Nr. 27V Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Mittwoch 27. November 1901
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Zie Siebener Familien, olatter werden dem Anzeiger im Wechsel mit dem „Hess. Landwirt* und den „Mattern für hessische Volkskunde* viermal wöchentlich beigelegt.
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SiehenerAnzeiger
General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Gießen, 22. November 1901. Betr.: Das Volksschulwesen im Großherzogtum Hessen. Die Großh. Kreisschulkommission Gießen tut die Schulvorstände und Großh. Bürgermeistereien des Preises.
Jnr Verlag von Emil Roth dahier ist erschienen: DaS Volksschulwesen im Großherzogtum Hessen, ein Hand- und Nachschlagebuch für Schulbehörden, Schulvorstände und Lehrer von Greim und Müller. Zweite Auflage, neu bearbeitet von P. Müller Großh. Kreisschulinspektor zu Oppenheim.
Da sich dieses Buch bei Schulbehörden, Schulvorständen und Lehrern als praktisches und zuverlässiges Nachschlagebuch bewährt hat, ernpfehlen wir Ihnen die Anschaffung desselben für Ihre Bibliothek.
v. Bechtold.
Volltische Tagesschau.
Zum Zolltarif.
W. T- B. meldet: Dem Reichstage ging am Montag rckend erstens der Entwurf des Zolltarifgesetzes nebst Zolltarif und zweitens die Begründung zum Zolltarisgesetze zu. Letztere zerfällt in einen kürzeren, allgemeinen Teil und einen umfassenden besonderen Teil. Der besondere Teil enthält eine kurze Begründung zu den 12 Paragraphen des Gesetzes und sodann eine umfassende Begründung zu den 19 Abschnitten des Zolltarifs. Der zweibändigen Begründung zwei starke Hefte Anlagen beigegeben, von denen das er.'J vorwiegend statistischen Inhalts ist, während das -weite., eine Pergleich'ung des alten und neuen Tarifs enthüll •»!’
Die^allgemeine Begründung des Zolltarifentwurfs, -deren 'Fertigstellung also doch „technisch möglich" gewesen tr gt der Regierung einstweilen wenig Lob ein. Die Urteile der Berliner Zeitungen lauten in steigendem Grade unfrcui Lid). Der Begründung wird „Oberflächlichkeit", das „Fehlen eines streng logischen Zusammenhangs" zum Vor- Ivurf gemacht; andere vermissen das „Neue", die „besondere Belehrung". In Bezug auf die Forderung neuer ^Gesichtspunkte darf man aber wohl nicht allzu anspruchs- .tec ifljoin, nachdem die öffentliche Diskussion so anhaltend irnjjj'o erschöpfend den Zolltarifentwurf, und was damit ÄU-, hängt, behandelt hat. Auch die führenden Männer des^ö . tags werden einigermaßen in Verlegenheit fein, OvigmH Ideen zu diesem Thema zu produzieren. Darauf Lommt ja nicht an. Es brauchte in der Begründung gar nichts nes enthalten zu sein; vielmehr, je eingehender der Nu' der bisherigen, gemäßigt schutzzöllnerischen Handel» Politik dargelegt worden wäre, um so befriedigender Würde vie Ausnahme gewesen fein. Aber der Kurs ist leben ein anderer, und das heiße Bemühen, einen Aus gleich zu finden zwischen dem alten und dem neuen «.System, macht die Begründung fv zwiespältig. Lebte
Pie Zwillingsschwester.
Daß neueste Lustspiel von Ludwig Fulda, das an diesem Donnerstag, den 28., zur Aufführung im Gießener Theaterverein kommt, erschien im Laufe des letzten Winters und ist seitdem auf den meisten Bühnen schon gegeben worden. Besonders bekannt wurde es sofort dadurch, daß Agnes Sorma am Lessingtheater in Berlin die Titelrolle zuerst spielte, die sie bei allen ihren Gastspielreisen nun mit Vorliebe giebt. Die Wirksamkeit des Lustspiels beruht ganz •auf der Kunst der Schauspielerin, welche die Zwillingsschwester verkörpert, und in der That kann nur durch eine bedeutende Künstlerin die Fabel des Stücks wahrscheinlich gemacht und der Erfolg wie er bei den Sorma-Vorstcllungen zu Tage tritt, verbürgt werden.
