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31.1.1901 Zweites Blatt
 
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Rv; 26 Zweites Blatt. Donnerstag den 3l. Januar 151. Jahrgang 1SV1

SichenerAnzeiger

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Der Kaiser von Indien.

Der Thronwechsel in England giebt Veranlassung, einer Frage zu gedenken, von der man vor nicht langer Zeit noch glaubte, daß sie denspringenden Punkt" in der Welt­politik darstelle: der Position Großbritanniens in Indien und Centralasien. Was ist nicht alles geschrieben und prophezeit worden über den unausbleiblichen Zusammen- stoß zwischen Engländern und Russen an den Grenzen ves alten Wunderlandes Indien! Man erinnere sich nur der bedeutungsvollen Hinweise, mit denen die russischen Truppenverschiebungen oder die Bewegungen britischer Kriegsschiffe begleitet wurden. Und gar die geheimen Ab­machungen, die der Zar mit dem Schah von Persien, sowie mit den Emiren von Afghanistan und Beludschistan getroffen haben sollte, um bei bedenklichen Verwickelungen die Ko- sackenregimenter und Schützenbataillone schnurstracks nach Indien, der Hochburg des britischen Rivalen, werfen zu können. Und wie ist es in Wirklichkeit gekommen? Man darf ohne Uebertreibung sagen, daß all' das Gewölk, das in den letzten Jahren am Horizont der Auslandspolitik empor- stieg, den indischenWetterwinkel" nicht überschattete. Eng­land war dort, wo es am verwundbarsten ist, so unbehelligt, wie nur je. Es ist nun wohl bekannt, daß John Bull diese Schonzeit" lediglich der beispiellosen Rücksichtnahme des Zaren zu danken hat. Er gab sein kaiserliches Wort, dem durch den Burenkrieg engagierten und bald auch bedrängten Rivalen nicht in den Rücken zu fallen. Geschichtsschreiber späterer Tage werden diese Reserve vielleicht als die größte That Nikolaus' II. bezeichnen, daß er derart sein auf Sicher­ung des Weltfriedens gerichtetes Programm bethätigte. Und der Geschichtsschreiber der Gegenwart, der Publizist, wird die Behauptung aufstellen dürfen, daß das Sein oder Nichtsein der indischen Frage vom Sein oder Nichtsein des Zaren abhängt. Die weniger friedlichen Gesinnungen des bei einem russischen Thronwechsel in Betracht kommenden Groß­fürsten sind bekannt.

Und Eduard VII.? Bietet dessen Persönlichkeit nach irgend einer Richtung hin Gewähr für die Gestaltung der Dinge in Indien? Die Stimmung der eingeborenen Be­völkerung, die Zuverlässigkeit der Emire, Khane und sonstigen braunen Würdenträger wird zu nicht geringem Teile durch die Wärme der persönlichen Empfindungen für denKaiser von Indien" reguliert. Königin Viktoria war auch in Indien sehr beliebt. Ihrer Popularität ist es nicht zuletzt zuzuschreiben, daß die Eingeborenen so manchen Uebergrisf britischer Offiziere und Beamten geduldig ertrugen. Der Prinz von Wales hat zwar Indien besucht, aber das ist lange her. Ob er den Indern sympathisch ist, weiß man nicht. Vielleicht wird er es, vielleicht auch nickst. Diese Frage werden die Staatsmänner an der Newa aber nicht außer Betracht lassen dürfen, wenn sie eines Tages Neigung verspüren, dieAkten" über Indienaus dem Schrank zu holen.

Politische Tagesschau.

Der Tod des Gouverneurs von Kiautschou, Kapitän zur See Jaeschke, hat allgemein Bedauern erregt. Kapitän z. S.

