Ausgabe 
29.5.1901 Zweites Blatt
 
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gehandelt habe.

In kurzem mündlichen Vortrage erklärt Rechtsanwalt Thurm, daß die Verteidigung die materiellen und prozessualen Rügen aufrecht erhalte. Die Verteidiger hätten sich ihre Aufgabe geteilt, der eine wolle den prozesiualen, der andere den materiellen Teil ausführlich behandeln, dazu werde der Ausschluß der Oeffentlichkeit nötig sein, da Dinge vorgebracht werden muffen, deren öffentliche Erörterung nicht im militär-dienstlichen Jntereffe liege. Auf eine weitere Frage des Vorsitzenden, ob der Antrag aus Ausschluß der Oeffentlichkeit sich nur auf einen Teil, oder auf die ganze Verhandlung beziehen solle, erklärt R.»A. Thurm, daß die Ver­teidigung gegen den Ausschluß der Oeffentlichkeit während der ganzen Dauer der Verhandlung nichts einzuwenden habe.

Zur Beratung über den Antrag schließt der Präsident auf Grund des § 285 der Militärstrasprozeßordnung die Oeffentlichkeit zunächst aus. Rach Wiederherstellung der Oeffentlichkeit verkündet der Vorsitzende: Der Gerichtshof hat beschloffen, im militär-dienstlichen Jntereffe und im In­teresse der militärischen Disziplin auf Grund des S 281 für denjenigen Teil der Verhandlungen, der sich auf das Vorleben de» Angeklagten und deffen Verhalten gegenüber seinen Kameraden und Vorgesetzten bezieht, die Oeffentlichkett auszuschließen. Es liege aber im Jntereffe des Angeklagten und der Sache, im möglichst weiten Sinne die Oeffentlichkeit aufrecht zu erhalten, das Gericht glaubt, daß es bei genügender Vorsicht möglich sein werde, mit der beschlossenen, nur teilweisen Ausschließung der Oeffent- lichkeit auszukommen, und die Verteidiger werden daher ersucht, diesen Teil der Ausführungen in dm Beginn ihres Vortrages zu verlegen. Die Oeffentlichkeit wird hierauf bis auf weiteres ausgeschloffen.

Nach etwa 15 Minuten wird die Oeffentlichkeit wieder hergestellt. Rechtsanwalt Thurm sührt aus, daß die Vorgänge an dem kritischen Abend geeignet waren, schon eine normale Natur aus dem Gleichgewicht zu bringen, um wie viel mehr einen Io prädestinierten Mann wie dm Angeklagten. Der Angeklagte habe in keinem Punkte die Unwahrheit gesagt, und so werde man ihm auch glauben müffen. daß chm der ganze Vorgang wie ein böser Traum gewesen. Er habe zweifellos unter dem Drucke einer fixen Idee gehandelt und wenn die Vorinstanz über die Gutachten der medizinischen Sachverständigen einfach hinweggehe, so sei dies eine ungenügende Würdigung der Beweisaufnahme. Mit Unrecht sehe der Berufungsrichter in der Thal des Angeklagten ein ganz konse­quentes Handeln. Dies sei nicht richtig. Konsequmt wäre es getnefen, wenn der Angeklagte nach der That den Revolver auch gegen sich selbst gerichtet hätte. An Äut habe es dem Angeklagten sicher nicht gefehlt. Wenn man nicht das Vorliegen einet fixen Idee annehmen wolle, würde

taillons statt. Sobald der Kaiser" und die Kaiserin mit sämtlichen kaiserlichen Kindern erschienen waren, be­gann ein liturgischer Festgottesdienst. Außer den Maje­stäten nahmen sämtliche zur Zeit hier anwesenden Prinzen und Prinzessinnen, die .Herren vom Hauptquartier, die Herren und Tomen der Umgebung der Majestäten, die Kabinettschefs, die Generalität, Staatsminister Möller, Staatssekretär Kraetke, die fremdherrlichen Offiziere, der französische Generalmajor Bonnal und der französische Oberstleutnant Galtet an der Feier Teil. Nach dem Gottes­dienst nahni das Bataillon Frontstellung, die Bataillons- musik spielte den Präscnticrmarsch, die Fahne senkte sich, und der Kaiser, der den großen Feldmarschallstab trug, schritt mit seinem Gefolge die Front ab. Hierauf formierte sich das Bataillon zum Parademarsch. Nach demselben nahm Se. Majestät niilitärischc Meldungen entgegen. In­zwischen hatten sich die Truppen nach den Kolonnaden begeben und an den prächtig dekorierten Tafeln Platz ge­nommen. Unter den Klängen desHeil Dir im Sieger­