Dieser Ruf einer vortrefflichen Darstellerin geht Frl. Luise Willig, die am Donnerstag in Gießen zum ersten Male gastiert, voraus. Schon seit drei Jahren bestand der Plan, die Dame zu einem Gastspiel zu gewinnen, jetzt endlich realisiert er sich.
Frl. Willig, eine noch jugendliche Künstlerin befindet sich schon gerampe Zeit in der bevorzugten Stellung der ersten Liebhaberin am Hostheater in Wiesbaden, an dem als erster Liebhaber Herr Leffler wirkt — welchen wir vor drei Jahren als Darsteller des Grafen Waldemar in Gustav Freytags gleichnamigem Schauspiel hier sahen. Beide sind in der letzten Zeit besonders durch ihre Teilnahme an den vom Kaiser in5 Leben gerufenen Wiesbadener Festspielen weiteren Kreisen bekannt geworden.
HZuren-Kpigramme
von Fritz Sommerlad.
L
Gräber.
1.
Hier ruhen Buren. — Von den Gräbern öde Tönt dumpf der Klageruf: „D Welt, du schnöde! Hast uns gedrückt in Ungerechtigkeit?" —
Im Abendrot erzittern rings die Lüfte;
Sie spielen leise um die stillen Grüfte Und singen tröstend von Unsterblichkeit'
Miquel noch, ihm würde sicherlich dies Werk zugeschrieben werden, das „einerseits" der Landwirtschaft, „andererseits" der Industrie und dem Handel Wohlwollen bekundet, „zwar" die Möglichkeit einer „Belasttmg der verbrauchenden Bevölkerung" durch erhöhte Nahrungsmittelzölle zugiebt, „dennoch" erklärt, 'biefe Belastung „müsse ertragen werden, um weit ernstere Gefährdungen der Staatswohlfahrt hintanzuhalten . . ." „Trotz der entgegenstehenden wichtigen Bedenken" erschien es „angezeigt", der Landwirtschaft den Getreide-Doppeltarif zu gewähren. „Die Industrie bedarf feiner allgemeinen Verstärkung ihres Zollschutzes" — so konstatiert stolz die Begründung, um sofort hinzuzufügen, daß „zahlreiche Verschiebungen" nn einzelnen eine „Verstärkung der ausgleichenden Wirkung der Schutzzölle erforderlich machen". Das sind nur ein paar Proben- Die Tendenz des neuen Kurses in der Handelspolitik wird in dem Satze der Begründung offenherzig ausgedrückt: daß der Zolllavifeniwur s einesseiner wesentlichsten Ziele darin erblickt, die Lage der einheimischen Landwirtschaft durch höheren Zollschutz ihrer Erzeugnisse günstiger zu gestalten. Wir lesen aber auch folgendes uv der Begründung: „Zu dem Emporblühen von Gewerbe und Handel hat die Politik der Tarifverträge wesentlich bei getragen." Dieser Satz, die Anerkennung des Bewährten, hätte an der Spitze der Begründung stehen sollen.
Der besondere Teil der Begründung sagt bezüglich der Viehzölle : Die Viehzölle bezwecken die Fernhaltung einer allzu starken Einwirkung der Auslandserzeugnisse auf den Jnlandsmarkt. Anzunehmen ist, daß die einheimische Viehproduktion schon bei verhältnismäßig unbedeutender Steigerung dem wachsenden Inlandsbedarf wird folgen können. Ausreichender Schutz wird sie zu den nötigen Vorkehrungen und Kapitalaufwendungen ermutigen. Voraussichtlich tritt keine Preissteigerung ein, der Mntteil des Landwirts wird in häufigerem Umsätze und vermehrter Produktion liegen. Weiter heißt es, die Frage der Viehzölle könnte im Hinblick auf die bestehenden veterinärpolizeilichen Verbote und Beschränkungen der Vieh-Einsuhr minder wichtig erscheinen. Indessen hat der Tarif mit der Möglichkeit des Fortfalles der Verbote und Beschränkungen zu rechnen und muß unabhängig davon für die Verzollung der Waren Vorkehrungen treffen. Daher müssen im Interesse heimischer Erzeugung angemessene Vieh- und Fleisch- zölle vorgesehen werden, wenn sie. auch vielleicht erst später wirtschaftlich voll in Wirksamkeit treten. — Bezüglich der Eisenzölle heißt es, die deutsche Eisenindustrie habe zwar einen hohen Grad technischer Vollkommenheit erreicht, um die wirtschaftlichen Vorteile des Auslandes auszugleichen. Bei Umgestaltung des Tarifs wird zunächst dem hohen Werte des Stahlgusses mehr als bischer Rechnung zu tragen sein.
