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31.3.1901 Zweites Blatt
 
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Sonntag 31. März 1901

151. Jahrgang

«r. 77 Zweites Blatt

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Zur Ansprache des Kaisers wird uns noch aoS Berliju morn 29. März geschrieben:

Ueber die gestrige Ansprache deS Kaiser- an das 'Alexander- Regiment, speziell über die Rede mit der Anspielung «uf daS Verhalten der Stadt Berlin im Jahre 1848,

rechten Zeit erfolgte.

<5o sehr Tolstoi von der russischen Jugend als Retter begrüßt und gefeiert wird, so sehr wird der

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nodsprokuratvr Pobiedonoszew gehaßt. Gr pert in seiner Person alles, was in Rußland Rückschritt heißt. Der Einfluß datiert daher, daß er einstmals Er-

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Me Rede desi Kaisers aus dem neuen Kasernenhofe des Kaiser Alexander-Garde-Grenadier-Regiments in Berlin ist in den Blättern mit verschiedenen Abweichungen wieder­gegeben worden. Wie demVorwärts^zuverlässig" mit* geteilt wird, soll die wichtigste Stelle der Rede, die sich gegen eine in Zukunft mögliche Empörung Berlins richtet, wörtlich wie folgt gelautet haben:

Wenn die Stadt Berlin noch einmal wie im Jahre 48 sich mit Fr echh eit und Unbotmäßigkeit gegen den König erheben wird, dann seid Ihr, meine Grenadiere, dazu berufen, mit der Spitze Eurer Bajonette! die F r e ch e n und Unbotmäßigen zu Paaren zu treiben."

Tah die Kaiserworte also gelautet haben, bezweifeln wir auf das Entschiedenste. Wir meinen im übrigen, daß eine Rede bei solcher Gelegenheit, wo der Kriegsherr zu seinen Soldaten spricht, an sich anders zu bewerten und zu be­urteilen ist, als Worte des Monarchen an anderer, öffent­licher Stelle. Rian würde es verstehen und billigen können, wenn in derartigem Falle nach Möglichkeit dafür gesorgt würde, die betreffenden Aeußerungen überhaupt nicht be­kannt werden zu lassen. Indes, das hat in unserem Zeit­alter seine Schwierigkeiten, und so wäre das Angemessenste und nach jeder Richtung Zweckmäßigste, wenn der offizielle Wortlaut kaiserlicher Auslassungen sofort der Presse zu­gänglich gemacht würde, um überhaupt nicht erst unbe­glaubigte Fassungen aufkommen zu lassen. Tas ist nun auch diesmal wieder nicht geschehen, und so ist leider von neuem die unerfreuliche Situation geschaffen, daß die Öffentlichkeit Kaiserworten gegenüber Stellung JX nehmen hat, ohne ganz sicher darüber unterrichtet zu sein. Denn ignorieren lassen sie sich schlechterdings nicht, schon darum nicht, weil das Warten auf einen authentischen Bericht voraussichtlich vergeblich bleiben würde, dann auch, weil die Worte, oie das wesentlichste Interesse in Anspruch

nehmen, in ziemlicher Uebereinsttmmung von verschiedenen Seiten gemeldet werden.

Es handelt sich um den Hinweis des Monarchen auf die muß, schmerzlichen Hinweis des Monarchen auf die Möglichkeit, daß das Regiment berufen sein könnte, in einer Zeit erneuter Auflehnung gegen den Herrscher in der Stadt zu seinem Schutze thätig zu sein. Gewiß hat das Heer neben der Aufgabe, das Vaterland gegen äußere Feinde ,;u schirmen, auch die Verpflichtung, im Lande selbst ein Wall gegen Unruhen und Unordnungen zu sein. Eine er­freuliche Pflicht wird das für einen Soldaten, der nicht vollständig die Empfindung, auch Bürger seines Staates zu sein, abgeworfen hat, niemals bilden. Dennoch wird fle von jeder innerlich gefestigten und unerschütterten Irmee erfüllt werden. Wir befinden uns jedoch in Zeit- ।duften, in denen auch nicht der Schatten der Wahrschein­lichkeit vorhanden ist, daß innerhalb einer selbst weit­gesteckten Frist die Nötigung, den Volksgenossen mit der Waffe in der Hand entgegenzutreten, sich ergeben werde.

