Armee beföm . ■
Keichspostdampfer ist heute nachmittag glücklich vom Stapel gelaufen. In der von dem General Grafen Aloltke «llzogenen Taufe erhielt das Schiff den Namen „Moltke". Oer „Moltke" ist für die ostasiatische Fahrt bestimmt und dürfte der größte Dampfer sein, der die deutsche Flagge , ach dem fernen Osten trägt.
Für die Frauen.
Frauenbildung. Im Gegensatz, zudem, was manche Frauen unter dieser Bezeichnung verstehen, sind in Chrudi« in Böhmen alle Vorbereitungen getroffen, um am 1. Oktober einen HauShaltungSkursuS für angehende Hausfrauen jeden Standes zu eröffnen. Die eben der Schule entwachsene» Mädchen werden in mehreren Jahrgängen in allem unterrichtet, was einer Hausfrau nötig ist, theoretisch und praktisch. Neben den Dorträgen wird Kochen, Waschen, Bügeln, Weißnähen, Maßnehmen, Schnittzeichnen, Kleidermachen, Au«- beffern, einfache Buchführung gelehrt, außerdem aber auch Sparen und Einkäufen. Besondere Kurse für Mädchen, die aufs Land heiraten, find der Käse und Butterbereitung, dem Anlegen und Pflegen von Obst», Blumen- und Gemüsegärten, der Aufbewahrung deS Obstes gewidmet.
Wor«8, 26. Aug. Aus dem nunmehr feststehenden Programm für die Erinnerung-feier der FeldzugSteil nehmer des 115. Regiments teilen wir folgendes mit: Die alten Soldaten treffen in Stärke von 300 bi« 350 Mann per Extrazug, von Darmstadt kommend, am 1. Sep» tember morgen« halb 10 Uhr hier ein. Die hiesigen Haffia- Deretne empfangen die Kameraden und geleiten sie im Zuge zu dem LudwigSplatze. Hier findet eine kurze Begrüßung statt. Alsdann werden die alten Angehörigen des Leibgarde- Regiments einen Kranz an dem Denkmale ihre« ruhmreichen, unvergeßlichen Führer« im Feldzuge 70/71 niederlegen. Um 11 Uhr umstellen die Hafsia-Dereine den Marktplatz, in ihrer Mitte treten die 115er, nach Kompagnien geordnet, wie sie seiner Zeit den Feldzug mitgemacht haben, zum RcgimentS- Appell an. Den Appell wird der rangälteste anwesende Regimentsoffizier abhalten. Nach Schluß des Appells führen die hiesigen Vereine die Gäste nach dem Festhaufe, wo um 1 Uhr da« Festmahl stattfindet. Danach besichligen die 115er, von Wormser Kameraden geführt, die Sehenswürdigkeiten der Stadt und machen abends den Marsch und die Ovation an den Gräbern auf dem alten Friedhöfe mit. Daran anschließend besuchen sie den Kommer« der Hafsia-Dereine im Festhaufe. Am Montag, dem Tage des deutschen Festes, werden die alten Herren sich an der Kirchenparade sowie an dem großen Festzuge bei den Hassia-Dereinen beteilige».
Storch, der den Vortrag übernommen hatte, fesselte die zahlreichen Zuhörer eine volle Stunde durch seine „Heimat klänge-, eine von ihm verfaßte Dichiung. Reicher Bcifall lohnte ihm nach Beendigung feines Vorträge«. Der übrige Verlauf der Konferenz war ein schöner und würdiger. Klavier und Liedervorträge wechselten miteinander ab; den Schluß bildete der übliche Tauz, der aber für diesmal nicht nur ein ausschließliche- Recht der Jugend war, sondern an dem sich sogar ein Siebziger, allerdings ein „jugendlicher", beteiligte.
