der Vorderpfalz, in der badischen Pfalz, in Ost- und Westpreußen, können folgerichtig die für solches Gewächs erzielten Preise nicht mehr für den Tabakbau lohnend sein. In Hessen, dem badischen Unterland undi der Vorderpfalz wird der Boden seit annähernd drei Jahr­hunderten mit Tabak bepflanzt, heute ebenso unrationell wie zur Zeit des kurpfälzischen Tabakmonopols vor 150 Jahren. Der für den Tabakbau schädliche städtische Dung aus den benachbarten größeren Städten wie Mannheim, Heidelberg, Ludwigshafen, Speyer, Worms, Darmstadt hat den Tabakboden entartet. (Wie man uns mitteilt, wurden noch Milte der 60 er Jahre große Posten Tabak aus Secken­heim, Hedesheim, Neckarau alsDeckblatt" nach Hol­land exportiert. Heute ist der Tabak von Neckarau durch den mit Menschendüngcr verseuchten Boden unbrauchbar. Wenn er lange genug beim Pflanzer lag und recht billig ist, kaufen ihn die Italiener wohl ab und zu auf. Die Red. desGieß. Anz.") Zigarrentabake können nur vereinzelt in diesen Distrikten geerntet werden. Und nur Zicftccen- Umblatttabake erzielen gewinnbringenden Preis! Ueber- dies läßt die Behandlung des Tabaks durch den Bauern auf dem Felde und in der Hänge noch immer viel zu wünschen übrig. Sagte doch Geh. Hosrat Pros. Dr. Neßler, die erste lebende Autorität auf dem Gebiete des Tabak­baues: Was die Witterung und der Boden nicht ver­derbe, wird verdorben durch die Trocknung des Tabaks beim Pflanzer, der an den ungeeignetsten Plätzen der bäuerlichen Gehöfte auf die Stangen kommt, anstatt unter dem Dache sorgfälttgst gepflegt, durch obere Oefsnungen ventiliert zu werden, vor Wino und Wetter zu schützen. Auch die Art des Verwiegens, des Verkaufs, der oft skan­dalösen Lieferung hat unheilvoll gewirkt.

Das waren allesamt Gründe, die auch uns bewogen, von einer Gründung mindestens etwas Gutes zu erwarten, die, obgleich unter bündlerischer Führung stehend, sich doch den pompösen TitelDeutsche Tabakbaukommission" zulegte.

Wie wurde man enttäuscht in der zehnmvnatlichen Thättgkeit dieser Kommission. Den Anfang bildete ein wütiger Zollartikel mit ausnahmslos unrichtigen Behaupt­ungen und falschen Zahlen. Wir widerlegten diesa Zeile für Zeile, Ziffer für Ziffer. (Wir haben seinerzeit sowohl den Arttkel der Tabakbankommission, wie die Erwiderung derSüdd. Tabaksztg." veröffentlicht. Die Red. desGieß. Anz.") Und als die Herren sich auf die Tabakerträge des Frhrn. b. Heyl beriefen, der angeblich beim Tabakbau nur Geld zusetze, bewiesen wir ihnen: daß die Produktionsi kosten für den Zentner Tabak in Lampertheim und Um­kreis 15 Mark betrügen, daß Frhr. v. Heyl seinen Tabakbau, auf Seehof bei Lampertheim vermehcfacht und für seinen Tabak pro Zentner bei einer Hockenheimer Fabrik 30 Mk. erlöste, mithin annähernd hundert Prozent Profit erzielt haben müsse. Darob Sttllschweigen bei derTabakbau-Kom­mission", neuninonatliche absolute Ruhe . . . Gleichsam als ob nichts vorgefallen, kein Wässerchen getrübt, keine falsche Zahl, keine unwahre Behauptung richtig zu stellen wäre, erscheint dieTabakbaukommission" jetzt wieder auf dem Plan, mit neuen Entstellungen, neuen Berechnungen, die noch fadenscheiniger sind, als die vom Februar d. I. Der Arttkel sagt:

Zur schmerzlichen Enttäuschung aller tabakbauenden Kreise brachte der Zolltarifentwurf auch nicht die ge­ringste Zollerhöhung für Tabak, er beläßt vielmehr die Zollsätze auf ihrer früheren unauskömmlichen Höhe. Ver­geblich sucht man nach Gründen für eine solche Maß­

nahme unserer nationalen Wirtschaftspolitik. Nachge­wiesen ist, daß der Tabakbau für den Durchschnitt langer Jahre gar keine oder keine genügende Rente mehr ge­währt hat, und es ist gleichermaßen erwiesen,. daß ein gesteigerter Zollschutz erhöhte Preise und damit wie­derum angemessene Rentabilität sichern würde."