kranz" kamen nun auch die Majestäten mit dem Gefolge vom Neuen Palais herüber und machten alsbald einen Rundgang. Ter Kaiser brachte sodann ein Hoch auf die Armee aus, iff deren Namen General v. Bock und Polach mit einem.Hoch aus den Kaiser dankte. Sodann kehrten die Majestäten zur Frühstückstafel nach dem Neuen Palais zurück. An der Tafel nahmen sämtliche in Potsdam^an- wesende Prinzen und Prinzessinnen, sowie die zur Teil­nahme an der Feier des Stiftungsfestes des Lehr-Jn- anterie-Bataillons geladenen Persönlichkeiten teil.

Bremen, 27. Mai. Weiland, der am 6. März den Wurf mit der Eisenlasche auf den Kaiser ausführte und der jetzt wieder im Untersuchungsgefängnis interniert ist, wurde längere Zeit auf seinen geistigen Zustand beobachtet, lieber diesen haben auf Anordnung des Oberreichsanwalts auch drei bedeutende auswärtige Psychiater, nachdem drei hiesige ihr Urteil abgegeben hatten, ihr Gutachten erteilt. Selbstverständlich dringt davon vorläufig von amtlicher Seite nichts an die Oeffentlichkeit. Wie es heißt, sollen die Gutachten verschieden ausgefallen sein. Weiland wird mir dann vor das Reichsgericht gestellt und von diesem abgeurteilt, wenn auf Grund der Gutachten der Sachver- tändigen angenommen wird, daß er die That seinerzeit nicht in geistiger Unzurechnungsfähigkeit, sondern geistig gesund mit Vorbedacht ausgeführt hat. Andernfalls dürfte er außer Verfolgung gesetzt werden, abgesehen von even- tuellen Maßnahmen, die wegen seines etwaigen krankhaften Zustandes erforderlich wären. Wie man hört, soll Weiland in letzter Zeit sehr ruhig gewesen sein.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Mai. Tas Pfingstfest hat die Mitglieder der kaiserlichen Familie zusammengefuhrt. Die Kaiserin traf mit ihren Söhnen, von Bonn kommend, am Samstag früh dort ein. Ter Kaiser, der zur Jagd in Pröckelwitz weilte, begab sich am Samstag nachmittag von dort nach Marienburg, wo er sich anderthalb Stunden aufhielt und die Bauten im Hoch- und Mittelschloß besichtigte. Gegen halb sechs Uhr erfolgte die Weiterfahrt nach Tanzig. Um 6 Uhr 40 Min. traf der Kaiser auf dem dortigen Bahnhofe ein und fuhr sofort nach der Schichau-Werft, wo eine kom­binierte' Ehrenkompagnie der Garnison aufgestellt war. Unter Führung des Geh. Kommerzienrats Ziese und des Tirektors Topp besichtigte der Kaiser den Neubau des Linienschiffs T und den neuen russischen Kreuzer Nowiß. An Bord des russischen Kreuzers wurde der Kaiser von dessen Kommandanten, Fregattenkapitän Gawrilow, empfangen. Gegen halb acht Uhr begab sich der Kaiser nach Langfuhr und nahm im Kasino des ersten Leib-Husaren-Regiments das Souper ein. Kurz nad), 10 Uhr reiste er nach Potsdam ab, wo er am Pfingstsonntag früh eintraf und von der Kaiserin, dem Kronprinzen sowie den Prinzen Eitel Friedrich, Adal­bert, August und Oskar empfangen wurde.

l Ter Kaiser hat auf den Antrag des Reichs­kanzlers die Rückkehr des Panzergeschwaders aus China und ferner befohlen, die Auslösung des deutschen Armee-Oberkommandos in Ostasien sowie die Reduzierung des ost asiatisch en Expe­dition skopD vorzubereiten.

