Nr. 253 Zweites Blatt.
151« Jahrgang.
Sonntag 27. Oktober 1901
Erscheint täglich mit Ausnahme des
Montags.
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KeKanntmachung.
Die Inspektion der Jnfanterieschulen hat für die diesjährige Herbsteinstellung noch Bedarf an Unteroffizierschülern.
Junge Leute, welche in eine Unterofsizierschule ausgenommen zu werden wünschen, wollen sich alsbald bei dem Bezirkskommando in Gießen, Seltersweg 55, persönlich melden.
Zur Anmeldung sind folgende Papiere erforderlich:
1. ein von dem Zivil-Vorsitzenden der Ersatz-Kommission des betr. Aushebungsbezirks ausgestellter Meldeschein, 2. Konsirmationsschein bezw. Ausweis über den Empfang der ersten Kommunion,
3. etwa vorhandene Schulzeugnisse,
4. eine amtliche Bescheinigung über die bisherige Be- schäftigungsweise, über früher überstandene Krankheiten und etwaige erbliche Belastung.
Die in eine Unterofsizierschule aufzunehmenden Leute müssen mindestens 17 Jahre alt sein, dürfen aber das 20. Jahr noch nicht vollendet haben.
Gießen, den 22. Oktober 1901.
___________Großh. Bezirks-Kommando Gießen.___________
Bekamttmachtmg.
In der Zeit vom 19. bis 26. Oktober l. Js. wurden fn hiesiger Stadt
gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt und 1 Kinderkragen;
verloren: 1 Trauring.
Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände öelieben ihre Ansprüche alsbald bei uns geltend zu machen.
Gießen, den 26. Oktober 1901.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
_____________________Hechler.__________
Politische Tagesschau.
Zuerst der Zolltarif.
Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 25. Oktober:
Es steht nunmehr fest, daß der Reichstag bei seinem 'Zusammentritt am 26. November zuerst mit dem Zoll- tarifentwurf sich beschäftigen wird. Da der Bundesrat wesentliche Aenderungen an den einzelnen Positionen nicht vorgenommen hat, erübrigt für die Parlamentarier ein nochmaliges Studium des Tarifs; sie sind durch die seit den Sommertagen in ununterbrochener Folge von der Presse geübte Kritik über den Inhalt des Entwurfes genau orientiert. Allenfalls werden die von den Fraktionen zu Rednern für die erste Lesung ausersehenen Abgeordneten die dem Entwurf beigegebene Begründung zu studieren haben, um daraus ihr „Rüstzeug" zu ergänzen. Heiß wird es hergehen in diesen: ersten und größten Redekampf der nächsten Session. Die Volksvertreter sind erfrischt durch die lange Ferienpause, da kommt ihrer Arbeitslust die inhaltsreichste aller Vorlagen gerade gelegen. Das Verfahren der Regierung, den ZoNtarifentwurf zuerst zur Beratung zu stellen, erscheint um so zweckmäßiger, als dadurch eine wesentliche Entlastung der späteren Etatsdebatte erzielt wird. Denn eine allgemeine Besprechung der Zoll- und Wirtschaftspolitik wäre andernfalls unfehlbar schon mit der GeneraldisMission zum Etat verknüpft, also doppelt vom Stapel gelassen worden. In Regierungskreisen veranschlagt man die Dauer der ersten Lesung des Zolltarif- eutwurss auf eine Woche. Wir müssen bezweifeln, daß dies Maß ausreicht für eine Auseinandersetzung, die an Heftigkeit ihresgleichen suchen wird.
Erne Rede Chamberlains.
Ehamberlain hielt am Freitag abend vor 8000 Unionisten in Edinburgh eine Rede, worin er die irischen
Feuilleton.
Born Elberfelder Jubiläumsbrunnen.
