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Mr. 124 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Donnerstag 30. Mai 1901
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Dckamümaißnnq.
Die Brücke über die Lahn bei Ruttershausen wirb von heute ab für den Verkehr gesperrt.
Für den Fußgängerverkehr dient ein neben der Brücke aufgestellter Fußsteg.
Gießen, den 29. Mai 1901.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Der Schlußakt des chinesischen Dramas.
Das chinesische Drama nähert sich thatsächlich jetzt schnell dem Ende. Die Möglichkeit neuer militärischer Kon- jflikte darf als beseitigt aelten, und so herrscht im internationalen Feldlager Helle Freude. Nicht anders bei den Diplomaten, denen die chinesische Nus; die sauersten Stunden bereitete. Tie sonst so geschäftsmäßig kühl sich gebenden amerikanischen Staatsmänner fühlten sich sogar veranlaßt, den deutschen Kaiser zu seiner Entschließ- iung, das Expeditionskorps aufzulösen, durch Kabeltele- tzramm zu beglückwünschen. Während des ganzen Verlaufs der Wirren ist auf amerikanischer Seite ein so lebhaftes Interesse für das Wohl und Wehe der deutschen Ehinakrieger nicht in die Erscheinung getreten. Was doch die Freude über den „Kehraus im Reich der Mitte" alles vermag! Uebrigens wird Graf W a l d e r s e e in der Eigenschaft als Höchst kommandier end er einen Nachfolger erhalten. Wie man meldet, finden zur Zeit unter den Mächten über diese Angelegenheit Verhandlungen statt. Wahrscheinlich werde der Oberbefehl über die zurückbleibenden Truppen einem französischen Offizier übertragen werden — man darf wohl hinzufügen, auf Vorschlag des Grafen Waldersee selbst. Tenn aus dessen Berichten war unschwer zu entnehmen, daß er die französischen Generale seiner besonderen Wertschätzung würdigt.
Ter Abzugderdeutsch en Marinetruppen aus Peking nach Tsingtau hat begonnen. Tie Zivilpräfektur wurde aufgelöst, die Gerichtsbarkeit in dem von den Deutschen besetzten Viertel Pekings wurde den chinesischen Behörden, vorläufig versuchsweise für einen halben Monat, übergeben.
Aus Kiel wird geschrieben: Tie erste deutsche Linien- schiffsdivision, die eine politische Aktion in außereuropäischen Gewässern übernahm, hat die ihr gestellte Aufgabe erfüllt. Unvergeßlich bleiben die Julitage, da das auf einer Uebungsfahrt nach Danzig befindliche Geschwader nach Kiel zurückberufen wurde, innerhalb weniger Tage die Ausrüstung der Schiffe durchführte und die stattliche Seemacht nach China auslief. An Bord des Linienschiffes Kaiser Wilhelm II. wohnte der Kaiser am 9. Juli der Abfahrt bei; eine unabsehbare Menschenmenge, besetzte die Ufer des Kriegshafens und die Schleusenwerke-bei Holtenau. Die Ausreise verlief sehr glücklich. Nach 56 Tagen, am 3. September, erreichten die Schiffe wohlbehalten die Wusung- reede. Wenngleich die Division kein Seegefecht bestanden
und keinen Sieg errungen hat, so hat sie doch wesentlich zur Hebung des deutschen Ansehens in Ostasien beigetragen. Tie Besetzung der Dangtse- und der Sikiangmünd- ung, die der Tivisionschef Kvntreadmiral Geißler mit Um sicht und Geschick durchführte, war das beste Mittel zur Unterdrückung der chinesischen Seeräuberei und der geplanten Aufstände im Pangtsethal. Chinesen und Japaner überzeugten sich durch den Augenschein von der maritimen Bedeutung des Deutschen Reiches. Die Expedition hat eine Reihe wertvoller Lehren für den Kriegsschifsbau gegeben. Tie Ankunst der Linienschiffe in Kiel wird um den 20. Juli erwartet. Tie Panzer gehen alsdann zur Vornahme von Unterwasserarbeiten ins Dock und treten Mitte August in den Verband der Uebungsflotte. Nach der Abfahrt besteht das ostasiatische Kreuzergeschwaber aus den großen Kreuzern Fürst Bismarck, Hertha, Hansa, Kaiserin Augusta, den kleinen Kreuzern Gefion, Irene, Geier, Seeadler, Bussard, Schwalbe, den Kanonenbooten und drei Torpedo booten. Tas erbeutete Hochseetorpedoboot Taku gehört dem Kreuzergeschwader nacht an.