Jaeschke hatte sich vor nicht langer Zeit verheiratet. Ende 1898 hatte als Nachfolger des Kapitäns z. S. Rosendahl Herr Jaeschke sein Amt als Gouverneur angetreten, man glaubte, in ihm den richtigen Mann gefunden zu haben; er kannte Ostasien und die ostasiatischen Derhältnisie ziemlich genau. Mitte der achtziger Jahre kommandierte er auf der oftafiatischen Station das kleine KanonenbootWolf" und 1895 führte er als Kapitän z. S. das damalige PanzerschiffKaiser" mit großer Umsicht nach Ostasien; es erregte in Marinekreisen ein gewißes Aufsehen, daß dieser längst veraltete Panzer mit

verhältuißmäßig großer Schnelligkeit und ohne den geringsten Unfall Ostasien erreichte. Ueber die Wirksamkeit Jaeschkes als Gouverneur mögen die Stimmen geteilt sein; aber das werden ihm auch seine Neider lasten wüsten, daß er den kaufmännischen Verhältnissen, dem Handel und der Industrie Jntereste entgegenbrachte. Kapitän z. S. Jaeschke war von außerordentlich gewinnenden Formen, die Liebenswürdigkeit selbst. Er ist 1871 Leutnant z. S., 1875 Oberleutnant z. S. geworden, 1881 rückte er zum Kapitänleutnaut auf, 1889 wurde er Korvettenkapitän, 1894 Kapitän z. S. Die kaisev liche Marine hat in ihm einen hochbefähigten Offizier ver­loren. Provisorischer Gouverneur ist der ehemalige Kom Mandant des kleinen KreuzersGefion", Fregattenkapitän Rollmann.

Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 29. Januar:

Am BundeSratStisch Graf PosadowSky" auch heute wieder mußte der Staatssekretär deS Innern sich ehr finden im Reichstag, um alles anzuhören, was die Volks Vertreter mit unermüdlicher Lust an den harmlosen Titel Gehalt des Staatssekretärs" knüpfen. Fürst Herbert B i s- marck bekannte sich ein seltener Fall zu der Auf fastung derFreis. Ztg.", daß es nämlich auf die Dauer so nicht weitergehen könne mit diesem endlosen Debattieren. Wenn wir uns etwas zahlreicher hier versammelten, dann wäre ein Ende der Verhandlungen eher abzusehen", meinte Fürst Bismarck. Die Fraktionsvorstände trommeln unaus- gefetzt ihre Leute zusammen, aber es nützt nichts. Abhilfe versprechen nur Tagegelder für den Reichstag, oder besser Anwesenheitsgelder". Es heißt, daß Graf Bülow die unleidlichen Zustände aufmerksam verfolgt und den Diäten- Vorschlag für erwägenswert hält. Graf PosadowSky, der bei langsamem Feuer Gebratene, hätte dann im nächsten Jahre, sofern er noch Staatssekretär ist, Aussicht, mit kürzerer Tortur davonzukommen. Aber wenn man auch alle Gründe für die Einführung von Reichstags- Diäten gelten lasten will, so muß man doch fragen, weshalb es sich mehrere hundert verehrliche Reichsboten soviel saure Mühe und andere Opfer haben kosten lassen, in das diätenlose Parlament hineinzugelangen, das sie jetzt so wenig schätzen? DieNationalztg.", die heute abend mit Recht bemerkt, was sich im Reichstag abspielt, komme der voll ständigen Auflösung aller parlamentarischen Verhandlungs- Ordnung gleich, hält zwar Diäten für ein Mittel zu besseren Zuständen, legt aber daS Hauptgewicht auf die Auswahl der Kandidaten bei Neuwahlen. In der That sollte auf Ab geordnete, die infolge ihrer Berufsgeschäfte und sonstigen Verpflichtungen wenig Zeit übrig haben für ihr Mandat, ganz verzichtet werden. Lieber keinenNamen", aber einen tüchtigen eifrigen Vertreter der Wähler. Nicht ohne Humor war übrigens, daß fast jeder Redner heute dieUferlofigkeit der Debatte beklagte, daß ungeachtet sich verpflichtet fühlte, auch das ©einige zur Vergrößerung des Mißstandes endlich bei zusteuern. Zum Glück hat alles ein Ende. Nach einer Rede des Abg. Bebel u. a. gegen Stöcker, nach nicht minder erregten persönlichen Bemerkungen" wurde, solcher Artunter Donner und Blitz", dem Grafen PosadowSky daS Gehalt bewilligt. Der Staatssekretär wird hoch aufatmen, daß dieser Tage Qual vorüber ist!

