Ausgabe 
28.9.1901 Erstes Blatt
 
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Wirtschaften sind nicht entwickelungsfähig und müssen schließlich zu Grunde gehen, die keinen genügenden Rein­ertrag bringen. Was nützt es den Bauern, wenn man sie damit tröstet, daß auf die fünf mageren Jahre vielleicht wieder fette kommen würden. Drei Fünftel des deutschen Mittelstandes sitzen draußen auf den Bauernhöfen! Ich rann mir die deutsche Nation ohne diesen alten Stamm starker wehrhafter Leute nicht vorstellen! (Lauter, an­haltender Beifall!) Tie ganze Charakterbildung der Nation würde anders sein. Auch unser hochstehender Arbeiter­stand hat seine Wurzeln aus dem Lande. Fällt der Bauernstand, dann fällt das Fundament unseres ganzen sozialen Baues. Eine wahrhaft einsichtige Sozialpolitik muß also dahin gehen, den Bauernstand zu erhalten. Wir können ihn schützen durch eine mäßige Erhöhung der Zölle. Ich bin für die vorgeschlagenen Minimalzölle. Die Erhöhung geht nicht auch auf den Boden. Das ist eine Annahme der Herren Theoretiker. Ich verlange freilich von der Re­gierung einige Kompensationen für die Zölle: 1) die Be­lastung der städtischen Arbeiter soll ausgeglichen werden durch Aufhebung reiner Finanzzölle auf Kaffee und Petro­leum. Damit könnte auch die Industrie ihre Bedenken fallen lassen. 2) Tie Erhöhung kommt, das verkenne ich nicht, am meisten den Großgrundbesitzern zu gute. Dafür sollen sie dafür stimmen, daß die Ostgrenzen für die Ar­beiter gesperrt werden. Tann werden auch die Löhne im Osten wieder steigen. Tie nötige Ergänzung ist die innere Kolonisation mit staatlichen Geldmitteln. Unter diesen Bedingungen können wir die Zölle sehr wohl erhöhen! (Stürmischer anhaltender Beifall!)

Professor Tr. Dietzel (Bonn) zeichnet die sozial­politischen Folgen einer solchen Erhöhung als außerordent­lich verhängnisvoll: eine Erschütterung des sozialen Frie­dens in schlimmster Weise! Tie Sozialdemokratie würde außerordentlich zunehmen. Glücklicherweise es hat mich von Herzen gefreut hat eine große Agitation der indu­striellen und kommerziellen Kreise dagegen eingesetzt. Der Handelsvertragsverein würde sijch. zu einem Bunde der Nicht-Landwirte auswachsen. Dann hätten wir drei Heer­lager: die Sozialdemokraten, der Bund der Landwirte, der Bund der Nicht-Landwirte. Wenn Prof. Sering sagt: der Bauer ist kein Spekulant, so ist eben Herr Sering ein großer Agrarier und ich nicht. Ich hätte aber den Bauern kein so schlechtes Kompliment gemacht, wie, daß er kein Spekulant sei. Nun, kann er nicht gut rechnen, so ist er eben wert, zu Grunde zu gehen. (Laute Ohorufe.)

