Wr. 99 Drittes Blatt
Sonntag 38. April 1901
Anlage, d
Stoff übrig geblieben sein!
Bonn, 26. April.
151. Jahrgang.
Äbrrffe für Drpesch«»» Anzeiger Siehe«.
FkrnsprtchanfchlußNr.Sl.
Lelegra»« deS Gießener Anzeiger-.
Loudo», 27. April. Die „Morningpost" meldet aus Washington: Nach einer Meldung des Pekinger Gesaudt- schastSsekretärS, Squiers, hat die Kaiserin. Witwe ein Nationalverwaltungsamt eingesetzt, dem 3 in Siu- ganfu bei der Kaiserin besindliche Kabinetsmitglieder, die Prinzen Tsching und Kung, sowie Li Hung Tschang angehörcn werden, nur solange die oberste Gewalt haben, als die ver- )ünbeten Truppen in China bleiben. Danach werde die Kaiserin-Witwe wieder die Herrschaft übernehmen.
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Mittel WHTbm txm An.
Bekanntmachung,
3m der Zeit vom 19. April bis 27. April l. I. wurden tu hiesiger Stadt
gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 lederne Aktenmappe mit Inhalt und 1 Paar Hausschuhe;
verloren: 1 goldene Brosche, 1 silberne Remontoir- Ahr und 1 goldene Herren Uhr.
Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände belieben ihre Ansprüche alsbald bei uns geltend zu machen.
Außerdem wurde bei einem Bettler und Dieb ein Spazierstock von Ebenholz mit Horngriff beschlagnahmt, dessen Eigentümer noch nicht ermittelt werden konnte.
Gießen, den 27. April 1901.
Großherzogliches Polizeimnt Gießen.
Hechler.
Deutsches Keich.
Berlin, 26. April. Der Kaiser trifft, wenn nicht noch in letzter Stunde eine Aenderuug in den Reisedispofitloneu eintritt, morgen abeod auf Einladung des Großherzogs
Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
ES werden hierdurch alle diejenigen StaatSsteuerpflich tigen der Stadt Gießen, welche infolge eingelegter Rekla matiou ihre Steuerertäffe aus dem abgelaufeuen Steuerjahre bis jetzt bei uns noch nicht zur Verrechnung gebracht haben, anfgefordert, unter Vorlage der dieSbezüglicheu erhaltenen Schreiben und der Steuerzettel sich zu diesem Zwecke bestimmt im Laufe der kommende» Woche an den bekannten Zahltagen bei uns eiuzufindeu
Geschieht dies in diesem Zeiträume nicht, so wird die Abwickelung dieses Geschäfts von nuS aus ex officio durch unseren Steuerboten, dem hierfür eine Gebühr von 10 Pfg. vou jedem der Säumigen zu entrichten ist, bewirkt werden.
Gießeu, deu 27. April 1901.
Großherzogliche Bezirkskaffe I.
Hansult.
? frankfurter- )Hen.
Die Lage in China.
Graf Waldersee meldet aus Peking: '15 Kilometer nördlich vom Bahnhof Peitaho und westlich von Shanhaikwan hatte eine Kompagnie der Pendschab Infanterie einen Zusammenstoß mit einer starken Räuberbande. Britische und japanische Truppen, denen sich eine Kompagnie Zuaven au- schloß, gingen zur Unterstützung ab und griffen die Räuber- bande bei Taitonging, nördlich von Funing, an und warfen sie über die Große Mauer zurück. 9 Mann dieser Streitkräfte wurden dabei verwundet.
Aus Peking wird gemeldet: Die regulären chinesischen Truppen, die scheinbar einen allgemeinen Rück- gang antraten, wurden an einer anderen Stelle wieder sichtbar. An die chinesischen Bevollmächtigten wurde die Forderung entgiltiger Räumung gestellt. General B a i l l o u d verhält sich weiter abwartend, da er Befehl erhielt, nichts zu unternehmen, bevor festgestellt ist, welche Wirkung die bez. kaiserlichen Edikte haben.
”en and Ohrt-nlei<iPB ^al.ArztDr.Holt? Frankfurt a. M., Zeü 44/
neben der Hauptpoet zp
Der Bonner Männergesangverein brachte heute morgen dem Kaiser ein Ständchen. Letzterer besichtigte sodann dio Pläne zur Düsseldorfer Kunst- und Gewerbeausstellung 1903, die zu diesem Zwecke in die Villa Schaumburg gebrachch worden »varen.