Tie Schiffe vom Norddeutschen Lloyd und der Hamburg- Amerika-Linie, mit denen die ersten Heimatstransporte abgehen werden, sind Krefeld, 4000 Tonnen, für 1000 Mann, Palatia, 6000 Tonnen, für 1250 Mann, Neckar, 10000 Tonnen, für 2500 Mann, Straßburg, 5000 Tonnen, für 1000 Mann, Dresden, 4500 Tonnen, für 1000 Mann, ferner noch drei andere Dampfer. Außerdem werden die vierzehntägig verkehrenden Lloyddampfer je etwa ein Bataillon einnehmen. Der österreichisch-ungarische Lloyd wird auf besonderen Wunsch des Kaisers von Oesterreich ebenfalls mit einem Transport beteiligt werden.
Eine englische Agentur weiß wieder einmal über einen Vorfall zu berichten, bei dem die beteiligten Deutsckzen als im Unrecht befindliche geschildert werden. Man wird derartige Vorkommnisse nirgends mehr tragisch nehmen, nachdem sich zur Genüge erwiesen hat, daß das gute Einvernehmen der Verbündeten durch Differenzen ähnlicher Art bisher nie dauernd gelitten hat. Bureau Reuter meldet aus Peking: Tie amerikanische Legationswache hatte einen Krawall mit Deutschen. Die Legationsstraße wurde unlveit der amerikanischen Gesandtschaft repariert und die amerikanische Schildwache stand dort mit dem Befehl, die Passanten anzuweisen, durch eine Nebenstraße zu gehen. Alle gehorchten, außer einigen deutschen Offizieren und anderen T-eutschen. Ein deutscher Offizier zog seinen Säbel gegen den amerikanischen Soldaten, welcher ihn mit dem Bajonett abwehrte, worauf der Offizier von ihm abließ Später ging ein deutscher Soldat bei der Schildivackj-e vorbei, worauf dese feuerte und einen anderen deutschen Soldaten traj, der eine viertel Meile ab bei der deutschen Gesandtschaft stand und eine leichte Fleischwunde davontrug. Die Schildwache wurde verhaftet. Tas Telegramm fügt hinzu: Des Gesandten Mumm, des Grasen Waldersee und anderer hoher deutscher Beamten Verhalten gegen die Amerikaner ist ein ausnehmend freundliches, das unfreundliche Verhalten der deutschen Offiziere und Mannsckjaften nnrd der Thatsache zugeschrieben, daß die Amerikaner durch ihre Legationsrvache eine Kontrolle über einen Eingang in die verbotene Stadt zurückbehielten, was die Deutschen
als eine Kränkung ihrer nationalen Ehrenhaftigkeit empfinden
Die .„Times" meldet aus Peking von gestern: Die Entschädigungsf age wird voraussichtlich im Sinne des englischen Vorschlages, der mit wachsendem Wohlwollen betrachtet wird, zu einem beftiedigenden Abschlüsse gebradyt werden. Tie verbündeten Regierungen Norden den Erlaß eines kaiserlichen Ediktes fordern, worin die Verpflichtung Chinas, an die Mächte 450 Mill. Taels zuzüglich der Zinsen zu zahlen, zugestanden nnrd. Dann beginnen die Mückste mit der Räumung. Ehina wird bereit sein, nachzugeben. Waldersee hat, den Wünschen aller Verbündeten nachgebend, bereits das Gebiet der fremden militärischen Oktupation beschränkt. Den Chinesen wird gestattet, die Jurisdiktion wieder auszuüben. •
Die Pariser Presse bemüht sich den Rückzug des Grafen Waldersee und der deutschen Truppen als ein Z u g e st ä n d nis des Scheiterns der deutschen Pläne hinzustellen. Ter „Temps" giebt den Deutschen zu erwägen, ob sie aus dem bescheidenen Ausgange der Expediston die Lehre ziehen sollten, daß solche Unternehmungen, deren. Aufwand in keinem Verhältnis zu dem erreichbaren Ziele steht, den Ruf und die innere Kraft ihrer Armee kompromittieren müßten. Deutschland habe auch kaum seinen dauernden Interessen in Ostasien gedient. Die hervorragende Stellung Waldersees lasse für lange Jahre in der Seele der Chinesen Mißstimmungen zurück, und unter den Großmächten habe Deutschland, welches weder für England noch für Rußland Partei nehmen wollte, keinen befriedigt. Das „Journal des Debats" ist so ehrlich zuzugeben, daß der Rückzug der Truppen keine einseitige deutsche Maßregel ist. Tas Blatt betont, daß die Mächte in China erreicht haben, lvas bei ihrer eigenen Unentschlossenheit und Uneinigkeit erreichbar war.