In Elberfeld entrüsten sich weite Kreise der Gesellschaft über einen Monumentalbrunnen, den der bekannte Elberfelder Baron ö. d. Heydt der Stadt zum Geschenk gemacht hat und von dem Oberbürgernreister mit Dank entgegengenommen worden ist. Der Landtagsabg. Dr. Marx ruft, Versammlung en auf Versammlungen ein, in denen gegen eine Üebernahme des Monumentes in städtische Verwaltung protestiert wird. Erst vor zehn Tagen erregte sich ein reformierter Pfarrer auf der Kanzel gar sehr wegen des Elberfelder „Denkmals der Schande". Und jetzt ist auch Pastor Stoltenhof im Kirchenblatt der Elberfelder reformierten Gemeinde über den „Schandbrunnen" ernstlich entsetzt. Nicht nach künstlerischen Gesichtspunkten tritt er an die. Beurteilung des Denkmals heran, sondern zieht mit biblischen Waffen gegen ihn zu Felde. Und dabei vergleicht er den Fall eines kürzlich in Elberfeld verurteilten Lüstlings, der sich in obscöner Weise vor den Augen seines Kindes entläßt hat mit den plastischen Figuren des Brunnens. Das ist wahrhaftig wenig geschmackvoll! Welches Auge .eines unverdorbenen Menschen bettachtet ein Kunstwerk mit Lüsternheit! Auch wenn alles „Aergerliche der gerügten Art" abgestellt würde, so könnte er sich doch nicht mit dem, w:e er es nennt, „Greuelbüd" zufrieden geben. Er., sagt dann weiter: „Wer des Bauwerks zum ersten Mal ansichtig wird, sollte meinen, er erwache aus einem tiefen Traum, sich verwundernd die Augen reiben und sich fragen: „Befindest Du Dv Dick an den Ufern des CepMrs rmd Jlissus oder an
Mitglieder des Unterhauses heftig angriff, die sich offen als Feinde des Reiches erklärten. Die Regierung wolle die vorgeschlaaene Geschäftsordnung des Unterhauses abändern, um den Fortgang der Geschäfte zu erleichtern und die Leute besser überwachen zu können, die das Haus aus ihr Niveau herabbringen »vollen. Die Anzahl der irischen Parlamentsmitglieder sei im Verhältnis zur Bevölkerung Irlands ein Skandal und ein Mißbrauch. Er kündigte an, daß die Regierung vor den nächsten allgemeinen Wahlen dem Lande einen Plan für Herabsetzung der Zahl der irischen Parlamentsmitglieder vorlegen wolle. Im weiteren Verlaufe der Rede besprach Ehamberlain die Kriegsfrage und wies mit Nachdruck die Frage zurück, daß die Regierung aur Zeit, als das Ultimatum der Buren übergeben wurde, Die Kriegserklärung vorbereitete. Sie habe im Gegenteil alles gethan, um den Krieg zu vermeiden, der, wie sie wußte, ein schwieriges und ernstes Unternehmen sein würde.
Die den Buren angebotenen Bedingungen waren günstiger als irgendwelche, die je einem Femde angeboten wurden. Da ine Bedingungen abgelehnt wurden, müsse der Krieg zu Ende geführt werden. Die Regierung gestehe zu, daß sie sich bezüglich der Dauer des Krieges geirrt hätte. Siebewundere die Zähigkeit der Buren. Aber England müsse dieser Zähigkeit eine gleiche Entschlossenheit entgegensetzen. Die Buren verlangten nunmehr größere Unabhängigkeit als zu Beginn des Krieges. Diese Bedingung könne die Regierung nicht annehmen. Jetzt komme die Zeit, wo es notwendig sei, strengere Maßregeln zu ergreifen, um die aufständischen Guerulabanden zu bekämpfen. Wenn die Zeit gekommen fei, werde die Regierung Präzedenzfälle für alles, was sie thun werde, in dem Vorgehen jener Nationen finden, welche diese Barbarei und Grausamkeiten verurteilten. Aber sie werde sich nie dem nähern, was diese Nationen in Polen, im Kaukasus, in Bosnien, in Tongking und im Kriege von 18 7 0 fönten. Chamberlain schloß, die Regierung wolle nicht Davor zurückschrecken, vom Lande weitere Opfer zu verlangen, wenn es nötig werde. Die militärische Lage biete keinen Grund zu Besorgnissen.
Wer ist legitimer Herrscher in China?
Eine Nachricht, die geeignet ist, die Politik Rußlands in China scharf zu beleuchten, kommt soeben aus Shanghai. Darnach empfing Li-Hung-Tschang eine geheime Mitteilung — „geheime" Mitteilungen scheinen unverändert beliebt zu sein in China —, die Kaiserin-Witwe habe von Rußland das Versprechen empfangen, alle fremden Angriffe zu ver- hindern und die Karserin in Peking zu beschützen. Thatsache ist, daß die Kaiserin vor der Katastrophe des Gesandtenmordes eine starke Stütze in der russischen Diplomatie hatte. Es mag dieser Beistand mit schuld daran fein, daß die herrschsüchtige und gewaltthättge Frau es wagte, mit solchem Trotz ben anderen Mächten gegenüber aufzutteten. Im Fall der Entdeckung der fremdenfeindlichen Ränke konnte man in Rußland Deckung suchen. Nach der Flucht des Hofes aus Peking ließ Rußland die Kaiserin-Witwe fallen. Das ging schlechterdings nicht and'ers, denn erwiesenermaßen war sie die Seele der Verschwörung, die direkte Auftraggeberin Der Fremdenverfolgungen gewesen. Damals gab die russische Regierung feierlich kund, nur Kwangsü, der Bogdochan, werde von ihr als der einzige legitime Herrscher in China anerkannt werden. Die übrigen beteiligten Mächte schlossen sich der Erklärung durchaus an; alle Aktenstücke der Mächte sprechen von Kwangsü. Daß für die chinesischen Staatsmänner nach wie vor nur der Wille der Kaiserin Befehl war, daß die Edikte Kwangsüs sür die Becunten bedeutungslos waren und den Zweck der Vortäuschung aller möglichen reformfreundlichssn und entgegenkommenden Absichten verfolgten, das kann keinem Zweifel unterliegen. Die Kaiserin-Witwe läßt sich nicht „ausschalten", sie kehrt ebenso mächtig zurück wie sie Peking verließ, und der arme Kwangsü muß einfach thun, was seine starke Tante verlangt.
