Ausgabe 
29.12.1901 Erstes Blatt
 
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auch mit der Verrechnung, der Kosten dieser Fortführungs­arbeiten ein^u treten haben wird und vorgesehen ist. Bei Beibehaltung der alten Verrechnungsweise würde sich die Einnahme unter dem hier in Rede stehenden Titel sogar höher stellen, weil beabsichtigt ist, die von den Gemein­den zu leistende Entschädigung für den Ausschlag der Ge- meiirdeumlagen und die Fertigung der Hebvegister mit Rücksicht darauf etwas zu erhöhen, daß jetzt die Grund-, Gewerbe- und Kapitalrentensteuer fast lediglich für Ge­meindesteuerzwecke veranlagt werden müssen. Der Titel Hauptstempelverwaltung" wurde in Abgang gestellt, nach­dem der Vertrieb der Stempelmarken teils der Kosten­ersparnis wegen, teils zwecks Erleichterung und Vereinfach­ung des Bezugs der Marken der Hauptstaatskasse und den Bezirkskassen übertragen worden ist.

Die Hauptabteilungen VI und VIILandstände" und Staatsministerium" geben zu Bemerkungen keinen Anlaß.

Der KaiserLag von KoLya.

Die gestern erwähnte Ansprache des Erbprinzen Hohenlohe-Langenburg lautet wie folgt:

Euere Majestät wollen mir gnädigst gestatten, Sie im Namen des Herzogs auf seinem Schlosse Friedenstein in tiefster Ehrerbietung willkommen zu heißen. Zur Feier der 300jährigen Wiederkehr des Tages, an dem Herzog Ernst der Fromme das Licht der Welt erblickt, begrüßt Eure Ma­jestät hier eine zahlreiche Festversammlung. Erschienen sind außer den Spchen der Behörden, Glieder der alten Ge­schlechter des Gorhaer Landes, deren Vorfahren bereits unter Ernst dem Frommen im Lande Angesessenen und ihrem Herrschergeschlecht vielfach bewährte Stützen waren, die Mit­glieder des Landtags, die Abgesandten der Städte des Herzogtums, Vertreter von Kunst und Wissenschaft, von Landwirtschaft, Industrie und Handel. Zähle ich dazu die Tausende, die dieser Raum nicht fassen würde, die aber draußen bei der Einfahrt Eure Majestät zujubelten, so kann ich wohl sagen, daß alle Schichten der Bevölkerung unseres Landes herbeigeströmt sind, um ihrem Kaiser, der unserem Lande durch seine liebevolle Fürsorge für den jungen Landesherrn einen schönen Beweis besonderer Huld und Teilnahme gegeben hat, aus tiefstem Herzen chren Will­kommensgruß zu entbieten und der freudigen Dankbarkeit dafür Ausdruck zu verlechen, daß Eure Majestät durch persönliches Erscheinen das Andenken des großen Fürsten ehren, der heute noch in den Herzen seiner Thüringer fortlebt. Wenn uns an diesem festlichen Tage das Gllick zu