Heute Vormittag empfing der Kaiser den neuernannten Chef des Militär-Kabinetts, General v. Hülsen- Häseler, und hörte die Vorträge des Chefs des Zivilkabinetts Dr. v. Lucanus, des Kultusministers Dr. Studt und des Ministers v. Thielen. Zur Frühstückstafel waren geladen: der Kronprinz, der Erzbischof von Köln Dr. Simar, die Minister Dr. Studt und v. Thielen. Heute morgen wurde der Kronprinz in feierlicher Weise als Konkneipanß in das Korps Borussia ausgenommen, und besuchte zum ersten Mal den Fechtboden. Er focht mit deni beiden ersten Chargierten der Borussen, seine Fechtweise wich von der hier üblichen ab.
Nach dem Frühstück machten der Kaiser, der Kronprinz und das Prinzenpaar von Schaumburg-Lippe einen Spaziergang längs des Rheinufers. Tann statteten der Kaisen und der Kronprinz der Frau Geheimrat v. Sandt einen, Besuch ab. Am Abend wurde die Borussenkneipe besucht.
Der Kronprinz ist der erste studiosus juris, beit seine Vorbildung nach dem Lehrplan eines Realgymnasiums empfangen hat. Bekanntlich stimmt der Lehrplan der preußischen Kadettenanstalten mit dem Lehrplan der Realgymnasien überein, und daß der Kronprinz privaten Unterricht im Griechischen genossen, und eine Nachprüfung abgelegt hätte, ist nicht bekannt geworden.
Ober-Bürgermeister Spiritus und der Hofchef des Prinzen von Schaumburg-Lippe erhielten den Roten Adler- Orden 3. Kl., der Rektor der Universität Freiherr la Valette St. George den Kronen-Orden 2. Kl.
Wie der „Volks-Ztg." aus Bonn gemeldet wird, wurden bei der Anwesenheit hes Kaisers ausländische Arbeiter, besonders Italiener, unter polizeilicher Obhut genommen. Einige wurden interniert und sollen erst nach der Abreise des Kaisers wieder entlassen! werden. Tie polizeilichen Maßregeln machen sich, nach anderen Meldungen, sogar in Köln und Umgegend merkbar. Eine ganze Anzahl Arbeiter steht unter ständiger Kontrolle eigens hierfür bestimmter Kriminalbeamter. Tiefe machen Besuche in den Wohnungen und auf den Arbeitsstätten der Arbeiter, die verpflichtet wurden- Köln nicht zu verlassen, bis der Kaiserbesuch beendet sei. Derartige polizeiliche Maßnahmen waren bisher bei äyn- lichen Anlässen im Rheinland nicht gekannt.
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hatte, das älteste Semester vorstellen. Der alte Herr, dev gänzlich erblindet ist, wurde von dem Kaiser mit großer: Herzlichkeit empfangen und durch eine längere Ansprache ausgezeichnet. Nach Beendigung des Landesvaters, den der Kronprinz wie die anderen Gäste unter Benutzung der Borussenstürmer mitstach verließ $egen 1 Uhr der Kaiser mit dem Kronprinzen und dem Prinzen 'Adolf zu Schaum- burg-Lipve unter begeisterten Hurrarufen der Versammlung den Saal.
75 Hektoliter Bürgerbräu waren zu dem Kommers direkt von München bezogen worden. So wahr Bonn am Rheinstrom liegt, wird kein schäbiger Rest von dem edlen
Der Kaiser in Bonn.
Bonn, 25. April.
Auf dem Antrittskommerse des Bonner S. C. heute abend in der Beethovenhalle erschien der Kaiser gegen halb neun Uhr, diesmal in Zivilkleidung, mit dem Kronprinzen und dem Prinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe. Ter Kaiser nahm an der Ehrentafel Platz zwischen dem .^Kronprinzen zur Rechten und dem Chargierten der Borussia, v. Alvensleben, zur Linken.
Kurz nach Eröffnung des Abends durch Herrn v. Alvensleben ü b e r n ahm der Kaiser das Präsidium, indem er sich einen Borussenstürmer aufs Haupt drückte, den Paradeschläger ergrifft und zunächst jbem Generaloberst v. Lo e das Wort erteilte. Tie Ansprache desselben lautete:
Meine-teueren Kommilitonen und Korpsbrüder!
