Ausgabe 
28.6.1901 Zweites Blatt
 
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-schicht lich und architektonisch das bedeutendste Bauwerk des GroßHerzogtums Hessen", war durch dre zerstörenden Ein­flüsse der Zeit und, wie man jetzt weiß, auch durch, eine unbegreifliche Anwendung von schlechtem Mauermaterial und durch eine ungenügende Fundamentierung am,Chor und Kreuzschiff in einen unhaltbaren Zustand gekommen. Aus der Sorge und Fürsorge der Erhaltung dieses edlen Knnschenkmals wurde in der Mitte der 80 er Jahre der Gedanke geboren, der bald zu dem Beschluß reifte, einen Kirchenbauverein zu gründen, der sich, zum Ziel setzte, mit allen Mitteln die baldige gründliche Wiederherstellung der Stadtkirche zu erstreben. Angesehene Männer unserer Stadt stellten sich an die Spitze des Bauvereins und es gelang ihm ganz besonders durch die Rührigkeit seines verdienstvollen Vorsitzenden, des Tirektors am hiesigen Predigerseminar Tl Weiffenbach und durch die kräftige Beihilfe des Vorsitzenden des hiesigen Kirchenvorstandes/ des Dekans Meyer, die Vorbereitungen so zu fördern, daß schon nach Ablauf von 10 Jahren das große Werk in Angriff genommen werden konnte . Unter sorgfältigster Erwägung aller Projekte durch die lokalen, sowie die oberen kirch­lichen und staatlichen Behörden, unter wiederholter Hinzu­ziehung eines aus den hervorragendsten Sachverständigen gebildeten Kunstrats, unter Anwendung des aus dem Bell- rnuther Bruch bezogenen dauerhaften Sandsteins ist von 1896 an Chor und Kreuzschiff der Stadtkirche völlig neu aufgerichtet worden. Tas imposante Walmendach über der gesamten Kirche mit seinen Kreuzblumenkrönungen ist er­neuert worden, die um das Dach nur noch stückweise erhalten gewesene prächtige Gallerie hat man um das ganze Gesims herumgeführt, den Südturmstumpf hat man architektonisch ausgestaltet und durch die Gunst hoher herrschaftlicher und bürgerlicher Wohlthäter sind zu den vorhandenen alten, sehr wertvollen Glasgemälden im Chor 10 neue Glasge­mälde aus der Knnstanstalt des Professors Linnemann in Frankfurt a. M. den hoch aufstrebenden Fenstern eingefügt worden. Die gesamten Kosten der Wiederherstellung be­laufen sich auf etwa 660000 Mk., zu deren Deckung der hessische Staat 200 000 Mk. beigetragen hat, während die übrige Summe durch die eifrigen Sammlungen des Kirchen­bauvereins, durch eine von demselben veranstaltete Geld-- lotterte und durch Zeichnung von dreiprozentigen Dar­lehen innerhalb unserer Stadt aufgebracht wurde. So steht unsere Stadtkirche denn nun wieder in neuer Pracht und Festigkeit da, eine ebenbürtige Schwester der Elisabethen- tirche in Marburg, ein ve hrungswürdiges Denkmal des christlichen Glaubens und d. 3 in unserer Zeit wieder er­wachten Knnst- und Schönheitssinns, eine Sehenswürdig­keit und ein Anziehungspunkt, eine Stätte der Erbauung und Seelenerhebung für das gegenwärtige und für die kommen­den Geschlechter. Eine von dem bauleitenden Architekten Hubert Kratz verfaßte und von dem Vorstand des Kirchen- bauvereins am Einweihungstage herausgegebene Festschrift mit reichem bildnerischem Schmuck enthält die vollständige, hochinteressante Wiederherstellungsbaugeschichte, sowie eine eingehende Beschreibung und künstlerische Würdigung der Stadtkirche. Sie ist zu dem Preis von einer Mark in den Buchhandlungen zu haben und sindet gewiß in unserer engeren Heimat und weit über diese hinaus viele freudige Käufer und Leser.

