Ausgabe 
29.12.1901 Zweites Blatt
 
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Nr. 305

Sonntag 29. Dezember 1901

Zweites Blatt.

151. Jahrgang

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-sLs- General-Anzeiger v SBS

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

der

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von all-

eürem CtfftCtl Proviuzialblatte erwarten kann, in gemein interessierender Form.

Wir erinnern unsere Leser an die Erneuerung

Ausland.

London, 17. Dez. Nach einer Meldung derMorning Post" benachrichtigte der chinesische Gesandte in Washing­ton das Staats-Departement, daß die chinesische Re­gierung für die nächsten Jahre dringend einen ame­rikanischen Beirat in der Person Rockevilles oder Fosters wünsche, die mit Sir Robert Hart ein Kollegium v.ou Räten für besonders schwierige Fragen bilden Zöllen.

Der Gießener Anzeiger bittet seine zahlreichen alten und jungen Freunde beim Jahreswechsel, ihm das Vertrauen, das chm in dem scheidenden Jahre in ganz besonders reichem Maße zu teil geworden ist, zu erhalten.

Der Gießener Anzeiger bietet alles, was man

Bezugsbeftelluug, die nmgehen- erfolgen muß, in der Zustellung keine Verzögerung eintreten. Unsere Ex­pedition, wie sämtliche Postanstalten, ferner Zeitungsträger mrd Zweigstellen nehmen Neubestellungen entgegen. Durch die letzteren beiden geschieht die weitere Zustellung, wenn nicht ausdrücklich Abbestellung erfolgt.

von Schwierigkeiten zunächst zu achten, die er zu überwinden haben wird. Denn eine Einigung der evange­lischen Kirchen läßt sich nicht ohne weiteres durch einen Akt der Gesetzgebung herbeiführen, sie muß vielmehr durchaus geistiger Natur sein, im Geiste, der in der zukünftigen Unionskirche herrschen soll, muß das Band liegen, das die Gemeinschaft festigt und immer näher und inniger zu­sammenführt. Wir wollen hoffen, daß dieser Geist erstehen wird, trotz aller heute noch bestehenden Unduldsamkeit, einer Unduldsamkeit, die nicht vertragen kann, wenn ein Diener der Kirche auf Grund tiefster Erkenntnis und innerster Ueber- z-eugung das Wort Gottes predigt in einem Sinne, der von den Dogmen und Formeln positiven Glaubens abweicht und die rücksichtslos die Verbannung von der Kanzel ausspricht, wo etwa ein liberaler Gedanke einem orthodoxen Gemüte Aergernis erweckt. Eine Einigung der evangelischen Kirchen, deren Zersplitterung doch in vielen Fällen nur die Folge eben dieser Unduldsamkeit ist, würde nur gerade auf eben der Grundlage erfolgen können, die jetzt so eifrig von der positiven Seite angefochten wird. Wenn der summus epis- copus der preußischen Landeskirche, Wilhelm II., seinem Ziele näher kommen will, so ist ein Wandel in der bisherigen Praxis des preußischen Kirchenvegiments von Nöten.

Wer soll nun der Weinstock sein in der Nrche, an den sich die arideren evangelischen Gemeinschaften gleichsam als Reben anlehnen, anklammern könnten? Die orthodoxe, die positive Richtung oder die liberale Strömung? Die eine Wahl schließt die Mitwirkung der anderen aus, denn in kirchlichen Dingen giebt es eben keinen Zwang, weil Religion und Konfession Gefühls- und Ernpfindunassachen sind, die sich nicht reglementieren lassen.

So erscheint die Perspektive, die der Kaiser der evan­gelischen Kirche Deutschlands auf dem Friedenstein in Gotha eröffnete, vorläufig noch unklar und verschwommen und sie gewinnt dadurch nicht wesentlich an Klarheit, daß der Monarch erklärte, er sei mit ihrer Erschließung nur deshalb noch nicht hervorgetreten, weil es ihm fern liege,auch nur in Wünschen und Hoffnungen der Selbständigkeit anderer nahe zu treten". Der Rede Sinn ist etwas dunkel und wir versagen uns seine Ergründung schon um deswillen, weil wir nicht zu falschen Schlußfolgerungen gelangen möchten. Im übrigen können wir aber bei allem Respekt vor dem großen und schönen Ideale der Ansprache nicht umhin, zu bekennen, daß sie uns nicht gerade zu ihrem stützen auf dem Gedenken an Ernst den Frommen aufgebaut erscheint, denn dieser war der Freund und Förderer einer streng kon­fessionellen Verwaltung und Fürsorge in Kirche und Schule, einer Verwaltung also, der in unseren Tagen das Wort zu reden aus mehr denn einer Erwägung heraus nicht ratsam erscheint.