Nachdem gestern an dieser Stelle die akademische Jugend Se. Majestät den Kaiser mit begeistertem Zuruf begrüßt und dem Kronprinzen ein jubelndes Willkommen entboten, haben sich heute die Korpsstudenten zu gleichem Ziele in gleichem Geiste vereinigt. Im gleichen Geiste, dem Geiste patriotischer Begeisterung und felsenfester Anhänglichkeit an Kaiser und Reich, mit dem idealen Schwünge zu denjenigen hohen Zielen, die Se. Majestät der Kaiser Ihnen gestern mit flammenden Worten gezeigt hat. Kaiserliche Majestät! Tie jungen Vertreter der Bonner Studentenschaft haben gestern vor Ew. Majestät das feierliche Gelübde abgelegt, daß sie sich zu deutschen Männern heranbilden werden, um die Güter des Vaterlandes zu schützen und zu schirmen nach dem Sinne und in der Weise, wie Ew. Majestät es gezeigt haben. Heute haben die Bonner Korpsstudenten den ältesten hier anwesenden Korpsstudenten beauftragt, Ew. Majestät zu bekräftigen, daß die Bonner Korps den Vätern gleich unter Ew. Majestät Mhrung das Vaterland schützen und schirmen werden, so wie Ew. Majestät Ruf an tue Nation ergeht. Ich will als Korpsstudent von 108 Semestern heute von der Vergangenheit sprechen, nachdem die jugendlichen Verreter zuversichtlich auf die Zukunft hingewiesen haben. Ich will erinnern, wie, als es aalt, damals unter Führung des großen Kaisers und Ew. Majestät herrlichen Vaters die Grenzen Deutschlands zu schirmen, die deutschen Studenten, die deutschen Korps in erster Linie, sich in den ersten Reihen befanden. Als damals die Kampfesstimmung in jenen Julitagen durch Teutschlands Gauen zog, da wurde selbstverständlich die Bonner Studentenschaft in erster Linie ergriffen. Als in der Nacht vom 16. zum 17. Juli der Ruf des Königs in alle Garnisonen drang, als hier der Oberst des Königshusarenregiments die Mobilmach- ungsodre in der Nacht vom 16." zum 17. Juli empfing, da zogen die Scharen der Studentenschaft zum Regimentskommandeur, um sich die Bestätigung zu holen. Und als diese Bestätigung erfolgt war, da folgte ein vielhundertstimmiges Hurra, ein brausendes Hoch auf Se. Majestät, und jubelnd zogen die Scharen nach Hause. Am andren Morgen trat eine große Anzahl Studierender in die Armee ein. Die Führer wissen, daß sie keine besseren Soldaten hatten als die Studierenden aus jener Zeit. Und so wie sie damals waren, so sind sie noch .
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heute, und ich will im Namen der hier versammelten Kommilitonen vor (Siu, Majestät die Bürgschaft übernehmen, daß, wenn Ew. Majestät sich an die Nation wenden werden, um die Güter zu erhalten, die Ihre Vorfahren erworben haben, die Studenten in erster Linie kämpfen werden. (Hurra!) Nicht wahr, meine jungen Freunde, wir wollen heute hier vor Sr. Majestät das Gelöbnis ablegen, daß, wie damals die Väter kämpften, so auch Sie einst kämpfen werden. (Hurra!) Seine Majestät hat .gls Losung ausgegeben: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, und nach diesen Worten und in diesem Geiste lassen Sie uns die Gläser erheben und rufen: Se. Majestät Kaiser Wilhelm II. Hurra!
Noch waren die stürmischen Hurrarufe noch nicht ganz verklungen, als der Kaiser sich erhob, und unter lautloser Stille nachstehende Worte an die Versammlung richtete:
Meine lieben Kommilitonen!