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Man schreibt und: Der Kampf um die Getreidezölle ist auf der ganzen Linie entbrannt. Auch im preußischen Ab­geordnetenhaus wird daS ThemaZoll" immer wieder auf gegriffen. Allem Anschein nach fällt der Widerstand gegen die agrarischen Bestrebungen in der Hauptsache den Hansa- städten, den natürlichen Vorkämpfern deS Freihandels, zu. Die Vertreter Hamburgs und Bremens sollen auch im BundeSrat sich entsprechend bemüht haben, jedoch majorisiert worden sein. Die Einflüssevon der Wasserkante", über die einmal der Bündler-Führer Frhr. v Wangenheim Klage führte man leitet die mildere Fastung des Fleischschau­gesetzes auf sie zurück werden in der Getreidezollfrage also wohl machtlos bleiben.

Preußischer Landtag.

Berlin, 29. Januar.

Es wird die Beratung des Landwirtschaftsetats fort­gesetzt. Abg. Pohl (frs. Vg.) verlangt die Einstellung von Staatsmitteln zu landwirtschaftlichen Versuchszwecken. Abg. Lüders-Gronau (frk.) schildert die mangelnde Rentabilität der Landwirtschaft, sowohl im Betriebe des Ackerbaues, wie in der Viehzucht. Mg. Schmitz (Ztr.) verlangt eine auf rationeller Grundlage beruhende Ver­schuldungsstatistik und eine Aenderung des Weingesetzes

im Interesse der Weinbauer. Reg.-Kommissar Geh. Rat Dr. Müller entgegnet, erstere sei in der Ausarbeitung begriffen. Minister Frhr. v. Hammer st ein teilt mit, daß eine Novelle zum Weingesetz voraussichtlich noch in dieser Session dem Reichstage zugehen werde. Mg. Dr. Barth (frs. Vg.) berechnet die Ausgabe infolge der Zoll­erhöhung für eine Arbeiterfamilie auf 80 Mk. jährlich. Das sei ein Monat Arbeitsleistung. (Zurufe: Redensarten!) Wie es mit den Schutzzöllnern im Auslande und ihrer patriotischen und nationalen Gesinnung bestellt sei, das habe Treitschke geschildert. Redner schließt mit der Frage r Wann hat je eine einzelne Klasse den Staat für sich aus­gebeutet, seit die Hohenzollern ihr glorreiches Szepter führen? U. A. w. g." (Beifall links.) Abg. Frhr. v.- Z e d - litz (frk.) bezeichnet die Berechnung des Dr. Barth als völlig falsch. Dieselbe sei nur aufgestellt, um unkundige Leute zu verwirren. Gerade unter dem Schutzzoll habe sich die Arbeitsgelegenheit gemehrt, und der Lohn erhöht. Barths Theorien seien längst zum alten Eisen geworfen. Nicht durch hohe Preise würden die Arbeiter zu Streiks getrieben, sondern durch agitatorische Verhetzung. Wer behaupte, alle Interessen zu berücksichtigen, vertrete ge­wöhnlich den einseitigsten Jnteressenstandpunkt; das dürfe bei Herrn Barth zutreffen, der die Interessen der See­städte und des im Handel angelegten Kapitals zu ver­treten scheine. Abg. Goth ein (frs. Vg.) hält die Be­rechnung Barths für durchaus zutreffend. Unser wirt­schaftlicher Aufschwung datiere nicht vom Beginn der Schutzzollperiode, sondern seit den Handelsverträgen und habe infolge Ueberproduktion im vorigen Sommer seinen Höhepunkt überschritten. Die Brotpreise würden immer verschieden sein; durch den Zollaufschlag würden sie nur entsprechend höher, niemals billiger. Auch der Handelstag habe sich gegen den Maximal- und Minimalzoll ausge­sprochen und auch seine, Redners, Freunde thäten es im wohlverstandenen Interesse der Landwirtschaft und um den Ausbruch des Volksunwillens zu verhüten. (Beifall.) Abg. v. Szmula (Ztr.) fragt nach dem Gesetz über die Regulierung der Dorfauen. Abg. Mooren (Ztr.) bittet um größere Berücksichtigung der Massengenossenschaften. Vorn Regierungstische wird dies zugesagt. Abg. Schmitz (Ztr.) wünscht festzustellen, daß in seiner Fraktion noch niemand einen Zoll von 8 Mark verlangt habe; er stelle dies ausdrücklich fest, um unbegründete Agitationen zu verhüten. Abg. Win term eher (frs. Vp.) erklärt sich gegen Gemüse- und Obstzölle. Die Debatte wird' geschlossen, der TitelMinistergehalt" bewilligt.

