Freitag 38. Juni 1901
151. Jahrgang
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das eine nenc..Buflage der uralten Kußlehre brachte, fand stürmischen Beifall. Frl. Durand war eine sehr niedliche und fidele Molly. Herr Kos Witz amüsierte als TheehauS- befitzer durch seinen trockenen Humor und die Behendigkeit seiner Gliedmaßen wieder allgemein, und Herr Linke, deffen Auftritt schon erheblichen „Eclat" machte, war als japanischer Polizeichef und Marquis in einer Maske von imposanter Häßlich, reit mit einem hoch in die Luft sich erhebenden Zopfe von geradezu überwältigender Komik. Eine für uns neue Er. scheinung war Frl. Scholz, eine Dame von großer Anmut, von Temperament und sehr einschmeichelnder, weicher Stimme. Zu fingen batte sie nichts, dafür aber umso mehr zu plaudern, und sie «hat das in einer außerordentlich ansprechenden, leicht koketten Art, die von großer Bühnenroutine zeugte.
Das ganze heitere Charivari von Witz, Kostüm, Gesang und Tanz erregte ungeheure Heiterkeit und trug dem flotten Ensemble, das musikalisch unter der temperamentvollen Leitung des Herrn Büchel stand, schallenden Beifall ein. ES ging ein frischer, origineller Zug durch daS Ganze, an dem das völlig auSverkaufte Haus seine helle Freude hatte.
Heute abend nimmt das Enftmble in einer zweiten Auf- führung der „Geisha" zu billigen Preisen leider seinen Ab. schied. Wir sehen eS nur sehr ungern so früh von uns scheiden. ES hat und eine Reihe fröhlichster Stunden bereitet, eS hat uns, um mit dem unsterblichen Meister Wolfgang zu reden, auf einige Zeit „von allen WisienSqualen entladen", uns gesund gebadet in seinem reichen und schönen Melodtenstrome. Wir werden uns noch lange seiner gern und nicht ohne Sehnsucht erinnern. P. Witiko.
Hbreffe für Drpesch«», Anzeiger (Heften.
FrrnsprechanschlußNr. M.
Auch Sidney Jones hat mitsamt seinem Librettisten das Seine gethan zur Karikierung des JapanertumS. Allerdings steht das Libretto einige Stufen höher als das des „Mikado", es ist nicht gar so blödsinnig. Das Stück spielt in einer japanischen Hafenstadt. Die Braut eines lockeren, mit der schönsten der Geishas sehr lebhaft scharmuzierenden englischen Marineoffiziers, eine muntere Miß, verkleidet sich zum Scherze als Geisha und wird als solche Widerwillen an einen japanischen Großen, einen Hansnarrn in Folio, versteigert und nun von ihm mit zäher Hartnäckigkeit umliebelt so lange, als eS das milde Herz des Librettisten aushält. Die Mittel und Listen zu ihrer Befreiung find so kompli- zierter Art, daß man sie in Kürze nicht beschreiben kann. Der Schluß ist selbstverständlich: In den Armen liegen mehrere sich und fingen vor Freude inniglich. Die Musik ist stellenweise ein wenig bombastisch, in den zahlreichen leichten Nummern jedoch von liebenswürdiger Heiterkeit und gefälliger Pikanterie. Das Charakteristische ist der Geisha Gesang und Tanz. Die jungen Damen bewegen sich rhythmisch hin und her, beugen die Körperchen zur Erde, legen sich auch 'mal en mässe auf den Fußboden und singen dazu eintönige, aber liebliche Melodien. Dabei rankt sich durch die Handlung ein reiches Episodenwerk, und an tollen Capriccios, an geschmack vollem, eleganten und pikanten Kostümzauber herrscht in dem leicht gewürzten Werke kein Mangel.
Die Darsteller nahmen sich des Werkes mit großem Eifer an, wenn es hier und da auch an Ausgeglichenheit mangelte. Die Hauptrolle hatte wieder das sehr bewegliche, gesanglich wie darstellerisch außerordentlich begabte Fräuleia Opel inne. Ihr mit Herrn Jäger gesungenes neckisches Duett,
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Amtlicher Feil.
Bekanntmachung.
Betr.: Ausbruch der Pferdestaupe (Influenza) zu Gießen.