Sie haben sich an einen der besten Sprecher gewandt, die wohl je aus den Reihen der Korpsstudenten hervorgegangen sind, und von tiefem Tank ist Mein Herz durchdrungen für den fteundlichen Gruß und Willkomm, den Se. Exzellenz in Ihrem Auftrage ausgesprochen hat. Er hat die rechten Saiten angeschlagen, um bei deutschen Jünglingen die Freude, die Begeisterung zu entfesseln. Er hat erinnert an unsere Vergangenheit, an die großen Tage und die großen Zeiten, die Ihre Väter und noch viele von Ihnen, die unter uns sind, mitgefochten und mitgekämpft haben. Nun, Meine Herren, ich hoffe und erwarte von der jungen Generation, daß sie mich in den Stand setzen wird, unser deutsches Vaterland in dem Sinne, wie Ich es gestern vorzeichnete und aussprach, in seiner engen, festen Begrenzung, im Gefüge der germanischen Rasse zu erhalten — niemand zu Liebe, niemand zuLeide. Wennaberjeuns jemand zu nahe treten sollte, dann werde Ich an Sie appellieren und Ich erwarte, daß Sie Mich nicht sitzen lassen werden. (Hurra!) Es bedarf aber natürlich der Vorbilder, und so will Ich uns allen nur das Eine wünschen, und Ihnen vor allem, die heute abend hier versammelt find, daß Sie am Abende Ihres Lebens au: ein so schönes Leben zurückblicken, wie Se. Exzellenz es thut als treuer und ergebener Diener Meines Herrn Großvaters, auf daß, wenn Sie dereinst Ihr Haupt zur Ruhe legen, es auch von Ihnen heißen kann: Einfromm er undgetreuerKnecht. Auf diese Gesinnung hin, die Ich bei Ihnen allen voraussetze, reibe Ich einen kräftigen Salamander auf Se. Exzellenz und den Bonner S. C.
Ter Kaiser kommandierte hierauf den üblichen Salamander, und trank speziell noch dem Generalobersten v. Loe zu. Nachdem sodann Herr v. Alvensleben den Kronprinzen, den „jüngsten Fuchs", mit herzlichen Worten begrüßt und auf sein Wohl einen kräftigen Salamander gerieben hatte, antwortete dieser:
Ich bin meinem Vater von ganzem Herzen dankbar, daß er mich in diese lebensfrische, freudige Gesellschaft gebracht hat, und ich hoffe, daß Sie mich als Kommilitonen in Ihrer Mitte freundlich aufnehmen werden. (Hurra!) Ich werde stets-bestrebt fein, treue Kameradschaft und Korpsbruderschaft zu halten. (Hurra!) In diesem Sinne trinke ich auf das Wohl des Bonner S. C.
Von allen Seiten wurde dem „jüngsten Semester" begeistert zugetrunken. Auf die in der Kaiserrede enthaltene Begrüßung der Alten Herren des Bonner S. C. antwortete der mit der Sachsenmütze geschmückte Kultusminister Studt mit einem Trinkspruch auf das deutsche Vaterland.
Wenn heute, so führte er aus, der älteste und ehrwürdigste unter den Korpsstudenten des Bonner S. C., Generaloberst v. Loe, die Bonner Korpsstudenten insbesondere und die deutschen im allgemeinen ajt die Pflicht erinnerte, auf des Kaisers Ruf mit der Parole: Siegen oder Sterben in den Kampf zu gehen, so darf ich von meinem Standpunkte an unsere jungen Korpsstudenten die Mahnung richten, in ihrem Berufe mit aller Pflichttreue^ den Anforderungen gerecht zu werden, die Se. Majestät und der Tienst des Vaterlandes an uns stellen. In diesem Sinne und in der Hoffnung, daß alle Korpsstudenten zur Ehre Gottes den Intentionen Sr. Majestät getreu ihr Amt dereinst ausfüllen, trinke ich meinen Rest auf das deutsche Vaterland.
Bei dem folgenden Semesterreiben trank der Kaiser als 48. Semester auf das Wohl des Bonner S. C. Es folgte eine Reihe von Toasten, darunter auf die Prinzessin Viktoria, die Marine, die Bonner Feue^vehr, dio Nachträte, die Frauen usw.
Ein älteres Semester wagte sich auf ein schwierigeres Gebiet, es trank darauf, daß unsereOnkelseinsehen müßten, daß der Mittelland-Kanal zu stände käme; vielleicht ist dies das einzige Mal, daß die Kanalfrage dem Kaiser ungetrübte Heiterkeit bereitet hat. Oberbürgermeister Spiritus führte als 60. Semester humoristisch aus, daß er als Stadtvater reichlich Gelegenheit gehabt habe, den Bonner S. C. kennen zu lernen — bei Tag und Nacht; er trank auf das Wohl des S. C.
Nachdem Generaloberst v. Loe als vorletztes 108. Se- ' mester „immer noch eins" getrunken, erklärte Geh. Justizrat Notar a. D. Laufs aus Köln, der Vater des Dichters, Joseph Laufs, als 120. Semester, er freue sich still, und trinke auf das Wohl des jüngsten Kommilitonen. Der ' Kaiser ließ sich nachdem er das Semesterreiben geschlossen ’
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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