Nach mehreren anderen Rednern nimmt das Wort: Geh. Rat Prof. Tr. Schmoll er (Berlin): Ta ich weder mit den Freihändlern noch mit ihren Gegnern völlig überein­stimme, so )will ich kurz meinen Standpunkt darlegen. Ich habe als starker Vorkämpfer für den Freihandel begonnen. Ich bin iw Württemberg damals für den französischen .Handelsvertrag eingetreten und habe mich dadurch dort unmöglich gemacht. Mer ich bin einen anderen Weg ge­gangen, als ich sah, daß die Freihandelsbewegung ihr Ziel nicht erreichte und daß im internationalen Handel sich nicht gleiche, sondern sehr, sehr ungleiche Kräfte gegen­überstehen: Mächtige und Schwache, und daß diese Ver­schiedenheit von größtem Einfluß auf Preisbildung usw. usw. ist. Da bin /ich denn bekehrt worden, für gewisse Schutzzölle einzutreten. So bin ich 1879 schutzzöllnerischer Referent geworden; aber mit der Begrenzung: jeder Schutz­zoll sei ein äußerst schwerfälliges Instrument, das nur mit größter Vorsicht zu gebrauchen ist. In den 80er Jahren bin üfy wohl für einen 3.50 Mk.-Getreidezoll gewesen, für 5 Mk. aber konnte ich mich nie begeistern. Ich habe damals dagegen geschrieben und vorgeschlagen, in anderer Weise zu helfen. Tie Caprivischen Handelsverträge habe ich aus vollem Herzen gut geheißen, weil in ihnen der Versuch Deutschlands lag, zwar nötige Schutzzölle beizubehalten, so­weit sie Notstands-, Ausgleichs-, Erziehungs- oder Verhand­lungszölle sind, und doch dem Handel Wege zu schaffen. Ich würde aber 189293, wenn ich Einfluß gehabt hätte, in die Verhandlungen lieber mit einem höheren Tarif ein­getreten sein. Ich bin überzeugt, wir wären aus den Handelsverträgen besser herausgekommen. Mer ein extremer Freihändler hat bei Caprivi diesen Gedanken zu Fall gebracht, der damals viel in der Regierung diskutiert worden war. Es war ein Bismarckscher Gedanke. Ich würde aber nur dafür gewesen sein, um uns eine bessere Position zu schaffen denn etwa eine Melinesche Schutzzollpolitik wäre ein namenloses Unglück. Tie Gefahr aber, daß man damals durch eine vorübergehende Erhöhung der Sätze zu einem extremen Schutzzollsystem gekommen wäre, war viel geringer als heute. Die Erhöhung in den 80er Jahren geschah zwar vielfach aus sachlichen Gründen, aber auch aus Verhandlungsgründen. Freiherr v. Marschall sagte, der 5 Mk.-Zoll solle ein Paroli bieten. Er hat uns auch den russischen Handelsvertrag gebracht. Den heutigen Tarif habe ich recht studiert. Aber er ist mir ein Buch mit sieben Siegeln. (Heiterkeit.) Ich weiß nichts über die Motive, weiß auch, nicht, wozu er gebraucht werden soll. (Heiterkeit.) Ich würde gewünscht haben, daß er keine Minimalsätze ent­halte, sondern daß die Regierung freie Hand behalten hätte. Mer dieser Tarif in den Händen eines großen Staatsmanns und geschickten Diplomaten kann uns ebenso gut eine neue Aera der Caprivischen Handelsverträge in verbesserter Auf­lage bringen, als auchi ein Melinesches Schutzzollsystem! Deshalb bin ich mit meinem Urteil über den Taris so zurück­haltend. Jeder Staat, der vorwärts kommen will, benützt den Schutzzoll als Machtmittel. Geschickt benützt, kann er sehr nützen, ungeschickt außerordentlich schaden. Nun sind wir in eine Aera gekommen, in der Rußland, die Ver­einigten Staaten und Frankreich einen Neu-Merkantilismus schlimmster Art begründet haben. Demgegenüber dürfen wir nicht ungerüstet als bloße Freihändler dastehen, wir müssen zum Schutz gegen diese maßlosen Uebertrecbungen ein gewisses Maß! von Schutzzöllen haben und sie richtig benützen. Sonst kommen wir nicht zu vernünftigen Handelsverträgen. Sie sind die einzige Brücke dazu. Wer das ignoriert, bleibt in einem Wölkenkuckucksheim. Deutschland darf also nicht diese Uebertreibungen nachahmen, sondern sie durch Han­delsverträge bekämpfen und ein vernünftiges Maß billiger und gerechter Handelspolitik im internationalen Verkehr herbeiführen. Von diesem Standpunkte aus billige ich den Tarif, wenn er richtig benützt wird. Was die Getreidezölle betrifft, würde ich den Maximaltarif für ein großes Un­glück 1)alten, über den Minimalsatz würde ich mit mir sprechen lassen. Ueber die Erhaltung des Bauernstandes stehe ich auf dem Standpunkt meines Kollegen Sering. Es giebt aber neben der Handelspolitik noch andere Mittel, der Landwirtschaft zu helfen. (Lebh. Beifall.)