Die Wiederweihe am 2 6. Juni.

Herrlicher Sonnenschein, f^he Feststimmung, festliche Bewegung in den mit Fahnen reich geichmuctten Straßen unserer Stadt schon von den frühen Morgenstunden an das ist das Bild des heutigen so bedeutungsvollen! Tages, an dem sich die Thore wieder aufthun, die fünf Jahre lang geschlossen waren, an dem das hehre Gottes­haus wieder seinem heiligen Gebrauch zurückgegeben wird, dessen Entbehren unsere während der Wiederherstellungs­arbeiten auf die kleine Burgkirche beschränkt gewesene evan­gelische Gemeinde schmerzlich empfand. Nachdem am Vor­abend Festgeläute von den beiden Kirchen auf die hohe Feier vorbereitet hatte, begrüßte ein Posaunenchor heute morgen um 8 Uhr die Bevölkerung von der Gallerie der Stadtkirche mit dem stimmungsvollen Choral:Nun danket alle Gott". Von 0 Uhr an sammelten sich die Korporationen mit> Vereine in der Burg und pünktlich um 9.45 Uhr setzte sich der schier endlose Festzug unter Glockengeläute in Bewegung: voran die Schuljugend, hinter ihr der Prälat unserer Landeskirche, begleitrt von den evangelischen Geist­uchen der Stadt und des Dekanats Friedberg im Ornat. Es folgten die Mitglieder des Großherzoglichien! Ministeriums, unter denen wir Staatsminister Rothe und Präsident Gnauth bemerkten, fast sämtliche Herren des Ober-Konsistoriums, die Beamten der Provinzialdirektion und des hiesigen Kreisamts. Ihnen reihten sich an Mit­glieder der beiden Kammern der Stände. Tie weiteren Gruppen des Festzugs bildeten der Kirchenvorstand, Heu Vorstand des Kirchenbauvereins und die Kirchengemeiilde- vertretung; der Frauenverein, der Gustav Adolf-Stiftung; die Beamten des Kreises und der Stadt Friedberg, der Stadt- und Schulvorstand, der katholische Kirchenvorstand, der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde; die Geistlichkeit des Landes; die Kandidaten des Prediger­seminars, die Dekane, die Pfarrer; die Schulanstalten "der Stadt; die Vereine der Stadt; Männer und Frauen der (Gemeinde. Als der Festzug sich dem Westportal der Stadt­kirche genähert hatte, wurde er von der Gallerie mit dem Posaunenschall des Chorals:Lobet den Herrn, den rnächf- ligen König der Ehren" empfangen. Diese Begrüßung von hoher Warte aus war so ergreifend, daß sich eine tiefe weihevolle Stimmung aller Herzen bemächtigte. In den Turmhallen war der bauführende Architekt Hubert Kratz mit den Handwerkern und deren Arbeitern aufgcftcllt.. Beim Ankommen des Festzugs an dem Westportale trafen, wie derGieß. Anz." bereits gestern meldete, der Groß­herzog, die G ro ßh er z o gi n und die Prinzessin Lud­wig v o n Battenberg nebst Gefolge ein. Nach kurzen Begrüßung der fürstlichen Gäste durch Prälat T. Habicht und Dekan Meyer überreichte Geh. Oberbaurat £> ofmaun von Darmstadt als Vertreter der obersten Baubehörde den Schlüssel zur Kirche dem Großherzog, der ihn dem Prä­laten übergab. Tieser öffnete das Thor mit den Worten: Es ist in keinem Anderen Heil, ist auch kein anderer! Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden." Nunmehr erfolgte unter Orgelklang der feier­liche Einzug in die Kirche, die sich in ihren weiten .Hallen bis auf hen letzten Platz füllte. Tie Allerhöchsten .Herr­schaften nahmen auf der rechten Seite des Altars Platz, während sich die Mitglieder der Regierung gegenüber der Kanzel gruppierten.