In mehreren Gehöften in der Gemarkung Gießen ist die Pferdestaupe (Influenza) aufgetreten. Wir warnen die Pferdebesitzer wegen außerordentlicher Ansteckungsfähigkeit dieser Krankheit vor dem Verkehr mit seuchekranken und durchgeseuchten Pferden sowie dem Pflegepersonal.
Gießen, den 25. Juni 1901.
Grosiherzoglrches Kreisamt Gießen.
I. D.: Dr. Heinrichs.
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Unser hessischer Etat hat in den letzten Jahren große Veränderungen erfahren. Tie von dem Ministerium Stüdj- 1 ler angebahnte Steuerreform war eine ßizialpolitische That. Sie entlastete in den direkten Abgaben unter, stärkerer Heranziehung der großen Vermögen den Mittelstand und den kleinen Mann. In fast allen Rubriken sind die Ausgaben bedeutend gestiegen. Besonders verursachten die Gehaltserhöhungen in Staat und Kirche nicht geringe Mehraufwendungen. Auch in sozialpolitischer Hinsicht wird die Staatskasse gegen früher um große Summen herangezogen. Alle diese Durchführungen wären kaum möglich gewesen, wenn der mit Preußen abgesclflossene Vertrag für unsere hessischen Finanzen weniger günstig wäre.
Ter hessische Staat hat bekanntlick), gerade in den letzten Jahren des Bestandes der hessischen Ludwigsbahu größere Nebenbahnen gebaut. Tiefe rentierten aber schlecht und es wurde eher mit Verlust als Gewinn gearbeitet, die Einrichtung einer hessischen Eisenbahnbehörde für den Nebenbahnbetrieb allein würde sehr erhebliche Lasten her- beigesührt haben. Bei dem jetzigen Stande aber werfen die Nebenbahnen 2 Prozent Gewinn ab. Tie Betriebs-Ueber- schüsse der Eisenbahngemeinschaft werden an die beiden kontrahierenden Staaten nach bestimmten Quoten verteilt. Zu Grunde gelegt wurden die Ueberschüsse aus 1894/95, die für die preußischen Linien rund 403 Millionen, für die hessischen rund 8,2 Millionen betrugen, unterdessen aber um ungefähr ein Drittel Prozent gestiegen find, insgesamt von 411 Mill, auf 546 Mill. Mark. Zu den Teil ungsziffern von 403 und 8,2 Mill, werden aber noch» hinzugezählt ein einhalb Prozent des Baukapitals für neugebaute Bahnen, 3 Prozent des Kapitals für großere Bahnhofserweiterungen und Betriebsmittel, 3 einviertel Prozent des Erwerbspreises von angekauften bestehenden Bahnen, die sich aber bei der günstigen Entwickelung auf 2,3 und 4 Prozent erhöht haben. Und dies alles ist erreicht worden trotz ganz bedeutender Vergrößerung des Anlagekapitals, das eine größere Aufwendung von Zinsen erforderlich machte, trotz Erniedrigung des Tarifs, Erhöhung der Gehälter, Vermehrung der Zugkilometer, Einführung der 4. Wagenklasse, Gründung kostspieliger Wohlfahrtseinrichtungen aller Art. Tie hessische Ludwigsbahn bat für Verbesserung ihres Betriebes stets sehr wenig gethan. Dem von Norden oder Süden kommenden Reisew- den fielen die Gegensätze dieser Bahn stets sehr unangenehm auf, die Beamten wurden in fast unerträglicher Weise ausgenützt. Man versteht das nur, wenn man sich vergegenwärtigt, daß es eine Aktiengesellschaft war, der es vor allem auf hohe Dividenden ankam. Während die hessische Ludwigsbahn in ihren fünf letzten Jahren nuy für ungefähr 3—400 000 Mk. für Verbesserungen aufwandte, wurden dazu für dieselben Linien w den ersten fün Gemeinschaftsjahren 4 278 290 Mk. gebraucht. Ein Unterschied, der geradezu horrend ist. Der überaus günstige Bestand allein ermöglicht es, noch weiter mit erhöhten Forderungen für Neubauten und Erweiterungen bestehender Bahnen heranzutreten, die mit ungefähr 61 Mill, berechnet sind, von denen aber ein Teil bereits verwirtschaftet ist. Tie Erweiterung des Wormser Bahnhofs erfordert allein 6 Millionen, des von Monsheim 1 Mill., von Bischofsheim 2,8 Mill., zweites Geleis Frankfurt-Mannheim 2,3 Mill., die Wormser Eisenbahnbrücke verschlang 11,7 Mill. Mark u. dgl. Ohne Erwerbung der hessischen Ludwigsbahn durch die beiden Staaten wären derartige kolossalen Veränderungen wenigstens in den nächsten Jahrzehnten unausgeführt geblieben.