Nichts, gar nichts ist nachgewiesen. Die Pflanzer im Bühlerthal, im Neckarthal, im badischen Ried, auf der Hardt, im bayerischen Oberlande, in Wimpfen in Hessen, in der Uckermark, waren mit dem Erlös nicht allein der besseren Jahrgänge von 1896 und 1900, sondern auch der geringen von 1897, 98, 99 wohl zufrieden, well dort Zi­garrentabake produziert werden, die für Umblattzwecke Ver­wendung und folglich gute Erlöse finden. Unzufrieden waren mit den Preisen seit 20 Jahren säst immer biß hessische Bergstraße und; die badische und die bayerische Vorderpfalz, weil kräftige Schneidtabake von Jahr zu Jahr beschränktere Verwendung finden, folglich nur geringe Preise erzielen. Die Annahme, daß Zollerhöhungen Schneidtabake für Zigarrenzwecke geeigneter machen könnten oder daß die Pfeife wieder mehr in Aufnahme kommen dürfte, wenn der Zigarrengenuß noch mehr verteuert wird, wird, durch die Lehre ab absurdum geführt, daß selbst der ärmste Raucher heute lieber ein oder zwei Zigarren weniger raucht, um nur besseres Fabrikat konsumieren zu können. Was bleibt also von den angefi'chrten Behauptungen übrig?

Dann heißt es in dem Aufsatz des Korrespondenz­blattes derDeutschen Tabakbautommission":

Gegenüber diesem Interesse an der Erhaltung von hunderttausend kleinbäuerlichen Existenzen scheint indessen wiederum eine nicht gerechtfertigte Rücksichtnahme auf die Tabakindustrie schwerwiegender gewesen zu sein und die Unterlassung der notwendigen Zollerhöhung bewirkt zu haben. Wir nennen diese Rücksichtnahme ungerechtferttgt, weil es ebenfalls erwiesen ist, daß eine maßvolle Zvll- erhöhung eine geringe Verteuerung der Tabakprodukte Äur Folge haben würde, daß dieselbe von der Industrie, oem Zwischenhandel und den Konsumenten leicht, fast unmerklich getragen werden kann. Eine Zollerhöhung von 85 auf 125 Mk. für den D.-G. würde für die am meisten gerauchte 5 Pfennig-Zigarre eine Verteuerung des Fabri­kationspreises um 5 Prozent, bedeuten, wohingegen der Zwischenhandel das achtfache auf schlägt und im Detail­absatz 40 Prozent Gewinnzuschlag macht. Sollte bei besserer Organisation, insbesondere stärkerer Zentralisier­ung, der Zwischenhandel nicht in der Lage sein, sich auxf)| mit einem bescheidenen Gewinnzuschlag zu begnügen, und damit einen erheblichen Teil der geringen Verteuerung durch den Zoll auf seine Schultern zu nehmend

Nichts verrät so sehr das dein deutschen Wirtschafts­leben drohende Unheil, wenn es den Agrariern gelänge, das Ohr der verbündeten Regierungen allein zu gewinnen, wie die vorstehenden Sätze. Die Herren wollen den Zwischen­handel zentralisieren, her vorgeblich 40 Prozent verdient. An und für sich wären ja 40 Prozent bei einer Tageslosung von 20 oder 30 Mk. noch immer nicht so viel in einem Lande, das die Nahrungsmittel künstlich verteuert, und wo die Bevölkerung allein für die Tasche der Agrarier von den 8 oder, wenns hoch kommt, 12 Mk. von welchen die Ladenmiete, Gas, Steuern, Verluste, Lebensunterhalt abgehen einen netten Prozentsatz abgeben muß, aber die Sache verhält sich denn doch ganz anders. Für die 5, Pfennig-Zigarre, die 90 Prozent des Umsatzes bildet, zahlt der Spezialist an den Fabrikanten 37 Mk. Wo bleiben da die 40 Prozent? Die Herren von der deutschen Tabakbau- kommission hätten sonach wieder einmal geflunkert. Nun. wollen sie den Detailhandel anders organisieren, zentrali­sieren. Das heißt wohl, daß sie die Hälfte der selbständigen Detaillisten depossedieren, forttreiben, vielleicht gar er­