Professor v. Huber (Stuttgart) forderte auf, energisch gegen die reaktionäre Polittk der Zollerhöhung aufzutteten.

Professor v. M ay r (München) bezeichnet sich als Schutz­zöllner und stellte sich auf den Boden der Referate der Pro­fessoren Schumacher und Pohlo.

Bergrat Goth ein (Breslau) sprach sehr scharf gegen die Erhöhung. Der wahre Schutz der nationalen Arbeit sei: Schütz des deutschen Außenhandels.

Pfarrer Naumann (Berlin) legte unter außerordent­lichem Beifall die UnmöLlichkeit dar, die Getreidezölle zu erhöhen und gleichzeitig Sozialreform zu treiben. Es müsse chließlich zur Lahmlegung der gewerkschaftlichen Organi- attonen kommen.

Tr. Dade (BeEn) betonte, daß die agrarische Not­lage hauptsächlich darin liege, daß bei Sinken der Erttags- einnahmen und steigenden Löhnen die Verzinsung der Grundrente so niedrig sei. Der deutsche Bauer besitze Zähig­keit und Kraft genug, sich, nicht einfach von der Bildfläche verdrängen zu lassen.

Tr. Weber (Berlin) führte aus, daß der Entwurf eine Ausgeburt kolossaler Jnteressen-Ueberspannung sei.

So ging die Diskussion noch weiter. Noch 10 bis 20 Redner sprachen. Es folgten noch die Schlußworte der Referenten, die übliche Uebersicht des Vorsitzenden Minister v. Berlepsch und Dankesworte nach verschiedenen Seiten. Tann wurde die Tagung geschlossen.

Ein militärischer Fachmann über die taktischen Lehren des Burenkrieges. In einem Beiheft zumMilitärwochenblatt" veröffent- icht ein mitG" zeichnender deutscher Offizier seine Er- ahrungen auf dem südafrikanischen Kriegsschauplätze. Sie ind deswegen, so schreiben dieMünchn. N. N.", beachtens­wert, weil der Verfasser die deutsche Fechtweise der drei Waffen genau kennt und weil, trotzdem er auf der Burenseite kämpfte, die Fechtweise der Buren einer ebenso objektiven Betrachtung unterzogen wird, wie die der Engländer. Da auf beiden Seiten mit gleichwertigem Gewehr gekämpft wurde, so bietet der Kampf manche Erscheinungen, die es verdienen, von jedem Militär in vergleichende Erwägung gezogen zu werden, denn die Reihen der Kriegserfahrenen in unserer Armee werden immer lichter und das Gewehr der Franzosen von 1870/71 war zwar ;em unseren überlegen, hatte aber noch bei weitem nicht die Vollkommenheit der jetzigen Systeme erreicht. Es gilt also, die Erfahrungen anderer für uns auszunützen, und derG."-Verfasser hat ganz recht, wenn er sagt:Die Eng­länder haben in Südafrika genau so gehandelt, wie sie es im Frieden geübt hatten; die Russen thaten dasselbe bei Plewna und die Deutschen zu Anfang von 1870 ebenfalls. Rückschläge aber, wie wir Deutsche sie damals partiell er­litten, könnten in Zukunft doch wohl auch schlimmere Folgen haben, wenn wir nicht über eine derartig überlegene Ar­tillerie verfügen, wie 1870/71."

