Nr. 75 Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Freitag 39. März 1901
täglich mit fciwMn M Montag».
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen
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Amtlicher Teil.
GroßhttjoMe zaudwiltschaftsschslk
zu Oröh-Nmstadt.
Die Anstalt hat einen dreijährigen Lehrgang; Schüler, die nach Unter Tertia einer höheren Lehranstalt versetzt find, oder eine entsprechende Votblldnng in einer Prüfung Nachweise», können in die unterste (dritte) Klaffe ausgenommen werden. Das Abgangszeugnis berechtigt zum einjährig- freiwilligen Dienst.
Die Anstalt ist die einzige ihrer Art in Hessen.
Nähere Auskunft erteilt
Die Oroftherzogliche Direktion. Dr. Lahm.
Groß-Umstadt, im März 1901.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Beschäftigung von jugendlichen Arbeitern und Arbeiterinnen in Werkstätten mit Motorbetrieb.
Unter Bezugnahme auf die Kaiserliche Verordnung 6etr. die Inkraftsetzung der im § 154 Abs. 3 Gewerbeordnung getroffenen Bestimmungen vom 9. Juli 1900 (R. G. Bl S. 566), sowie die Bekanntmachung bett, die AuSführungSbe stimmungen des BandeSratS rubr. Betreffs vom 13. Juli 1900 (R. G.'vl. S. 566 ff) und die den Vollzug dieser Bestimmungen betr. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern vom 15. Dezember 1900 (Reg.-Bl. von 1901 S. 157) fordern wir hiermit alle Besitzer von Werkstätten mit Motorbetrieb, in denen jugend liche Arbeiter und Arbeiterinnen über 16 Jahre beschäftigt sind, auf die in den §§ 14 und 15 der erwähnten Bekanntmachung vorgeschriebenen Anzeigen alsbald schriftlich bei uns einzu reichen.
Aus der Anzeige muß ersichtlich fein:
1. Lage der Werkftätte.
2. Art des Betriebs.
3. ob in dem Betriebe Kinder unter 14 Jahren, junge Leute beiderlei Geschlechts zwischen 14 und 16 Jahren »nd Arbeiterinnen Über 16 Jahre ober welche dieser 3 Arbeiterklaffen beschäftigt werden sollen.
4. Beginn und Ende der Arbeitszeit und Pausen.
Künftighin ist vor Beginn der Beschäftigung neuangenommener jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen Über 16Jahre die gleiche Anzeige zu erstatten.
Exemplare der Ausführungsanweisung vom 15. Dezember 1900, mit deren Bestimmungen sich die Interessenten vertraut machen müffen, können von der Buchhandlung Großh. Staatsverlags, Rheinstraße 15 in Darmstadt und die hiernach zu verwendenden Formulare von der L. C. Wittich'schen Hofbuchdruckerei daselbst bezogen werden.
Gießen, den 26. März 1901.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Wochen, daß eine Krisis in der Luft liege. In einem Frankfurter Blatt erschien in der vorletzten Woche ein geheimnis-
liche Produkte. Das Zentrum habe stets das große Worfr im Munde, wenn es sich um das Volkswohl handele, abeZ
Hessischer Kandtag.
Zweite Kammer der Stände.
Nn. Darmstadt, 27. März.
Die Sitzung wird um halb zehn Uhr eröffnet. Am Ministertisch: Staatsminister Rothe, Ministerialrat Braun. Die Debatte über die „LebenSmittelzölle" wird
Politische Tagesschau.
U e b e r die Ursachen des plötzlichen „Urlaubs" des württembergischen Ministerprä
fortgesetzt.