teil wurde, Eure Majestät zu Gaste zu haben in diesem ehrwürdigen Schlosse, welches Ernst der Fromme einst nach den Nöten des dreißigjährigen Krieges erbaute und welches weithin sichtbar hineinragt in die Lande, ein Wahrzeichen deutscher Kraft, die auch die schwersten Schicksalsschläge über­stand, so empfinden wir mit diesem Danke gegen Gott den gewaltigen Unterschied zwischen einst und jetzt! Damals ein zerrissenes, verheertes DNitschlaud, in welchem einzelne edle Fürsten ihre beste Kraft einsetzen mußten, um not­dürftig die Schäden des großen Krieges zu heilen heckte ein starkes, einiges Reich und hier in unserer Mitte der deutsche Kaiser, selbst ein Nachkomme Ernst des Frommen, an seiner Seite unser Landesherr, der jüngste regierende Sproß des großen Ernestiners, und mit ihnen die erlauchten Vertreter der beiden Herzogtümer, die neben Coburg-Gotha ihre Abstammung von Herzog Ernst dem Frommen herleiten, sowie der Großherzog von Sachsen, dessen Gegenwart in uns die Erinnerung an Ernsts heldenhaften Bruder Bern­hard von Weimar wachruft. Diese hohen Herren hat der gemeinsame Wunsch hierher geführt, einen der größten Fürsten des sächsischen Hauses zu feiern. Sehe ich mit Ihnen zu gleichem Zwecke vereinigt die Vertreter des Landes, das einst von dem edlen Herzog beherrscht wurde, so kann sich als derzeitiger Regent dieses Landes, der ich mich auch rühmen darf, in gerader Linie vom Herzog Ernst abzustammen, die erlauchten fürstliche Festgäste und sämt­liche Festgenossen mit dem erhebenden Bewußtsein begrüßen, daß wir eine Feier im Sinne des Mannes begehen, der am Weihnachtstage 1601 seinem Volke geschenkt wurde. Eine schöne, sinnbildliche Bedeutung liegt darin, daß der Herzog, dem die Geschichte den Beinamen der Fromme verlieh, an dem Tage geboren wurde, an welchem die gesamte Christenheit die Geburt des Heilandes feiert. Das Wort fromm" wird heute leider in weiten Kreisen oft miß­deutet. Manche verbinden damit den Begriff geistiger Be­schränktheit und weichlicher Sinnesart. Ein Blick auf die herrliche Gestalt des Herzogs Ernst genügt, um zu zeigen, in wie hohem Maße wahre, aufrichtige Frömmigkeit mit Kraft und Männlichkeit gepaart ist. Wir erblicken chn an der Seite seines kriegsgewaltigen Bruders Bernhard von Weimar als tapferen Kämpfer in den Heeren Gustav Adolfs. Wir sehen, wie er mit unermüdlicher Zähigkeit und Aus­dauer arbeitet, um sein Volk aus dem entsetzlichen Jammer des endlosen Krieges herauszureißeu, wie er im eigenen Hause spart, um für die armen Land­