G." stellt die deutsche Infanterie in ihrer Schieß­leistung dem Durchschnitt der Buren gleich, doch das chärfere Auge spricht er letzteren zu. Gegen Schützenlinien war das Feuer auf 800 bis 1000 Meter von nicht erschüttern­der Wirkung; man sah die Engländer bis dahin gewöhnlich ohne Schwierigkeiten kommen; man muß allerdings dabei berücksichtigen, daß sie in der Regel kein Shrapnelseuer erhielten. War dies der Fall, so sahG." in freiem Gelände !>ie englischen Schützenlinien auch! schon auf 1500 bis 1800 Meter sich hinwerfen. Bei Linienformationen oder gar Ko­lonnen lag die Sache allerdings anders; gegen sie war ms Jnfanteriefeuer bis aus 1800 Meter recht erfolgreich. Ueberall, wo das Gelände frei war, kam der Angriff auf 600 bis 800 Meter vom Verteidiger zum Stocken; auf liegende Leute war nun die Wirkung des Burenfeuers recht gering, ja selbst auf 400 bis 500 Meter, und die besseren Kommandos beschossen liegende Ziele über 400 Meter hinaus nur wenig. Unterstützungstrupps gelangten in der Front fast nie an die Schützenlinie heran. Das sprungweise Vorgehen der ^Engländer erfolgte schließlich ähnlich, so, wie es bei der deutschen Armee üblich ist. Längere Linien stopften das Feuer, erhoben sich gleichzeitig und Mrzten 60 bis 100 Meter vor, um sich dann wieder hinzuwerfen; das Ver­fahren war aber sehr verlustreich Was nunG." über Die Art der Sprünge sagt, um ihnen einen Erfolg zu ver­bürgen, erscheint uns so beachtenswert, daß wir seine An­sicht wortgetreu wiedergeben. Er sagt:

Ein Sprung im wirksamen Gewehrfeuer darf nicht so lang sein, daß der Gegner sein Ziel aufs Korn nehmen kann, und das wäre auf 800 bis 600 Meter wohl nicht über 30 Schritte. Auf näheren Entfernungen noch weniger und innerhalb 400 Meter oder gar im Bereich des Standvisiers wird wohl ein Aufsehen für Gruppen überhaupt nicht mehr möglich sein. Was die langen Linien anbetrifft, so sind diese aus folgenden Gründen gefährlich. Son eine Linie von 50 Mann ist zu groß, um im Gefecht auf einen Schlag in Bewegung gesetzt zu werden. Tas Aufftehen erfolgt zögernd und nach und nach. Dadurch gewinnt der aufmerk­sam gemachte Feind Zeit, die später sich erhebenden Leute schon beim Aufsteher» mit wohlgezieltem Feuer zu empfangen. So werden auch kurze Sprünge, in längeren Linien ausge­führt, zu verlustreich werden, um auf die Tauer durchgeführt werden zu können. Kleine Gruppen dagegen lassen sich über­raschend bewegen, und Ueberraschung ist nach meiner Ueber- zeugung das einzige, was einen Sprung glücken lassen kann. Deshalb darf er auch nur so lange dauern, wie die Ueber­raschung vorhält. Jedes Aufmerksammachen des Feindes durch auffälliges Stopfen des Feuers muß daher sorgfältig vermieden werden. Auch das ist meistens nur bei kleinen Gruppen zu erreichen. Ein großer Fehler der englischen Angriffsmethode war ferner der, daß man den Angriff zu schnell durchführen wollte, und daß eine gegenseitige Feuerunterstützung der Infanterie so gut wie ganz fehlte. Tie Artillerie begleitete ja allerdings das Vorgehen bis auf 300 bis 400 Meter an den Feind heran. Tann aber schwieg sie, und nur die Infanterie feuerte noch eine Weile auf Pie Steine, hinter denen sich nichts zeigte, weiter. Tann trat Ruhe ein. Man hörte nur noch: die Ruse der Führer zum Stopfen des Feuers, das Klappern der aufgepflanzten Bajonette und konnte sich in aller Ruhe zum Schuß fertig­machen . Vielleicht würde der schrille Ton unserer Schützen- Pfeife den Gegner in ähnlicher Weise aufmerksam machen. Darauf erhoben sich die Angreifer in langen Reihen, und der letzte Akt des Tramas begann. Völlig ungestört richteten die Buren ihr Feuer auf die großen Ziele, die ein anlaufen­der Schwarm in der Nähe bietet. Diese Anläufe sind fast alle gescheitert, ob sie auf 300 oder 50 Meter an gesetzt waren. Es genügten hier häusig Sekunden." Nach der Ansicht von G." liegt das Heil des Nahangriffs demnach im über­raschenden Gruppenvorspringen und in der Fortbewegung nach Burenart, kriechend.