Die Verleihung des Schwarzen Adler-Ordens an .den großbritannischen Feldmarschall Lord Roberts wird jetzt, also 4 Monate, nachdem sie erfolgte, in der jüngsten Ausgabe desStaatsanz." veröffentlicht. Gleichzeitig wird mitgeteilt, daß dem englischen Generalmajor Sir John Max Neill und dem Earl of Kintire der Rote Adler­orden erster Klasse verliehen worden sei. (Diese, dem ehe­maligen Führer der englischen Armee im Burenkriege zu teil gewordene Auszeichnung ist bereits hinlänglich erörtert wlorden. Erwähnt mag hierbei werden,' daß vom Führer der Nationalliberalen, dem Abg. Bassermann, diese und ähnliche Begleiterscheinungen der Englandfahrt im Reichs­tage sehr scharf kritisiert wurden. D. Red.)

Tas amtlich ermittelte Ergebnis der Reichstags­ersatzwahl im Wahlkreise Greifswald-Grimmen lautet: Es entfielen auf den Landrat v. Behr-Greifswald (kons.) 7419 Stimmen, auf den Bergrat a. T. Gothein- Breslau (fr. Vgg.) 6142 Stimmen, auf den Tischlermeister Knappe-Stettin (Soz.) 1828 Stimmen, 50 Stimmen zer­splittert. Es ist somit Stichwahl erforderlich zwischen v. Behr und Gothein.

Turch eine Verfügung des Reichs marineamts ist der Bau des auf der kaiserlichen Werft in Wilhelms­haven seit dem 14. November v. I. auf Stapel stehenden LinienschiffesG", dessen Stapellauf am 15. Juni stattfinden sollte, auf unbestimmte Zeit eingestellt worden. Tas Schiff hat bereits bis auf 2300 To. fein Stapellaufgewicht er­reicht.

Tie Einnahmen derReichspost-undTele- graphen -Verwaltung im April 1901 betragen 37 698124 Mk., 3 331 085 Mk. mehr als in demselben Monat des Vorjahres, die Einnahmen der Reichs-Eisenbahn- Verwaltung 7 478000 Mk., 403000 Mk. mehr als im April 1900.

Potsdam, 27. Mai. Vom herrlichsten Wetter be­günstigt, fand heute vormittag beim Neuen Palais das Stiftungsfest des Lehr - Infanterie -Ba -

vormittags stattgehabten Sitzung wurde der Bürger­meister von Lyon, Augagneur, zum Präsidenten gewählt. Tie gestrigen und heutigen teilweise sehr stürmi- chen Tebatten betrafen ausschließlich die Resolution Tela- )orte, die erklärt, daß Millerand mit dem Eintritt in die Negierung aufgehört habe, Vertreter der Arbeiterpartei zu ein. Jaures und seine Anhänger setzten schließliche mit 342 Stimmen Mehrheit durchs daß die Resolution an eine Kommission verwiesen wird, die bis morgen eine mildere Form finden soll. Ter Handelsminister Millerand selbst entsprach heute wohl nicht zufällig einer Einladung des ozialistischen Gemeinderats von Nouzon in den Ardennen, wo er seinen Parteigenossen sehr geschickt in Erinnerung rief, wieviele Fortschritte er innerhalb der republikanischen Regierung im Interesse der Arbeiter und der Ausgestaltung der Arbeiterorganisationen verwirklichen konnte.

Lissabon, 27. Mai. Ter regierende Kongreß in Südportugal überreichte der Regierung eine dringende Ein­gabe wegen Abhilfe der landwirtschaftlichen und Arbeiter not. Ueberalt herrscht Hunger und Verzweif­lung. Tie Regierung versprach schnell einzuschreiten, da andernfalls Zusammenstöße zu befürchten seien.

Madrid, 26. Mai. Tie Senatswahlen ergaben nach )en bisher vorliegenden Meldungen eine starke Majorität ür die Regierung.