Der Kampf beginnt. . . .
Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 25. November:
Der Reichstag hat seit langem nicht in dem Maße das
Bewußtsein gehabt, daß auf ihn die Augen gerichtet sind — und man kann wirklich sagen „Die Augen Europas" — wie jetzt. In dem bereits morgen (Dienstag) zusammen- tretenben Seniorenkonvent dürfte der Beschluß gefaßt werden, die erste Lesung der Zolltarif-Vorlage am Montag, den 2. Dezember, beginnen zu lassen. In parlamentarischen Kreisen wird eine zwiefache Einführungsrede zum Zolltarif erwartet, die eine, mehr die großen politischen Gesichtspunkte berücksichtigende, vom Reichskanzler, die andere, wirtschaftlicher Art, vom Reichsschatzsekretär Frhrn. v. Thielmann. Der Tag, an dem der Kampf um die Zölle im Parlament beginnt, wird sich zu einem Ereignis gestalten. Personen, Gruppen, Verbände, die in unserem Wirtschaftsleben auf Beachtung Anspruch erheben können, sie werden nicht fehlen wollen bei dieser auf die Dauer von zehn Sitzungstagen veranschlagten Generaldebatte. Die Anmeldungen von Besuchern der Reichshauptstadt zu diesem Zeitpunkt sollen überaus zahlreich fein. Das ist begreiflich bei den eminenten Interessen, um die es sich bei diesem Werk der Gesetzgebung handelt. Indessen ist anzunehmen, daß bei der ersten Lesung des Entwurfes fast ausschließlich im Vordergrund stehen werden: die künftige Bemessung der landwirtschaftlichen Zölle und der Getreide-Doppeltarif. Also eine Auseinandersetzung über grundsätzliche Meinungen, die gerade deshalb einen außerordentlich lebhaften Verlauf verspricht. Der Boden für die Spezialfragen des Zolltarifs ist nicht das Plenuni, sondern die Kommission des Reichstags. Es wird nicht Viele geben unter den Abgeordneten, denen die Technik der wirtschaftlichen Produktion in ihren verschiedenen Zweigen vertraut ist. Die Spezial-Begründungen, welche die Regierung in kurzen, zusammenfassenden Darlegungen ausgiebt, sind natürlich nicht viel mehr als ein Notbehelf zur Orientierung. Wenn die Interessenten des Zolltarif-Entwurfs „etwas erreichen wollen", dann müssen sie sich mit denjenigen Mitgliedern des Reichstages in Verbindung setzen, die durch ihr Verständnis des betreffenden Faches späterhin als „Spezialisten" auftreten. — Wird der Zolltarif-Entwurf zu stände kommen? So hört man vielfach fragen. Wir sind der Ansicht, daß die Frage bejahend entschieden ist in dem Moment, da eine Verständrgung unter den Mehrheitsparteien, unter den Konservativen, dem Zentrum und den Nationalliberalen, über die Höhe der Getreide-Zölle erzielt ist. Und ^rotz aller hitzigen Reden, die gehalten werden, diese Verständigung liegt im Bereich des Wahrscheinlichen.
* * *
Von anderer Seite wird uns geschrieben:
Der Reichstagsabg. Graf Stolberg soll an Stelle bes Abg. v. Fr ege von den Konservativen für das Amt des ersten Vicepräsidenten im Reichstag in Vorschlag gebracht werden. Den Vorsitz in der Budgetkommission würde Graf Stolberg darnach niederlegen, sodaß für diesen Posten eine Ersatzwahl stattzufinden hätte. Bei Gelegenheit der betreffenden Verhandlungen zwischen den Fraktionen dürfte eine Besprechung in Bezug auf die Leitung wie Zusammensetzung der Zolltarifkommission sich an-
2.
Die Engländer sprechen:
„Hier Kinder! In Hunger verdorben „Und dann vor Kälte gestorben!" — „Da haben wir, tief bewegt, „Die Mütter dazu gelegt!" —
3.