In dem vom hiesigen Musikverein mit zwei vortrefflich ausgeführten Psalmengesängen ausgeftatteten Weihegottes­dienst hielt Prälat T. Habicht auf Grund von Mark. 13, 1 Meister siehe, welche Steine und welch' ein Bau ist das" die Weiherede, in der er in zu Herzen gehenden Worten auf den dreifachen Tempel, den von Menschenhänden er­bauten, den geistlichen und den ewigen Tempel hinwies. Tetan Meyer hatte seiner Festpredigt den 100. Psalm zu Grunde gelegt. Durch seine Ausführungen klang der hohe Ton kräftig wieder, der sich in die Worte faßt:Allein Gott in der Höh' sei Ehr'" und der emporsteigt aus einem dankbaren, demütigen und aus einem glaübensfrohen Herzen. (£inen geradezu überwältigenden Eindruck empfand die Festgemeinde, als gegen Ende des Gottesdienstes mit voller Orgel und unter Posaunenschall das Gemeindelied: Nun danket alle Gott" durch die hohen Hallen brauste. Ten liturgischen Teil der glanzvollen, unvergeßlichen Feier versah Professor Lie. Eger. Vor der Abfahrt der Aller­höchsten Herrschaften verlieh der Großherzog, wie der Gieß. .Anz." schon im ersten Blatt der heutigen Nr. be­richtete, dem Tekan Meyer den Charakter eines Kirchen­rats, dem Vorsitzenden des Kirchenbauvereins Tirektor Weiffenbach die ft rotte zum Ritterkreuz Philipps des Groß­mütigen und dem Bürgermeister St e in h äußer über­reichte er huldvollst sein Bild. Tas EhrenzeichenFür treue Arbeit" erhielten verschiedene am Bau thätig ge- wesene Handwerker. _________(Schluß folgt.)

Aus Stadt und Zand.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist NUr unter genauer Quellenangabe: »Gieß. Anz." gestattet.)

Der ersten juristischen Prüfung (Fakultätsprüfung) haben sich im laufenden Semester 40 Kandidaten unterzogen. 26 Kandidaten haben die Prüfung bestanden und zwar 2 sehr gut", 6gut", 10im ganzen gut", 8 mit der Note genügend". 12 Kandidaten haben das Examen nicht be­standen. Die Prüfung von 2 Kandidaten ist wegen Krank­heit noch nicht zum Abschluß gelangt.

* Französische Vortrüge. Versuchsweise wird Lektor Goetschy am Freitag zum Abschluß seiner Sommervorträge eine Rezitation halten und zwar nachstehende Stücke vorlesen: A. de Müsset, La Nuit de Mai, Richepin, Conte de Noel, Victor Hugo, La conScience, Taine, Notes sur Paris, P. Verlaine, Poösies diverses und A. Daudet, Lölixir du R. P. Gaucher.

** De r Geschäftsbericht b er Ortskranken­kasse Gießen liegt uns jetzt vor. Wir werden auf den Inhalt noch in nächster Nummer zurückvommen.

)( Al len do r f a. d. Lahn, 26. Juni. Zu unserem gestrigen Bericht über das Brandunglück sei noch fol­gendes bemerkt. Mit dem Gewitter ging ein wolkenbruch^- artiger Regen nieder, und als der zündende, sehr heftige Schlag erfolgte, glaubte jedermann, es habe in seinem eigenen Hause eingeschlagen. Sofort stieg aus der Weiß- chen Scheune eine dichte Rauchwolke, worauf alsbald >ie Feuerwehr alarmiert wurde. Als die Tiere gerettet' werden sollten, fand man merkwürdigerweise neben den' )rei getöteten Tieren noch die Ziege und ein Kalb, die im elben Stalle .standen, lebend und unversehrt vor. Die Feuerwehr war rasch! zur Stelle und beschränkte das Feuer auf feinen Herd. Es war ein Glück, ha.6- es während des Gewitters stark regnete, denn unmittelbar neben der Wertz- chen Hvfraite steht noch ein Haus mit Strohdach, es hätte also leicht ein größerer Brand ausbrechen können.