So fragt man sich was den Monarchen dazu getrieben l^aben mag, auf die Kluft hinzuweisen, die unter un­günstigen, sehr ungünstigen Umständen einmal zwischen Volk und Fürst, zwischen Bürgertum und Heer bestanden Tjat. Nicht der geringste Anhalt liegt vor, daß sie sich wieder in der Art, wie vor Jahrzehnten, aufthun könnte. Meinungsverschiedenheiten zwischen der Krone und der Bevölkerung giebt es, und sie werden niemals fehlen, aber für ihre Ausgleichung sind Mittel und Wege gegeben, die sich immer wirksam erweisen müssen, solange die Achtung vor den verfassungsmäßigen Einrichttingen auf allen Seiten gewahrt bleibt. Sie sind ein Ventil, das jeder gewalt­samen Entladung in vollem Maße vorbeugt, zu der es auch niemals kommt, wenn nicht ein Volk durch lange und schwere Mißstände und Mißhandlungen in seinen Tiefen aufgerüttelt und erregt worden ist. Daß von solchen Ver­hältnissen für jetzt und für absehbare Zeit keine Rede sein tarnt, liegt auf der Hand. Selbst die Sozialdemokratie ist längst einsichtig und besonnen genug geworden, mit diesem Gedanken nicht zu spielen, geschweige ihn ernsthaft in Er- ivägung zu ziehen. Sie weiß, daß sie damit ihre Pläne weder fördern, noch überhaupt voraussichtlich zu einem Er­folge gelangen würde.

Sttaßenkrawalle und Ausschreitungen können auch in Deutschland vorkommen. Man braucht nur an Könitz zu denken. Für den Gedanken an revolutionäre Ausbrüche aber ,an ernste Angriffe auf das Schloß und den narchen sehen wir nicht die geringste Berechtigung. Der Kaiser hat noch im Beginne des Jahres anläßlich des Krönungsjubiläums seinem Danke für die Mitwirkung des preußischen Volkes an der Erringung der Größe des Staates, seinem Vertrauen auf die Treue und Zuneigung der Bevölkerung lebhaften Ausdruck gegeben. Man kann mir hoffen und wünschen, daß die unverkennbare Ver­stimmung über mancherlei Mängel des Volkslebens, die sich des Monarchen bemächttgt hat, und die in der An- Iprache an das Präsidium des Abgeordnetenhauses zuerst hervorbrach, einer unbefangeneren und vertrauensvolleren Auffassung der Verhältnisse bald wieder Platz machen möge.

Vezvgrprelr viert rtMhM Mk. 2.20, monotl. 76 ffe mit Bringerlohn; durch ! Lbtzolefteüen viertelMM Mk. 1.90, monatl. 6b W»

Bei Postbezug vierteljsttzM. «L 2.00 ohne Bestell*».

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Leo Tolstoi, den berühmten Dichter, einen Mann von tiefer Religiosität, ist bekanntlich die Exkommunikation durch die oberste kirchliche Behörde,die Heilige Synode" erfolgt, was in Rußland kolossales Aufsehen erregte. In­teressant ist, daß Tolstoi, als er kurze Zeit darauf vor einer Menschenmenge, die ihn auf den Straßen Vvn Moskau begrüßte, erklärte,sein Prinzip sei, man soll sich dem Uebel nicht mit Gewalt widersetzen. Da nun aber einmal das Volk sich gegen das Uebel in Dernonstratton wahrt, so sei es eine Sache der Konsequenz, hierin fortzufahren." Er veröffentlichte außerdem in den westeuropäischen Zeit­ungen, mit denen er in Verbindung steht, ein Dank­schreiben für die vielen Kundgebungen, die ihm aus Anlaß der Verfügung der Heiligen Synode dargebracht wurden. Tas Schreiben lautet:

Herr Redakteur! Ta ich nicht in der Lage bin, allen denen zu danken, die beginnend mit den höchsten Beamten und endigend mit einfachen Arbeitern, mir sowohl persönlich als auch mit der Post und telegraphisch ihre Sympathie aus Anlaß der Verfügung der heiligen Synode zum Ausdruck gebracht haben, ersuche ich Ihre geehrte Zeitung, allen diesen Leuten meinen Tank zu übermitteln, wobei ich die Sympathie, die mir kund­gegeben worden ist, nicht so sehr auf die Bedeutung meiner Thätigkeit zurückfuhre, als darauf, daß die Ver­fügung der heiligen Synode so geistteich ist, und so zur

Degischer Landtag.