Rom, 25. Mai. Nach Nachrichten aus Tunis plünderten türkische Soldaten mehrere Häuser von Italienern und miß­handelten (die Besitzer. Kein Italiener könne mehr die Stadt verlassen, ohne schwere Gefahr zu laufen. .Selbst der italienische Konsul und seine Familie seien von thät- lichen Angriffen nicht verschont geblieben.

Belgrad, 25. Mai. Hier ist eine Meldung des Grenz­kommandanten eingetroffen, wonach gestern eine serbische Patrouille eine Abteilung Arnauten und Nizams im Hinterhalte zwischen den serbischen Blockhäusern Tatschewaz und Jablowdol auf serbischem Gebiete überraschte. In dem Kampfe, der sich entspann, wurden zwei serbische In­fanteristen schiver verwundet.

New-Port, 27. Mai. Tas Bundesobergericht gab heute eine 'hochwichtige Entscheidung ab, worin es sagt, daß P o r t o r i c o nicht als Ausland betrachtet werden könne, sondern daß die Insel T e r r i t o r i u m derVe reinig­ten Staaten sei, daß mithin die Zollschranken nichts oufrechtzuerhalten und die Bewohner als amerikanische Bürger zu betrachten seien. Obwohl die Entscheidung noch nicht im Wortlaut vorliegt, scheint das Gericht doch zu urteilen, daß Portorico zwar völlig Eigentum der Ver­einigten Staaten ist, aber nicht unter der Verfassung steht.

mach seiner Rückkehr nach Südafrika zu erfüllen habe, werde noch wichtiger sein.Ich habe das Vertrauen", fügte Cham­berlain hinzu, daß dann die Funken, die unter der Asche dieses Krieges glimmen, der feit langer Zeit aufgehört hat, ein solcher zu fein, verlöscht fein werden. Milner wird eine neue Ordnung der Tinge einführen, der bald Versöhnung und gemeinschaftliche Thätigkeit beider Raffen -folgen werden, welche die hauptsächlichste Bedingung find für die Herstellung eines auf gesunder Grundlage ruhen­den und, wie seine Schwesterfederationen Kanada und Australien einigen, freien, blühenden und loyalen Süd­afrika." In feiner Erwiderung dankte Milner zunächst für den ihm bereiteten Empfang, ging dann auf die gegen ihn gerichteten Angriffe ein und betonte, die ihm erwiesenen Ehren seien auf die Notwendigkeit zurückzuführen, aller Welt zu zeigen, daß das Land seine Tiener im Angesicht des Feindes nicht verläßt. Es sei lächerlich, schloß Milner, zu behaupten, daß der tfrieg durch größere Versöhnlich­keit zu vermeiden gewesen wäre, aber hoffentlich komme bald die Zeit, wo eine sanftere, nachsichtiger e Po­litik in Südafrika zur Anwendung gelangen könne. Also selbst diesem Manne scheint es nachgerade zu bunt dort weiter zu gehen. * *

Telegramme deS Gießener Anzeigers.

London, 28. Mai. Lord Kitchener meldet aus Pre­toria: Seit dem letzten Telegramm über die Verluste der Buren sind 63 Buren getötet, 36 verwundet und 267 ge­fangen genommen; 83 ergaben sich. 246 Gewehre, viel Munition, 179 Wagen, sowie eine Anzahl Pferde und anderes Vieh wurde erbeutet.

Kapstad t, einer amtlichen Meldung zufolge, wurde Scheepers Kommando in die Berge, nördlich von Aberdeen gedrängt. 600 Buren kreuzten in zwei Abteilungen südwärts marschierend, 7 Meilen östlich von Thebus, die Eisenbahn.

DaS Reichsmilitärgericht «ud Rüger.