Sch. Darmstadt, 26. Juni. Das heute im Platanen­hain der K ü n st l e r - K o l o n i e bei aufgehobenem Abonne­ment zum Besten des Viktoria-Melita-Vereins stattgehabte große Doppel-Konzert der Männerchöre Humanitas und des Neuen Philharmonischen Orchesters erfreute sich eines großartigen Besuches und sehr zahlreichen Beifalles. Tas Flottenlied" für Chor und Orchester von G. Schstvab-Tarm- tabt, Musi, kvon Walter-Choinonus mußte auf stürmisches Verlangen wiederholt werden. Auch die Illumination und der im Spielhause arrangierte Ball fanden vielseitige An­erkennung. Nächste Wvche soll ein großes, drei Tage dauerndes Bockfest arrangiert werden.

fc. Darmstadl, 26. Juni. Eine zahlreich besuchte öffent- iche Versammlung sprach sich gegen die Errichtung des Bismarck-Denkmals auf dem Marktplatze aus.

M ainz, 26. Juni. (Eine Megäre.) Gestern abend spät kam eine in der Zanggasse wohnende häufig dem Trünke ergebene Frau nach Hause, als der Mann bereits im Bette lag. Als der Mann abermals seine Frau in an­getrunkenem Zustande gewahrte, machte er ihr darüber* Vorwürfe. Tas Weib geriet aber derart in Wut, daß ie in ihre Küche eilte, eine mit Petroleum gefüllte Kanne ergriff und den Inhalt derselben über das Bett und ihren Manu ergoß. Tann nahm das Weib Zündhölzer, um damit das Bett in Brand zu stecken und ihren Mann zu verbrennen. Tieser aber hatte die Absicht seines lieben Weibchens alsbald erkannt, er sprang aus dem Bette und entriß ihr die Streichhölzer. Auf den dadurch verur­sachten Lärm eilten die Leute im Hause zusammen, die Frau aber entfernte sich und ist bis zur Stunde noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Tie Polizei nahm den That- beshand auf.

fc. Kostheim, 26. Juni. Einen schrecklichen Tod fand gestern abend ein Sohn unseres Bürgermeisters Weckbacher. Beim Schuttabladen scheute plötzlich das Pferd und versuchte durchzugehen. Der Fuhrmann, der bereits verheiratete 29jährige Sohn unseres Bürgermeisters, sprang hinzu, um es zu halten. Plötzlich erhielt er von dem Pferde einen Schlag mit dem Vorderhufe gegen den Unterleib, daß er zusammenfiel. Nun zermalmte das wild gewordene Tier durch weitere Tritte Brustkasten und Rücken seines Herrn, so daß derselbe nach einigen qualvollen Stunden starb.

fc. Biebrich a. Rh., 26. Juni. Heute verunglückte hier der Landwirt Karl Stritter III. dadurch, daß er in der Scheuer von einer Leiter herabstürzte und das Genick brach. Er war sofort tot.

Vermischtes.

* London, 26. Juni. Gestern erfolgte auf der Re- doute Frishwater auf der Insel Wight bei Schießübungen mit einem Schnellfeuergeschütz eine Explosion, durch welche ein Artilleriehauptmann und ein Artillerist getötet, sieben Artilleristen verwundet wurden.

Gerichtssaal.