Engländer und Brrren.
Dem „Reuterschen Bureau" wird aus Middelburg vom 27. gemeldet: Der Bormarsch der vereinigten Burenkommandos unter Kruizinger nach Süden ist bei BamboeS» berg durch die raschen Bewegungen der Abteilung Gorringe und anderer Abteilungen unterbrochen worden. Die Buren wandten sich, als sie den Weg versperrt fanden, nach Nord osten. Heute wurden Kommandant Malan und Leutnant Cloete, die in einem Gefecht mit der Abteilung MulinS verwundet wurden, als Gefangene nach Cradock gebracht. Malans Kommando ist zersprengt.
Laut „Petit bleu" meldet ein im Haag eingelaufener Bericht, daß die Burenkommandanten Beyer und Breetenbach die Engländer in Kalkheuvel bei Pretoria geschlagen haben. Die Engländer verloren 49 Tote und 159 Verwundete. Die Buren machten 600 Gefangene und erbeuteten 6 Kanoneu.
„Reuter" meldet aus Pretoria vom 27. Mai: Als der Burenkommaudant Schoemann mit Familie und Freunden gestern eine, in seinem Hause als Kuriosität znrück- behalteue Lydditgranate besichtigte, zersprang daS
Von der Darmstädter Künstlerkolorrie.
Selten ist über eine Ausstellung so viel Ungereimtes in der Preffe gesagt worden, wie über die Darmstädter Künstlerkolonie. So wird dieses „Dokument deutscher Kunst" zugleich ein Dokument deutscher UrteilSkunst. Und gerade das in Darmstadt selbst verbreitetste Blatt, das „Darmst. Tagbl.", bemüht sich, einem Banausenurteil so weit als möglich ent- gegenzukommen. Bei'der Eröffnung der Spiele erzählte es u. a. seinen Lesern folgendes:
„WaS hier vorgeführt wurde,, sind keine Bühnenstücke, sondern mystisch-symbolische Stimmungssrenen im Stil von Ibsens „Wenn wir Toten erwachen". Bon dem ersten Teil „Weihespiel" hat nur der kleinste Teil des Publikums überhaupt etwas verstanden. Bei völliger Verdunkelung der Szene und des Zuschauerraums steigt gespensterhaft eine weißgekleidete Figur im Hintergrund hervor, spricht in leisestem Ton unverständliche Verse, schleicht langsam von den Stufen herunter und Nimmt einen symbol,scheu Akt vor, worauf sie wie eine Gespenstererscheinung durch den Zuschauerraum auf der anderen Seite wieder hlnauö- schlncht. Vor dem letzten Stück erhoben sich einige Personen aus dem Publikum und in düsterem Schweigen verließ dann das übrige Publikum das Haus, ohne daß bekannt gegeben worden war, ob und weshalb die letzte S»me ausfiel. Aus der drückenden, nervösen Atmosphäre heraus- getteten lebten wir wieder auf, als un8 draußen die frischen Mailüfte um die heiße Stirn fächelten und es in Gottes herrlicher Natur wie eine Erlösung über uns kam. Wir wiederholen, daß das Uthil des allergrößten Tests des Publikums mit dem unsrigen übereinstimmte und verwahren uns gegen die übelwollende Auslegung, als wollten w l r das Publikum gegen solche Vorführungen einnehmen."
Der Vergleich zwischen Holzamers „Spielen" und der Jbsen'schen Dichtung „Wenn wir Toten erwachen" kommt ungefähr auf dasselbe heraus, als wenn man von einer rChopin'schen oder Schumann'scheu musikalischen Dichtung -für Klavier sagen wollte, sie sei im Stile von Bachs wohltemperirtem Klavier" geschaffen. Mit demselben ^Rechte hätte man auch sagen können, Holzamers Spiele «eien im Stile von Dantes „Göttlicher Komödie" oder Lu dem des „OedipuS" von Sophokles. Diese kleinen feinen Dichtungen tragen vielmehr das Gepräge der Johannes!