Sie haben kurz gelebt, ach, waren kaum geboren, Nun sind sie, ausgehungert, ausgefroren, Und um das Bischen schöne Welt betrogen, Schon in die kühle Erde eingezogen. — Ich sagte denen, die um eine Grabschrist baten: Schreibt drauf: „Hier ruhen Englands Held enthaten!"
IL
Ohm Paul.
1.
Von Menschlichkeit und Recht hat man gesprochen Im Haage dort vor noch nicht vielen Wochen. — Im Haag sucht Krüger nun die ganze Zeit — Was sucht er denn? — — Ei, Recht und Menschlichkeit!
2.
Krügers Gebet.
(Ev. Lucae 22, 42.)
„Herr, Du im Himmel, Herr! Dies Eine laß nicht kommen
„Du hast —- ich murre nicht — mein Weib zu Dir genommen. — „Mein Lieblingssohn — mein Tjard — nun ist er auch gestorben, „Er hat — Dank sei Dir, Herr, — des Lebens Kron' erworben.
„Mein Land verlieren?! — Herr, ich fleh' zu Dir: „Willst, Vater, Du, — nimm diesen Kelch von mir!
HL
Englisch.
1.
„All right“ — ganz froh Spricht fo Freund Joe.
Und drückt in guter Ruh'
Sein eines Auge zu.
Mü einem seh' ich nur — und das ist gut. Ich sehe nur das Gold — ich sehe nicht das Blut! „No matter, Goddam! Laßt mich doch in Ruh' All right! Ich — drück' ein Auge zu!"
2.
Honny soit qui mal y pense.
„Ein Schurke sei, wer schlecht darüber denkt" — Das Sprüchlein habt ihr manchem schon geschenkt. Ihr, die ihr Ehr' und Recht in Blut ettränkt.
Sagt doch: „Ein Schurke sei, wer gut darüber denttI"
Weihnachtslitteratur.
Köstliu, D. H. A., o. Professor der Theologie au der Universität Gießen, Geh. Kirchenrat, Predigten und Reden. Gießen, I. Ricker'sche Verlagsbuchhandlung (Alfred Töpelmann), 1901. 80 271 Seiten. Broch. 3.40 Mk., geb. 4.20 Mk.
„Den teuren Freunden im Amte zur Erinnerung an die gc‘ meinsame Arbeit in Friedberg, Darmstadt, Gießen" widmet als Abschiedsgruß nach 18jährigem Wirken in der hessischen Landeskirche der nun in den Ruhestand getretene Geh. Kirchenrat Prof. D. Köstlin in einem Band Predigten und Reden. Denselben sind „Pastorale Geleitsworte" vorangestellt, kurze Betrachtungen, mit denen der Verfasser im Winter 1900/01 die Zusammenkünfte int homiletisch-katechetischen Seminar einleitete. In knapper Form bieten diese eine Fülle von Pastoralcheologie und sind geeignet, den „Ratschlägen" Spurgeon's an die Seite gestellt zu werden. Die Predigten, von denen einige wenige im Druck schon früher einzeln erschienen sind, sind, soweit sie nicht Gelegenheitspredigten bei Jahressesien sind, in den drei Städten der Wirksamkeit Köstlin's gehalten. Sie bilden zum „Abschied" einen erquickenden Strauß aus der Hand des verehrten Lehrers eines großen Teils der hessischen Geistlichen. Diese wissen, was ihnen Köstlin gewesen ist und werden darum gerne zu dem vorliegenden Buche greifen. Wir möchten es aber auch sehen in den Händen derer, die, um mit Köstlin zu reden, „den Glauben an den Weltheiland in das Gebiet der Märchen und Legenden verweisen." Wer die Predigten Kostlins liest, und sie richten sich an Gebildete, der begegnet hier einem Manne voll festen Glaubens an die Erlösungs- rhat Jesus Christus', uud wird bald inne iverden, daß das Christen- tum volle Realität ist und Jesus Christus ein Mann, an dem niemand, und vor allen Dingen kein Gebildeter, achtlos vorüber- geben kann. — Die Reden sind mit Ausnahme der Gedächtnisrede am Philipp Melanchthon politische Festreden. Daß diese von christ- licy-nationalem Geiste durchdrungen sind, bedarf bei Köstlin, dem Ritter des Eisernen Kreuzes, keiner besonderen Erwähnung. Wir wünschen dem Buche eine Stätte unter dem Weihnachtsbaume. G. S.