W Nidda, 26. Aug. Am 21. August nachmittag« fand hier die 6. freiwillige Gefellenprüfung statt. Unter den 9 Prüflingen befanden sich Z^Schreiner, die Thüren und GlaSabschluß ohne Oberlicht geliefert hatten, und 6 Maurer, die Mauerpfeiler, Schornsteinköpfe und Backsteinfenstcr an gefertigt hatten. Aus dem Kreise Gießen waren 3, nämlich Wilhelm Schmidt, Schreiner aus Hungen, und die Maurer Heinrich Koch aus Villingen und Otto aus Steinheim. Der Vorsitzende der Prüfungskommission, Hauptlehrer Höhn, wie« in seiner Ansprache auf den hohen Wert der Gesellen- Prüfungen hin und dankte den Schaumeistern Namens der Prüfungskommission. Den Prüflingen legte er ihre Weiterbildung ans Herz, besonders im Hinblick auf die noch in Aussicht stehende Meisterprüfung. In ähnlicher Weise sprach Möbelfabrikant Ringshausen als Vorsitzender des OrtS- gewerbevereinS. Er wies auf das Sprichwort hin, das heute noch wahr sei: Handwerk hat goldnen Boden. Den Prüflingen wurden unter Glückwünschen die Gesellenbriefe überreicht, woran sich dann ein gesellige« Zusammensein schloß. — Der Bau der katholischen Kirche macht so rasche Fortschritte, daß daS Dach der Kirche bereit« aufgeschlagen ist und dem Vernehmen nach bis zum 15. September die Maurerarbeiten vollendet sein werden. — Ein Wahlulk kam zu Unter-Schmitten vor. Ein Vermittler von Aepfelverkäufen wurde in Gesellschaft von Händlern eingedenk, daß er auch sein Wahlrecht bei den Gemeinderatswahlen auszuüben habe. Ehe er in das Wahlbureau eilte, gab ihm ein Händler aus Bornheim noch rasch seine Adresse. Als der Wahlakt vorüber war, stellte e« sich heraus, daß der Name des Händlers al« Wahlkandidat in die Urne geraten war, während der Wahlzettel in der Tasche des Wählers verblieben war.
Bad-Nauheim, 27. August. König Eduard kam heute in Begleitung einiger Herren feiner Umgebung im Automobil von Homburg hier an und stattete der Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein, die sich in Behandlung deS Prof. Schott befindet, einen mehrstündigen Besuch ab. Bei der Prinzessin waren auch Lord und Lady Spencer und Lady St. Oswald anwesend. Hiernach sprach der König beim deutschen Botschafter, Grafen Hatzfeldt, vor, der ebenfalls die Nauheimer Bäder gebraucht. Die Saison steht noch auf voller Höhe. Eingetroffen ist auch Generaloberst v. Hahuke mit Gemahlin. Ende des Monat« wird die Herzogin von Anhalt erwartet, die gleichfalls von Prof. Schott behandelt werden wird.
(♦) Friedberg, 28. August. Noch einige Tage, und die Stadtverordnetenwahl beginnt, ein Ereignis, das schon jetzt einen Teil der Bewohner Friedbergs in angespannte Thätigkeit und Aufregung versetzt. In allen Lokalen bildet die Wahl das Tagesgespräch, und Vermutungen über Vermutungen werden angestellt. Die lokalen Zeitungen bringen Vorschläge, Erklärungen und Gegenerklärungen, die aber nicht immer den Stempel der wahreu Meinung tragen, ja man sagen, daß unter Umständen solche Vorschläge mehr als Bierulk aufzufasftn find Schön wäre es, einmal festzustellen, wie groß die Zahl der betr. Einsender ist, wenn es heißt: „Viele Wähler" oder „Mehrere Wähler" usw. Meist wird es wohl nur eine gemütliche Tischrunde sein, die für ihr gutes Geld ihre Meinung durch die Zeitung in die Oeffent- lichkett bringt — In einem Inserat aber findet man auch recht respektable Namen. ES werden zur Wahl vorgeschlagen Prof. Dr. Karg, Baurat Schnitzel, Taubstummenlehrer Schneider und Direktor Dr. H. Schudt, während ein anderes Inserat den Namen des HofzimmermalerS Georg Hieronymus vermißt und dringend auffordert, ihn zu wählen. Ein drittes Inserat giebt den noch nicht gewählten Stadtverordneten ein fertiges Programm für ihre Thätigkeit mit auf den Weg und macht das Eintreten dafür zur Bedingung für die Wahl. Sie müßten eintreten für die Errichtung eines städtischen Schlachthauses und Einführung der thierärztlichen Fleischbeschau, eines Schwimmbades, einer höheren Mädchenschule, einet Markthalle und Entfernung des Schweinemarktes au« den Straßen der Stadt, sowie des Nauheimer Klärbeckens, Säuberung und Regulierung der Ufa, für durchgreifende Kanalisation der Stadt, Errichtung eines städtischen Saal baue«, Verlegung deS für die jetzigen BerkehrSverhÜltniffe absolut unzulänglichen Personenbvhnhofs, Verlegung des JudenftiedhofS, Anlegung schattiger Promenadenwege und Errichtung eines Droschken und Dienstmänner-JnstitutS.