Schlaf'fchcn Skizzen, mehr noch der Dichtungen des Dänen Jens Peter Jacobsen. Auch ein Vergleich etwa mit Eichen- dörfischer lyrischer Poesie würde eine gewiffe Berechtigung haben. Das Publikum verhielt sich keineswegs in der düster ablehnenden Haltung, wie sie hier geschildert wird, es war vielmehr nicht zum kleineren Teile ergriffen und ließ sich willig von der künstlerisch geschaffenen Stimmung hiureißen. Ein anderer Teil des Publikums konnte sich allerdings nicht genug thun in platten Witzeleien über diese ihm unverständliche, weil zu subtile Kunst. Diese Leute beeinträchtigten den künstlerischen Genuß der Andächtigen in aufdringlicher Weise. Sie glaubten, wie sie urteilten auch die andern, waren laut und ungeberdig, und zeigten ein Betragen, das an Taktlosig. keit in anderen Orten seines Gleichen selten findet. Der Repensent des „Darmst. Tagbl." erklärt in dem letzten der oben zitierten Sätze, daß er sich eins weiß mit dem allergrößten Teil des Publikums. Zu ergänzen hat man hier: nicht etwa des an jenem Abend im Spielhause anwesenden Teiles des Publikums, sondern des Darmstädter Publikums überhaupt, das ostentative Opposition der Ausstellung ent gegengebracht hat. Wir halten es keineswegs für ausge schloffen, daß ein beträchtlicher Teil auch des den Spielen ferngebliebenen Darmstädter Publikums aus einem Saulus zum Paulus sich gewandelt haben würbe, wenn es jenem EröffnungSabende beigewohnt und die voreingenommene Opposition sich schweigend verhalten hätte. Mancher aus ihm hätte sich dann ganz gewiß in den Fluten dieser rein fließenden Poesie erquickt. Auch wir sind keineswegs blinde Bewunderer der kleinen Dichtungen Holzamers, wir haben unsere Meinung an dieser Stelle unverhüllt ausgesprochen, wir haben aber in der Haltung jener Opposition erheblich mehr Tadelnswertes gefunden als in den Dichtungen Holzamers. Der „Darmst. Tägl. Anz." glaubt uns jetzt das Recht absprechen zu muffen, „an dem Kunstverständnis der Darmstädter herumzumäkeln". Der Mtteilung des „Mainzer Journals", „Oberbürgermeister Morneweg habe als Präsident des Schulvorstandes und als
Mitglied des Kuratoriums der Viktoriaschule gegen die über dem Eingang zur Ausstellung angebrachten Plakate beim Ministerium Protest erhoben", hatten wir hinzugefügt: „Sollte sich diese Meldung des katholischen Mainzer Blattes bestätigen, dann wird man auch daraus ersehen, wie wenig Verständnis man in Darmstadt für künstlerische Werte hat." Diese Bemerkung mißfällt dem „Tägl. Anz." Er wird uns aber selbst zugeben müssen, daß die oben zitierten Auslassungen des „Darmst. Tagbl.", mit denen ja der allergrößte Teil des Darmstädter Publikums übereinstimmen soll, einen höchst bedauerlichen Mangel an künstlerischem Verständnis offenbaren. Wir haben uns übrigens überzeugt, daß die am Eingänge der Ausstellung angebrachten Plakate unmöglich zu irgend' welchem schamhaften Protest Veranlaffung haben geben können. Diese Plakate sind von der allergrößten Harmlosigkeit. Sollten dagegen die Peter Bürk'schen Fresko- Malereien an den Pylonen des Einganges beanstandet worden sein, dann würde man das allerdings nicht als gar so verwunderlich anzusehen haben, zumal künstlerischen Wert denen wahrlich niemand nachrühmen wird. Der „Darmst. Tägl. Anz." aber wird gut thun, Ausfälle jeglicher Art gegen Zeitungen zu unterlaßen, die mit Ernst darauf bedacht sind, ihr Urteil in allen Dingen den Thatsachen entsprechend zu bemessen. Anmaßend ist er in hervorragendem Maße, indem er allein für sich das Recht des Urteilens in Anspruch nimmt.
Aus Darmstadt wird uns vom 28. d. M. geschrieben: Der Besuch in der Künstlerkolonie war heute wieder ausgezeichnet. Der heutige Abend im Spielhaus wurde zwar durch das Quartett Hegar abgesagt und soll in der nächsten Woche stattfinden. Für Donnerstag ist Brunnenzauber vorgesehen. Am 3. Juni Klavierkonzert von Frl. Hodapp, am 4. Juni wird Richard Strauß einige Lieder mit Orchester- und Klavierbegleitung, gesungen von Fr. Strauß-Alma, begleiten resp. dirigieren.