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So wurden in dem gemeinschaftlichen Eisenbahnwesen erhebliche Fortschritte erzielt. Tie täglichen Personenzugkilometer hatten bei der hessischen Ludwigsbahn in zwanzig Jahren eine Vermehrung von 2400 erfahren, in der Gemeinschaft aber in fünf Jahren um 2000. Der Bestand in Lokomotiven war vor Uebergang 225 Stück, nach fünf Jahren bei Ausrangierung von 70 Stück 310, eine Vermehrung von 38,7 für das Jahr, früher eine solche von nur 3,49. Abgeliefert hat die hessische Ludwigsbahn 447 Personen- und 96 Gepäckwagen, am 1. April 1901 tonnte die Gemeinschaft dagegen von ersteren 727, von letzteren, 188 aufweisen, nachdem 136, bezw. 10 außer Betrieb gekommen waren. Tie Veränderungen im Güterverkehr dürfen ncht unerwähnt bleiben. Turch die Gemeinschaft find die übernommenen Stationen mit sämtlichen Stationen aller preußischen Tirektionsbezirke, der Militärbahn und der Oldenburgischen Staatsbahn in direkten Verkehr gesetzt, wodurch die früher notwendig gewesene Umkartierung der Güter auf Unterwegsstationen wegfallen und die Fracht um die Kosten der Umkartierung billiger geworden ist. Desgleichen wurden sämtliche allgemeine Ausnahmetarife der preußischen Staatsbahnen eingeführt, die Brennstoffe werden nach dem Rohstofftarif befördert u. dgl. mehr. In die Augen springend ist eine Vergleichung der Wagen- gestellung. Während in den vier verkehrsreichsten Mo- imten März und September—November bei der hessischen Ludwigsbahn im Jahre 1896 durchsckMittlich 30,5 Prozent Wagen nicht konnten gestellt werden, sank die Zahl in den Jahren 1899 und 1900 aus 2,41 Prozent. Tazu ist zu bemerken, daß die an einem Tage nicht gestellten Wagen heute regelmäßig am folgenden Tage zur Verfügung stehen; daß dies unter der früheren Verwaltung erst am zweiten oder gar am dritten Tage möglich war, wodurch! Privaten mancher Schaden erwachsen mußte.
Nicht unbedeutende Verschiebungen hat auch der Personentarif erfahren. Mit oem 1. Oktober 1898 ist der preußische Personen und Gepäcktarif eingeführt. dadurch zeigen zwar die drei oberen Wagenklassen eine geringe Steigerung, es tritt aber Freigepäck bis zu 25 Kgr. hinzu und der Schuellzugszufchlag fällt weg; die Monatskarten, insbesondere für die Arbeiter, find billiger und die vierte Wagenklasse wurde eingeführt. Trotzalledem ist die Einnahme aus dem reinen Personenverkehr von 3,9 Mill, auf 4,2 Mill, gestiegen, während die Einnahme aus dem Gepäck-Verkehr um 56 000 Mk., d. i. um 33 Proz. zurückging. Tie erhöhte Einnahme aus dem Personenverkehr ' bedeutet der Eisenbahnverwaltung jedoch keinen Gewinn, denn sie mußte gegenüber dem Vorjahre statt 6,5 Mill. Personen nun 8,4 Mill, befördern (d. i. ein Zuwachs von I 30 Proz.) und dabei stieg die Zahl der gefahrenen Personenkilometer von 134 auf 154 Mill. (d. i. 15 Proz.). Tte Verbilligung im Personenverkehr hat ein Tefizit gebracht, das von dem großer, Wanken getragen werden tonnte, aber bei einer kleinen selbständigen Verwaltung finanziell vielleicht hätte nicht unbedenklich werden können.