S. Darmstadt, 27. August. Der Großherzog und die Großherzogin trafen heute nachmittag 2,15 hier ein, besuchten die Ausstellung der Künsterler-Kolonie und fuhren um 5 Uhr wieder nach WolfSgarteu zurück, nachdem sie im Bahnhofsrestaurant den Thee genommen hatten — Wie bestimmt verlautet, war heute nachmittag um 6 Uhr in strengstem Jncognito der König von England in Begleitung zweier Herren feines Gefolges zum Besuch der Künsterkolonie hier anwesend. — Am Sonntag den 8. September, vormittag«, soll im Saalbau zu Darmstadt nach dem einstimmigen Beschluß unserer Agrarier, die sich gestern vormittag unter dem dem Vorsitz des Kammerpräsidenten, Geh.-Rat Haas, im Bureau des Hessischen Landwirtschaftsrats zufammenfanden, ein allgemeiner hessischer Bauerntag abgehalten werden. Man bemerkte unter den Teilnehmern der gestrigen Versamml'ing den Abg. Köhler-LangSdorf, Oekonomierat Schleoke, Oekonom Walter-Lengfeld. Die Sache wird noch geheim gehalten. Wie eß scheint, soll ein wuchtiger Schlag Schlag gegen die Regierung sowie die Zollgegner geführt werden. Eine zweite Sitzung soll bald darauf in Frank furt a. M. stattfinden.
Darmstadt, 27. August. Prinz Ludwig vonBatteu berg ist gestern mit feiner Familie, von Peterhof kommend, auf Schloß Heiligenberg eingetroffen. Er gedenkt, sich nächste Woche zur Ueberuahme seines neuen Kommandos nach Eng land zu begeben (S. M. Linienschiff „Jmplacable-, Mittelmeer- geschwader) und nach Malta zu fahren, während Prinzessin Ludwig gegen Ende Oktober direkt nach Malta reisen wird.
Austan-.
Kopenhagen, 27. Avg. Die Meldung, daß die dem- rüchstige VerlobungdesGroßfürsten-Thronfolgers Michael Alexandrowitsch mit der Prinzessin Margarethe, der ältesten Tochter des Herzog« von Connaught, tzereilS beschlossene Sache sei, ist verfrüht. In den hiesigen Hofkreisen wird verfichert, daß zwar die Königin von England, sowie ihre Schwester, die Zarin-Witwe, diesen Plan mit Zroßem Eifer betreiben, daß jedoch in Petersburg starke Einflüsse auf einen ganz andern Verheircuungsplan binar Seiten, der angeblich den Interessen der russischen Politik mehr entspreche.