Abg. Haas- Mainz verkennt nicht, daß sich die Landwirtschaft in einer Notlage befindet. Diese sei aber nur die Folge der allgemeinen sozialen Notlage. Werde die Produktion gehoben, so -komme diese Steigerung auch der Landwirtschaft zu gut. Die deutsche Landwirtschaft habe die Hälfte ihres Besitzstandes mit Getreide bestellt, aber schon seit Jahrzehnten könne sie den Bedarf an Brotkorn nicht mehr decken. Auch die Fleischversorgung durch die Landwirtschaft sei ungenügend, und diese unzureichende Leistungsfähigkeit erstrecke sich auch auf andere landwirtschaft-
volleB Artikel, in bei» et» in Stuttgart bevorstehende» großer Skandalprozeß angekündigt war; das sozialdemokratische Zentralorgan Württembergs nahm diese Nachruf auf und verdichtete sie zu einer der beliebten Briefkasten- Notizen, in der von einem Prozeß die Rede war, in den auch „ein Minister und ein Reserveleutnant" verwickelt sei. Ein weiterer Zusatz wies mit Fingern auf diejenige Persönlichkeit, die mit der Vtotiz getroffen werden sollte. Wen» also die Befürworter einer milderen Praxis gehofft hatte», daß die Presse garnicht den Mut haben werde, an der heiklen Sache zu rühren, so haben sie sich in ihrer Er- lvartung gründlich getäuscht. Die Angelegenheit war jetzt nicht mehr bloß gerichtsnotorisch, sondern sozusagen auch preßnotorisch, GHne zweite Erwägung, die zu raschem Handeln drängte, war, daß im Landtag die Sache, sei eS in Form von Anspielungen, sei es in Form einer Interpellation hätte zur Sprache kommen können. Es handelt sich um einen der nicht seltenen Prozesse wegen Gelegenheitsmack-erei, die hinter verschlossenen Thüren ihr Ende zu finden und die Oeffentlichkeit kaum zu beschäftigen pflegen. Die Polizei hat Veranlassung genommen, sich mit dem Leben und Treiben einer in einem nicht gut beleumundeten Quartier der schwäbischen Hauptstadt gelegenen Wirtschaft eingehender zu beschäftigen, einer Wirtschaft, in der Abenteuer, die mit dem Ausdruck „galant" noch recht gnädig bezeichnet sind, ihr Ende zu finden pflegen. Im Verlauf der Untersuchung sind eine Anzahl Zeugen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, darunter auch, die im Eingang genannte politische Persönlichkeit, benannt worden. Das Gericht hat geglaubt, auf die Vernehmung der letzteren in dem übrigens noch nicht zur Verhandlung gekommenen Prozeß nicht verzichten zu können. Wenn nun die genannte politische Persönlichkeit durch den ihr bewilligten Urlaub, der nun bte Vorstufe zum definitiven Rücktritt ist, in den Stand deS Privatmanns versetzt worden ist, so hat sich das als eine unbedingte politische Notwendigkeit erwiesen. Man braucht nur daran zu erinnern, daß in dem der Kammer vorliegenden Gesetzentwurf über Erhöhung der Beamtenge- lstilter, dessen erste Lesuitg im Plenum eben zu Ende geführt worden ist, sich ein Posten von 3000 Mk. unter dem Titel „Repräsentationskosten für den Ministerpräsidenten" befindet. Eine kaum einzudämmende Flut ironischer Bemerkungen hätte sich wohl über diesen Etatsposten ergossen und hätte die Regierung in eine Stellung gebracht, die ihrer Autorität nicht förderlich gewesen wäre."
fibenten berichtet die „Tägl. Rundschau" aus Stuttgart: 1 . , , , _
„In den Kreisen der Eingeweihten wußte man fei fr ungsfähigkeit erstrecke sich auch auf
Deutsch-afrikanische Märchen.
Lei bet dritten Lesung des Kolonialetats üve» die Verhältnisse der nach Südwestafrika durch die deutsche Kvlonialgesellschaft überführten Frauen und Mädchen sind von gewisser Seite Behauptungen vorgebracht und „auf Mitteilungen von Augenzeugen" gestützt worden, die sich hintendrein als Univahrhciten herausgestellt haben. Schon im vorigen Jahre wurde die Behauptung aufgestellt, daß die mit diesen Mädchen geschlossenen Verträge sie in eine vollkommene Sklavenlage brächten — diesmal wußte Bebel zu erzählen, daß die Erfahrungen, die diese Frauen und Mädchen drüben gemacht Huben, überaus traurig gewesen seien. Die Mehrzahl sei zurückgekehrt, es seien tm ganzen vielleicht nur noch 25 von allen, die hingegangen, dort, einige hätten Selbstmord begangen. Der Mann, dem Bebel diese Mären verdankt, fuhr im November v. I. auf einem Schiffe, auf dem Meder vier solcher Mädchen, die sich hatten verleiten lassen nach Südafrika zu gehen, enttäuscht nach Deutschland zurückkehrten. Und besorgt um das Wohl seiner Nächsten, wie Bebel nun einmal ist, knüpfte er die dringende Warnung für die deutschen Frauen und Mädchen, nach Südwestafrika zu gehen.