der Wupper; lebst Du so und so viel Jahrhunderte vor oder im Jahre des Heils 1901 nach Christus; scheint die Sonne Horners auf Dich herab oder stehst Du im Schein der Gnadensonne, bei deren Aufgang Gott Seine Boten zu den Heiden entsandt hat, „aufzuthun ihre Augen, daß sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott", um dann „abzulegen die Werke der Finsternis und anzulegen die Waffen des Lichts"? Was würde der Apostel Paulus, dieser Mann, dessen Geist in dem heidnischen Athen „in ihm ergrimmte, da er die Stadt so voller Götzen sah" wohl sagen, wenn er auf dem Markt unserer christlichen Stadt hoch oben einen Neptun thronen sähe?" — Am 24. d. M. hat sodann eine von etwa 800 bis 1000 Personen der evangelischen Einwohnerschaft besuchte Protestversammlung gegen den Monumentalbrunnen stattgefunden, der eine solche zumeist von Katholiken besuchte vorausgegangen war. In dieser evangelischen Versammlung referierte wieder, nach eirieitcnben Worten des Stadtmissionars Kämmerer sowie des Vorsitzenden der Versammlung Bäckermeister Heistermann, Landtagsabg. Landrichter Dr. Marx. Die Versammlung nahm infolge der heftigen Angriffe einiger Redner gegen den Baron v. d. Heydt und den Oberbürgermeister einen derart stürmischen und bedrohlichen Charakter an, daß sie nur mit Mühe einer polizeilichen Auflösung entging. Schließlich wurde folgende Entschließung angenommen: „Die heute im großen Saale des evangttischen Vereinshauses tagende Versammlung der Bürger Elberfelds spricht im Einverständnis mit den hochwürdigen Pfarrern der evangelischen Gemeinde ihre Entrüstung darüber, aus, daß man unter
Auf fein Haupt fällt lediglich die Verantwortung für die Nachsuchung von Sühne, Die Absendung von Telegrammen, worin „schmerzliches Bedauern" über die Vorfälle ausgedrückt wird, — kurz für alles, was nach der Auffassung der Chinesen die Kaiserin-Witwe nicht thun dürfte, ohne ihre Autorität zu erschüttern, ist Kwangsü der „Strohmann". Wurde bisher ein Wort der Demütigung oder der besseren Einsicht von der Kaiserin-Witwe vernommen? Nicht ein einziges. Die Kaiserin steht in unvermindertem Glaub vor ihrem Volke. Ist sie erst wieder in Peking, dann wird sie die Zügel der Regierung kräftig in die Hand nehmen. Es ist nicht zu verwundern, daß die Kaiserin, dem Telegramm aus Shanghai zufolge, „den dringenden Wunsch hegt, mit Rußland in freundschaftliche Beziehungen zu treten"; cs ist auch, vom Standpunkt diplomatischer Taktik, zu verstehen, daß Rußland Anschluß sucht an diejenige Persönlichkeit, welche allein im stände ist, Vorteile zu gewähren. Aber es fragt sich denn doch, ob die übrigen Mächte es gelassen mitansehen können, wenn das Zarenreich sich zum Beschützer derselben Fran aufwerfen würde, deren Recht auf die Herrschaft durch ihre Thaten als verwirkt bezeichnet ist, und zwar durch die Jnittattve Rußlands. Begänne wiederum das Wettlaufen um die Gunst der Kaiserin-Witwe, nach ihrem Einzug in Peking, so könnte man n icht in Erstaunen geraten über neue Proben chinesischer Ueberhebung und Unduldsamkeit, wenn nicht noch be- denklichere Folgen.
"Deutsches Reich.