Zum englischen Thronwechsel.

Ueber die Investitur des deutschen Kron­prinzen wird aus London berichtet: Nachdem der König dem vor ihm knie enden Kronprinzen das Band um den Hals und den Stern auf der linken Brust befestigt und ihm den Kragen und das Hosenband über­reicht hatte, hielt er eine höchst eindrucksvolle Rede. Er­wies darauf hin, daß es der Wunsch der Königin gewesen sei, dem Sohn seines erlauchten Neffen den Hosenband­orden zu überreichen, und nun es ihr unmöglich geworden, sei die freudige Pflicht aus ihn übergegangen. Der König verweilte dann bei dem freundschaftlichen Ver­hältnis zwischen beiden königlichen Fami­lien, das so klar bewiesen sei durch den gegenwärtigen Besuch des .Kaisers, der noch zurzeit gekommen sei um von seiner Großmutter erkannt zu werden, und dessen Rücksicht und liebevolles Gefühl die Nation so tief ge­rührt habe, die seine Handlungsweise warm anerkenne. Der König wandte sich dann an den Kaiser und gab seinem aufrichtigen Gefühl für ihn Ausdruck mit der Erklärung, er und die königliche Familie achteten ihn nicht nur auf Grund derBlutsverwandtschaft hoch, sondern wegen aller seiner großen Eigen­schaften, und ganz besonders schätzten sie seinen langen, trostreichen Aufenthalt jetzt in England; er hoffe zuver­sichtlich, daß diese freundsckaftlrchen Beziehungen stets fortdauern und daß die beiden Nationen fort- fahren würden in ihrer gemeinschaftlichen Arbeit in der Sache des Friedens und der Zivilisation der Welt.

Wie weiter aus London gemeldet wird, erregt der junge deutsche Kronprinz dort durch sein beschei­denes Auftreten allgemeinen Beifall. Bei der Investitur des Hosenbandordens wurde auch dem Kaiser dieser Ein­druck zur Erkenntnis gebracht, dessen Vaterstolz dadurch

hoch befriedigt war.

Das PreußischeMilitärwochenblatt" meldet aus Os- borne vom 23. ds.: S. M. der König von Großbri­tannien und Irland, Kaiser von Indien, Chef des Hus- Regts Fürst Blücher von Wahlstatt (Pomm.) Nr. 5, wurde auch zum Chef des 1. Garde-Drag. Regts. Königin Viktoria von Großbritannien und Irland ernannt. , ,

Ueber die Beisetzungsfeierlichkeiten rn Wrnv- sor werden immer noch widersprechende Arrangem nts öffentlicht. Fest steht, daß der Kaiserr in die Staatszimmer bewohnen wird bis zu