fragt sich vergeblich, was ihn zu diesem seltsamen Schluß bewogen haben kann. Daran krankt das Stück, und das dürfte ihm trotz der vortrefflichen Charaktettsierung von Land und Leuten das Schicksal der meisten modernen Stticke be­reiten: Nach wenigen Jahrzehnten wird es in Vergessenheit geraten, von der Bühne verschwinden, durch andere ebenso kurzlebige farbenprächtigeSchmetterlinge verdrängt werden. So ist es kein Wunder, daß das Interesse, das sich bis zum 3. Akte steigert, im 4. Akte allmählich erlahmt, und das Gefühl, das der Zuschauer zum Schluß mit hinwegnimmt, ist Un­befriedigtsein, Enttäuschtsein.

Von den Darstellern möge zunächst Herr Ramsey er genannt sein, der wie im vorigen Jahre den Gutsbesitzer Vogelreuter gab. Vogelreuter, der Typus des ostdeutschen Landwirts, der viel vom Junker, aber auch viel vom Bauern an sich hat, den eben so viel Grobheit als Güte auszeichnet, sand in Herrn Ramseyer seine naturgetreue Verkörperung. Wenn int vorigen Jahre sein Spiel hier und da etwas mehr Wärme hätte vertragen können, so ließ es gestern auch in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig. Einen ebenbürtigen Partner hatte er in Herrn Gerlach als Georg von Hartwig, Vogelreuters Neffen. Mit großer Geschicklichkeit gab er den künftigen Schwiegersohn, der, zwar nie die Achtung, die er seinem Oheim schuldig ist, verletzend, doch seinen Grobheiten und Anzapfungen das Bewußtsein des durch eigene Kraft Errungenen mannhaft entgegensetzt. Auch die Art wie Herr Gerlach das Verhältnis zu seiner Braut und der Pftegetochtec Marikke, dem sog. Heimchen, wiedergab, konnte uns gefallen. Fräulein Brand au spielte die Trude, Vogelreuters Tochter. Diese Rolle ist nicht ohne Schwiettgkeiten. Es ist nicht immer leicht, die richtige Mitte zu halten zwischen dem kindlichen Ton des noch nicht völlig erwachsenen jungen Mädchens und

dem liebenden Weibe. Frl. Brandau gelang das ausgezeich­net. Die reizende Herzenseinfalt, mit der Trude an ihrem Bräutigam hängt, wohl ahnend, daß ein Schatten über ihrem Glück schwebt, aber nichts wissend, brachte sie sehr gut zum Ausdruck. Die schwiettgste Aufgabe hatte die Darstellerin der Marikke, der am Wege aufgelesenen Pflegetochter Vogelreuters, die infolge ihres stillen häuslichen Waltens den Beinamen Heimchen" erhalten hat. Wir konnten uns im ersten Akt für das Heimchen des Fräulein Feige nicht er­wärmen. ES fehlte ihr viel von der Natürlichkeit des Heimchens. Gerade diese Rolle erfordert, daß jede Bewegung, jede Pose mit dem feinsten künstlerischen Ver­ständnis abgemessen wird, und das gelang Frl. Feige nicht immer. Doch wuchs in den späteren Akten ihr Spiel, und der stumme Seelenschmerz, die ab und zu ausbrechende Wild­heit, ein Erbteil ihrer vagabondierenden Mutter, gelang ihr sehr gut. Herr Schneider wußte den Hofprediger Hasste geschickt wiederzugeben. Allerdings war sein Lithauisch zu­weilen zu lithauisch, d. h. zu breit. Frau Kruse brachte die Gestalt der diebischen Weßkalnene wirksam zum Ausdruck. Auch Frau Jung als Frau Vogelreuter konnte gefallen. Herr Sandor hätte den Inspektor Plötz nicht gar zu sehr zum unbeholfenen Untergebenen stempeln sollen. In Neben­rollen traten noch Frau Feist-Schaub als Mamsell und Frl. v. Aspern bürg als Dienstmagd auf, die lobend er­wähnt zu werden verdienen.

Was im vorigen Jahre an dieser Stelle hervorgehoben wurde, muß auch diesmal gesagt werden: Regiffeur und Dar­steller wetteiferten, der Dichtung auch in den kleinsten Punkten gerecht zu werden. R. j).