Aer Kaisertag von Kocha.

IL

Noch sind die Erörterungen nicht verhallt, die durch die kürzliche Rede des Kaisers über die Kunst wachgerufen wurden, und bereits wird eine neue Ansprache des»Monarchen bekannt, die gewiß nicht weniger zu Auseinandersetzungen herausfordem dürfte, als jene. Auf dem Friedenstein zu Gotha, jenem altehrwürdigen Schlosse, dwS (Senft der Fromme an Stelle des Grrmmensteins einst erbaute, griff der Kaiser in der Gedächtnisfeier, die am zwerwn Weih­nachtstage dem 300. Geburtstage eben jenes Fürsten ge­widmet war, den vom Prinz-Regenten zum Ausdruck ge­brachten Wunsch einer Vereinigung aller Evange­lischen auf und ertlärte in feieÄicher Weise, daß dieser Gedanke ihn schon lange bewegt habe und daß es, wenn er bisher auch noch nicht damit hervorgetreten sei, weil er der Selbständigkeit ariderer nicht nahe treten wolle, doch ein hohes Ziel seines Lebens sei, eine Einigung der evange- lischeu Kirchen Deutschlands herbeizuführen. Man hört hier, obwobl der Monarch seinen Standpunkt zur Kirche und besonders zur evangelischen Kirche wiederholt schon in pro- nonzierter Weise zum Ausdruck gebracht hat, zum ersten Male von eurem solchen Ziele und könnte leicht geneigt sein, dieses als dös Ergebnis der an anderer Stelle unserer heutigen Nummer im Wortlaute wiedergegebenen Ansprache des Regenten hervorgerufenen momentanen Eingebung zu betrachten, wenn nicht die Tragweite der kaiserlichen Worte unter Umständen recht erheblich werden und auf die inner» wie parteipolitischen Konstellationen in einer Weise einwirken könnte, die gerade jetzt, wo die innere Lage ohnehin außer­ordentlich schwierig und gespannt ist, eine Verschärfung der Situation ober doch des Tagesstreites zur Folge haben könnte

Man wird sich der Verwunderung erinnern, die vor einigen Monaten durch die Ankündigung eines bevorstehen­den neuen Kulturkampfes auf dem Osnabrücker Katholiken­tag in allen Kreisen erregt wurde, die mit der Oeffentlich- teit in irgend welcher Beziehung standen oder sich doch zum mindesten eine gesunde und zutreffende Beurteilung der kirchlichen und konfessionellen Verhältnisse in Deutschland zu bewahren gewußt hatten. Man hatte bis dahin geglaubt, unter einigermaßen erträglichen konfessionellen Zuständen zu leben, und mußte nun von der hannöverschen Bischofs- stadt her die Aufforderung, zu einem neuen Kultur- kampf zu rüsten, vernehmen, eine Aufforderung, die selbst in katholischen Kreisen mit Staunen und Kopfschütteln gehört wurde. Eine Erklärung für die unvermutete Apostrophier­ung der konfessionellen Instinkte war bisher vom Zentrum nicht erbracht worden. Jetzt, nach der Gothaer Kaiserrede, wird sie nicht ausbleiben. Mit dialektischer Geschicklichkeit, wie sie Zentrumsleuten und besonders Zentrumsführern in hohem Maße zu eigen ist, wird man an dem Prollama des Monarchen,eine Einigung der evangelischen Kirchen Deutschlands" zu erstreben, nachzuweisen suchen, wie be­rechtigt der Weck- und Mahnruf zur Rüstung gewesen sei. Kein unbefangener Katholik freilich wird die Kaiserworte mißdeuten wollen und können, aber wie in allen Parteien, so giebt es auch im Zentrum Kampfhähne, und diese sehen nun einmal alles, was zu einer Stärkung und Geschlossenheit der evangelischen Kirche führen könnte, als direkt gegen die römische Kirche gerichtet an. Hieraus ergiebt sich von selbst, welche Rückwirkung die Worte des Kaisers auf die kon­fessionellen wie, da das Zentrum auch politische Partei ist, auf die parteipolitischen Verhältnisse möglicherweise aus- üben werden. Denn daß die Worte, so schön und groß dasZielauchist,dassieunskünoen, zunächst eben nur Worte bleiben werden, daß bis zu ihrer Umsetzung in Thaten noch ein recht erheblich weiter Schritt ist, vermag manchen nicht davon abzuhalten, sie für seine Zwecke zu nützen; das lehrt die Erfahrung, lehrt schließlich auch die taktische Klugheit, die nun einmal darin besteht, entsprechend der Goetheschen Sentenz vom Aus- und Unter­legen zu verfahren.