Belgrad, 27. Aug. Der „Professorenverein des Königreichs Serbien" hat in einer in der Belgrader Hochschule abgehaltenen Generalversammlung sich einstimmig zu Beschlüssen verstiegen, die nicht anders als freche Liebergriffe bezeichnet werden können und wohl auch zu internationalen Erörterungen Anlaß geben werden. (Vgl. Leitartikel.) Der Professorenoerein beschloß einstimmig:
,1. der russischen Regierung, dieser mächtigen Beschützerin aller S lawen, die allein auch eine friedliche Entwicklung aller Balkanvölker rit aufrichtiger Ehrlichkeit anstrebt, den Dank der Versammlung für da« «erhalten der russischen Diplomatie in Altserbien auszudrücken; 2. allen Mitgliedern be« Professorenvereins als heilige Pflicht aufzuerlegen, 'daß st» die Mitbürger chrer Umgangskreise mit Energie über die Ursachen 4.Tib den Zweck der jetzigen Wirren in Altserbien aufliären und sie unermüdlich über die vernichtenden Folgen für ihre nationale Zukunft belehren, wenn es der Diplomatie Oesterreich.Ungarns gelingen würde, ltrre politischen Ziele in Altserbien wirklich zu erreichen; 8. Mittel und Nege zu suchen, um die öffentliche Meinung des gebUdeten Europas über »»-■ Wahrheit aufzuklüren und sie im Namen der Menschlichkeit zur S tellungnahme gegen die unmenschliche Ausrottungspolitik Oesterreich. Umgarns zu bewegen."
Konstantinopel, 27. Aug. Die armenischen Notabeln in Musch ersuchten den Sultan telegraphisch um Schutz gegen bhc Ausschreitungen der Kurden. — Die Pforte hat an ihre Botschafter im Auslande ein Rundschreiben gerichtet, in dem fie diese anweist, mit den Großmächten Verhandlungen wegen Aufhebung der ausländischen Postämter Inder Türkei einzuleiten.
Petersburg, 27. Aug. In Besprechung der politischen 93eebcuiung des Besuches des russischen Kaiser« in Frankreich führt die „Rowoje Wremja" aus, man dürfe diesem Besuch keinerlei besondere Zwecke zuschreiben. Der Umstand, daß der Kaiser Danzig und Kopenhagen be- furche, verbiete, irgendwelche Vermutungen speziellen Charakters ai den Kaiserbesuch zu knüpfen, umsomehr al« derselbe im Prinzip schon im vorigen Jahre beschlossen war.
Ans Stadt und Land.
Mlchrichte» von allgemeinem Intereffe find uns stet« willkommen und werden äugen» efser, honoriert«
Gießen, den 28. August 1901.
Erweiterung des Fernsprechverkehrs. Vom 1. September ab wird unsere Stadt zum Fernsprechverkehr mit Leipzig nebst Markranstädt und mit Hamburg, Altona, Wundsbeck, Schiffbeck, Bergdorf, Blankenese und Harburg, sowie mit Schweinsberg zugelaflen.
•• Antrag auf Erlaß eines Schachtverbots. Der Abg. -iihler Langsdorf hat in der Kammer einen Antrag ein- gebracht, der auf Grund eines Gutachtens de« Geheimrats Pnofessor Dr. Kehrer in Heidelberg, sowie einer Anzahl anderer wissenschaftlicher Autoritäten, ferner auf Grund des dm'ch vielseitige Erfahrungen erbrachten Nachweises, daß die Lamdwirtschaft dadurch Schaden leidet, sowie mit Rücksicht ach den Umstand, daß sowohl im Königreich Sachsen, wie in einigen Kantonen der Schweiz da« Schächten verboten ist, solidere, die Regierung zu ersuchen, eine Gesetzes Vorlage rinMbringen, nach der da« Schächten des Viehes im Groß- hcr^ogtum Hessen verboten wird.