Erkundigungen über diese allem bisher bekannt Gewordenen stracks zuwiderlaufenden Geschichten an authentischer Stelle — nämlich an derjenigen, welche die höchst dankenswerte und aus rein patriotischen Beweggründen eingeleitete Uebersiedelung der Frauen und Mädchen unternommen hat, haben ergeben, daß von den 64 nach Südwestafrika gegangenen Frauen und Mädchen im ganzen wohlgezählte zwei nach Deutschland zurückgekehrt sind: eine auf Wunsch ihres im Schutzgebiete z. Z. noch weilenden Bräutigams, Die andere infolge eines schweren Magenleidens. Ueberhaupt waren die meisten der in Frage kommenden weiblichen Personen vor ihrer Ueberfahrt bereits mit Angehörigen der Schutztruppe oder Ansiedlern verheiratet oder verlobt, und die deutsche Kolonialgesellschaft hat sich mithin durch Uebernahme der Reisekosten und weiteren Fürsorge auch vom rein menschlichen Standpunkte aus betrachtet, ein großes Verdienst um diese Frauen erworben, das anzuerkennen auch Bebel sich nicht zu schämen brauchte. Die Uebrigen haben sich fast ohne Ausnahme bald nach ihrer Ankunft verheiratet und es ist, soweit Nachrichten über ihr Ergehen vorliegen, nur Günstiges darüber bekannt. Wenn wirklich die eine oder andere in dem Manne ihrer Wahl nicht ganz das Richtige getroffen hat, so kommt so etwas zuweilen ja auch hier vor, und ist gewiß kein Grund, gerade Südwestafrika dafür verantwortlich zu machen. Und wenn ferner auch die eine ober andere sich die dortigen Lebensverhältnisse zu Hause schöner und glänzender ausgemalt und daher anfangs vielleicht einige Enttäuschung erfahren haben mag, so ist doch keine hier vor ihrer Abreise im Zweifel gelassen worden, daß es im Schutzgebiete vielen Fleißes und harter Arbeit bedarf, um vorwärts zu kommen. Diese aber machen sich dort auch reichlich bezahlt. Jedenfalls trifft die Kolonialgesellschaft nicht die geringste Schuld an solchen überall in der Welt vorkommenden Enttäuschungen.
Gießener Stadttheater.
Nosevmontag *).
Eine OsfizirrStregvdie in 5 Akten von Otto Erich Hsrtleben.
Sonst ist'S fast allenthalben traditionell, daß gegen Schluß der Spielzeit die Theater aussterben. Man ist müde von den Ereignissen der Saison und sehnt sich nach des Frühlings Freuden in der Natur. Anders dieSmrl bei uns. Da ist noch, angesichts des bevorstehenden Auszuges aus den kalten Räumen des Hofes an der Wallthorstraße, ungewohntes Leben neu erwacht. Unser Stadttheater brachte Hartlebens Offizierstragödie „Rosenmontag- mit außer, ordentlich starker Wirkung heraus, und dem wohlgelaunten Kassierer wurde der unlängst erkrankte Otto Erich ein ganz brauchbarer Zeitgenoffe.