Berlin, 25. Okt. Der Kaiser wird sich am Sonntag nach Liebenberg in der Mark begeben, und dort als Gast des deutschen Botschafters Fürsten Eulenburg bis zum 29. Oktober verweilen.
— Der Kaiser hatte die Ausführung eines Feuer- w e h r d e n k m a l s für den Mariannenplatz in Berlin nach den vorhandenen Modellen aus ästhettschen Erwägungen beanstandet, aber er hat jetzt den Einspruch zurückgezogen und die Zustimmung zur Herstellung des Denkmals in der projektierten Form erteilt.
—- Zu dem Empfange des Bischofs Ben zier beim Kaiser berichtet der „Lok.-Anz.", daß bei der Tafel der Steifer fein Bedauern aussprach, daß die Kaiserin, welche noch nicht hergestellt sei, den Bischof nicht empfangen könne. Der Vionarch unterhielt sich fast ausschließlich mit dem Bischof und zog bei der lebhaften Erörterung elsaß-lothringischer Angelegenheiten wiederholt den Statthalter Fürsten Hohenlohe ins Gespräch. Beim Abschied drückte der Kaiser dem Bischof wiederholt die Hand und sprach dabei die Worte: „Ich verlasse mich auf Sie, Herr Bischof."
— Ter bisherige chinesischeGesandte wird Berlin erst im Dezember verlassen.
— Die „Post" hält heute ihre Nottz, daß es sich bei der Mitteilung des Reichstagsabg. Dr. Müller-Sagan über eine angebliche Aeußerung des Staatssekretärs von Ti rpitz „um eine tendenziöse Unterstellung zum Zwecke der Agitation gegen den Zolltarisentwurf" bandele, aufrecht und fügt hinzu, Herr v. Tirpitz habe in seiner Unterredung mtt Dr. Müller nicht im entferntesten daran gedacht,, mit den Freihandelsbestrebungen ber Freisinnigen zu fraternisieren, sondern er habe lediglich ganz ironisch die Haltung der Freisinnigen, die auf der einen Seite den Welthandel zu fördern glaubten, und auf der anderen Seite den Stützpunkt eines mächtigen Welthandels, eine starke Seewehr, ablehnten, als absurd kennzeichnen wollen. — Dr. Müller teilt der „Voss. Ztg." mit, daß seine mehrfach erwähnte Unterredung mit dem Staatssekretär von Tirpitz im Eisenbahnzuge zwischen Halle und Fulda stattgefunden hat.
— In dem nächsten Etat für den Reichshaushalt sind erhebliche Mehrausgaben für das Reichsheer zu erwarten. Unter anderem sollen allen Jägerbataillonen Magazingewehrabteilungen in einer Stärke von je 70 Mann
dem Deckmantel der Kunst auf öffentlichem Markte und zwar an einer Stelle, wo die Gebeine unserer Vorfahren rnhen, Bildwerke aufstellt, die aus dem Heidnischen herrühren und die das sittliche Gefühl in gröblicher Weise verletzen und eine Gefahr für unsere Jugend bilden. Sie legt ebenfalls gleich der Versammlung im Katholischen Gesellenhaus Verwahrung gegen die vorn Oberbürgerrneister in öffentlicher Stadtverordneten-Versainmlung abgegebene Erklärung ein, daß die Kunst nach christlicher Auffassung ebenso sehr die Gesetze der Sittlichkeit beobachtet hat, wie darauf hinweist, daß die hier in Betracht kommenden Figuren in gleicher Weise dem Gesetze der Natürlichkeit wie der Schönheit entsprechen. Deshalb richtet die Versammlung an die Stadtverwaltung das dringende Ersuchen, die Schenkung des Monumentalbrunnens abzulehnen und zu verfügen, daß diese heidnischen Gebilde, welche großes Aergernis erregt haben, entfernt werden."
Nach der Versammlung wurde die allzu starke Betonung des Männlichen am Brunnen durch unbefugte Hand entfernt. Die „Köln. Voltsztg.", das bekannte rheinische Zeittrumsblatt", bemerkt dazu: So dringend wünschenswett es auch erscheint, daß von zuständiger Seite die Anstößigkeiten des Brunnens beseitigt werden, so muß doch eine derartige Verstümmelung des Kunstwerkes auf das schärfste verurteilt werden. (Man wird dem klettkalen Blatte ganz unbedingt zuzustimmen haben. Wenn sich thatsüchlich „Anstößigkeiten" an dem Brunnen befinden, dann ist es allerdings durchaus gerechtfertigt, wenn man dagegen in der Bürgerschaft der mit diesem Werke beglückten Äadt heftig protestiert