** Die XIII. Versammlung des Forstvereins für das Srvßherzogtum Heffen findet in Darmstadt vom 19. bis 21. September mit folgendem Programm statt: Donnerstag, 19. September: Von nachmittags 4 Uhr an im „Burgbräu' W ihelminenstraße 10) Einzeichnung in die Teilnehmerliste. Abends 8 Uhr daselbst gesellige Bereinigung. — Freitag, 20. September: Morgens 8 Uhr Zusammenkunft am End- jnwfte der elektr. Bahn zwischen Hermannstraße und Oran- gerüeallee zur Wagenfahrt in die Oberförstereien Beffnngen mb- Darmstadt. Einfaches Waldfrühstück an der Moltke- hMe um 1/11 Uhr. Gemeinschaftliches Essen auf „Heilig- kieuiz" um 5 Uhr. Abends eventuell gesellige Vereinigung m Platanenhain der Künstlerkolonie. — Samstag, 21. Sep mlber: Von morgens 8 Uhr an Sitzung im Gartensaale „SaalbaueS". Gegenstände der Verhandlung: 1. Er- kbiflung von Vereinsangelegenheiten. 2. a. Besprechung über von Oberforstmeister Heinemann eingeleitete Thema: .Die Bewirtschaftung der Waldungen in Rücksicht mf landschaftliche Schönheit", b. Desgl. über baß von ^rstmeister Kullmann eingeleitete Thema: „Erfahrungen All da« Verhalten der Esche gegen Licht und Schatten". 1 Mitteilungen von beachtenswerten Vorkommnissen, Er- ,Irrungen und Beobachtungen im Bereiche des Forst-, Jagd- u> Fischereiwesens. Gemeinschaftliches Gabelfrühstück da- fO um 12 Uhr. Nachmittags 1 Uhr Fahrt in die Ober- •hRierei Kranichstein bis etwa 5 Uhr. Abends eventuell nach iLtzr gesellige Vereinigung im Platanenhain. — Die Mit- stber des Verein« und Freunde des Forstwesens, welche litab'stchtigen, an der XIII. Versammlung teilzunehmen, werden feiten, sich spätestens bis 7. September bei Oberforstrnrister •jtiniemann in Darmstadt anzumelden
§ Steinberg (Kreis Schotten), 25. Ang. Gestern brach ckWohnhaus eines hiesigen Bürger« Feuer aus, das in« ikfietü, ehe es größeren Schaden anrichten konnte, gelöscht mrtoe. ES soll infolge eines defekten Schornsteines ent- Mdeen sein.
Lehrerheim Vogelsberg, 25. Aug. Mit einer herzlichen HMßungS-Ansprache eröffnete Lehrer Linck von RüdingS- der 1. Vorsitzende des Verein« „Lehrerheim Vogels die gestrige „LndwigStagS-Konferenz". Lehrer
Artikel in
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Gerichtssaal.
h- Gießer,, 27. August. (Ferien-Strafkammer.) Die Verhandlung beginnt mit der Strafsache gegen Georg Sommer- meyer von Ltndm bei Hannover wegen Diebstahl«. S., ein schon häufig wegen Etgentumvergehens vorbestrafter Mensch, hat in Gießen eine ganze Anzahl von WäschedtebstLhlen auSgeführt. Er ist geständig und erhält mit Rücksicht hieraus und in Anbetracht de« geringen Wertes der entwmdeten Sachen eine Gefängnisstrafe von 9 Monaten unter Aufrechnung von einem Monat Untersuchungshaft. — Ein
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Vermischtes.
