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28.3.1901 Erstes Blatt
 
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ernüchternd. Der Erlaß konnte nicht anders verstanden werden, als daß man Rücksicht auf die weltlichen Lustbar­keiten nehmen wollte. Die Beifügung, daß man später die Totenfeier den Kirchengemeinden anheimgestellt habe, sei ein Berlegenheitsjchritt gewesen; erfreulich sei dagegen gewesen, daß man überall, sogar in Darmstadt, von der Bewilligung Gebrauch gemacht habe. Die Erklärung des Konsistoriums sei mit zu viel Kunst zusammengestellt, und erreiche dabei ihr Ziel nicht; mit wenigen klaren Worten, die das Geständnis eines Fehlers enthalten, hätte man mehr erreicht.

Man könne ruhig sagen, daß der Streit einen Kampf um eine gute christliche Sitte bedeutet. Die Synode habe nur zwei Möglichkeiten: Entweder erkläre sie das Vorgehen des Oberconfistoriums für gerechtfertigt und übernehme dann auch die Verantwortung, oder sie nehme ihre eigene Stellung rin, um vor dem ganzen Lande ihre Unzufriedenheit zu zeigen und für ähnliche Fälle vorzubeugen, denn man könne nicht wissen, was noch bevorsteht. Auch sei man dem Synodal- au-schuß, der die Synode vertreten habe, schuldig, chn zu schützen.

Konfistorial-Präsident Buchner erläutert und recht­fertigt nochmals den Standpunkt des Consistoriums und stellt verschiedene Mißverständnisse richtig. Leider sei der erwartete Erfolg nicht eingetreten, und dann habe man immer einen Fehler gemacht. _ .

Pfarrer Eck-Offenbach glaubt, daß an der Spitze des Kirchenregiments schlechte Politiker stünden. Die schriftliche Erklärung hätte vollständig genügt, statt dessen habe man es für nötig gehalten, eine sehr scharfe mündliche Erläuterung zu geben, die sich die hessische Geistlichkeit nicht gefallen lassen könne. Der zu dem 8. Gebot beigefügten Erläuterung könne man eine solche zum 4. Gebote gegen­überstellen, die da lautet:Väter, erbittert Eure Kinder nicht." Man habe viel über anonyme Angriffe gesprochen, nicht aber davon, daß die Geistlichkeit durch den Erlaß nicht die Sitte, sondern das Evangelium für angetastet erachtete. Ja diesem Moment seien alle Widersprüche verschwunden und gemeinsam sei die ganze Geistlichkeit für ihr Heiligtum «iugetreten. Er wünsche und verlange, daß der Präsident ausdrücklich das von ihm gesprochene Wortkünstliche Auf rcQuag" zurücknehme. Auch die geschichtliche Darstellung des Totenfestes sei falsch.

Präs. Buchner und Oberkonfistorialrat Walz stellen ihre Ausführungen richtig.

Da noch drei Redner über die Angelegenheit zum Wort gemeldet find, vertagt sich die Synode auf Mittwoch früh 9 Uhr.__

Statistisches aus Oberhefseu.

P. Gieße«, 26. März.

Aeterstcht »Ser die in der Sr-vluz Hverheffeu in Zwangserziehung gegebene« «Kinder nnd die AerpstegunsrruKosten.

Seit Inkrafttreten des Gesetze« vom 11. Juni 1887 bis zum 31. März 1900 sind in Z-oangSerztebung gegeben: im Kreise Gießen 141 Kinder, im Kreise ÄlSfeld 36 Kinder, im Kreise Büdingen 46 Kinder, im Kreise Friedberg 111 Kinder, im lkretse Lauterbach

75 Kinder und im Kreise Schotten 29 Kinder. Zusammen 4381 Kinder. Während von der P'votnz Starkenburg 753 Kmder und I von d:r Provinz Rheinhesieu 470 Kinder in ZwangScrziehung gegeben wurden. Entlassen wurden, weil entweder der Zweck erreicht oder bk Kinder 18 Jahre alt wurden, teils durch Todesfall, im Kreise Gießen 55 Kinder, im Kreise Alsfeld 11 Kinder, im Kret e Büdingen 20 Kinder, im Kreise Friedberg 45 Kinder, im Kreise Lauterbach 33 Kinder und im Kreise Schotten 17 Kinder. Am 31. März 1900 befanden sich demnach noch in Zwangserziehung im Kreise Gießen 86 Kinder, im Kreise Alsfeld 26 Kinder, im Kreise Büdingen 26 Äinbtr, im Kreise Friedberg 66 Kinder, im Kreise Lauterbach 42 Kinder und im Kreise Schotten 12 Kinder. Zu­sammen also 257 Kinder. Von diesen Kindern war der größte TeU in Familien und ein kleiner Teil m Anstalten untergebracht. Dtc Zwangserziehung kostete den Kreitz Gießen 5593,47 Mk. und den Staat 5343,91 Mk., zusammen 10937,38 Mk., den Kreis »ltzfeld 1718,78Mk. und den Staat 1797,29 Mk., zusammen 3516,07 Mk.,den Kreitz Büdingen 1187,71 Mk. und den Staat 1187,71 Mk., zus. 2375,42 Mk., den Kreis Friedberg 3842,30 Mk. und dm Staat 3342,30 Mk., zu­sammen 7684,60 Mk., den Kreis Lauterbach 1872, Mk und den Staat 1872, Mk., zusammen 3744, Mk., dm Kreis Schotten 962,31 Mk. und den Staat 962,32 Mk., zusammen 1924,63 Mk., die 6 Kreise zahlten demnach für die Zwangserziehung der Kinder 15176,57 Mk. während der Staat 15005,53 Mk. zuschoß. Etz wurdm im Ganzen also 30182,10 Mk. ausgegebeo. Der Aufenthalt der Kinder in Familien gestaltet sich um mindestens die Hälfte billiger. So kostet die Verpflegung eines Kindes in einer Familie den Kreis Gießen auf die Dauer eines Jahretz im Durchschnitt 100 Mk. und in einer Anstalt 210 Mk.