wirte Saatkorn einzukaufen, lote er das Ge­ro erb e und den Handel zu heben bemüht ist, wie er zur Belebung des stockenden Verkehrs sich bestrebt, die vorhandenen Flußläufe durch Anlage künstlicher Wasserstraßen für die Schiffahrt nutzbar zu machen, wie er in Verwaltung und Rechtsprechung Reformen aller Art einführl und keine Mühe scheut, um persönlich die Ausführung seiner Befehle nötigen­falls mit nachsichtsloserStrenge zuüber­wachen. Er steht vor uns, ein unerschrockener, echt deutscher Mann, der, ähnlich seinem gewaltigen Zeit­genossen, dem großen Kurfürsten, sich in richtiger Erkennt­nis von den Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit nicht scheute, zu bekennen, daß er zur Durchführung seiner großen Aufgabe der Kraft von oben bedürfe. Gewiß war sein Glaube nicht ganz frei von den Schlacken mittel­alterlicher Anschauung. Er unterwarf seine Lcmdeskmder in religiösen Dingen einem Zwang, der heute unmöglich wäre. Er war eben, wie jeder Mensch, ein Kind seiner Zeit. Wer meinen wollte, daß solche Schwächen, wie sie ja auch den Größten anhaften, die glänzenden Eigen­schaften des Herzogs verdunkeln, der würde damit nur die Unfähigkeit beweisen, das Große zu begreifen. Ernst der Fromme gehört, im Lichte seiner Zeit betrachtet, keines­wegs zu den rückständigen Menschen, die den Fortschritt ängstlich von sich weisen. Das zeigt die rege Fürsorge, die er der Volksbildung auf allen Stufen zu teil werden ließ. Gerade auf diesem Gebiet hat er anerkannt Muster­haftes geleistet in der Ueberzeugung, daß zur Veredelung eines verwilderten Geschlechtes geistige Kultur unerläßlich sei. Sein religiöser Glaube stand zu fest, als daß er ge­fürchtet hätte, die Grundwahrheiten des Christentums könnten durch wissenschaftliche Aufklärung erschüttert wer­den. Auch war er in religiösen Fragen viel weitherziger, als die meisten seiner evangelischen Zeitgenossen. Während .diese vielfach in gehässigem Gezänk um einzelne Dogmen der Gemeinschaft untereinander widerstrebten, war sein heller Blick auf ein hohes Ziel gerichtet: auf einen Bund aller evangelischen Kirchen, der sie nach außen hin zu einer starken Einheit gestalte, während im Innern mit Bezug auf Lehre, kirchliche Gebräuche und Einricht­ungen jedem einzelnen Gliede volle Freiheit gewährt bliebe. Seinen eigenen Sohn entsandte er an zahlreiche protestan­tische Höfe auch außerhalb Deutschlands, um in dieser Richtung ein gemeinsames Vorgehen der Fürsten herbei­zuführen. Damals sind die Bemühungen des edlen Herzogs gescheitert. Allzuheftig waren die religiösen Streitigkeiten jener geschichtlichen Epoche, allzugroß die politische Zer­rissenheit Deutschlands. Aber was Ernst der Fromme ver­geblich erstrebte, sollte das für alle Zeiten unmöglich sein? Die politische Zerrissenheit ist, Gott sei Dank, der Einheit gewichen. Daß eine solche Einheit, ohne an Kraft einzubüßen, der Stammeseigentümlichkeit aller einzelnen Teile volle Bewegungsfreiheit lassen kann, sehen wir an unserem Deutschen Reiche. So wollte es die geschichtliche Entwickelung und die Eigenart unseres Volkes. Dieser Entwickelung und dieser Eigenart entspricht es, daß Die evangelische Kirche dem tiefen Wissensdrang der Germanen Rechnung trägt, die Ergebnisse redlichen, wissenschafllichen Forschens niicht scheut, und den verschiedenen Bekennt­nissen in ihrer Mitte freien Spielraum läßt. Aber gleich wie das Reich den einzelnen Staaten ihre Souveränetät belassen hat, und sie mit seinem starken Arm schützt, so würde es für die Freiheit der einzelnen Glieder; des deutschen Protestantismus -nicht eine Ge­fahr, sondern eine Sicherung und Kräftigung be­deuten, wenn sie sich zusammenschlossen, zur Wahrung der hohen Güter, die chnen allen gemeinsam sind, nicht zu Angriff und Kampf, sondern zu friedlichem, gemeinsamem Wirken. Dies war das Ziel des voraus- schauenden Herzogs. Mit solchem Ziele greift fein Geist als lebendige Wirkung hinein in unsere Zeit. Schon ist in weiten Teilen unseres Vaterlandes der Wunsch nach Erreich­ung jenes ersehnten Zieles laut geworden. Mir ist, als ertönte heute über die Jahrhunderte hinweg die zur Einig­ung mahnende Stimme Emsts des Frommen an seine deutschen Glaubensgenossen In welchem deutschen Gau könnte wohl diese Stimme freudigeren Widerhall erwecken als in unserem schönen Thüringen, das uns einen Luther geschenkt, in dem Friedrich der Weise geherrscht, aus dem der große Sebastian Bach hervorgegangen, wo Ernst der Fromme in väterlicher Treue die Geschicke seines Volkes gelenkt hat. Dir aber an den jungen Herzog Carl Eduard gewendet der Du berufen bist, an der Stelle zu wirken, wo Dein erlauchter Ahnherr in Segen gewaltet hat. Dir rufe ich heute zu: Präge Dir das Bild Deines edlen Vorjahren tief in die Seele, das Bild des Mannes, der mit eiserner Pflichttreue und mutigem Gottvertrauen fein ganzes Leben dem Dienst seines Volkes gewidmet hat, der in einer Zeit fest zu Kaiser und Reich stand, wo der Glanz des alten Kaisertums schon verblaßt war und viele Fürsten nur die Interessen ihres Hauses im Auge hatten. Sein Beispiel