Zweite Kammer der Stände.

nn. Darmstadt, 28. März.

Die Sitzung wird um ein Viertel 10 Uhr eröffnet. Am Ministertisch: Staatsminister Rothe, die Ministerialräte Braun, Breidert und Ewald. Die Debatte über die Schutz­zölle des Reichs wird fortgeführt.

Abg. Ulrich hebt hervor, daß seine Partei kein Htm- melsstürmer sei, sondern sie wünsche nur eine weitere Zollerhöhung der Lebensmittel vermieden. Die Sozial­demokratie vertrete in dieser Frage den gleichen Stan^ punkt, und wenn alle gegen sie sind, und wenn die Wett voll Teufel wäre. Selbstmord eines Vernünftigen sei wenn man den Forderungen des Abg. Köhter-Langsdor» folgen wolle. Staatsminister Rothe habe festgestellt, daß die Regierung keine Bedenken trage, dem Antrag Haas- Tarmstadt zuzusttmmen, weil er so nichtssagend sei, daß der große Agrarier Graf Oriola Arm in Arm mit dem Bauer Köhler-Langsdorf marschiere.Ein schönes Bild'. Man rede so viel von Patriotismus. Er nehme den Pa­triotismus geradeso in Anspruch, wie seine Gegner und de» Patriotismus sei nicht nur bei den Agrariern zu Hause. Tort gehe der Pattiotismus nur bis an den Geldbnitol. Schon Kaiser Wilhelm habe zu seinen Ministern geäußert: Sie können mir nicht zümuten, daß ich Brotwucher treibe , als es sich um neue Zollerhöhungen handelte. Der klein« Bauer habe kein Interesse an der künstlichen Steigerung des Brotgetreides, da in Hessen nur 40 Prozent Landwirt« mehr als 1 Hektar Land besitzen. Durch die Erhöhung de» Getreidezölle werde dem Arbeiter sein Brod um 4 Pfennt, verteuert. Tas bedeute für das Jahr einen vollen Wocheu- lohn, den der Arbeiter dem Agrarier opfern müsse. All« Lebensmittel seien fast um das Doppelte gesttegen uni. durch die Erhöhung der Zölle werde nur der Arbeiter am stärksten getroffen, weil er den größten Stand im deutsche, Reich darstelle. Die Sozialdemokratie sei daher auch die einzige Partei, die heute noch auf dem alten Standpuntt des Freihandels stehe. Jede Zollerhöbung treffe den Deutschen Arbeiter. Da wundere man sich, wenn man von Drotwucher und von Hungerzöllen spreche, wenn de» Arbeiter 139 Mark pro Jahr Zölle an den Fiskus abliefern müsse, wenn er sich und seine Kinder ernähren wolle. Gegen solche Zumutungen müsse sich jeder Gutgesinnt» sträuben. Aber der Agrarier habe kein Herz für den Arbeiter. .

Nach einer kurzen Pause tritt die Kammer in die Jx* ratung der Rückäußerungen der Ersten Kammer, I^sctve ist dem Antrag der Zweiten Kammer auf Gewährung A n w e s e n h e i 1 s g e l d e r n im Deutschen ^lfr )übIß2 nicht beigetreten. Die Kammer beharrt auf ihr f Beschlust Auch dem Antragder Ucbernal uw der

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zieher Alexanders III. war und seitdem konsequent für die geistige Abwendung der Russen von Westeuropa wirkt. Einen Ausfluß der herrschenden Stimmung gegen diesen gefürchteten Mann kann man darin erblicken, daß in de» Nacht vom 21. zum 22. März ein Mordversuch aus de, Synodsprokurator gemacht wurde. Das ist die zweite Go- ivaltihat, die binnen kurzer Zeit das russische Volk in Aufregung versetzt hat. Bekanntlich ist der Unterrichts Mi- nister Bogoljepow dem Attentat, das ein Student gegen ibn verübte, erlegen. Jedenfalls ist die Situation ernst, da neben den Studenten die Gelehrten aller Gruppen uni besonders die Offiziere sich im offenen Kamps gegen dal herrschende Regiment befinden.