DaS Stück hat nebst dem stark ausklingendeu Beifall doch manche Zweifel, manche Einwurfe angeregt. CS er scheint manchem die Tragödie auf die Komödie gepfropft wie ein fremdes ReiS. Man erfreute sich an dem schneidigen Osfizierston, ergötzte sich an dem famosen Milieu und der derben, burschikosen Laune und wehrte sich gegen den Trauerschleier, der einem unversehens über das lachende Gesicht geworfen wird. Wie leicht hält doch ein Publikum, daS in einem begonnenen Amüsement gestört wird, daS Beiwerk für die Hauptsache, daS Eigentliche für das Episodische. Hart leben, der Spötter, der lachende Philosoph, hält plötzlich die
•) S. Fischer, Verlag, in Berlin (229 S.), Detlev o. Lilicucron zugeeigntt.
tragische Maske der Melpomene vorS Angesicht «nd man ist überwältigt, denn nun merkt mau, daß vom ersten Worte au Thränen der Trauer herabfloffen und trotz der heiteren Außenseite den Schmerzensacker befruchteten. Das rein Menschliche, daS tief Empfundene, das Ideale kämpft gegen das Konventionelle, daS Gefühl gegen unautastbare Standes- begriffe. So ein Kampf bedingt den Untergang, und weil die Hauptfigur im Rosenmontag untergeht durch fich selbst, durch den Zwiespalt zwischen Innerlichkeit und Uebereinkommen, deshalb wird aus ihr, trotz aller ihrer Schwächen, doch so etwas wie ein Held.
Hartleben hat uns in seiner Offizierstragödie ein Stück süßester und herbster Romantik gegeben, ein Stück, das langst entschwundene, aber unvergeffene Seelenschwinguugen in uns wachruft. All der scherzhafte Aufputz kann die starken, natür» lichev Empfindungen nicht herausradieren und wegdemouftriere», und voll und warm und unbedenklich lieben und leiden wir mit dem jungen HanS Rudorff. Menschen wie dieser Rudorff haben immer gelebt und weroen immer leben, denn fie find der Typus für weichfühlende, sensible Naturen. ES ist ja ganz gleichgiltig, waS dieser HanS Rudorff geworden wäre. Unter allen Umständen, in allen Berufsarte» wäre ihm das Leben zu grob, zn schwer, zu verletzend geworden. Sühn war eS von Hartleben, so eine weiche, lyrisch-romaatische Figur just Offizier werden zu lassen, dessen Oheim bei MarS la Tour gefallen, dessen Großmutter seine militärische Laufbahn mit allen erdenklichen Mitteln in günstiges Fahrwasser lenkt. Je härter der Zwang, umso zügelloser setzt sich eigenste Natur dagegen auf. Ein Romaatiker, der bis über dem Hals in
der Traditio» steckt, ein Romantiker, dessen Seelennobleffe wie der Kreislauf seines Blutes durch die feinsten und gröbste» Adern seines Organismus läuft, der sein Lieben, seine Treue, seine Geschmacksrichtung und auch seinen einmal ihm gewissermaßen überkommenen Beruf mit derselken zähen, unausrottbaren Noblesse behandelt.
Hans Rudorff fällt schließlich einer gemeinen, verleumderischen Lüge zum Opfer. Der Dichter mag vtel nachgedacht haben darüber, wie die Jntrigue gegen thn ein- zufädeln sei. In jedem Berufe giebt eS Leute, die au» irgend einer eigennützigen Absicht über StandeSgenoffen Lügen verbreiten. ES kommt vor, daß solche Ehrabschneider eS verstehen, ihrer inneren Gemeinheit zuweilen unangreifbare Forme» zu verleihen Daß fie die Berachtung aller vornehm Denkende» dadurch fich zuziehen, ist ihnen höchst gleichgiltig. Schwächlinge können durch fie zu Grunde gehen. Otto Erich
kennt solche Leute. Einst wagte fich an ihn der soi-disant Harden, eine der widerlichsten Erscheinungen der deutschen Presse, heran. Harden, bekanntlich daS größte Format der Revolverjournalisten, wie fie in mehr oder weniger ver> stümmelter Auflage allenthalben in deutschen Landen herumwimmeln, erhielt feine ehrlich verdienten deutschen Hiebe von Hartleben und jammerte: „Ein Lump, na — ein Dummkopf, nein, daS thut weh!- Menschen solcher Abart drangen fich überall hinein und suchen eine gewisse Rolle zu spielen solange, als es eben geht, bis irgend ein Stärkerer ihnen die Hosen abzieht und sie zum Tempel h tu.f bie Straß- wirst, van der fie g-r°mm-° find
»nd ans bie sie gehören. Dann ist -S für eine Weile