Tas englische Patrouillenreiten fordert lebhaft zu einem Vergleich mit dem unseren, leider noch immer recht wenig kriegsmäßigen, oft sogar recht naiven Verfahren auf.G." sagt hierüber:Tie englischen Patrouillen waren in der Regel fünf bis sieben Mann stark; diese geringe Kopfzahl und die Gewohnheit, immer zu Pferde zu bleiben, ließ sie stets, an dem geringsten Widerstand entgleisen. Sie

wurden häusig auf kürzeste Entfernung von zwei bis drei Mann oder einem einzelnen Buren aufgerieben oder mit tarfem Verluste zurückgejagt, ohne mehr melden zu können, als: sie hätten Feuer gekriegt!"_____________________________

Aus Stadt und Land.

Der Mdruck der unter dieser Rubrik besindlichen Original-Nachrichten ift nur unter genauer Quellenangabe:Gieß. Anz." gestattet.

Gießen, 27. September 1901.

Das Regierungsblatt Nr. 61 enthält folgende Bekannt­machung : Die Tagegelder, Reisekosten und Umzugskosten der Civilbeamten betr.

Den in § 3 der Verordnung vom 9. Sept. 1878, die Tage­gelder, Reisekosten und Umzugskosten der Civilbeamten betr, auf» geführten Beamten werden oie folgenden neu geschaffenen Beamten­tellen eingereiht: 1. der in § 3 unter Ziffer 4 bezeichneten Klaffe >cr Vorstand der Weinbaudomänen-Verwaltung au Mainz, der Vor­land der Großh. Bergwerksdirektion Grube Ludwigshoffnung, der Kurdirektor zu Bad-Nauheim, der Vorstand des Tiefbauamts Bad- Nauheim, der technische Assistent bei der Badedirektion Bad-Nau- heim, 2. der in § 3 unter Ziffer 5 bezeichneten Klasse der Bureau­assistent bei der Badedirektion Bad-Nauheim und der Rechner der taatlichen Betriebskrankenkasse.

Gesellenprüfung. Die vor einiger Zeit erfolgte zweite reiroiHige Gesellenprüfung des Ortsgewerbe-Vereins Gießen haben 50 Prüflinge bestanden. Von denen erhielten 4 die beste Gesamtnotemit Auszeichnung bestanden", und zwar der Graveur Adolf Hoß in der Bruhl'schen Druckerei auf ein Gesellenstück, das eineGeschäftsempfehlungskarte" darstellt, der Elfendreher Adolf Otto bei Heyligenstaedt u. Co. auf eineSpindel mit Mutter zu einer Presse", der Maschinenschlosser Wilh. Rathenow (Hobelmaschinenapparat) und der Metzger Heinr. Schneider bei L. Schneider (Schlachten eines Rindes).