Tie FrageIst der einjährigsreiwilligy Arzt Vorgesetzter oder nid),t?" wurdearnTienstag in einer Verhandlung vor dem Reichsmilitärgericht be­jaht. Angeschuldigt war der Husar August Th. vom Hus.- Regt. Nr. 14, gegen den das Verfahren wegen Achtungs-, Verletzung, begangen an dem einjährigfreiwilligen Arzt Dr.^R., anfänglich auf Beschluß des Kriegsgerichtes den 22._ Tivision mit der Begründung eingestellt worden loar, daß ein einjährigfreiwilliger Arzt fein Vorgesetzter sei. Auf die Beschwerde des Tr. R. erging der Bescheid, das Verfahren fortzusetzen und die Anklage gegen Th. zu erheben. Dennoch sprach das Kriegsgericht der 22. Divi­sion den Angeklagten frei. In der Berufungsinstanz wurde dagegen dieses Urteil aufgehoben und der Husar wegen Achtungsverletzung zu vier Wochen strengem Arrest ver­urteilt. Hiergegen wurde von dem Angeklagten Revision beim Reichsmilitärgericht eingelegt. Ter Reichs-Militär­anwalt schloß sich jedoch dem vorinstanzlichen Urteil an, da laut § 15 und 19 Abs. 2 der Verordnung für das Sani­tätskorps der dienstthuende einjährigfreiwillige Arzt als Unterarzt zu betrachten, und daher zweifellos Borge- setzter fei. Tiefe Bestimmung wurde dann noch in beq Verhandlung am Dienstag durch eine Reihe von Ent­scheidungen und Verfügungen des preuß. Gen.-Auditor iatsf und des Kriegsministeriums erhärtet. Tie Revision wurde verworfen, und Die Frage, ob der einjährig-freiwillige Arzt im dienstlichen Verhältnis Vorgesetzter der Mannschaft sei, bejaht.

Berlin, 26. Juni. Unter der Beschuldigung, im Jäh­zorn ihren Mann erschlagen zu haben, stand die Frau Emilie Fehse, geb. Wandtke, gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts I. Tie Angeklagte lebte mit ihrem Manne, dem Fabrikarbeiter Fehse, in sehr un­glücklicher Ehe. Nach ihrer Behauptung soll der Grund hierzu in schlechten Charaktereigenschaften des Mannes, nach der Behauptung ihrer Hausgenossen in ihrer Herrsch­sucht und ihrem Jähzorn gelegen haben. Ter Mann, schwächlich und etwas verängstigt, soll nach der Darstellung der Nachbarsleute von der Frau unerträglich drangsaliert und wiederholt mit Zuckerhammer, Reibekeule und der­gleichen bedroht worden sein. Es kam in der Wohnung der Angeklagten sehr häufig zu den lärmendsten Auftritten, sodaß die Nachbarn mehrfach energisch dazwischen treten und Ruhe gebieten mußten. Wie gestern einige Zeugen bekundeten, hat die Frau bei solchen Gelegenheiten oft­mals die bösartigsten Drohungen gegen ihren Ehemann ausgestoßen. Am 11. April abends hörten die Nachbarn wieder aus der Wohnung der Angeklagten übergroßen Lärm heraustönen und zwar horte es sich so an, als ob die furchtbar schimpfende Frau ihren Mann fortgesetzt gegen die Thür stieß. Endlich erlangte einer der Hausbewohner Eintritt in die Küche und sah deutlich, daß die Frau mit einem Theekessel, den sie in der Hand hatte, auf den Mann eingeschkagen haben mußte. Sie gab dies auch zu und behauptete, daß der Mann sie dazu gereizt habe. Letzterer wankte, indem er etwas vor sich hin murmelte, zu einem Schemel und setzte sich dort nieder. Etwas später sahen ihn Hausbewohner ohne jede auffallende Be­gleiterscheinung das Haus verlassen. Etwa nach 2 Stunden sank er in der Stargarder Straße plötzlich zur Erde, er verfiel in epileptische Krämpfe, Grüßte in bewußtlosem. Zustande nach dem Krankenhause geschafft werden und ist dort noch in derselben Nacht gestorben. Nach dem über­einstimmenden Gutachten des Austaltsarztes Tr. Katsche und der Gerichtsärzte San.-Rat Tr. Mittenzweig und Dr. Stor­nier ist der Tod infolge eines Schädelbruchs und einer dadurch verursachten Gehirnblutung eingetreten. Die Sach­verständigen hielten den Schlag mit dem Theekessel, den der Verstorbene gegen den Kopf erhalten, für die wahr­scheinliche Veranlassung zum Tode, erklärten auf Be­fragen aber auch die Möglichkeit nicht für ausgeschlossen, daß die Schädelverletzung durch einen Fall verursacht sein konnte. Die Geschworenen gaben ihren Wahrspruch nur auf Schuldig der Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeugs ab. Tas Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis.