soll Dich lehren, als deutscher Fürst allezeit zum Wohle des Reiches zu handeln und im eigenen Lande Deine besten Kräfte zum Segen des Volkes eiuzusetzen. Den jugendlichen Fürsten, in dessen Namen ich hier die Regierung führe, und sein Volk, welches unlängst bewiesen hat, daß es ohne Partei- rücksichten einmütig zujammenzuwirken versteht, wo wich­tige Landesinteressen in Frage kommen, empfehle ich dem liebevollen Schutze Euerer Majestät, als dem Schirmherrn unseres großen Deutschen Reiches. Wir alle, die wir heute versammelt sind, um das Andenken eines großen Fürsten zu ehren, und die wir das erhebende Bewußtsein hegen, haß durch die Gegenwart Seiner Majestät des deutschen Kaisers unserem Fest eine ganz besondere Weihe verliehen wird, wollen den Gefühlen ehrerbietigen Dankes und.unerschüt­terlicher deutscher Treue Ausdruck geben, indem wir ein­stimmen in den begeisterten Ruf: Seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser lebe hoch!"

Der Regent hatte, wie ein Berichterstatter sagt, mit schönem oratorischem Schwünge, voller Begeisterung und in stolzer Männlichkeit gesprochen.

Kunst und Wissenschaft.

Ein seltenes Jubiläum begeht soeben die Zeitschrift ,.Natur" (Organ zur Vermittelung naturwissenschaftlicher Erkennt­nis und ihrer Anwendung im wirtschaftlichen Leben und in der Kunst. G. Schwetschke'scher Verlag. Halle a. d. S.). Sie beginnt das zweite Halbjahrhundert. In stürmischer Zeit, bald nach dem Jahre 1848, fanden sich, nachdem der frühere Versuch Wilhelm Jordans, in einer Zeitschrift, die erDie begriffene Welt" nannte, die Kenntnis der Naturwissenschaften in weitere Kreise zu tragen, leider mißglückt war Jordan war damit um etwa ein Jahrzehnt zu früh gekommen zwei hochbegabte, ideal gesinnte Männer zu­sammen, die mit gleich starkem Optimismus es unternahmen, der gebildeten Welt als Ideal zu verkünden:Naturerkenntnis und Naturanschauung". Die reich illustrierte Jubiläumsnummer, die der Verlag ans Wunsch kostenlos versendet (der Quartalpreis be­trägt 3.60 Mk.) legt Zeugnis davon ab, daß dieNatur" mit neuer Kraft in das zweite Halbjahrhundert eintritt. Professor Kirchhoff- Halle schildert die Geschichte derNatur". Von weiteren Artikeln seien genannt: Elektrische Fernbahnen (Privatdozent Dr. Roloff), die Staturanschauung im neuen Jahrhundert (Dr. Fritz Wolff), Neues aus dem Gebiete der Photo- und Elektrotherapie (Dr. Kurella), Kartographie in Afrika (Heinrich Behrens), Hochseefischerei (Haupt- mann Braun).

Auszug klls dkll^Atsvdksamtsrrglstkrk dn Stadt Sietzkll. Aufgebote.

Am 21. Dezember: Johann Max Kienbichl, Bahnmeister- Aspirant dahier mit Minna Hedwig Waasch in Leipzig. 23. Dez.: Ludwig Friedrich Schlaudraff, Buchbinder oahier mit Margarethe Luise Büchner Hierselbst.

Eheschlietzuugeu.

Am 23. Dezember: Siamurcd Herzberger, Kaufmann in Cre- feld mit Toni Meyerhofs oahier. Jakob Sandor, Schauspieler dahier mit Anna Rehder Hierselbst. Karl Alexander Berg, Bäcker dahier mit Anna Marie Hinkler, geb. Backhaus Hierselbst. 24. Dez.: Karl Johann Friedrich Malkomefius, Trichinenschauer dahier mit Anna Marie Magdalene Emilie Elothilde Kraus Hierselbst. Friedrich Wilhelm Deiß, «Ähloster dahier mit Anna Ottilie Nicolai Hierselbst.