Vor dem Reichs-Militärgericht fand am SamStag die ReoistonS- verhandluog gegen den Oberleutnant Rüger statt. Die sowohl von Rüger, wie vom Gerichtsherrn eingelegte Revision ist verworfen worden. Es bleibt somit bei der Verurteilung zu sechs Jahren Zuchthaus und Ausstoßung aus dem Heere. Ueber die Verhandlungen vor dem Reichs-Militärgericht geben wir noch den olgenden ausführlichen Bericht:

Der Präsident des Retchs-MUitärgertchts, v. Gemmingen, ist zugegen. Den Vorsitz führt Senatspräfident Dr. Herz. Der An­geklagte ist nicht erschienen. t ,

Rüger vom 17. Jnf.-Regt. Graf BarfuS, der nach einer Feier von Kaisers Geburtstag den Hauptmann Adams erschossen hat, ist vom Kriegsgericht der 33. Division in Metz zu zwölf Jahren Zucht. hauS und Ausstoßung aus dem Heere verurteilt worden. Vom Ober- kriegsgericht des 16. Armeekorps ist die Strafe aus sechs Jahre Zucht­haus unter Ausstoßung aus dem Heere herabgemtndert worden. Gegen das Urteil hatte sowohl der Angeklagte als auch der Gerichtsherr das Rechtsmittel der Berufung etngebracht, ersterer, weil er behauptete, daß er keinen Totschlag habe begehen, sondern den Hauptmann AdamS habe verhindern wollen, seinem Bruder, dem Oberstabsarzt Dr. Rüger, im Duell entgegen zu treten. Der Gerichtsherr hat die Revision ein­gelegt, well nicht nach der auf Mord lautenden Anklage erkannt worden ist.

Wie aus dem Referat ersichtlich ist, nimmt die Erörterung der Gutachten der Psychiater in dem Erkenntnis des OberkrtegsgirichtS einen breiten Raum ein. Die Sachverständigen hatten den Antrag gestellt, den Angeklagten zur Beobachtung seines Geisteszustandes einer Anstatt zu überweisen. Das Oberkriegsgericht hat den Antrag ab­gelehnt und in ausführlicher Darlegung feinen Standpunkt dahin be­gründet, daß alle von der Verteidigung vorgebrachten Momente, die von den Psychiatern zur Grundlage ihres Urteils gemacht wurden, auf eine geistige Störung nicht schließen lasten.

In der gegen das Urteil des Oberkriegsgerichts eingelegten Revision wird gerügt, daß den Anträgen der medizinischen Sachverständigen nicht olgegegeben worden ist. Es wird ferner geltend gemacht, daß der An­geklagte auch aus § 97 deS Militär-Strafgesetzbuchs nicht verurteilt werden könne, weil er sich bei Begehung der That nicht bewußt gewesen, einen Vorgesetzten vor sich zu haben, vielmehr als Mensch dem Menschen gegen­überstand. Die Revision beantragt Freisprechung des Angeklagten, event. die Zurückweisung an die Vorinstanz, da der Angeklagte die That unter Nachwirkungen des Alkohols begangen und sich nicht im Besitze freier Willensbefiimmung befunden habe. Der Gerichtsherr hat Revision ein­gelegt, weil die Verurteilung nicht wegen Mordes ergangen worden ist im übrigen widerlegt er die Ausführungen deS Angeklagten, daß es sich angeblich nicht um einen thatsäch'.ichen Angriff gegen einen Vorgesetzten

Mathematiker - Kongreß.

P. Gießen, 28. Mai.

Vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt trafen gestern aus allen Gauen unseres Vaterlandes die Teil­nehmer zu. der 10. Hauptversammlung des Ver­eins zur Förderung des Unterrichts in der Mathematik und den Naturwissenschaften^ Gießen ein. Unsere Stadt prangt im herrlichsten Früh­lingskleide, die Sonne lacht vom Himmel, den Menschen zum Genuß der Natur einladend, und diese, verlockende Maienzeit haben sich die Herren der exakten Wissenschaften erkoren, einige Tage in ernster Arbeit zu verbringen, Be­ratungen abzuhalten und Vorschläge zur Förderung des Unterrichts zu erwägen. Schon gestern abend versammel­

ten sich etwa 60 Herren im Gesellschaftsverein zu einer geselligen Vereinigung, bei der Professor N o ack die An­wesenden mit herzlichen Worten begrüßte! Der Vereins- Vorstand, bestehend aus den Professoren P i etzke r - 91ord- hausen, P re ß l e r - Hannover und Schottler- Halle, und No ack-Gießen als Vorstand des Ortsausschusses trat zu- ammen und setzte in einer Sitzung das Programm fest.