Wir nehmen an, daß der Kaiser mit allem Ernst auf das von ihm tunbgeg ebene Ziel hinstrebt, ohne j>ie Fülle

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Dez. Wie diePost" erfährt, verlieh der Kaiser dem Ministerialdirektor Althoff zum Weihnachtsfest sein Bildnis mit der eigenhändigen Wid­mung s in sch rift: ,Milhelm I. R. Die schlechtesten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen. Weihnachten 1901."

In unterrichteten Kreisen verlautet, daß die Vor­lage hinsichtlich Neuregelung des gesamten Mi­litär-Pensionswesens, betreffend deren der Abg. Graf Oriola eine Interpellation eingebracht hat, in der laufenden Tagung den gesetzgebenden Faktoren nicht unter­breitet werden wird.

DieBerl. Polit. Nachr." melden: Um der not­leidenden Industrie und der Arbeiterschaft weitere Beschäftigung zuzuwenden, nahm der preuß. Minister der öffentlichen Arbeiten sicherem Vernehmen nach die Beschaffung weiterer rund 37 000 Tonnen Klein­eisenzeug in Aussicht. Gegenwärtig schweben Ermittelungen Über die zu beschaffenden verschiedenen Sorten, sodaß gegen Ende Januar die Ausschreibung obiger Menge in Aussicht steht.

Bei derNat. Ztg." fanden bekanntlich vor kurzem Durchsuchungen nach Schriftstücken über den G u m 6 i n n e r, Mordprozeß statt. Das Blatt hatte hiergegen Be­schwerde erhoben. Nunmehr hat das Landesgericht infolge dieser Beschwerde die Durchsuchungs-Verfügung des Amstgerichts aufgehoben.

Köln, 27. Dez. DieK. V." veröffentlicht heute einen Jahr esb er ich t des Bischofs Anzer aus Süd- Schantuna. Nach demselben wurde Bischof Anzer bei seiner Rückkehr aus Europa im Jahre 1900, von Juanschikai geleitet, überall freundlich ausgenommen. Er fand die Residenzen Taining unb Jontschufu unversehrt, Puoly teil­weise zerstört, ebenso viele 'ändere Orte. Die Häuser der Christen waren verbrannt oder niedergerissen. Jetzt, heißt es in dem Bericht weiter, herrscht überall Ruhe, doch ist der Fremdenhaß noch tiefer eingewurzelt, und das Gefühl der Unsicherhett allgemein. Man hegt noch keinen rechten Glauben an die Lebensfähigkeit der Dynastie und an den Bestand des Friedens. Bischof Anzer gründete im Ein­vernehmen mit dem Gouverneur eine höhere deutsche Schule für gebildete Chinesen in Jontschufu. Dort wurde auch eine große Sühnekirche eingeweiht.

Wichtige Entscheidungen und schwere Kämpfe im innerpolitischen Leben stehen bevor. In solchen Zeiten muß jeder Bürger und Bauer fort» dauernde Fühlung mit dem öffenllichen Leben behalten. Diese Fühlung roirb auch im neuen Jahre der

Gießener Anzeiger

vermitteln.

DasRentersche Bureau" meldet aus Manila, Hauptmann Schoeffel wurde mit einer Abteilung von 18 Mann in Samar von einer großen Zahl Bololeute an­gegriffen. In dem darauf folgenden Handgemenge wurden 7 Amerikaner getötet, und Hauptmann Schoefsel sowie 6 Mann verwundet. Die Bololeute wurden schließlich mit schweren Verlusten zurückgeschlagen.

Brüssel, 27. Dez. WiePetit bleu" berichtet, hat sich in Belgien eine Liga zur Boykottierung eng­lischer Waren gebildet, die bereits zahlreiche Anhänger besitzt. Das Blatt ersucht in einem längeren Artikel feine Leser, sich dieser Liga anzuschließen.

Paris, 27. Dez. Der GeneralGeslindeBour- g o g n e wurde wieder in den aktiven Dienst eingestellt. Der General war Ende des Jahres 1900 zur Disposition gestellt worden, well er den Zöglingen des Jesuitenkollegs in Vannes die Vendeer als Beispiel hingestellt hatte, welche Gott und dem Könige" treu geblieben seien.