Geborene.

Am 16. Dezember: Dem Arbeiter Philipp Eisenhuch ein Sohn, Wilhelm Karl Philipp. 18. Dez.: Dem Krersbauinspektor Georg Theiß eine Tochter. 19. Dez.: Dem Fabrikanten Karl Plank ein Sohn, Hermann Heinrich Karl.

Gestorbene.

Am 20. Dezember: Karl Glitsch, 6 Monate alt, Sohn des Schuhmachers Johannes Glitsch dahier. 22. Dez.: Elise Wießner, geb. Müller, 44 Jahre alt, Witwe des Laternenwärters Balthaser Wießner dahier. 23. Dez.: Karl Pimper, 50 Jahre alt, Schneider­meister dahier. Christian Wilhelm Schädel, 9 Jahre alt, Sohn dcs Universitätsdieners Johannes Schädel dahier. 25. Dez.: Gertrrrde Theiß, geb. Axt, 25 Jahre alt, Ehefrau des Kreisbau­inspektors Georg Theiß dahier. Smalie Baift, geb. Simon, 73 Jahre alt, Ehefrau des Rechtsanwalts Geh. Justizrat Theophil Baht dahier.

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bald geschlagen haben. Die alte Hamburger Einrichtung, wo die Omnibusse in tiefer Nacht vor den Restaurants und Cafes hielten und durch mahnende Glockenzeichen die Zecher zur Heimfahrt einluden, wäre vielleicht für den modernen Berliner Omnibus ein Rettung. Im Jahre 1837 wurden die ersten fünf Linien mit ca. 20 Wagen eingerichtet- Man war damals begeistert von dieser herrlichen und bequemen Neuerung. Und heute? Nicht einmal 70 Jahre hat es gewährt und der arme Omnibus hat Existenzsorgen. Der feineMechanikus mit den Lackstieseln" fährt schon lange nicht mehr mit ihm. Man darf jedoch nicht ver­gessen, daß btv elektrische Straßenbahn eigentlich der Sprößling der braven alten Omnibusmutter ist. Die Pferdebahn auf Schienen war ihre richtige Tochter, die wiederum den modernen Kraftwagen als Nachkömmling aufweisen kann. Die stolzeelektrische" ist also die Enkelin der trübseligen, polternden Men, die ewig nach Petroleum­blak riecht! Sie könnte zufrieden sein mit der Entwickel­ung ihres Geschlechtes! Aber sie mag nicht, und träumt schmollend von derguten alten Zeit!" Machen wir's anders, lieber Leser, und schauen wir dankbar zurück, auch wenn nicht alles nach Wunsch war, und vor allen Dingen ftöhlich in die Zukunft: Prosit Neujahr! Es lebe 1902! .... A. R.

Zithermufik. In der Besprechung eines Theaterabends bei Tegernfeer war unläng't an dieser Stelle ein abfälliges Urteil über Zithermusik abgegeben worden. Daß viele Leute anderer Ansicht sind, versteht sich von selbst, denn sonst würde es keine Zitheroercine geben und man würde längst die Zither in der musikalischen Rumpelkammer an einen alten Nagel gehängt haben, neben den Dudelsack und das Krikri ungtückseligen Andenkens. Aber wie die Meinungen in Bezug