* Aberglauben in der sogenannten „bess e- ren" Gesellschaft. Riebet „Gebetswunder" ist es in neuerer Zeit zu bemerkenswerten Auseinanderfetzungen gekommen. Tie durch eine amerikanische Sekte die Stirere Christi der Szientisten verbreitete Lehre von Heilungen durch das Gebet hat auch in deutschen orthodoxen Kreisen Anhänger gefunden. Tie Potsdamer Hofgesellschaft und das Offizierkorps sollen einen ziemlich starken Prozentsatz dieser Anhänger stellen. Tie „Lib. Storr." erinnert daran, daß nach dem Berichte der „Krcuzztg." bei der Beerdigung des früheren Kultusministers Bosse der amtierende Prediger Fischer in seiner Leichenrede u. a. in warmen Tönen Bosses tiefe Gläubigkeit rühmte, die in seinem Leben „durch wunderbare Gebet^erhörungen und buchstäblick)« Wunder" seiner Vergebung gewiß geworden sei. Ju der „Kreuzztg." warnt ein Herr v. Sydow vor der Sacl>e; „sie sehe wie ein neuer Sport aus, der von drüben über uns herein- bricht!" v. Sydow berichtet weiter, daß die Sackte rein geschäftlich betrieben werde. Es existieren gedruckte Preislisten, in denen die Preise nach der Betzeit berechnet seien. In Amerika sollten auch Tiere in dieser Gemeinschaft durch Gebet geheiligt werden. Auch das Deutsche Adelsblatt, das mit Bedauern mit teilen muß, daß „so viele, besonders Damen aus adeligen Kreisen", sich der neuen Sekte zuwenden, nimmt in schärfster Weife gegen das „seltsame bunte Sammelsurium von christlichen und heidnischen Ideen" Stellung uno erklärt rundweg: „Ein solcher Mißbrauch des Namens Gottes, unter Anwendung bestimmter Gebetssormen, fällt völlig zusammen mit den uralten Zaubereien von Besprechen, Bepusten und anderem Hokuspokus, wobei auch Gottes Name genannt wird." Stöcker hält es für geboten, in einer Broschüre gegen diese abergläubige Lehre Front zu machen.
*Von derGeschworenenbank erzählt der frühere Untersuchungsrichter und jetzige Professor des Strafrechts an der Universität Czernowitz, Dr. Hans Großi, im neuesten Heft seines „Archiv f. Kriminalanthrop. und Kriminalistik einige humorvolle Stückchen, die er selbst erlebt hat. An einem Tage waren von derselben Geschworenenbank drei Fälle zu erledigen. Arn Schlüsse erzählte ihm der Obmann, ein sehr angesehener Mann, wie „geschickt" er in die Abstimmung eingegriffen habe. , Bei der ersten Verhandlung waren 8 Stimmen „ja", 4 „'nein", bei der zweiten ergab sich dasselbe Stimmenverhältnis, und als zufällig bei der dritten Verhandlung wieder 8 Stimmen mit „ja" und 4 mit „nein" stimmten, erklärte der Obmann der Mitge- schworenen, das gehe nicht, denn es werde im Publikum auffallen, wenn dreimal nacheinander stets 8 „ja" und 4 „nein" Vorkommen; da müsse einer „umstimmen". Das leuchtete allen ein, und es fand sich richtig ein gesinnungs- tüch-tiger Geschworener, der von „ja" auf „nein" überging. Als Tr. Groß nun ausrief, da sei der Beschuldigte plötzlich freigesprochen gewesen, meinte der Obmann, das sei eben der Spaß gewesen, und der Angeklagte werde auch nicht böse darüber gewesen sein! — In einem andern Falle war ein äußerst gewaltthätiger und gefährlicher Mensch wegen schwerer Körperverletzung mit elf Stimmen verurteilt worden. Ta ein vollkommener Beweis vorlag, so sagte Dr. Groß gelegentlich zu einem der Geschworenen, daß er nicht begreifen könne, warum ein Geschworener „nein" gesagt habe. „Tas hat auch keiner gethan", lautete die erstaunliche Antwort: „aber wir haben beschlossen, blos 11 „ja" und 1 „nein" zu verkünden. Tenn die Geschworenenbank bestand aus lauter Bauern, und so kriegten wir alle Angst, der Mann könne sich später an uns rächen und uns bie Häuser anzünden. Nun sagten wir, es feien blos 11 für „schuldig" gewesen, und der Kerl weiß nicht, wer ihn für „nichtschuidig" erklärte, und so kann er keinem von uns etioas thun, will er nicht gerade den Unschuldigen erwischen." — Ein Stückchen echter Bauemschlauheit.
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