Mailand, 27. Dez. Die dem Minister des Aeußeren, Prinetti, nahestehendePerseveranza" ist ermächtigt, die Gerüchte von einer unmittelbar bevorstehenden Besetz-, un g von Trip olis als jeder Begründung entbehrend Au bezeichnen. Richtig sei, daß der Minister Delcassee demnächst in der französischen Kammer ähnliche Er­klärungen abgeben werde, wie der Minister Frinetti in der italienischen. Dieselbe hätte lediglich den Zweck, die Uebereinstimmung Frankreichs und Italiens in allen Mit- telmeer-Fragen zu bestätigen. Tripolis gehöre der Türkei an und sei indirekt durch den Dreibund gedeckt. Frankreich könne ebensowenig darüber disponieren wie Italien.

Belgrad, 27. Dez. Der Kriegsmini st er General Mlljkowitsch hat seine Demission gegeben, da er in der Skupschtina mehrere Schlappen erlitten und einge­sehen hat, daß er keine passende Persönlichkeit für das Parlament sei. Mehrere Offiziere, denen man den Posten als Kriegsminister antrug, lehnten mit Rücksicht auf die Schwierigkeit, unvorbereitet das Kriegsbudget in der Skupschtina zu vertreten, ab. Wie verlautet, wird der frühere Hofmarschall, Oberst Raschttsch, zum Kriegsminister ernannt werden.

Konstantinopel, 26. Dez. Da die Truppen im Vilajet Kossowo wegen Nichtzahlung ihres rückständi­gen Soldes gemeutert haben, hat die Sette publique sich auf dringendes Verlangen der Regierung bereit erklärt, 25 000 Pfund vorzuschießen.

Was hingt on, 27. Dez. Der dänische Gesandte hat gestern dem Staats-Departement das Ersuchen unterbreitet, die Vereinigten Staaten möchten von den Unterhandlungen betreffend den Kauf der dänischen westindischen Besitzungen der Veranstaltung eines Plebiszits der Bevölkerung zustimmen. Die Vereinigten Staaten werden das Gesuch ablehnen, da die Inseln sich bereits für die Einverleibung in die Vereinigten Staaten ausgesprochen hatten, ein weiteres Plebiszit daher nicht notwendig sei.

Politische Tagesschau.

Um ein Wort.

Die argentinische Gesandtschaft zu Berlin verschickt folgende Mitteilung: Die letzten mit Chile ent­standenen Streitfragen haben ohne Appell an das Schieds­gericht eine befriedigende Lösung erfahren. Chile giebt Argentinien Erklärungen betteffs der Wege, welche Chile in dem streitigen Gebiet gebaut hat, und beide Länder ziehen ihre Polizeimann sch asten/aus derUltima Esperanza" zurück.

Diese Meldung von der '-Beilegung des argentinisch- chilenischen Konfliktes gab natürlich der Börse wieder kräftige Anregung; sowohl in Frankfurt wie in London konnten sich die Argenttnier ansehnlich befestigen, und die Berliner Börse begrüßte die Kunde mit einer Hausse. Wer die Freude ist keine vollkommene. Nicht nur, daß die beiderseitigen Armeen die Vorbereitungen fortsetzen, der argentinische Gesandte in Santiago hat die merkwürdige Entdeckung gemacht, daß der Text des Einigungsprotokolls nicht genau derselbe ist für beide Regierungen. Zwar soll der chilenische Minister des Aeußeren nur ein Wort in dem Protokoll geändert haben, aber dies eine Wort kann unter Umständen eine wichtige Rolle spielen. Der Gesandte droht alles bisher Geschehene für null und nichtig zu erklären, falls die Aenderung von Chfte nicht rückgängig gemacht wird. Es fragt sich, ob das nicht gerade fried­liebend auftretenbe Chile dieser Forderung willfahrt. Der Krieg um ein Wort: Das würde allerdings noch nicht dagewesen sein. Freilich teilt das argentinische Blatt Nation" mit, daß der Minister des Aeußeren e n b g i 11 i g dem Protokoll zugestimmt habe, und fügt hinzu, der Zwischenfall betr. Aenderung eines Wortes im Protokoll habe nicht die Bedeutung, die ihm einige Blätter bei­messen.

Einem Telegramm aus Santiago zufolge läuft dort das Gerücht vom Ausbruch einer Revolution in Buenos Ayres um.

In Berlin eingetroffene amtliche Meldungen lassen die Revolution in Venezuela als sehr ernst er­scheinen. Die Herrschaft des Präsidenten Castro gilt als bedenklich erschüttert. Columbische Rebellen erlitten eine blutige Niederlage am Magdalenensluß Auf beiden. Sellen gab es 400 Tote.

&om Burenkriege.

Genaue Einzelheiten über den Ueberfall der Ko­lonne Firm ans sind noch nicht cingetroffe'n. Man weiß nur, daß Dewet, unterstützt durch Kavallerie, einen hef­tigen Angriff machte Der Kanips soll nur kurze Zeit