Zum Kapitel der Arbeiterfürsorge. Es giebt in be» Gegenwatt kaum ein Gebiet auf dem Boden der sozialen Frage, über das soviel geredet und geschrieben wurde, wie über das der Arbeiterfürsorge. Und wenn auch nicht zu verkennen ist, daß in dem letzten Jahrzehnt von staatlicher und privater Seite viel in dieser Hinsicht geschehen ist, so wird doch immer noch mehr zu thun übrig bleiben. Einen erfreulichen Schritt vorwätts auf diesem Gebiet hat die hiesige Zigarrenfabrik von S. Bock & Co. gethcm. Wie e8 in vielen Bettieben Hessens der Fall ist, besteht auch bei der genannten Firma der größte Teil der Arbeiter auS Leuten, die in den ländlichen Disttikten der Umgegend wohnen. In der Regel kommen sie des Morgens nüchtern zur Arbeit. Weit zum Mittagesien zu laufen, haben sie keine Zeit, und es findet sich dafür auch selten Gelegenheit. So besteht denn zumeist ihr Mittagesien in dem obligaten Honigbrot und einem Kännchen Kaffee. Da hat sich nun die Firma vor Kurzem im Einverständnis mit ihren Arbeitern und Arbeiterinnern entschlossen, täglich jeden» bei ihr Beschäftigten ein warmes Mittagbrod zu verabreichen. Der Ver­such, den Arbeitern damit eine Wohlthat zu etroetfen, ist, soweit man bis jetzt sehen farn^ als vollkommen ge­lungen zu bezeichnen. Die Firma S. Bock & Co. hat zunächst eine geräumige Kochküche einrichten lassen. In dieser Küche muß stets die peinlichste Sauberkeit und Ordnung herrschen, wovon sich Besitzer oder Beamte täglich selbst überzeugen. Dattn befindet sich ein großer Kessel, th dem gekocht untb. Das Kochen besorgt eine Kochfrau, die eigens dazu angestellt ist. Das von der Firma angeschaffte Speisegeschirr, emailliette Gefäße, hat durchweg einerlei Größe, sodaß jeder die gleiche Pottion erhält. Das Essen selbst besteht in einer kräftigen Suppe und einem Stück Ochsenfleisch. Jeder Arbeiter kann sich zweimal seinen Teller füllen taffen; für jeden sind l/2 Schoppen 8/* Liter gerechnet. Doch wird die Suppe so reichlich gekocht, daß, wer damit nicht genug hat, noch etwas nachholen kann. Das Ochsenfleisch wird jedem gleich­mäßig zugewogen; jeder erhält i/i Pfd. wird nur 1. Qualität verwendet, wozu der Metzger, mit dem die Firma abgeschlossen hat, direkt verpflichtet wurde, da der oberste Zweck, schon im Interesse des Geschäfts, gute und kräftige Nahrung ist. Daß die Suppe als solche mit gutem Recht bezeichnet werden kann, davon hat sich der Schreiber dieser Zeilen selbst überzeugt. Täglich giebt e§ andere Suppen; ein Wochenprogramm ist in dem Küchenraum angeschlagen. Es weist für die laufende Woche Gerste-, Erbsen-, Reis-, Bohnen-, Griessuppe und Linsensuppe mit Speck und Bohnen auf. Die Arbeiter dürfen sich die Speisen nicht eigenmächtig nehmen; mit der Verabfolgung wird vielmehr jeweils eine Person beauftragt. Das Essen wird in verschiedenen Räumen eingenommen, und zwar essen Männer und Frauen getrennt. Zu erwähnen ist noch die in dem Kuchen- raum ebenfalls angeschlagene Speiseordnung, die zur allgemeinen KennttnS der Arbeiter gebracht wurde. Wer diese Ordnung nicht innehält, wird von dem Mittagessen ausgeschlossen. Die Aufbringung der Kosten für die Speisung übernehmen Arbeitgeber und Arbeiter ge­meinschaftlich. Es ist ein Speisekontobuch angelegt worden, in dem alle Einnahmen und Ausgaben gebucht werden, und das jedem zur Einsicht offen steht. Die Beiträge, die die Arbeiter zu leisten haben, werden wöchentlich vom Lohn ab­gezogen. Ihre Höhe ttchtet sich natürlich nach dem jeweiligen Stande der Einkaufspreise für da§ Speisematerial. Infolge des Maffenabschlusses mit dem Fleischer sind die Preise entsprechend billiger, sodaß auf den einzelnen nur ein ganz geringer Beitrag kommt. So zahlen die jugendlichen Arbeiter nur einen Zuschuß von 10 Psg. pro Tag, während sich für die Erwachsenen der Beittag um ein geringes höher stellt. Natürlich darf dabei nicht vergessen werden, daß die Firma bei der Ausbringung der Kosten ebenfalls beteiligt ist. Was sie aber hierbei aufwendet, dürfte ihr auf der anderen Sette doppelt und dreifach wieder zu Gute kommen. Denn es liegt auf der Hand, daß die Folge mangelhafter Ernährung, auch eine mangelhafte Arbeits­leistung ist. Ob ferner nicht gerade diese Thatsache, die meist mangelhafte Ernährung ein hervorragender Grund mit für den durchschnittlich schlechten Gesundheitszustand der Tabak- arbeitcr ist? Dazu kommt aber noch ein anderes. Die Ar­beiter sehen auch daran, daß den Arbeitgebern ihr Wohl am Herzen liegt, sie fühlen sich dadurch um so enger an ihre Arbeit geknüpft und bringen ihren Chefs Dankbarkeit ent­gegen. Daß dem so ist, beweist eine Zuschrift, die wie aus der Arbeiterschaft der Bock'schen Fabrik erhielten und die zu veröffentlichen wir nur dämm unterlassen, weil