Nicht allein im Gebiete der früheren Hessischen Lud-- r wigs-Bahn ist die Eisenbahiigemeinschast von großem wirtschaftlichen und finanziellen Segen, auch in der Provinz Oberhessen, in der freilich die Hauptbahn Gießen-Frank- furt nicht der Gemeinschaft, sondern dem preußischen Staat allein angehört, sind die günstigen Wirkungen zu verspüren. Wohl hervorgerufen durch die Einführung der 4. Wagenklasse, standen auf den oberhessifchen Strecken 1,3 Mill. Personenfahrten in 1896/97, 1,7 Mill, in 1897/98, also eine Vermehrung von 400 000, gegenüber. Ter Verkehr auf Zeitkarten hat sich um 200 Proz. erhöht.
gesucht. 4171 Chirurgische Klinik.
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Jn der ersten Ständekammer hat vor kurzem der als Berichterstatter des ersten Ausschusses fungierende Freiherr Heylzu Herrnsheim über die hessisch-preußische Eisenbahn gern ein schäft einen Bericht erstattet, den wir schon mehrmals zu erwähnen Gelegenheit hatten, den wir aber nicht zur Seite zu legen vermögen, ohne ihn in eingehender Weise besprochen zu haben. Tiefer Bericht zeichnet sich nicht allein durch Klarheit und nüchterne Ausfassung der Angelegenheit aus, er ist auch von amtlichem, bisher unbekanntem und zugänglichem Material ausgestattet, so daß er wohl ein zuverlässiges und objektives Urteil über die ganze Eisenbahnfrage ermöglicht, die schon so ost die Gemüter hüben und drüben erregt hat. Auch hat es Freiherr Heyl verstanden, in geschickter und instruktiver Weise die einzelnen Materien zu ordnen und die Hauptpunkte hervorzuheben.
Ter Bericht tarn gerade zur rechten Zeit. Erst unlängst, hat die Frage einer Eisenbahngemeinschaft nach hessisch-preußischem Muster den württembergischen Landtag beschäftigt, und in beiden Häusern lebhafte Debatten hervorgerufen. Auch im Königreich Sachsen hat man schon darüber nachgedacht. Bei uns hat die bestehende Eisenbahngemeinschaft manchen heftigen Gegner Auch wir waren bisher keine rechten Freunde von ihr. Nachdem aber nun amtliches Material bekannt geworden ist, darf man sich wohl, sofern man ohne Vorurteile an die Frage hcrantritt, geneigter zeigen.
Gießener Stadttyeater.
Pie Hetsya.
Operette von Sidney JoneS.
Ein bischen „Exotisches-, dieses Wort im alleiweitesten oder, wenn man will, im allerengsten Sinne genommen, muß nach alter Ueberlieferung jede Operette haben. Der Zigeuner- baron geht nur bis Ungarn, Gasparone schon nach Sizilien, der Bettelstudent nach Krakau, die Fledermaus holt ihren Prinzen Orlosski von den Tscherkessen, und dre Geisha endlich kommen sogar auS Japan. ,,
Die Japaner sind bekanntlich ein Kulturvolk wie wir Europäer, und nichts gibt uns Veranlassung sie zu verspotten. Wir Europäer könnten manches von jenem ungern em stced- samen und regsamen, noch gänzlich unnervösen und lebens frischen Volke brauchen, und unsere moderne Malerei baut zum Teil durchaus bewußt, auf Japans Rafael, dem großen Maler Lokusai ihr Werk und ihre Aesthetik auf. Die Japaner haben uns wieder sehen gelehrt. Doch seit dem „Mikado", oer reizenden burlesken Operette SulltwauS können wir uns nicht ganz von dem belustigenden Eindruck freimachen, dem sie nun einmal verfallen sind. Auch als Sada Aocco, die „japanische Düse", nach Europa kam und ihre rapanischen Tragödien aufführte, war man von ihrem Spiel doch mehr belustigt als ergriffen, obgleich sie nach dem Urteil fo nanr als ernsthafter Kritiker eine Künstlerin allerersten Ranges ift Und vollends die echten Geishas, die japanischen Thee- baustänzerinnen, die sich neulich in der Berliner Philharmonie sehen und hören ließen, hat man auSgelacht.
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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