Heute morgen 9 Uhr versammelten sich etwa 80 Herren in der Aula des Gymnasiums. Magnifizenz Prof. Dr. B. Schmidt war als Vertreter der Universität erschienen, als Vertreter der Regierung Provinzialdirektor Geh. Rat v. Bechtold und als Vertreter der Stadt Bürgermeister Mecum. Auch der preußische Schulrat Dr. Kaiser aus» Cassel war erschienen, wahrend die hessische Schul­behörde keinen Vertreter gesandt hatte! Der Bor- itzende Prof. Pietzker-yrordhausen begrüßte die Anwesenden und erteilte dem Vorsitzenden des Ortsausschusses Proß Noack das Wort, der die Ehrengäste und Gäste bewill­kommnete. Im Namen der Universität dankte Se. Magni- izenz und wies darauf hin, in wie naher Beziehung die Versammlung zu der Universität stände, da jene einen Teil ihrer Tauer der Besichtigung der alma niater Ludo- vieiana widmen wolle. Hierauf gedachte Prof. Pietzker der im vergangenen Jahre gestorbenen Mitglieder und widmete einen besonders warm empfundenen Nachruf dem Geh. Rat Prof. Schwalbe, sein Verdienst um die Wissenschaft, ins­besondere die Naturwissenschaft, hervorhebend. Zu Ehren der Toten erheben sich die Anwesenden von den Sitzen. Nach­dem Prof. Noack einige geschäftliche Mitteilungen gemacht und Schulrat Dr. Kaiser für die Begrüßung gedankt hatte, prach Prof. Poske-Berlin in einstündigem Dortraa über Grundlagen des physikalischen Unterrichts. Daran schloß sich eine lebhafte Diskussion. Um 11 Uhr trat eine einstündige Frühstückspause ein. Nach 12 Uhr begannen die Abteilungs- itzungen, und zwar sprach zuerst Prof. Schönemann- Svest über einen Distanzmesser, lieber kubische Gleichungen, prach jodann Geh. Rat. Prof. Pasch^Gießen. Prof. Hansen- Gießen führt der Versammlung eine Anzahl nach Photo­graphien hergestellter Abbildungen vor, durch die der An- chauungsunterricht in der Botanik zu vervollkommnen t. Im physikalischen Kabinett des Gymnasiums demon- riert Prof. Noack - Gießen über Apparate und Einricht­ungen für Schülerübungen. (Forts, folgt.)

Ausland.

Chiftiania, 25. Mai. Tas Lagthing und das Odels- thing nahmen in gemeinsamer Sitzung enbgiltig das Gesetz an, nach dem das allgemeine kommunale St im ni- recht für Männer ein gefügt wird, sowie für solche Frauen, die für eine jährliche Mindesteinnahme von 300 Kronen auf dem Lande oder von 400 tonen in den Städten Steuern bezahlen, oder die in Vermögensgemeinschaft mit Männern leben, die von solchen Einnahmen Steuern zahlen.

Paris, 27. Mai. Waldeck-Rousseau verließ mit einer Frau und mehreren Freunden vorgestern Paris auf einer Privatyacht. Gestern landete er gegen Abend in Havre. Als der Minister mit seiner Frau und seinem Kabinetts­chef Ulriche in einem offenen Landauer wegfuhr, stürzte sich ünfzig Schnitte vorn .Hafen entfernt ein Individuum auf . ie zu, das mit dem Rufe:Sie sind verkauft, hier das ürLaubet!"(Sier undOrangen schleuderte. Frau Waldeck, die sich vorbeugte, um ihren Mann zu decken, wurde auf die linke Wange getroffen und erhielt eine Kontusion. Ter Minister blieb unverletzt. Ulrich! stürzte sich , auf den davonlaufendeu Attentäter, der verhaftet wurde; er heißt Ernst Parfait, ist 20 Jahre alt und ein bekannter Anhänger des nationalistischen Jugend­bundes.

Lyon, 27. Mai. Ter allgemeine französische Sozia- l i st e u k o n g r e ß wurde gestern hier eröffnet. Derselbe hat den Zweck, ein Parteiprogramm aufzustellen. In der ersten.