ÄölH, 25. Juni. Die Strafkammer verurteilte nach dreitägiger Verhandlung den Großkausmann Salomon, eines jener Mitglieder der sogenannten Kölner Sternberg-Gesellschaft, zu acht Monaten Ge­fängnis. Salomon war beschuldigt, eine Anzahl Kinder zu unzüchtigen Handlungen verleitet zu haben. In fünf Fällen wurde diefeS nach­gewiesen. Der Antrag auf vorläufige Haftentlassung wurde abgelehnt. In den nächsten Tagen wird fich wegen derselben Verbrechens der Millionär KommanS zu verantworten haben. In die Kölner Stern- bergprozesse find insgesamt 60 Personen verwickelt, di« von Fall zu Fall abgeurteilt werden.

Bern, 26. Juni. Der russische Chemiestudent Dragne- witsch auS TlfltS, der in Bern am 15. Februar im chemischen Labo^ ratorium auf den russischen Studenten Koppelsohn zwei Re­volverschüsse abgegeben hatte, wurde vom Berner Schwurgericht wegen Mißhandlung für schuldig erklärt und vom Gerichtshof zu neun Monaten Einzelhaft verurteilt, wovon drei Monate durch die Unter­suchungshaft als verbüßt erachtet wurden.

Paris, 26. Juni. Staatsgerichtshof. Jacquier verteidigt Sur Saluces und behauptet, er hätte Recht gehabt, Versuche zu machen, her Monarchie zum Siege zu verhelfen. 1 Bei den Ausführungen über die Kundgeb­ungen auf der Straße legt Jacquier dar, daß verschiedene Sigueu getrennt vorgingen. Ter Verteidiger bemüht sich, den Beweis zu führen, daß ein Komplott zwischen den Royalisten und Deroulede ebensowenig bestanden, wie mit den Antisemiten. Lur-Saluces trug darauf eine kurze pathetisch vorgetragene Rede vor, in der er feinen Anwälten dankt, die ihn als Royalisten und Franzosen verteidigt hätten.Mein Vorfahre, so schließt er, der bei Roßbachs schwer verwundet fiel, schrieb seiner Mutter: Am Blut liegt nichts, wenn nur die Ehre gewahrt ift Ich sage ebenso zu meinen Richtern, an Verbannung und Gefängnis! liegt mir nichts, wenn ich meinen Kindern sagen kann: Euer Vater hat seine Ehre gewahrt. Ich erwarte Ihr Urteil gehobenen Hauptes und ruhigen Gewissens." Ter Gerichts­hof zieht sich darauf zur Beratung zurück, die nahezu zwei Stunden währte. Zunächst wurde die Schuldfraga betr. Verschwörung gegen die Republik gestellt und mit 71 gegen 51 Stimmen bejaht, bei 7 Enthalt­ungen. Ebenso wird die Frage nach thatsächticher Aus­führung des Komplotts mit 67 gegen 54 Stimmen bejaht, bei 7 Enthaltungen. Ta die Zahl der Richter 128 beträgt, ist die absolute Mehrheit für Schuldig und der Graf Lur-Saluces wird zu 5 Jahren B e r b a n n u n g| verurteilt. Tas Urteil hat allgemein überrascht. Man darf die Strenge der Richter sowohl auf die Rede des Verteidigers wie auf die hochnäsige Haltung des Ange-«

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