Ueber den Anschlag auf Pobjedonoszew kommen aui Petersburg noch folgende ausführliche Mitteilungen: Pvb- jedonoszew saß in der ersten Morgenstunde nahe de» Fenster seiner Studierstube, die zu ebener Erde gelegen ist, als der eine der Attentäter, Loukianoff, von draußen eine« Schuß durch das Fenster abgab. Die Kungel durchbohrte aber nur die Scheibe und blieb im Holze der Rouleaux sitzen. Als Pobjedonoszew bestürzt ans Fenster trat, feuert» Loukianoff zum zweiten Male, jedoch wieder ohne AO treffen. Die Kugel verlor sich im Studierzimmer. Po^ jedonoszew, der imnwr noch keine Ahnung hotte, das ein Attentat gegen ihn geplant war, ging jetzt. zum Portte« hinaus, um Erkundigungen einzuziehen.Wissen Sie nicht- - fragte er den Mann -was dieses Einwerfen meineo Fensterscheiben bedeuten soll?" Der Portier vermutete, seien wohl einige elektrische Lampen gesprungen. In diesem Augenblick schlug eine andere Kugel durch die GlaS- thür ein. Auf der Straße waren infolge der schpaten Stunde nur wenig Leute unterwegs und die Verbrecher Loukianoff hatte noch einen Genossim namens Jwano» wären entkommen, wenn nicht ein Nachtwächter unö ein Polizist sie gestellt hätten. Loukianoff verteidigte fuft wie ein Verzweifelter und feuerte seinen Revolver auf den Nachtwächter ab, schoß aber fehl. Jetzt wurde es in der Nachbarschaft lebendig. Notpfeifen ertönten und PoU- zisten kamen hinzugeeilt. Es gelang, die Attentäter zu ver­haften. Später erstattete der Generalprokurator demEHH der Polizei und dem Departementsdirektor emen BesmH ab. Im ersten Verhör weigerten sich die Attentäter übe» ihren Anschlag irgend welche Auskünfte zu geben, gestände« aber schließlich ein, daß ihre Thal ein Racheakt fet fu» die Exkommunikation des Grafen Tolstoi und die Mast- regelung der aufrührerischen Studenten.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

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M am 15 April i im gdn- uvd ela zu eröffnen. MflchdMndi»

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bringt heute die offiziöse w3torbb. Allg. Ztg.", entgegen bem Herkommen, keinen eigenen Bericht. Das Blatt zittert viel mehr den Bericht der konservativen »Kreuzztg.". Inzwischen ftnb von ber Presse vier verschiebcne Lesarten bes betreffenden markanten Satzes veröffentlicht worden. Welche Version den Anspruch auf Genauigkeit hat, muß vor der Hand unent ichieden bleiben. In den Zeitungserörterungen war die Frage nach dem Anlaß der kaiserlichen Aeußerung auf­geworfen worden. DieKreuzztg.", die in diesem Falle als unterrichtet gelten darf, erwähnt die Mitteilung ber »Freis Ztg.-, wonach s. Zt. in den Verhanblungen ber Budget kommisfiov über den Neubau der Kaserne des Alexander Regiments betont wurde, die Wahl des Platzes im Zentrum bet Stadt sei zweckmäßig, um vorkommenden Falls bet Sttaßenuntuheu Truppen zum Schutze de- Schlaffes in der Nähe zu haben. DieKreuzztg." bemerkt dazu:Der Hin- weis des Kaisers auf diese Möglichkeit kann unter diesen Umständen nicht überraschen,-

Leo Tolstoi und Pobjedonoszew.

In Rußland gührt es. Die beiden Hauptvertteter der Weltanschauungen, die sich dort feindlich aegenüberstehen, führen wir unseren Lesern heute im Bilde vor. Ueber