Zleverstcht über die Todesfälle

in den Monaten Aovemver und Dezember 1900.

Im November 1900 starben im Kreise Gießen 96 Personen, im Dezember 146 Personen, im Kreise Alsfeld im November 37 Per­sonen, im Dezember 40 Personm, im Kreise Büdingen tm November 64 Personen, im Dezember 61 Personen, im Kreise Friedberg im Nooembec 69 Personm, im Dezember 93 Personen, im Kreise Lauter­dach im November 28 Personen, im Dezember 26 Personm und im Kreise Schotten im November 31 Personen, im Dezember 26 Per- ionm. Etz starben in Oberhessen im November 1900 also zusammen 315 Personen und im Dezember 1900 392 Personen.

In der Stadt Gießen kamen auf 1000 Lebende per Jahr 25,48 Todesfälle.

Vermischtes.

Die Hinrichtung eines Begnadigten. Am 20. März wurde in Krakau ein Soldat namens Balzar wegen dec Ermordung eines GenSdarmen durch den Strang hingerichtct. Am selben Tage bereits wurde die Bevölkerung von Krakau durch das Gerücht aufgeregt, die telegraphische Begnadigung sei zu spät eingegangen. Amtltch wurde dann erklärt, daS angebliche Begnadigungs-Telegramm sei eine Fälschung auS Troppau gewesen. Heute behauptet nun daS Krakauer PolenblattNaprzod", das Bcgnadigungstelegramm sei wirklich aus Wien von der obersten Milnärjustizbehörde am Miltwochmorgen in Krakau eingelaufen, aber infolge unglücklicher Zwischenfälle der Krakauer Militärbehörde nicht rechtzeitig zugestellt worden. Das Wiener Telegramm soll gelautet haben:Begnadigung unterwegs, Hinrichtung sistieren!" DaS Telcgraphenamt wollte den Kommandanten der zur Exekution auSgerückien Truppe auf dem Wawel tele- phontsch davon unterrichten. Auf dem Wawel meldete sich

aber niemand am Telephon und die Hinrichlung erfolgte. Eine strenge Untersuchung soll eingeleitet sein.

Eisenbahn Zeitung.

Wiesbaden, 25. März. In letzter Zett mürben in ben Eisen­bahnwagen öfters Messt»gpuffer, Grifte usw. gestohlen. Auch wurden wiederholt in ben Abteilen 1. und 2. Klasse Plüichbrzüge und Fenster- riemen zerschnitten. Neuerbingtz werden nun auch bie Porzellanschüsseln der Wasch- und AbortrSume demoliert. Auf die Ergreifung des Thätertz oder der Thäter wurde von der Bahnverwaltung eine hohe Belohnung gesetzt.

Eingesandt.

Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

In den letzten Jahren und namentlich unter der THLtigkeit detz Oberbürgermeisters Gnauih ist zur Verschönerung und Erweiterung unserer Stadt recht viel gethan worden, insbesondere sind die sich ringsherum ziehenden Anlagen eine wahre Zierde und die entstandenen neuen Stadt­viertel im Südende sagen jedem Fremden auf den ersten Blick, daß Gießen mit der fortschreitenden Entwickelung anderer Städte Schritt gehalten hat. Anders steht's allerdings mit der Innenstadt. Hier bedarf es noch eines rührigen Geistes, um den vielen Gassen und Gäßchen ein Ende zu be­reiten, Licht und Luft zu schaffen und den Verkehr der Innenstadt mit den neuen Stadtvierteln durch neue praktische Straßenzüge zu erleichtern. So konnte sich Absender dieses einer gewiffen Freude nicht verwehren, al» er aus Ihrer werten Zeitung kürzlich entnehmen konnte, da» Hau« der Witwe Montanus in der Marktstraße sei zur Weiterführung der Bahnhofstraße städtischerseittz erworben worden.

Unser jetziger Bürgermeister Mecum würde sich ein besonderes Ver­dienst erwerben und viele dankbare Einwohner auf seiner Seite haben, wenn er auf dem scheinbar betretenen Weg weiter wandeln, der Innenstadt und deren Ausbau seine besondere Aufmerksamkeit zuwenden wollte. Ge­legenheit dürfte sich hierzu bieten. Ich erinnere nur an die längst gc« plante Erweiterung der Dammstraße, deren Enge für Menschen wie Vieh verhängnisvoll ist. Ferner an die Fortsetzung der Bismarckstraße nach dem Kreuzplatz. Diese, eine direkte Verbindung der Innenstadt mit den Südenden herstellend, würde zur Entlastung anderer verkehrs­reicher Straßen wesentlich beitragen. Hoffentlich verfehlen diese Zeilen ihren Zweck nicht, und bringen durch Ausführung der längst bestehenden Projekte neue Luft und neues Licht in die doch stets stiefmütterlich be­handelte Innenstadt.

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