auf die moderne Kunst so verschieden sind, daß z. B. die vor­letzte Kaiserrede von dem Einen in den Himmel gehoben und von dem andern aufs Tiefste beklagt wurde im Interesse der Fortentwicklung unserer Künste überhaupt, wie fernerer z. B. Männer von dem Rufe Rudolf v. Gottschalls dem Björnson'schen Dramalieber unsere Kraft" eine Antipathie entgegenbringen, die vielen unbegreiflich erschienen sein wird, wie Rich. Wagner noch heute von hervorragenden Musik­kritikern, wie dem Wiener Prof. Hanslick, einem der namhaftesten Musikgelehrten der Gegenwart, aufs heftigste bekämpft wird, so hat die Zither chre Gegner in weitesten Kreisen, genau so wie auch der Zolltarif-Gesetzentwurf Freunde und Feinde hat, wie die politische Ueberzeugungen, wie das Schönheits­gefühl, wie der religiöse Glaube der Menschen verschieden ist. Wir geben in unserem Blatte gern allen Anschauungen Raum, sofern sie mit Geschmack zum Ausdruck gebracht werden, und drucken darum heute aus einer Zuschrift deSZitherlehrerS Ad. Ar­nold aus Straßburg i. E. an uns ein paar Sätze ab, um, wie dieser Herr sich ausdrückt,das Gleichgewicht der Ge­fühle" wieder herzustellen, wenn es dessen bedurft haben sollte. Herr Arnold, der scherzhafterweise für feine Zuschrift, die er selberEingesandt" nennt, das Preßgesetz gegen uns zu Hilfe nehmen möchte, giebt in diesem Schreiben an uns selber zu, daß die Zithers viele Feinde hat, und beruft sich bann auf eine Reihe von Urteilenweltberühmter Musik- autoritäten", die von emsigen Zitherspielern sorgsam gesammelt morben sind, während abfällige Urteile natürlich nicht das gleiche Schicksal erfahren haben. Herr Arnold schreibt dann weiter:

... So war Franz Liszt, Lern so feinfühligen Pianisten, der Zicher süßer Ton (wie er selbst sagte) erregend und gleicherweise

beruhigend für die Nerven. Ihm war die Zither das Instrument der Träumerei. G. Meyerbeer meinte:Sie ist nur ein schlichtes Instrument, aber sie spricht wie kein anderes; sie hat Seele, und ihre eigentümlichen, bald schwermütig klagenden, bald neckisch heiteren Weisen kommen dem Gesang am nächsten". Fr. Abr war der Ton der Zither unvergleichlich schon. Rich. Wagner, G. Verdi, G. A. Lortzmg und viele andere haben sich in ähnlicher Weise über die Zither ausgesprochen. Wagner soll sogar den Zither- virtuosen Aug. Huber einst nach einem Konzert öffentlich umarmt und geküßt haben. Aesthetiker Schilling-Leipzig nannte schon 1838 Petzmayrs Zitherspielso unbeschreiblich zart und lieblich, so ganz eigener Wickung." Diesen Urteilen möchte ich noch hinzu- sügen, daß die Zither in ihrer jetzigen Vervollkommnung ein In­strument ist, auf dem jede Art Mufik zur vollen Geltung gebracht werden kann; nicht nur Tänze, sondern auch die höheren Kunst- formew Rondos, mehrsätzige Sonaten und Konzerte rc. existieren seit den letzten Dezennien für die Zither ebenso im Original wie für andere Instrumente, ein Beweis, daß sich Musiker vom Fach durch des Instrumentes Reize verführen ließen, für es zu kom­ponieren. Wenn diese Werke nun dem großen Publikum selten vor­geführt werden, so liegt dies meist an der Unvollkommenheit der Zither s p i e l e r, unter denen es 99 Prozent Pfuscher und Stümper giebt. Die sind bei anderen Instrumenten zwar auch in hohem Maße vorhanden; doch wird da nicht das Instrument für die Sünden des Spielers verantwortlich gemacht."

Wenn Herr Arnold mit seiner letzten Behauptung Recht hat, dann liegt hier eine seltsame Erscheinung vor, die doch wohl nur darin ihre Erklärung finden kann, daß der Mangel an Polyphonie bei diesem Instrumente so groß ist, daß nur ganz besonders tüchtige Spieler ihn einigermaßen zu unterdrücken vermögen. Im übrigen steht es ja außer Zweifel, daß der zarte Klang der Zither sich zum Vorträge gewisser Musikstücke, wie z. B. den Ländler, und namentlich zur Begleitung der lieblichen Volksweisen der Aelpler vortrefflich eignet.